Detlef Nolde

April 25, 2008

Heimatkunde: Böhmen und Mähren

Gespeichert unter: ALLGEMEINES, BÖHMEN UND MÄHREN — Schlagworte: , , — Detlef Nolde @ 3:49

Meine Mutter ist in Tüppelsgrün geboren, einem Ort in Nordwestböhmen. Ihr Vater war Albin Pleil, der nach dem letzten Weltkrieg von den “Befreiern” aus seiner Heimat vertrieben wurde, worauf er sich in Bayern niederließ. Meine Oma mütterlicherseits erzählte mir unter Tränen, mit welcher Brutalität von Seiten der Tschechen die Vertreibung der angestammten deutschen Bevölkerung vor sich ging. Grund genug, mich der Heimat eines Teils meiner Vorfahren zu widmen.

Nicht nur Kaschau, Preßburg, Brünn, Budweis und Pilsen sind deutsche Städte, sondern auch Prag. Dort lag der deutsche Bevölkerungsanteil 1847 bei 64 Prozent, 1857 bei 44 Prozent, 1888 bei 18 und 1900 nur noch 7,5 Prozent. 1910 gab es keinen deutschen Gemeinderat mehr, 1930 gaben noch 42.000 Prager Deutsch als Muttersprache an, sie lebten vor allem im Stadtzentrum (Stadtteile Altstadt und Kleinseite). 1945 wurden die letzten Deutschen aus der einstigen Hauptstadt des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, in der im Jahre 1348 die erste deutsche Universität gegründet wurde, ermordet oder vertrieben.
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Als die erste deutsche Stadt der böhmischen Länder wird man Prag bezeichnen dürfen. Den Prager Deutschen wurden ausdrücklich jene Rechte bestätigt, die sie seit Wratislav II., also damals bereits ein Jahrhundert lang, innehatten. Wie weit die Selbstverwaltung ging zeigt die Tatsache, daß die deutsche Gemeinde ihren eigenen Richter und ihren eigenen Pfarrer erhielt. Prag war bezeichnenderweise stadtrechtlich gespalten; auf der Kleinseite, wo auch genau wie in Leitmeritz eine Rolandssäule stand, galt Magdeburger Stadtrecht, in der Altstadt, also rechts der Moldau, Nürnberger. Das süddeutsche Stadtrecht trat auch unter dem Namen Egerer, Prager oder Brünner Recht auf. Eine besondere Form entwickelte Iglau. In Südmähren galt mindestens zeitweise Wiener Recht, das im übrigen mit dem Brünner fast gleichlautend war”.
Aus: www.schoenhengstgau.de

In Alt-Prag war die Bevölkerung [ca. 1850] zu knapp 50% deutsch, die jüngeren Vororte waren ganz vorwiegend tschechisch. Bis 1880 stieg die Bevölkerung der gesamten Stadt auf 238 500 Einwohner, der Bevölkerungsanteil der tschechischen Vorstädte stieg auf 40%, bis 1900 erreichte er fast die Hälfte, um 1910 überstieg er diese bereits. Das Wachstum Prags in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war das rascheste aller Städte Böhmens. Aber selbst in Alt-Prag lag der Anteil der deutschen Bevölkerung 1880 dann nur noch bei 20%, 1910 bei nur 8,8%.
Aus: www.lpb.bwue.de

Die Gründung von P. wird von der Sage der Libussa zugeschrieben. In Wirklichkeit ist es eine Gründung deutscher Ansiedler, die sich um 1100 am Fuß der Schwelle (prah) des Wyschehrad, des Fürstensitzes, niederließen. Sobieslaw II. erteilte 1178 den ersten Freiheitsbrief der Deutschen. Seine Größe und Blüte wurde aber vom Kaiser Karl IV. (1346 bis 1378) begründet. Dieser legte die jetzige Neustadt (anfangs Karlsstadt genannt) an, daher später die ältere Neustadt Kleinseite genannt ward. Seit den Jagellonen Wladislaw und Ludwig (1471-1526) kam die Kleinseite, jetzt der Hauptsitz deutscher Bevölkerung, empor. Die vereinigte Alt- und Neustadt, Kleinseite und Hradschin bildeten dann die “drei Städte” Prags. Eine Blütezeit hatte die Stadt wieder unter Kaiser Rudolf II. (1576-1612), der in P. auf dem Hradschin residierte, und unter dem zahlreiche Vornehme prächtige Paläste daselbst bauten.
Aus: www.uni-ulm.de

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Wie war das von 1918 – 1938 im Sudetenland?

Der V. Kongreß der Komintern (Führungseinrichtung der KPen aller Staaten 1919-1934) bekannte sich im Juni 1923 nachdrücklich zum Selbstbestimmungsrecht der Sudetendeutschen:

1. Feststellung des Generalsekretärs Manuilski: »Der tschechoslowakische Staat hat deutsche Industriegebiete mit 3,7 Millionen deutscher Menschen annektiert.«

2. Kongreßbeschluß: »… daß es eine tschechoslowakische Nation nicht gibt, daß in der Tschechoslowakei jedoch zahlreiche Minderheiten leben, und daß demzufolge die KP Partei der CSR die Aufgabe habe, hinsichtlich dieser Minderheiten das Selbstbestimmungsrecht der Völker zu proklamieren und in die Tat umzusetzen, einschließlich des Rechtes, sich voneinander zu trennen.«

Der VI. Parteitag der KPTsch forderte am 10. 3. 1931 erneut das Selbstbestimmungsrecht der Sudetendeutschen bis zur Loslösung vom tschechischen Staat:

»2. Hauptlosungen

23. Für die gegenwärtige Phase des Kampfes um die Befreiung der unterdrückten Nationen aus dem nationalen und sozialen Joch in der Tsch. stellt die KP der Tsch. folgende Hauptthesen auf:
Gegen die Besetzung des deutschen Teiles von Böhmen … und deren Räumung von Organen der tschechischen Okkupationsmacht.
Für das Selbstbestimmungsrecht der Nationen bis zur Lostrennung vom Staate. …
Gegen die obligatorische Staatssprache.
Gegen die rückschrittlichen Sprachgesetze und für freie Verwendung der nichttschechischen Sprachen im amtlichen Verkehr und im öffentlichen Leben.
Gegen die nationalistische Schulpolitik der tschechischen Bourgeoisie in den besetzten Gebieten. Anstelle der tschechisierten Schulen eine genügende Anzahl von Schulen in der Muttersprache.
Gegen die Säuberung des staatlichen Apparates und der staatlichen Unternehmungen von Angehörigen der unterdrückten Nationen.
Gegen die nationale Unterdrückung in der Armee. …
Kampf dem bürgerlich-sozialfaschistischen Betrug mit der Losung ‚Kulturautonomie‘.
Kampf dem Betrug mit der Losung ‚Autonomie‘ … im deutschen Teil von Böhmen.
Kampf dem imperialistischen Betrug mit der tschechoslowakischen Staatsidee.
«

Der tschechische Abgeordnete Vaclav Kopecky, Mitglied der KP der Tsch., forderte am 27. März 1931 vor dem Abgeordnetenhaus das Recht aller Deutschen, auch der Sudetendeutschen, in einem Staat zu leben. Er sagte u.a.:

»… Wir tschechischen Kommunisten … erklären … daß wir … das Selbstbestimmungsrecht bis zur Abtrennung der vom tschechischen IMPERIALISMUS unterdrückten Teile des deutschen Volkes bis zur letzten Konsequenz wahren und durchsetzen werden. Wir erklären weiter, daß wir in gleicher Entschlossenheit das Recht schützen und durchsetzen werden, alle Teile des deutschen Volkes in einem Staat zu vereinigen…«.
Aus: www.mitteleuropa.de

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Eine politische Legende:

Die Massenvertreibung der Tschechen aus dem Sudetengebiet
nach dem Abkommen von München 1938

von Edith Bergler, Bayreuth

Der tschechoslowakische Staatspräsident Edvard Benesch und die Tschechoslowakische Regierung hatten die Sudetengebiete bereits am 21. September 1938 freigegeben. Daher trafen sich am 29. Septpember 1938 in München der britische Premierminister Neville Chamberlain, der französische Ministerpräsident Edouard Daladier, der italienische Diktator Benito Mussolini und Adolf Hitler, um die Bedingungen und Modalitäten dieser Gebietsabtretung im sogenannten “Abkommen von München” schriftlich zu fixieren und zu unterzeichnen.

Wegen der bereits erfolgten Gebietsabtretung beginnt der Vertragstext:

“Deutschland, das Vereinigte Königreich, Frankreich und Italien sind unter Berücksichtigung des Abkommens, das hinsichtlich der Abtretung des sudetendeutschen Gebiets bereits grundsätzlich erzielt wurde, über folgende Bedingungen und Modalitäten dieser Abtretung und über die danach zu ergreifenden Maßnahmen übereingekommen…:”

* Räumung der Sudetengebiete vom 1. bis 10. Oktober, wobei die Tschechoslowakische Regierung die Verantwortung dafür trägt, daß die Räumung ohne Beschädigung verläuft;
* Vorgesehenes halbjährlich gültiges Optionsrecht, nach dem Übertritte von Deutschen in das Abtretungsgebiet und von Tschechen aus diesem möglich waren. Regelung laut Vertrag vom 20. November 1938
* Entlassung Sudetendeutscher aus militärischen und polizeilichen Verbänden innerhalb eines Monats auf Wunsch
* Entlassung aus politischen Günden verhafteter Sudetendeutscher innerhalb eines Monats.

Vertragsgemäß hatten tschechoslowakische Militär- und Polizeiverbände das Sudetengebiet bis zum 10. Oktober zu räumen.

Aus dieser Vorschrift versuchen bis heute gewisse tschechische Kreise, Politiker der Bundesregierung und wenig informierte Wissenschaftler eine “Massenvertreibung” der Tschechen aus dem Sudetengebiet zu konstruieren, mit der die Vertreibung von mehr als 3 Millionen Sudetendeutschen 1945/46 gerechtfertigt werden soll.

Dazu äußerte sich im Jahr 1992, in dem der “Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Tschechischen und Slowakischen Föderativen Republik über gute Nachbarschaft und freundliche Zusammenarbeit” entstand, der Prager Historiker Jan Křen am 31. Juni in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung:

Die sogenannte “Vertreibung der Tschechen” aus den Grenzgebieten, die in der Debatte um den Nachbarschaftsvertrag zum Politikum geworden ist, ist weder ein organisierter Akt der Deutschen noch der Tschechen gewesen. 200.000 bis 300.000 Tschechen, vor allem Polizisten, Verwaltungsbeamte und Funktionäre der tschechischen Grenzlandbewegung, sind damals aus Furcht vor den Henlein-Anhängern geflohen. Die meisten sind zu Fuß unterwegs gewesen, da es sich oft nur um Distanzen von wenigen Kilometern gehandelt hat. Etwa die gleiche Anzahl Tschechen ist zurückgeblieben. Einige tausend sind sogar zurückgekehrt, da die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse im Binnenland sehr schlecht waren.”

Der zum Abkommen von München gehörende “Vertrag zwischen dem Deutschen Reich und der Tschechoslowakischen Republik über Staatsangehörigkeits- und Optionsfragen” vom 20. November 1938 ermöglichte bis zum 10. Juli 1939 Übertritte von Tschechen aus dem Abtretungsgebiet und von Deutschen in dieses, wobei Tschechen und Deutsche, die sich vor 1910 im jetzt andersnationalen Gebiet niedergelassen hatten, unberührt blieben.

§12 dieses Vertrags schrieb die Mitnahme oder das Nachholen des gesamten beweglichen Besitzes für Tschechen und Deutsche vor.

Die Transportkosten der umsiedelnden tschechoslowakischen Staatsangestellten regelte eine Maßnahme des Verkehrsministeriums vom 18. Januar 1939: “… Laut Erlaß haben Staatsangestellte freie Wahl, wie sie umsiedeln wollen. Die Kosten erstattet das Verkehrsministerium…” (Veröffentlicht in der Zeitung České slovo am 25. Januar 1939).

Diese galt hauptsächlich für Staatsdiener, die nach der Sprachenverordnung von 1920 in das deutschsprachige Sudetengebiet zugezogen waren und Zehntausende altösterreichische Beamte wegen deren mangelnder Tschechischkenntnisse in die Arbeitslosigkeit gedrängt hatten. Tschechisch war die Amtssprache in der am 28. Oktober 1918 erstmals gegründeten Tschechoslowakei geworden, die aus den österreichischen Landesteilen Böhmen, Mähren, Österreich-Schlesien und der Slowakei gebildet worden war.

In Folge dieser Verordnung waren im Jahr 1930 in der Bezirkshauptstadt Eger/Cheb 35,2% aller Stellen für Staatsbedienstete mit Tschechen besetzt. Der tschechische Anteil der Gesamtbevölkerung des Bezirks betrug aber nur 7,1%.

Das Verfassungsgericht der Tschechischen Republik in Brünn verwendete in einer Entscheidung vom 16. März 1995 für diesen Vorgang nicht mehr den falschen Terminus “Vertreibung”, sondern sprach von einem “zwangsweisen Weggang” (nucený odchod).

Wäre es bei diesem “zwangsweisen Weggang” eines Teils der Tschechen aus den Sudetengebieten auch nur zu einem einzigen Verbrechen gekommen, das im weitesten Sinn mit den Greueltaten verglichen werden könnte, die sich bei der Austreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei ereigneten, hätte es in einer einzigen der etwa 3.700 sudetendeutschen Gemeinden eine äußerliche Kennzeichnung von Tschechen gegeben, wie das nach Kriegsende für die Deutschen in der Tschechoslowakei vorgeschrieben war, und hätte ein einziger der über 50 damaligen Landräte im Sudetengebiet eine Vertreibungsanordnung in Plakatform oder in Handzetteln herausgegeben, so wie das bei der Vertreibung der Deutschen gehandhabt wurde, wäre dies mit Sicherheit tausendfach publiziert worden.

Quelle: Fritz Peter Habel, Eine politische Legende, München 1996

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Die Errichtung des Protektorats vor 60 Jahren

Am 15. März 1939 wurde das „Reichsprotektorat Böhmen und Mähren“ errichtet. Dieser Vorgang gilt als einer der Auslöser des Zweiten Weltkrieges. Er dient den Tschechen aber auch als Rechtfertigung für die Vertreibung der Sudetendeutschen. Dabei hat die Protektoratsfrage, wie der Völkerrechtler Ermacora feststellte, nichts mit dem Sudetenproblem zu tun. Die meisten Sudetendeutschen haben im Gegenteil die Besetzung der „Resttschechei“ mißbilligt. Da sie dafür dennoch schwer büßen mußten, möchten sie wissen, wie es zu diesem Schritt kam. Dabei muß an folgendes erinnert werden:

1. Die Tschechoslowakei war eine der schreiendsten Fehlkonstruktionen der Versailler Friedenskonferenz. Die 1938 in München versammelten Staatsmänner versäumten es, eine europäische Gesamtlösung herbeizuführen. Ersatzweise unterzeichneten Chamberlain und Hitler am 30. September 1938 einen Freundschafts- und Konsultationsvertrag, gegen den der britische Premier jedoch schon im Januar 1939 verstieß, als er bei seinem Italienbesuch von eventuellen militärischen Maßnahmen gegen Deutschland sprach. Hitler, der davon erfuhr, sah die sicherheitspolitischen Folgen, zumal Prag gerade seine Bitte um Verkleinerung ihrer überdimensionierten Streitmacht abgelehnt hatte. Diese umfaßte 36 Divisionen und 1.582 Flugzeuge und war nach wie vor von deutschfeindlicher „Benesch-Mentalität“ durchdrungen. Seit dem Vertrag mit der Sowjetunion (1935) war die CSR außerdem militärisch und ideologisch ganz ins bolschewistische Fahrwasser geraten. Nach der Verlegung etlicher sowjetischer Geschwader dorthin war sie nicht nur „Flugzeugmutterschiff des Westens“ (Frankreichs Luftfahrtminister Pierre Cot), sondern auch ein solches des Ostens.

2. Hitler wird verdächtigt, das Münchner Abkommen als Mißerfolg betrachtet zu haben, da es ihn an der „Zerschlagung“ der ganzen CSR gehindert habe. Diese Auffassung beruht auf fehlerhafter oder voreingenommener Auswertung der Quellen. Hitler wollte volks- und nicht machtpolitische Grenzen. Diese und die Auflösung der „Resttschechei“ hätte er schon im Oktober 1938 haben können, als die Ungarn mit Annexions- und die Slowaken mit Separationswünschen an ihn herantraten. Chamberlain selbst betonte, daß Hitlers Ziele streng begrenzt seien. Hitler handelte erst, als die Ereignisse das Münchner Abkommen schon zerstört hatten.

3. England hatte schon im November 1938 Frankreichs Plan, der CSR eine Bestandsgarantie zu geben, hintertrieben. Deutschland warnte London und Paris am 28. Februar 1939 in einer formellen Note vor dem drohenden Zerfall der CSR. Beide schwiegen dazu. Chamberlain, der die deutschen Pläne seit dem 13. März 1939 genau kannte, wollte sich nicht in „Angelegenheiten, die andere Länder unmittelbarer angehen“ einmischen. Das erfuhr Ribbentrop am 14. März 1939 spät abends durch den britischen Botschafter in Berlin, Henderson. Britische Kontakte mit den USA lassen allerdings ganz andere Schlüsse zu.

4. Hacha stand 1939 vor einem Scherbenhaufen. Die Slowakei hatte sich von der CSR losgesagt und wurde sofort von mehreren Staaten als neues Völkerrechtssubjekt anerkannt. Deutsche Verbände sicherten am 14. März 1939 Mährisch Ostrau vor polnischem Zugriff. Polen und Ungarn strebten eine gemeinsame Grenze an, um Deutschland den Weg nach Südosteuropa und Rußland den nach Mitteleuropa zu verlegen. Daher besetzte Ungarn am selben Tag mit heimlicher Unterstützung Polens Ruthenien und wollte die Slowakei zu seinem Protektorat machen. Als sich Hitler am 12. März 1938 entschloß, die „Resttschechei“ zu besetzen, wollte er auch dem zuvorkommen. In Prag planten Vlajka-Faschisten und solche um Radola Gajda einen Staatsstreich, was Deutschland aber ablehnte. Hacha fürchtete die Auflehnung Beneš-treuer Generäle, deren gute Beziehungen zur SU bekannt waren.

5. Hacha bat auf Anraten Hendersons und mit Billigung seines Kabinetts Hitler um ein Gespräch, dem dieser zustimmte. In Berlin vertraute Hacha Ribbentrop im Hotel Adlon schon vorweg an, daß er „das Schicksal der CSR in die Hände des Führers legen“ wolle. Dieses meldete Ribbentrop Hitler, der Anweisung gab, ein entsprechendes Schriftstück vorzubereiten. Als Hacha zwei Stunden später in die Reichskanzlei kam, erklärte er in seiner Einleitungsrede, daß er sich schon im Oktober 1938 gefragt habe, „ob es für die CSR überhaupt ein Glück sei, ein selbständiger Staat zu sein“. Damit kam er Hitlers Absichten weit entgegen und mußte nicht erst unter brutalen Druck gesetzt werden, wie der französische Botschafter Coulondre als Nicht-Augenzeuge behauptete. Korrekte Behandlung bestätigen Hacha selbst gegenüber Molotow und die Staatssekretäre Ernst von Weizsäcker und Otto Meißner als Augenzeugen sowie die Tochter Hachas, Milada Radlova (IMT-Verhör). Meißner hält sogar ein Einlenken Hitlers für möglich, wenn Hacha die Unterschrift verweigert und an die einstigen Garantieabsichten Frankreichs und Englands erinnert hätte. Ebenso hätten Hacha und Chvalkovsky jederzeit das Gespräch abbrechen und von ihrer Berliner Botschaft aus die internationale Staatenwelt alarmieren können. Doch nichts dergleichen geschah. Die Beendigung des Protektorats bot Deutschland im Herbst 1939 dreimal an, zuletzt im Dezember über die US-Botschaft in Oslo.

6. Chamberlain, der die Zusammenhänge genau kannte, äußerte sich am 15. März 1939 maßvoll zu Hitlers Vorgehen, was die meisten Tories billigten. Seine Untätigkeit entschuldigte er damit, „daß der Staat, dessen Grenzen wir zu garantieren beabsichtigten, von innen her zerbrach“. Den Umschwung leitete am 17. März 1939 die Tilea-Lüge ein, die Hitler Welteroberungspläne unterstellen sollte und von Halifax und Vansittart schon vorher mit dem rumänischen Gesandten verabredet worden war. Chamberlain gab den Sinneswandel Englands am selben Tag in Birmingham in einer von Halifax vorbereiteten Rede bekannt. Im Hintergrund stand Roosevelt, der den Briten am 16. März 1939 in einer Note ultimativ den Entzug jeder Hilfe androhte, falls kein Politikwechsel erfolge. Die UdSSR hingegen vollzog eine de-facto-Anerkennung des Protektorats, als sie den tschechischen Botschafter Zdenek Fierlinger veranlaßte, Moskau am 15. Dezember 1939 zu verlassen und sein Botschaftsgebäude dem Deutschen Reich zu übergeben. Die Prager Sowjetbotschaft war schon im Mai 1939 zur Handelsmission herabgestuft und der Sowjetbotschaft in Berlin unterstellt worden.

7. Das Protektorat wurde nicht annektiert. Seine Grenze blieb gegenüber dem Reich sorgsam abgeschottet, um die Gefühle der Tschechen nicht durch deutschen Massenbesuch zu verletzen. Der Reiseverkehr mit anderen Staaten wurde nicht eingeschränkt. Dank der tschechischen Kollaborationsbereitschaft genügten 5.000 deutsche Polizisten, um das Land zu kontrollieren. Die Eingriffe in Verwaltung und Kultur waren begrenzt. Sogar eine Armee von 7.000 Mann blieb bestehen. Das tschechische Exil in London befürchtete schließlich, daß ein von Deutschland geplantes Plebiszit über verbesserte Autonomiebestimmungen bei ihren Landsleuten im Protektorat Erfolg haben könnte. Chvalkovsky bestätigte in Nürnberg, daß Hitler die Protektoratszusagen eingehalten habe, soweit es die Verhältnisse zuließen.

8. Hacha wurde am 13. Mai 1945 verhaftet und am 27. Juni 1945 im Prager Gefängnis Pankraz von drei Uniformierten mit Gummiknüppeln erschlagen (Aussage des Mithäftlings Dr. Fritz Köllner). Er wurde in Sträflingskleidung in den Sarg gelegt. Seiner Beisetzung im Familiengrab wohnten nur seine Tochter Milada und deren geschiedener Ehemann Radl bei. Der Grabstein blieb bis heute ohne Namensinschrift (Reuven Assor, Sudetenland 1996/I, S. 94 ff). Der Außenminister Hachas, Chvalkovsky, wurde erschossen.

9. Oft wird folgendes vergessen: Die Tschechen gehörten 1919 zu den Mitunterzeichnern des Versailler Vertrages, der Millionen Deutsche unter Fremdherrschaft zwang. Die Welt billigte, daß Polen das zu 96% deutsche Danzig begehrte und Ungarn die national fremde Karpatho-Ukraine besetzte. Großbritannien hatte alleine zwischen 1915 und 1923 dreißig internationale Verträge gebrochen, herrschte über 550 Millionen Nichtbriten und hatte erst 1936 Ägypten zu einem „ungleichen“ Vertrag über die Stationierung von Truppen gezwungen. Dennoch trat es als politischer Sittenrichter auf. Halifax bekennt in seinen Memoiren, schon 1936 zum Krieg entschlossen gewesen zu sein und nur auf einen Anlaß gewartet zu haben.

Quelle, vollständiger Text u. weitere Belege: http://www.mitteleuropa.de/protektorat.htm

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Nach dem zweiten Weltkrieg –

Rassistischer Terror gegen Deutsche in Böhmen und Mähren

Deutsche wurden zu minderklassigen Menschen:
Kennzeichnungspflicht: weiße Armbinde mit schwarzem N (Nemec = Deutscher). Kommt das nicht bekannt vor??
Lebensmittelkarten mit geringeren Rationen
Benützungsverbot öffentlicher Verkehrsmittel
Der Lärm der Kanonen verstummte. Friede breitete sich aus.

Doch jetzt, nach Kriegsende, setzte ein blutiger Terror gegen die deutsche Bevölkerung ein, gleichgültig ob sie Nazi waren oder nicht; auch Sozialdemokraten und KZ-Opfer wurden verfolgt. Alle rassistischen Haßaufrufe wurden gnadenlos befolgt. Die deutsche Bevölkerung wurde der Kleider beraubt und mußte die Barrikaden wegräumen. Junge Soldaten wurden an Laternenpfählen gehängt. Frauen wurden verfolgt und vergewaltigt.

Die deutsche Bevölkerung wurde aus ihren Wohnungen getrieben, in Stadien interniert und ohne Versorgung festgehalten. Deutsche Menschen wurden als lebende Fackeln, Kopf nach unten, auf Laternenpfähle gehängt, als Benes am 13. 5. 1945 nach Prag kam. Bestialische Massaker wurden in der ganzen Stadt verübt. Kinder wurden gequält, erschlagen und in die Elbe geworfen.

Hetzreden stachelten die tschechische Bevökerung auf: Benes am 3. 6. 1945: “Werft die Deutschen aus ihren Wohnungen! Schafft Platz für unsere Leute!”

Im ganzen Land kam es zu unmenschlichen Grausamkeiten durch den tschechischen Mob. Junge Leute wurden auf offener Straße als lebende Fackeln verbrannt. 27.000 “Selbstmorde” von Deutschen wurden von den tschechischen Amtsstellen gemeldet. Deutsche Verwundete wurden aus den Krankenhäusern geworfen oder in den Betten erschossen, Krankenschwestern geschändet.

Die Ermordeten und Mißhandelten wurden am Straßenrand verscharrt. Dort liegen sie heute noch. Niemand kennt ihre Gräber.

Der Brünner Todesmarsch

Am Fronleichnamstag 1945 begann eine besonders unmenschliche Vertreibung. Am 31. Mai 1945 wurde die gesamte deutsche Bevölkerung, ca. 60.000, der Stadt Brünn (heute Brno) von brutalen Schlägern zusammengetrieben und aus der Stadt verjagt. Wer nicht schnell genug weiterkam, wurde erschlagen. Noch in der Stadt gab es die ersten 500 Toten. Die Menschen wurden in Viererreihen in einem 15 km langen Zug von den Bewachern weitergetrieben. Alte Leute, die sich nicht mehr hochprügeln ließen, wurden erschlagen oder erschossen. Wasser wurde aus Gräben entnommen, in dem die Leichen lagen. Ruhr breitete sich aus. Unvorstellbare Leiden mußten erduldet werden, bis man die österreichische Grenze bei Drasenhofen erreichte.

Ca. 6.000 — 10.000 Menschen wurden auf diesem Marsch von den tschechischen Wächtern -Menschen??- ermordet! Ihre Gräber sind heute noch entlang der “Brünnerstraße” zu sehen!

Das Massaker von Aussig

Das Julipogrom
31. Juli 1945: Um die in Potsdam tagende Drei-Mächte-Konferenz zu bewegen, die Vertreibung auf den Tisch zu bringen, wurde von tschechischen Stellen eine Explosion in einem Munitionslager in Aussig (heute Usti nad Laben) inszeniert. Die schon vorher nach Aussig beorderte Militäreinheit übte grausame “Rache”: ca. 1000 – 2700 Menschen wurden brutal erschlagen oder erschossen!

Die Vertreibung aus der Heimat

Überall im Lande wurde die deutsche Bevölkerung unter blutigem Terror und brutaler Gewalt aus ihren Heimatorten vertrieben. Unter Zurücklassung des Eigentums mußte sie ihre Heimat verlassen.

3,5 Millionen Menschen
wurden aus ihrer Heimat vertrieben!
241.000 wurden während der Vertreibung
ermordet oder starben an Folgen von Mißhandlungen!

Nur wenige mußten bleiben: Facharbeiter der Industrie, Zwangsarbeiter in Steinbrüchen und Urangruben. Sie starben fast alle binnen kurzer Zeit.

Die Schuld der Deutschen:
Eine Geschichtslüge!

Des öfteren wird behauptet, die Deutschen seien an den Greueln selbst schuld, sie wären zu Recht bestraft worden, da sie die Tschechen 1938/39 auch aus den deutschen Sudetenländern vertrieben hätten da sie in der Nazizeit die Tschechen so brutal unterdrückten, wie sie selbst 1918 bis 1938 unterdrückt worden wären.

Zu der ersten Behauptung gibt es eine umfassende wissenschaftliche Untersuchung, die auf Grund des Studiums von zahlreichen zeithistorischen Quellen sowie der Zeugenaussagen tschechischer und deutscher Zeitzeugen beweist, daß es

1938/39 keine Vertreibung von Tschechen aus den deutschen Sudetenländern gegeben hat!

In den geschlossenen deutschen Gebieten (”Sudetenland”) lebten 1918:

ca 3,1 Millionen Deutsche (3,5 Mio in der ganzen CSR)
sowie 200.000 Tschechen.
Im Sudetenland 1938:
3,3 Mio. Deutsche,
700.000 Tschechen.

Die Zahl der Tschechen stieg also von 200.000 im Jahr 1919 durch Zuwanderung aus den tschechischen Gebieten auf 700.000. Sie waren meist Beamte (Post, Bahn, Polizei, Lehrer, Militär).

Ca 300.000 tschechische Zuwanderer (sowie auch Juden und sozialdemokratische Deutsche) verließen mit ihren Familien das Sudetenland noch vor dem Einmarsch der Nazi-Truppen am 1.10.1938, ohne Zwang und ohne Greueltaten. Das war keine Vertreibung!

Die restlichen 400.000 Tschechen lebten bis Kriegsende im deutschen Gebiet. Dies als Massenvertreibung zu bezeichnen, ist schlicht falsch!

Ca 120 Personen wurden ausgewiesen. Das war keine Vertreibung! Die Nazis steckten ca. 5000 deutsche und tschechische Sozialdemokraten, Kommunisten und Kirchenmänner ins KZ, sie kamen aber größtenteils nach kurzer Zeit wieder frei.

Vertrieben wurden die Juden! Ihr schreckliches Schicksal ist bekannt. Die Überlebenden des Holocausts blieben aber auch nach 1945 bis heute vertrieben!

Wiedergutmachung an deutschen und jüdischen Vertriebenen tut Not! Tschechien hat hier akuten Handlungsbedarf!

ca. 10.000 Tschechen wurden Opfer des nationalsozialistischen Regimes. Greuel gab es im Dorf Lidice, als die Nazis nach der Ermordung von Heydrich die männlichen Bewohner erschossen. Aber die Kinder wurden nach Deutschland gebracht, und nicht in die Elbe geworfen oder an Türen genagelt!

4. 6. 1949: Die sozialistische Wiener Arbeiterzeitung schrieb:

“Nichts haben wir so sehr bedauert wie die Tatsache, daß wir 1945/46 zur Austreibung der Sudetendeutschen schweigen mußten. Wir haben gehört, wie rasender Nationalhaß Menschen die Hände abgehackt, lebende Fackeln entzündet, Kindern die Köpfe zerschmettert, Zehntausende unter entsetzlichen Bedingungen in KZs gesperrt, Hunderttausende von Haus und Hof vertrieben, kurz sie genauso behandelt hat wie die Nazi nicht die Tschechen, sondern die Juden behandelt hatten.”
Quelle u. vollst. Text: Akademische Burschenschaft ALDANIA Wien

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Weitere Infos zum Thema:
www.mitteleuropa.de/gesetze
www.mitteleuropa.de/sudetenl
www.witikobund.de
www.deutscherosten.de
www.schoenhengstgau.de

Die Vertreibung der Deutschen aus Osteuropa am Beispiel der Tschechoslowakei
Eine marxistische Position zu einem linken Tabu:
www.agmarxismus.net

Vertreibungsholocaust am deutschen Volk:
www.mies-pilsen.de

Völkerrechtler Prof. Dr. Alfred de Zayas: “Vertreibung ist Völkermord”:
http://www.mitteleuropa.de/zayas01.htm

2 Kommentare »

  1. SLAWENLEGENDE -

    Die Deutschen Opfer einer irrigen Geschichtsbetrachtung

    von Lothar Greil

    Schlüsselraum Böhmen und Mähren
    Tatsachen volklicher Entwicklung
    (Seite 43 – 83)

    Die übliche Lehrmeinung suggeriert uns zwar seit dem Ausgang des 19. Jahrhunderts eine verschwommene These von einem “gewachsenen Slawentum” im böhmisch-mährischen Raum, bleibt uns aber jeden Beweis für die Entstehung und Werdung dieses Volkswunders ohne Ursprung und Herkommen nach wie vor schuldig. Legenden, aus der Luft gegriffene Erfindungen und Fälschungen sind alles, was man untermauernd zu bieten vermag. Nichts davon hält der Überprüfung stand, wenn längst sorgsam erforschte Tatsachen berücksichtigt werden. Aber was nicht sein soll, darf eben nicht wahr sein; ein Grundsatz politischer Falschmünzerei, der im Zuge des allgegenwärtigen Menschheitsbetruges unserer Tage wiederum zu hohen Ehren gelangte. Das Lügengespinst ist allerdings nicht dicht genug, um die verschmähte Wahrheit vollends aus der Welt zu bannen.

    Da uns ohne Einblick in die historischen Vorgänge jedes rechte Verständnis für die Belange der Gegenwart verwehrt ist, müssen wir uns von täuschenden Geschichtsschablonen trennen und uns mit der zutreffenden Volksgeschichte jenes natürlichen Festungsgebietes vertraut machen, das einst die Funktion eines mitteleuropäischen Bollwerks gegen asiatische Einfälle aus dem Osten erfüllte, über ein Jahrtausend hinweg beherrschender Eckpfeiler des Reiches war und nach dem Zusammenbruch der österreichischen Doppelmonarchie in einen Rammkopf des Panslawismus moskowitischer Prägung, zum “Pfahl im Fleische Deutschlands” verwandelt werden sollte.

    Nach Aufnahme illyrischer Reste herrschten zwischen dem 5. und 1. Jahrhundert v.d.Ztw. die kulturell hochstehenden keltischen Volksstämme der Bojer und Cotiner im Lande Bojohaemum (lat.). Sie werden von römischen Chronisten ihres planvollen Ackerbaus, ihrer handwerklichen Kunstfertigkeit und Ihrer kriegerischen Tapferkeit wegen gerühmt und in ihrem Aussehen als sehr weißhäutig, blond- oder braunhaarig, blauäugig, im Gegensatz zu den damaligen Germanen kurzschädelig sowie hochgewachsen geschildert. Durch Abwehrkämpfe mit Cimbern und Daken und schließlich infolge Abgabe starker Kriegerkontingente zur Unterstützung der ihnen verwandten Helvetier gegen die Römer an Männern geschwächt, mußten sie die Ansiedlung der germanischen Buren und Marsingen in den freien Wald- und Alpgebieten der Kette Odergebirge, Riesengebirge und Elbesandsteingebirge dulden.

    Über diese Brücke rückten nach und nach weitere suebische Landnehmer ein, überlagerten die artverwandten Kelten in den Flachlandschaften und assimilierten langsam die alteingesessenen Bevölkerungsgruppen. Aus Schlesien verstärkt, drangen die Marsingen nach Süden bis an die Thaya und im Osten bis zu den Weißen Karpaten vor, schmolzen dort Teile der Cotiner ein und gaben Mähren seinen Namen. Germanische Korkonten besiedelten die „Wandilischen Berge” (= Wandalische Berge – Gebiet des Riesengebirges), Hermunduren setzten sich am Oberlauf der Elbe fest und im Westen ließen sich Naristen südlich des Fichtelgebirges nieder.

    Als sich der Zwang zur allgemeinen Auseinandersetzung mit der unentwegt vordringenden Macht Roms abzuzeichnen begann, kürten die Fürsten des großgermanischen Irminonenbundes (Sueben – lat. „Suavi”) den markomannischen Fürstensohn Marbod zum Herzog; dem Bund gehörten u. a. die Stammesvereinigungen der Semnonen, Hermunduren, Langobarden, Markomannen, Quaden, Wangionen und Nemeter an. Der erwählte Edeling hatte in römischen Diensten nicht nur das Hee-res- und Kriegswesen des Imperiums, sondern auch die weitgesteckten Expansionsziele der Caesaren in Europa kennengelernt. Er wußte die vier Feldzüge des Drusus bis zur Weser und Elbe, die Unterwerfung Pannoniens durch Tiberius und den zunehmenden römischen Aufmarsch in Ufer-Noricum richtig einzuschätzen. Die strategische Bedeutung des böhmisch-mährischen Raumes war beiderseits bekannt.

    Marbod war entschlossen, dem Kaiser Augustus zuvorzukom-men. Über die römischen Truppenbewegungen unterrichtet, marschierte er im Jahre 8 v. d. Ztw. mit 70 000 Kriegern über das Fichtelgebirge, die Eger entlang bis zur Elbe und von dort nach Süden. Landnahmescharen aller Stämme des Irminonenbundes verstärkten die Besetzung und trugen zur Sicherung des nördlichen Donauraumes bei. Naristen, Korkonten, Buren und Marsingen zählten zu den Verbündeten. Ein verspäteter Versuch des römischen Kaisers, das linke Ufer der Donau zu gewinnen und Böhmen anzugreifen, scheiterte restlos.

    Unter Marbod, der die Würde eines Königs annahm, erstarkten die suebischen Stämme zu einem mächtigen Block. Die Haupt-und Festungsstadt Maroboduum wurde zum glanzvollen Mittelpunkt. Im markamannischen Böhmen und im quadischen Mähren (an der March . Fluß der Marsingen) blühten Ackerbau, Viehzucht, Hausindustrie und Handel. Römische Kaufleute ließen sich vorzugsweise in der Hauptstadt nieder. 4000 gut berittene Krieger bildeten eine schlagkräftige und stets alarmbereite Verfügungstruppe, die jedem Wink des Königs gehorchte. Darüber hinaus schützte ein den Römern abgerungener Friedens- und Freundschaftsvertrag die Donaugrenze im Süden. An diesem Zustand sollte sich auch nach Marbods Sturz bis zum Jahre 8 n.d.Ztw. nichts mehr ändern.

    Tacitus, der erwähnte, daß „im Hermundurenland die Elbe entspringt, neben den Hermunduren die Naristen und anschließend die Markomannen und Gluaden sitzen und nördlich von den Lugiern die Goten leben”, bezeichnete Markomannen und Quaden als „Brustwehr Germaniens an der Donau”; und Ammianus Marcellinus schilderte sie „ungeheuer kriegerisch und mächtig”. Damit die große Übersicht nicht verloren geht, soll an dieser Stelle die Ausdehnung der germanischen Großverbände, deren Gliederung bis 200 n. d. Ztw. unverändert blieb, festgehalten worden: Ingväonen – vom Rhein bis nach Jütland an den Ufern der Nordsee; Istväonen – zwischen Rhein, Weser und Aller; Irminonen – in Süddeutschland, am Main, in Thüringen, beider-seits der Elbe bis zur Oder und in Böhmen und Mähren sowie Ober- und Niederösterreich nördlich der Donau; Wandalen — zwischen Oder, Weichsel und Bug, südlich von Warthe und Netze und nördlich der Karpaten; Goten – im Weichselmündungsgebiet; Rugier und Burgunder – nördlich der wandalischen Wohngebiete; Hillväonen – in Skandinavien; Skiren und Bastarnen – frontal an der unteren Donau.

    Alle diese locker gefügten Gemeinschaften unterteilten sich in Stämme, die sich ihrerseits wiederum in Gaue und die Gaue in Markgenossenschaften gliederten.

    Wenn nun heute kommunistische Hofhistoriker in Prag erklären, die lateinische Bezeichnung „Suavi” sei eine begriffliche Altform für die Erwähnung der „Slawen” in völkischer Hinsicht, so ist das entweder auf eine haarsträubende Unkenntnis zurückzuführen oder aber ein Zeugnis dafür, daß die Sachkenner unter den Verdrehungskünstlern entgegen ihren öffentlichen Bekundungen insgeheim sehr wohl mit dem wahren Sachverhalt von der Nichtexistenz eines „slawischen Volkstums” vertraut sind. Würde man nämlich ihrer absurden Argumentation konsequent folgen, so hätten wir in allen „Suavi” (Sueben, Sweben =Irminonen), also auch in den erwähnten Semnonen, (Kernvolk der späteren Alemannen), Hermunduren (im Verein mit Angeln und Warnen die Gründer des Thüringer Reiches), Langobarden, Markomannen, Quaden usw. „Urslawen” zu erblicken.

    Was weiterhin von den slawophilen Spekulationen zu halten ist, beweisen die folgenden Abschnitte der Volks- und Landesgeschichte:

    Im Jahre 89 forderten die unausgesetzten Kampfhandlungen der römischen Legionen Kaiser Domitians gegen die Chatten einen Entlastungsangriff der Markomannen heraus, der mit einem überlegenen Sieg über die Römer endete. Seit Marbod ständig an Volkszahl zunehmend, hatten die Herren Böhmens abermals ihre Kraft demonstriert. Ihr tonangebender Einfluß unter den suebischen Stämmen blieb unbestritten. Während der hartnäckigen Expeditionskriege Marc Aurels fiel ihnen daher erneut die Führungsrolle zu. Verbündet mit Hermunduren, Langobarden, Semnonen, Buren, Wandalen, Jazygen und Bastarnen stießen die Markomannen-Quaden über die Donau hinweg, besiegten oder vernichteten ein römisches Heer nach dem anderen und brachen in Oberitalien ein. Nur nach größtem militärischen Aufwand gelang es Marc Aurel, diese Germanen wieder auf das nördliche Donauufer zurückzudrängen. Vierzehn Jahre dauerte das erbitterte Ringen. Jedoch das Ziel Roms, die Markomannen unter seine Botmäßigkeit zu zwingen und in Böhmen Fuß zu fassen, wurde nicht erreicht. Am Nordufer der Donau hielt ein unversöhnlicher Gegner, der sprungbereit auf den rechten Augenblick wartete, um die römische Vorherrschaft in Raetien (Süddeutschland westlich von Naab und Inn), Noricum und Ober-Pannonien endgültig zu brechen.

    Während die städtischen Siedlungen nach und nach Handwerker, Kaufleute und Kleriker aus Mittel- und Westdeutschland an sich zogen, gab es in Böhmen bis zum Ende des 14. Jahrhunderts keine aus dem übrigen deutschen Reichsgebiet zugewanderten Bauern, sondern ausschließlich „reichsdeutsch” gewordene Altansässige, die in dörflicher Ordnung nach emphyteutischem Recht lebten, d.h. als unabhängige und lastenfreie Herren ihrer Höfe über ihren Besitz uneingeschränkt verfügen konnten.

    Dem gleichen Vorgang war Mähren unterworfen. Nur setzte er dort etwas später ein. Zwischen 803 und 955 erlebte das Land der Quaden eine weitgehend getrennte Geschichte, die nicht übersehen werden darf.

    Als das karolingische Königtum durch innere Machtkämpfe und Erbstreitigkeiten bis in seine Grundfesten erschüttert wurde, unternahmen die Gaufürsten der „Maharenses” zielstrebig den Versuch, sich der fränkischen Oberhoheit zu entziehen und ihren Volksraum unter einheitlicher Führung abzusichern. Herzog Magmar, der eine Restauration der alten Quadenmacht anstrebte, dehnte seine Herrschaft auf das niederösterreichische Weinviertel und auf die Westslowakei aus. (Magmar – urkundlich auch „Moymar”, Jahrhunderte danach verballhornt in „Mojmir”). Bündnisverhandlungen mit schlesischen Wandalen und böhmischen Gaufürsten sowie sich abzeichnende Einflußnahme in Oberpannonien riefen Ludwig II. auf den Plan.

    Der König fürchtete eine reichsunabhängige suebische Blockbildung, die dem ohnehin beträchtlichen Widerstand der ostelbischen Gaue gegen die fränkisch-sächsischen Unterwerfungsversuche ernstzunehmenden Rückhalt verleihen konnte, und zog 846 nach Mähren. Magmar beugte sich, wurde abgesetzt und durch seinen Neffen Rastiz, der Ludwig den Lehenseid leistete, verdrängt. (Rastiz = Reinlieb, glagolitisch verballhornt in „Rastislaw”).

    Ludwig der Deutsche war schlecht beraten. Der neue Herzog dachte nicht daran, eine fränkische Bevormundung hinzunehmen, verschwor sich mit Adeligen der pannonischen Markgrafschaften und konspirierte alsbald mit Sendboten des griechischen Kaisers. Byzanz nahm die günstige Gelegenheit wahr, dem stetigen Vordringen der lateinischen Mission und der wachsenden politischen Macht des römischen Papsttums auf vorgeschobenem Feld entgegenzutreten. Da sich das mährische Schlüsselland als ideale Ausgangsbasis für eine kirchliche Gegenbewegung anbot, entsandte Kaiser Michael III. (863) die bewährten Mönche Konstantin und Methodios in das Land der Quaden. Was aber die Byzantiner geplant hatten, gereichte der Romkirche zum Vorteil.

    Papst Nikolaus I. gewann die beiden ehrgeizigen Griechen für sich und spannte ihre Konzeption vor den Wagen seiner reichsfeindlichen Politik. Durch Aufbau einer sowohl von byzantinischen als auch fränkischen Einwirkungen gleich freien und dem päpstlichen Willen bedingungslos gehorchenden Missionskirche sollte vorerst von Mähren ausgehend bis nach Dalmatien hinunter ein haltbarer Riegel geschaffen werden. Konstantin und Methodios rechtfertigten das Vertrauen des Papstes. Von Rastiz weiterhin geschützt, dämmten sie trotz heftigen Widerstandes das Wirken der fränkisch-bayrischen Mission ein und verbanden ihre „Bekehrungs”-Tätigkeit geschickt mit einer reichsfeindlichen Agitation.

    Bald griff die politische wie kirchliche Abfallbewegung auf Oberpannonien über. Fürst Kosel, der in Mosaburg unweit des Plattensees als Lehensmann des Königs residierte, reihte sich in die entstehende Front der Abtrünnigen ein. Als endlich Papst Hadrian II. den Mönch Methodios zum mährisch-pannonischen Erzbischof erhob, ihm den Legatentitel verlieh und die Christianisierung aller „Sclavi” seiner Mission übertrug, holten die Bischöfe von Salzburg und Passau zum Gegenschlag aus. Sie bestritten die Rechtgläubigkeit der „Methodianer” und bewogen den König, einzuschreiten. Rastiz, der den Lehenseid gebrochen hatte, wurde seiner Würden entkleidet, vom Gaufürsten Zuentibald gefangen genommen und den Franken ausgeliefert. Methodios fiel ebenfalls in fränkische Hände und wanderte 870 in schwäbische Klosterhaft.

    Sein Bruder Konstantin, der den kirchlichen Namen Kyrillos angenommen hatte, war kurz zuvor in Rom gestorben. Dank päpstlicher Bannflüche erlangte Methodios allerdings schon 873 wieder die Freiheit und kehrte nach Mähren zurück, um sein Werk fortzusetzen. Er wurde dort geduldet und von Papst Johannes VIII. im Jahr 880 abermals autorisiert.

    Herzog Zuentibald, 871 mit dem Marchgebiet belehnt, verfolgte die Ziele Magmars und beschwor dadurch einen neuen Konflikt mit den Franken herauf. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern gelang es ihm aber, die eindringenden Expeditionsheere des Königs siegreich abzuweisen. Nicht geringen Anteil an diesen Erfolgen hatte der quadische Gaufürst Sclagomar (- sein Name wurde erst von neutschechischen Historikern in „Slavomir” umgefälscht!). Ludwig II., dem es vorwiegend um die Stabilisierung der Grenzen im Osten ging, erklärte sich verhandlungsbereit. 874 kam der Vertrag von Forchheim zustande, der dem neuen Quadenreich („Großmährisches Reich”) weitestgehende Unabhängigkeit zubilligte, dem König aber die Treue Zuentibalds einbrachte. Nach wenigen Jahren umfaßte der mährische Herrschaftsbereich nicht nur den Großteil der alten quadischen Siedlungsgebiete, sondern erstreckte sich auch in Pannonien bis an den Granfluß und beiderseits des Oberlaufs der Oder bis nach Schlesien hinein. Böhmen war mittlerweile teildienstpflichtig geworden.

    Nachdem Methodios 885 gestorben war, ließ Zuentibald die Jünger der glagolitischen Mission des Landes verweisen, untersagte deren Liturgie und setzte den deutschen Bischof Wiching als kirchliches Reichsoberhaupt ein. Die Saat der Spalter war in Mähren unfruchtbar geblieben.
    Allein der bisher geschilderte Sachverhalt beweist die Unhaltbarkeit der seit dem 19. Jahrhundert zur „historischen Wahrheit” erhobenen Legendenbehauptung über Leben und Werk der angeblichen „Slawen-Apostel” Kyrill und Method.

    König Arnulf von Kärnten, ein Enkel Ludwigs des Deutschen, bestätigte erneut das beschränkte Hoheitsrecht Zuentibalds in Böhmen, wollte jedoch eine gänzliche Einbeziehung der böhmischen Gaue in die mährische Machtgewalt nicht gelten lassen. Darüber kam es 892 zum Krieg. Arnulf unternahm zwei verlustreiche Feldzüge, die jedoch keine Entscheidung brachten. Erst der Tod des klugen und energischen Quadenfürsten im Jahr 894 änderte die Lage zugunsten des Königs. Zuentibalds Söhne – Magmar, Zuentibald und Gotefriedus – unterwarfen sich der ostfränkischen Oberherrschaft. Ihre folgenden Streitigkeiten mußten 901 vom bayrischen Herzog geschlichtet werden. Uneinigkeit und Fehden lähmten weiterhin die Abwehrkraft des Volkes.

    In diesen Schwächezustand versetzt, erlag das Quadenreich dem Ansturm der Magyaren. Das ineinandergreifende Volkstum der Quaden, Marsingen, Rugier und Langobarden in Mähren und Pannonien wurde von der Katastrophe vollständig überrascht und vermochte sich nicht mehr zu erholen. Mähren stellte fortan ein Anhängsel Böhmens dar; Quaden und Rugier in der heutigen Slowakei dagegen erlitten das Schicksal einer „misera contribuens plebs” der Magyaren. Nach der Schlacht auf dem Lechfeld (955) erfolgte die endgültige Teilung des ehemaligen Quadenreiches: das Weinviertel und das Viertel unter dem Wienerwald fiel der bayrischen Ostmark zu, Mähren erhielt die Rolle einer Markgrafschaft zugewiesen und die Westslowakei sowie Oberpannonien blieben den Magyaren überlassen.

    Wie der freigelegte Geschichtsablauf zeigt, hat es – vergleichsweise als Gegensatz zu den Germanen – kein fremdvölkisch getragenes oder regiertes „Großmährisches Reich” gegeben. Daran kann auch die nachträglich geübte Umfunktionierung von Wortbegriffen und Benennungen nichts ändern. Zuentibald trug einen rein germanischen Namen und hieß keineswegs „Swatopluk” (- es gab übrigens auch einen Sohn Arnulfs von Kärnten namens Zuentibald!). Gleiches gilt z. B. für Kosel von Mosaburg, der von der neueren Geschichtsschreibung leichthin als „Kozel” zu den „slawischen Fürsten” Pannoniens gezählt wird.

    Ebensowenig waren Fürst Liudewit, seine Gefolgschaft und seine Nachfolger „slawischen” Geblüts. Die Gebiete südlich der unteren Drau (nachmalige Untersteiermark) waren damals rein germanisch besiedelt. Über die urkundlich belegte Tatsache, daß die Adelsumgebung aller dieser Fürsten ausnahmslos germanische Namen führte, schweigt man heute wohlweislich. Namen wie Altwart, Werinhar, Dridepercht, Wellehelm, Gunther, Waltilo, Arfrid, Deotbald, Liutemir, Engilhast usw. taugen natürlich nicht recht für die Glaubhaftmachung einer „slawischen” Existenz nichtgermanischer Herkunft.

    Die volkliche und gesellschaftspolitische Entwicklung innerhalb der Markgrafschaft Mähren unterlag dann im fortschreitenden Mittelalter dem gleichen Prozeß wie in Böhmen. Reichsunmittelbare „Teutonici” sahen sich den zumeist rechtlich schlechter gestellten und unfreien Untertanen der Landesfürsten gegenübergestellt.

    Das böhmische Herzogtum des Hochmittelalters unterschied sich In seinen Grenzen wesentlich von jenem Gebiet, das wir heute in den Begriff Böhmen einzubeziehen gewohnt sind. Es fehlten vor allem das Egerland, der gesamte südliche Böhmerwald bis zum Kamm des Planskerwaldes sowie das südliche und ostwärtige Vorgelände der damaligen Gauburgen Chinow, Teindles und Netolitz als Bestandteile des bayrischen Stammesherzogtums. Auf Geheiß des deutschen Königs erstreckte sich die Herrschaft der in babenbergischen Diensten stehenden Grafen von Kuenring aus sächsischem Geschlecht – ihre Hauptburg war die mächtige Feste Dürnstein in der Wachau – auf ganz Südböhmen bis zum Moldauursprung.

    Unter ihnen blühten’ besonders die Städte Krumau, Weleschin, Poreschin, Rosenberg, Gratzen und Budweis sowie die Siedlungsgebiete um Krumau, Gratzen, Schweinitz und im Wittingau auf.

    Da sich bis zum heutigen Tage trotz eifrigen Forschens nicht der geringste Beweis für die landläufige Behauptung erbringen ließ, nichtgermanische „Slawen” seien in den böhmischen Raum „eingedrungen”, hätten das Land „besetzt” und kraft der Stärke ihres Stammes der „Tschechen” den bodenständigen Adel sowie die herrschenden Fürstengeschlechter hervorgebracht, begnügt sich die einseitig festgelegte Kathederlehre mit der simplen Ausflucht, die Geschichte Böhmens bis zum Ende des 9. Jahrhunderts sei nur aus dem „Dunkel der Sage” deutbar. Vor diesem nebelhaften Hintergrund hebt sich die Gestalt Herzog Wenzels I., der dem Christentum endgültig zum Durchbruch verhalf und dafür heilig gesprochen wurde, als historische Eintrittspersönlichkeit um so strahlender ab.

    Weil aber auch für seine Zeit und jene seiner Nachfolger urkundliche Hinweise auf das Vorhandensein eines landesbeherrschenden „Tschechentums” fehlen, akzeptiert man bedenkenlos nicht nur frühe, kirchenpolitisch begründete Umdeutungen, sondern auch die fälschenden Darstellungen der reichsfeindlichen Slawophilen des 19. und 20. Jahrhunderts. Tatbestände und Zusammenhänge, die das gefällig konstruierte Geschichtsbild stören könnten, werden hartnäckig verschwiegen oder in Abrede gestellt.

    So hat es zum Beispiel wohl eine germanische Dynastie der Premysliden gegeben, niemals aber eine solche „slawischer” oder gar „tschechischer” Abkunft. Herzog Borwieg (= fälschlich „Boriwoj”), der sich nach der Niederlage der Boemannen im Jahr 872 zusammen mit seiner Frau Ludmila in der alten Markomannensiedlung Parhag (Prag-Altstadt) dem Taufakt unterzog, entstammte dem Geschlecht des Warägers Pramysil (germ. Name; später abgewandelt in „Premysl”), der in Nordböhmen die Tochter eines Korkontenfürsten namens Linbucha (= Linde–Buche, Sagenname „Libussa”) gefreit hatte.

    Als Residenz diente den Premysliden die Hochburg Wissehrad (Wyschehrad) südlich von Prag; die Festung war einst auf Veranlassung des Langobardenfürsten Wacho erbaut worden und hieß ursprünglich „Wisigarda”.

    Sowohl Borwiegs Söhne Spitgniew (got.) und Wartislaw (got., Wartlieb, fälschlich „Wratislaw”), als auch sein Enkel Waglaw ( – Waglieb, fälschlich „Wenzeslaw”, daraus „Wenzel I.”) hielten den ostfränkischen Königen die Treue. Als dann Heinrich I. der inneren Zerrüttung des karolingischen Ostreiches Einhalt gebot und die machthungrigen Adelsgeschlechter der Kernlande wieder unter den Königswillen zwang, mündete auch Böhmen 928-ähnlich wie die anfangs widerstrebenden Stammesherzogtümer Schwaben (919), Bayern (921) und Lothringen (925) – als integrierender Bestandteil in die vereinigende Gesamtentwick-lung ein. Der erste deutsche Wahlkönig blieb gleichzeitig Herzog von Sachsen und Thüringen und beanspruchte nur die Vorrechts- und Vormachtstellung im Reich. Unter Anerkennung der natürlichen Volksgliederung gewährte er den Herzogtümern eine weitgehende Autonomie.

    Das törichte Unterfangen, Gegebenheiten und Ereignisse des Mittelalters nach nationalpolitischen Maßstäben der Neuzeit zu beurteilen und willkürlich modelnd einem vorgefaßten Denkmodell anzupassen, hat nicht wenig zur Fehldeutung innerböhmischer Vorgänge beigetragen. „Nationale Gegensätze” gab es damals in Böhmen ebensowenig wie im übrigen Europa. Motive und Praktiken der blutigen Familien- und Machtkämpfe finden sämtlich ihre Entsprechungen in gleichartigen Erscheinungen der fränkischen, englischen oder dänischen Herrschafts- und Adelsgeschichte. Dies gilt sowohl für die Rebellion des Premysliden Wollieb (— fälschlich „Boleslaw”) gegen seinen älteren Bruder Wenzel, als auch für die Mordaktionen und Fehden der Herzöge Wollieb II. ( = „Boleslaw II.”) und Wollieb II., der die vorübergehende Beherrschung Böhmens und Mährens durch den Dagonenfürsten Wollieb (– polonisiert „Boleslaw Chrobry”) heraufbeschwor, für die Machtergreifung Udalrichs, für die Regierungszeit Brantliebs I. ( – fälschlich „Bretislaw”), der wegen Unbotmäßigkeit vom König bekriegt und danach Heinrichs III. treuester Reichsfürst wurde, sowie für die mörderischen Anschläge der Herzöge Spitgniew II. und Zuentibald (= „Svato-pluk”) gegen mißliebige Adelsfamilien. In landesinterne Streitigkeiten mischten sich die deutschen Könige nur dann ein, wenn tatsächliche oder vermeintliche Reichsinteressen auf dem Spiele standen.

    Weder die böhmischen und mährischen Landesherren noch der tonangebende einheimische Adel des 11., 12. und 13. Jahrhunderts gehörten einem nichtgermanischen Volkstum an. Allein der Versuch einer auszugsweisen Aufführung der urkundlich überlieferten rein germanischen und zumeist noch heute im deutschen Sprachraum gebräuchlichen Namen von höchsten Würdenträgern am herzöglichen, markgräflichen und königlichen Hof (Kanzler, Hofmarschälle, Kämmerer, Mundschenke, Schwertträger, Küchenmeister u a.), von Grafen, Vögten, Burggrafen, Kastellanen, Rittern, Landeshauptleuten, Landamtmännern, Pflegern, königlichen Richtern, Notaren usw., sowie die ergänzenden Nachweise ihrer germanischen Abkunft würden einen eigenen Dokumentenband füllen. Auf Grund dieser unleugbaren Tatsache mußte selbst der panslawistische Vorkämpfer Koneczny bekennen, „daß man die Tschechen anderwärts als deutschen Stamm betrachtete, denn nichts Slawisches ging aus dem Lande hervor.”

    Der bemerkenswert wahrheitsliebenden Feststellung wäre nichts hinzuzufügen, wenn Koneczny im Jahre 1897 seiner Umwelt auch die Bedeutung der Namensfindung „Tschechen” erklärt hätte. Denn der erwähnte Sammelbegriff, eine Verdeutschung der willkürlich aus dem Mittellateinischen rückübersetzten Form „Cech” für „Bohemus” ( = „der Böhme”) erfaßte in seiner Grundbestimmung alle Bewohner Böhmens einschließlich der Reichsunmittelbaren (= Deutschböhmen). Dazu durfte sich natürlich ein Jünger des „Wiedererweckers” Safarik nicht bekennen.

    Weil es seine Aufgabe war, „tschechische Ansprüche” auf das „slawische” Schlesien glaubhaft zu machen, vertrat er trotz aller Widersprüchlichkeiten die Thesen des begabten panslawistischen Geschichtsklitterers Frantisek Palacky (1798-1876).

    Das fünfbändige, kunstvoll zusammengestellte Legendenwerk Palackys war unter dem anspruchheischenden Titel „Geschichte Böhmens” zwischen 1836 und 1867 sogar in deutscher Sprache erschienen. Es wurde nicht nur kritiklos zur Kenntnis genommen, sondern überdies von deutschen Literaten und liberalen Phantasten, die in „Völkerfrühlings”-Illusionen schwelgten, begeistert kommentiert.

    Da sich die deutsche Geschichtsschreibung ohne Prüfung des Sachverhalts sofort auf die mundgerecht fabrizierten „Erkenntnisse” des „Altcechen”-Führers zu stützen begann, glückte einer kleinen Gruppe panslawistischer Verschwörer mittels dieser geschickten Mischung aus Erfindung, Fälschung und Umdeutung der weiterwirkende Einbruch in die Gedankenwelt des städtischen Besitzbürgertums, das im Laufe der Zeiten aus der Klasse der „Boemii secundi ordinis” herausgewachsen war. Auf diesem Nährboden gedieh – agitatorisch angeheizt – ein bis dahin gänzlich unbekannter, antideutsch ausgerichteter „tschechischer Nationalismus”, der nicht etwa der Bewußtseinswerdung eines erwachenden Volkstums entsprach, sondern ganz einfach unterschwellige Neid- und Mißgunstgefühle einer in ihrer Entwicklung zurückgesetzten Bevölkerungsschicht auffing und katalysierte, durch Anspruchserhebung in klassenkämpferischen Haß verwandelte und geschichtsideologisch kaschiert gegen die altprivilegierten, kulturell höherstehenden, gebildeten, selbstbewußten und erfolgreichen Deutschböhmen mobilisierte.

    Die Lage nach dem ersten Panslawisten-Kongreß zu Prag kennzeichnet zutreffend ein Untersuchungsbericht vom 10. Juni 1851 an den kaiserlichen Minister Alexander Bach in Wien:
    „ . . Hinter diesen Wortführern … stehen in Wahrheit nur die zwar geldreichen, aber geistig- und bildungsarmen Prager Müller, Brauer, Bäcker, Fleischhacker und Holzhändler …. dann der geld- und bildungsarme Haufe mit kommunistisch-sozialer Tendenz … Die fixe Idee dieser Krankheit (Czechen-Fieber) besteht darin, daß die Böhmen die wahren Herren und Eigentümer des Landes sind, die Deutschen dagegen nur Einwanderer, Eindringlinge, Kolonisten seien, die sich in allem unterwerfen müssen … Wollten sich die Deutschen den Böhmen nicht fügen, dann müsse man sie zum Lande hinausjagen, totschlagen . . .”

    Wie schon im Mittelalter – damals unter Ausnutzung des Machtstrebens einzelner Landesfürsten -, hetzten Organe fremder Interessen in einer Zeit des allgemeinen Umbruchs die kurzerhand zu „Tschechen” ernannten „Böhmen zweiter Ordnung” gegen die reichstreuen und damit deutschen „Böhmen erster Ordnung”. Daß es überhaupt zu derartigen Ansätzen kommen konnte, erklärt sich aus der relativ kurzen Vorentwicklung.

    Seit dem Ende der Befreiungskriege hatte sich in ganz Deutschland der Ruf nach Freiheit und nationaler Einigung unüberhörbar durchgesetzt. Im Überschwang der Gefühle und unter dem Druck der Auseinandersetzung mit dem absolutistischen System des Staatskanzlers Metternich feierten die deutschen Revolutionsgeister des Vormärz jedermann als Verbündeten, der sich als Rebell gegen die bestehenden Herrschaftsverhältnisse erwies. Sie übersahen dabei ganz, daß sie gleich den reaktionären, betont katholischen Adelskreisen und Politikern im kaiserlichen Österreich die slawophilen Bestrebungen reichsfeindlicher Intellektueller einseitig begünstigten, während Metternichs Innenpolitik und die Furcht Kaiser Franz I. vor „revolutionären Umtrieben, die den Umsturz der gegenwärtigen Verfassung Deutschlands bezweckten”, zur Unterdrückung deutschnationaler Regungen in den Grenzlanden führten und dadurch gleich-zeitig eine nachhaltige Schwächung vor allem des deutsch-böhmischen Elements bewirkten.

    Die „Karlsbader Beschlüsse von 1819″ erklärten sogar die „Rede von einem deutschen Vaterland” in Acht und Bann. Es war den in vieler Hinsicht wirklichkeitsfremden deutschen Idealisten auch entgangen, daß hinter den einflußnehmenden Geschichtsfälschungen zur Begründung „slawischer Nationalwünsche” die anfangs religiös getarnten sogenannten „Slawophilen” Petersburgs im Dienste der Zarenpolitik standen.

    Zar Nikolaus von Rußland, ein geschworener Feind deutscher Nationalstaatlichkeit, konnte mit Genugtuung beobachten, wie sich der böhmische Politiker Palacky im Sinne der russischen Wünsche bewährte.
    Als der Fünfziger-Ausschuß der konstituierenden Nationalversammlung zu Frankfurt im Sturmjahr 1848 die deutschen Bundesländer Österreichs, wozu auch Böhmen zählte, als Bestandteile des künftigen Deutschen Reiches anerkannte, verweigerte Palacky die Loyalität. Infolge der ungehindert subversiven Tätigkeit seiner Gesinnungsfreunde, unter denen sich übrigens nicht wenige Deutsche befanden, gelang es ihm, den Großteil der innerböhmischen Bezirke von der Teilnahme an den Wahlen zur Nationalversammlung abzuhalten, was die Zahl der österreichischen Abgeordneten in Frankfurt von 190 auf 120 reduzierte.

    Welche Freiheiten sich Palacky zu dieser Zeit bereits herausnehmen konnte, beweist seine Erklärung, die Deutschen hätten in den „slawischen Städten” Wien, Dresden und Leipzig nichts zu suchen und das Kaiserreich der Habsburger müsse unter Einbeziehung des östlichen Deutschland in ein „föderatives Slawenreich” verwandelt werden. Daß ausgerechnet dieser Mann, den Masaryk sinnigerweise „Vater der Nation” nannte, nach der Schlacht bei Königgrätz die Wiener Politik entscheidend mitbestimmen durfte, wirft ein bezeichnendes Licht auf die entstandenen Mißverhältnisse am Hofe der Apostolischen Majestät.

    Ungeachtet seiner exzessiven Klitterungen wird Palacky von der offiziellen Geschichtsschreibung nach wie vor als „großer tschechischer Historiker” von unantastbarer Autorität eingestuft. Fest steht allerdings nur, daß er die anregenden Ideen des Weimarer Theologen Johann Gottfried von Herder (1744-1803) aufgriff und im Sinne politischer Auftragserfüllung sein national-ideologisch konstruiertes Geschichtsbild auf einem völkisch motivierten Hussitentum aufbaute.

    Da sich aber trotz eifrigster Quellenforschung kein historischer Beleg für die Untermauerung der angeblich nationalen Eigenständigkeit des „Tschechentums” erbringen ließ, fälschte der Philologe Wenzel Hanka eine „cechische Handschrift aus dem 13. Jahrhundert”, deren „Findung” man am 16. September 1817 unter theatralischen Begleitumständen im Kirchturm von Königinhof in Szene setzte. Hanka gehörte übrigens jenen sieben Männern an, die am Prager Wenzelsplatz geschworen hatten, „die cechische Sprache aus den Resten versinkender sarmatischer Bauerndialekte zu retten”.

    Obwohl sich sogar der spätere erste tschechische Staatspräsident Prof. Thomas G. Masaryk genötigt sah, nach gründlicher wissenschaftlicher Untersuchung die sogenannte „Königinhofer Handschrift” ebenso wie die „Grünberger Handschrift” – ein anderes Machwerk Hankas – als Falsifikate zu verwerfen, hält man hartnäckig an der Aufzählung dieser „ältesten tschechischen Kulturdokumente” fest. Gleiches gilt für die „Entdeckung” „slawischer Runendenkmäler”, „tschechischer Sagenlieder” usw. Ausgehend von der Fiktion einer „tschechischen Sprachnation’ weckte die slawophile Fälscherschule ein kollektives Geschichtsbewußtsein, dessen Suggestivkraft ausreichte, um die Halbgebildeten in den Reihen der städtischen Bürgerschaft für die Idee einer böhmischen Separatentwicklung aufzuschließen und die Gemüter der revolutionär gesteuerten Jugend an den Mittel- und Hochschulen radikalisierend zu erhitzen.

    Palackys grundlegende Thesen blieben unangefochten, wurden als wahr unterstellt und fanden Aufnahme in die allgemeine Geschichtsvorstellung des In- und Auslandes; demnach waren die Deutschen Böhmens, Mährens, Schlesiens und der Slowakei ausschließlich landfremde Eindringlinge und Kolonisatoren, denen die Verantwortung für die Verdrängung oder Germanisierung einer „urslawischen” Bevölkerung zufiel, – die Tschechen hingegen ein alteingesessenes, seiner Herrschaftsrechte jedoch jahrhundertelang beraubtes Volk, das bereits in den Hussitenkriegen und zu Beginn des 17. Jahrhunderts vergeblich um seine nationale Freiheit gekämpft hatte.

    Die Ungeheuerlichkeit dieser meisterhaft durchgesetzten und dem Völkerbetrug dienstbar gemachten Lüge, der innerhalb kurzer Frist nicht nur Deutsche, Slowaken, Kroaten und Ungarn, sondern auch die zu „Tschechen” gestempelten Böhmen und Mährer in verhängnisvoller Weise zum Opfer fielen, wird offenbar, wenn man der Tschechenlegende die unleugbaren und urkundlich einwandfrei belegten Tatbestände, Vorgänge und Zusammenhänge aus der Geschichte Böhmens gegenüberstellt:

    * Böhmen und Mähren waren von 929 bis 1866 ununterbrochen Bestandteile des Reiches der Deutschen; nach dem Ausscheiden Österreichs aus dem Deutschen Bund zählten sie bis 1918 zu den deutschen Ländern der Doppelmonarchie.

    * im Gegenzug zur Inthronisierung polnischer Könige durch päpstliche Beauftragte, die den jeweiligen Herrscher des germanischen Mesiko-Reiches der kirchlichen Oberhoheit unterwarf, verlieh der deutsche König Heinrich IV. kraft seines kaiserlichen Amtes dem böhmischen Herzog Wartislaw („Wratislaw It.”) die Königswürde;

    * die Behauptung, im 11. Jahrhundert habe eine Kolonisation böhmischer Gebietsstreifen durch Zuwanderer aus anderen deutschen Reichslanden eingesetzt, ist falsch. Es fand hingegen tatsächlich eine Innenkolonisation statt, die von den ständig an Zahl zunehmenden reichsunmittelbaren Landesbewohnern („Teutonici”) in noch unbesiedelte Gegenden vorgetragen wurde;

    * ohne Zustimmung des deutschen Königs konnte auch ein gewählter Fürst das Amt eines Herzogs von Böhmen nicht übernehmen;

    * auf dem Reichstag zu Würzburg (1157) vor allen Reichsfürsten ausgezeichnet, erhielt Herzog Waldislaw (= Waldlieb, fälschlich „Wladislaw”), ein Enkel Wartislaws, die Königskrone aus der Hand Kaiser Friedrichs I. Barbarossa;

    * da sich die böhmische Seniorats-Erbfolge-Ordnung als Quelle endloser Thronstreitigkeiten und verheerender Fehden erwies, durfte Herzog Ottokar I., vermählt mit der Tochter des Markgrafen von Meissen, im Jahr 1212 das von Kaiser Friedrich II. verbriefte Privileg eines Erbkönigtums für sein Geschlecht entgegennehmen;

    * bereits im 11. Jahrhundert, insbesondere aber dann unter Ottokar I. wurden die Höfe der Landesfürsten und die Sitze der Adeligen in Böhmen und Mähren zu Mittelpunkten und Pflegestätten deutscher Kultur;

    * die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Wenzel I. und Herzog Friedrich von Österreich waren nicht Kämpfe völkisch verschiedenartiger Gegner, sondern innerdeutsche Streitigkeiten, wie sie auch anderswo das Reichsgefüge am Vorabend des Interregnums erschütterten. König Wenzel I. war übrigens mit Kunigunde, der Tochter des deutschen Königs Philipp verheiratet;

    * im Jahr 1213 verbriefte Markgraf Heinrich von Mähren dem Johanniter-Orden, der in Mähren ausgedehnte Besitztümer besaß und die Urbarmachung vorantrieb, daß „die Berufenen das Recht der Deutschen ruhig und ohne Plackerei gebrauchen mögen.” Diese Regelung betraf hauptsächlich das eingesetzte heimische Laienvolk des Ordens;

    * nach dem Tode Markgraf Hermanns von Baden, des letzten Herzogs von Österreich und Steier, erkoren die österreichischen und steirischen Stände zu Beginn der „kaiserlosen, schrecklichen Zeit” den Markgrafen Ottokar von Mähren zu ihrem Landesherrn und huldigten ihm 1252. Wäre Ottokar ein Fremdvölkischer gewesen, so hätten sich die bayrischen Stände dieser Reichsmarken niemals entschlossen, ihm die Herzogswürde zu übertragen;

    * Markgraf Ottokar, nach dem Tode seines Vaters Wenzel als Ottokar II. von Böhmen gekrönt, war der Enkel des deutschen Königs Philipp und Urenkel Kaiser Friedrich Barbarossas; seine Ehe mit Margarethe von Babenberg blieb kinderlos, dagegen schenkte ihm seine Lebensgefährtin, die Hofdame Agnes aus dem niedersächsischen Kuenringergeschlecht, mehrere Söhne und Töchter;

    * nachdem er einen ungarischen Einfall in Österreich und Mähren abgewehrt und mit Bela IV. einen Stillhaltefrieden geschlossen hatte, unternahm er in Begleitung seines wichtigsten Ratgebers, des Bischofs Bruno von Olmütz aus dem holsteinischen Grafengeschlecht der Schauenburger, einen Kreuzzug gegen die „Sclavi” im Norden (1254-1255). An diese Feldzüge, die der Missionierung der germanischen Prussen und Litauer den Weg ebnen sollten, erinnern noch heute die Städtegründungen Ottokars und Brunos in Ostpreußen, Königsberg (nach dem König) und Braunsberg (nach dem Bischof). Das Heer des Böhmenkönigs bestand aus bayrischen, böhmischen, fränkischen und sächsischen Kriegern;

    * als König Wilhelm starb, wurde Ottokar die deutsche Königskrone angeboten, eine Erhebung scheiterte jedoch am Zwiespalt der eigennützig handelnden Wahlfürsten (Ottokar selbst stimmte für Richard von Cornvallis!). Böhmen war Reichsland, der Böhmenkönig deutscher Reichs- und Wahlfürst, – nichts unterschied Land und Herrscher von den übrigen Herzogtümern des Reiches;

    * die Empörung der Steiermark gegen die seit 1254 bestehende Fremdherrschaft der Ungarn im Jahre 1259 gelang im geheimen Bündnis mit dem Böhmenkönig, den die Steirer nach ihrem Sieg zum Herzog erkoren. Ein Jahr später schlug ein deutscher Heerbann unter Ottokars Führung die einfallende Streitmacht des Ungarnkönigs vor Kroissenbrunn (Niederösterreich) vernichtend;

    * durch Erbvertrag mit dem Sponheimer Ulrich III., Herzog von Kärnten und Krain, erweiterte sich der Einflußbereich des Königs bis zur Adria;

    * zum mächtigsten deutschen Fürsten geworden, stützte sich Ottokar in Böhmen, Mähren, Österreich und Steiermark auf die Zuneigung der deutschen Bürger und Bauern, um den Hochadel dieser Länder in Zaum zu halten. Insbesondere in Böhmen sicherten ihm die reichsunmittelbaren – deutschen – Stände den erforderlichen Rückhalt gegenüber dem willkürgewohnten Adel, der ihn wegen seiner Maßnahmen gegen das Faustrecht anfeindete; der österreichische und steirische Adel dagegen verargte ihm seine Scheidung von der Babenbergerin;

    Auf dem Gipfel seiner Macht strebte Ottokar die deutsche Königs- und Kaiserkrone an. Er stieß dabei auf den Widerstand eines Teils der Reichsfürsten, die eine starke Ordnungshand fürchteten, sowie auf die ablehnende Haltung der römischen Kurie. Als er anläßlich der Königswahl keine Beachtung fand, verweigerte er im Bündnis mit Herzog Heinrich von Bayern die Zustimmung zur Kür Rudolfs von Habsburg, des „armen Grafen”, der ihm vorgezogen worden war. Eine fortgesetzte Mißachtung königlicher Ladungen löste dann den Reichskrieg aus. Infolge des kaiserlichen Bannspruches ihres Gehorsams entbunden, sagten sich die steirischen Herren von ihrem rebellierenden Landesoberhaupt los; der Bayernherzog trat angesichts des aufmarschierenden Reichsheeres von seinem Bündnis zurück und entzog Ottokar die Deckung; Rudolf gelangte kampflos nach Österreich, überrumpelte Klosterneuburg und belagerte Wien; im Rücken des „Goldenen Königs” aber erhob sich unter Führung der Witigonen der mächtigste Teil der innerböhmischen Adelsgeschlechter und schlug sich auf die Seite des Kaisers. Bischof Bruno riet zum Frieden. Solcherart in die Enge getrieben, beugte sich Ottokar: er huldigte dem deutschen König zu Wien, verzichtete auf Schlesien, Österreich, Steiermark, Kärnten und Krain, und nahm Böhmen und Mähren aus Rudolfs Hand zu Lehen.

    Der tief Gedemütigte dachte allerdings nicht daran, sich mit seiner Niederlage abzufinden. Er brach sein Königswort, wandte sich an den „Polen”-König um Beistand und rüstete zum Krieg. Unter seinem Banner sammelten sich Adelige und Kriegsvölker aus Böhmen, Mähren, Schlesien, Meißen, Thüringen und Brandenburg. Auf dem Marchfeld bei Dürnkrut entbrannte die Entscheidungsschlacht. Von den Mährern im Stich gelassen, fiel Ottokar nach heldenmütigem Kampf.

    Rudolf ließ das böhmische Thronrecht unangetastet und bean-spruchte lediglich die Markgrafschaft Mähren; in Iglau wurde Ottokars Sohn Wenzel mit Jutta, der Tochter König Rudolfs, verlobt. Bis 1283 übte Wenzels Vormund, Otto von Brandenburg, die Regentschaft in Böhmen aus;

    * auch unter Ottokar II., der sich bis zu seinem Tode als Reichsfürst fühlte, hat es keine „Kolonisation” Böhmens durch deutsche Zuwanderung von außen her gegeben; im Gegenteil: die alteingesessenen Deutschböhmen verfügten sowohl im 12. und 13., als auch später im 14. Jahrhundert über einen derartigen Überschuß an tatkräftigen Menschen, daß sie – von den Siedlungszentren im Landesinneren ausgreifend – nicht nur ihre fruchtbare Kolonisation bis an die Peripherie des Sudetenraumes vorschieben, sondern auch noch beträchtliche Siedlerkontingente nach Schlesien abgeben konnten.

    Ein Zuzug hochqualifizierter Fachleute aus Westdeutschland, Frankreich, Ungarn und Italien entsprach dem wechselwirkenden Bedarf innerhalb des gesamten Reiches, fiel aber zahlenmäßig der bodenständigen Bevölkerung gegenüber nicht ins Gewicht. Da es zu jener Zeit keine abgeschirmten oder kontrollierten Landesgrenzen gab, eine vereinzelte Abwanderung in die verschiedenen Reichsteile dem Beherzten nicht schwierig gemacht wurde und obendrein das Hin und Her kriegerischer Unternehmungen laufend menschliches Strandgut hinterließ, vollzog sich die Niederlassung begehrter Künstler, fähiger Prediger, entlohnter Söldner, tüchtiger Handwerksburschen nebst fahrendem Volk und Troßleuten, wie dies in allen deutschen Ländern ohne nennenswerte Störung der in ihren Rechten gesicherten Altsiedler der Fall war.

    Andererseits setzte sich ein ähnlich minimaler Prozentanteil böhmischer Herkunft in Österreich ob und unter der Enns, in der Steiermark und im Herzogtum Bayern fest. Böhmische Handwerksburschen und Händler gelangten bis nach Tirol, in den Schwarzwald und an den Rhein und heirateten dort nicht selten in Meisterbetriebe ein; böhmische Söldner – von allen Kriegführenden hochgeschätzt – fanden als Ausgediente, zerstreut in ganz Deutschland neue Heimstätten. Ungebetene Zuzüge von Fremden in geschlossene Siedlungsgebiete konnten weder in Böhmen noch anderswo auf Reichsboden erfolgen, weil die mittelalterliche Städte- und Gemeindeordnung nur in Sonderfällen eine Aufnahme von Einzelpersonen oder Familien zuließ.

    Zweifellos förderte auch das Klosterwesen die Innenkolonisation Böhmens in hohem Maße. Mönche und Priester jedoch stellten kein „Kolonisationsvolk” dar. Die Rekrutierung notwendiger Laienkräfte und erforderlicher Kriegsleute wurde – von wenigen Ausnahmen abgesehen – in der unmittelbaren Landesumgebung vorgenommen.

    Daß König Ottokar II. zum Mißvergnügen heimischer Geschlechter im Jahr 1276 die Verwaltung ausgedehnter Bezirke Innerböhmens bevorzugten schlesischen, thüringischen, bayrischen und Meißner Adeligen übertrug, ist nicht etwa auf eine „Germanisierungs”-Absicht zurückzuführen, sondern ausschließlich auf wirtschaftliche sowie politisch-taktische Erwägungen. Der Begriff „Germanisierung” – oder was immer man darunter auch verstehen mag – war Adel und Volk vor dem 19. Jahrhundert völlig unbekannt.

    Durch die Leistungen der Deutschen (= freie, reichsunmittelbare Germanen christlich-abendländischer Kultur- und Geistesprägung, wozu auch der Uradel Böhmens und Mährens gehörte) wurde „im Herzen Europas ein Kulturland erster Ordnung und ein Wirtschaftsgefüge von hoher Intensität” geschaffen (vgl. Prof. Dr. Starkbaum).

    * Anläßlich seiner Trauung mit Jutta von Habsburg in Graz (1295) und seines Krönungsfestes (1297) wurde König Wen-zel II. von Riesenaufgeboten der deutschen Ritterschaft als Reichsfürst geehrt. Als solcher führte er auch seinen siegreichen Feldzug gegen die Ungarn, nachdem er die Krone von „Klein- und Großpolen” erworben hatte. Sein Sohn und Nachfolger Wenzel III., der die Krone Ungarns an Herzog Otto von Bayern veräußerte, fiel in Olmütz einem unbekannten Mörder zum Opfer; mit ihm starb 1306 das Premysliden-geschlecht aus; alle folgenden Landesfürsten Böhmens entstammten außerböhmischen deutschen Geschlechtern und übten ihr Amt als Wahlkönige aus:

    Den Herzogen Rudolf III. von Habsburg und Heinrich von Görz folgten von 1310 an die Herzoge von Lützelburg (Luxemburg), die den Thron bis 1437 hielten, dann Ladislaus von Habsburg („Posthumus”), Georg von Kunstadt („Podiebrad”) und Kaiser Matthias, unter dessen Nachfolgern das Reichsland Böhmen Teil der habsburgischen Hausmacht blieb.

    * Karl IV. von Luxemburg, deutscher Kaiser und König von Böhmen, der 1348 in Prag die erste deutsche Universität gründete, erließ 1356 die sogenannte „Goldene Bulle”, ein Reichsgrundgesetz, das auch die deutsche Königswahl regelte. Um künftig die schädliche Erscheinung von Doppelwahlen und damit verbundene verheerende Machtkämpfe zu verhindern, wurde das Wahlrecht ausschließlich sieben Kurfürsten – unter ihnen der jeweilige Landesherr Böhmens als Träger des deutschen Erzschenkenamtes – zuerkannt, die nach dem Mehrheitsprinzip zu entscheiden hatten. Dieses Gesetz verankerte gleichzeitig die Unteilbarkeit und Unveräußerlichkeit der Kurfürstentümer;

    * unter Karl IV., der auch „Vater Böhmens” genannt wurde, erlebte der Sudetenraum eine Zeit der Hochblüte. Nicht zu Unrecht heißt es darüber in einer urkundlich erhaltenen Überlieferung: „Karl hinterließ das Königreich Böhmen, welches er von seinem Vater Johann als ein eisernes übernommen hatte, als ein güldenes. Und in der Tat gab es zu jener Zeit nicht allein güldene Sitten, güldene Menschen, güldene Einfachheit, sondern man hatte auch güldene Berge.” Karl selbst, der nichts unterließ, was den Wohlstand des Landes zu heben vermochte, nannte Prag den „Garten der Genüsse”.

    Da der König alle Kunst und Wissenschaft als „Leuchte und Zierde des Lebens” schätzte, unterstützte er jede Maßnahme, die einer weiten Verbreitung und Anwendung der Schreibweise einer wohlgesetzten mittelhochdeutschen Sprache in allen Landesteilen dienlich sein konnte; gleichzeitig aber legte er auch – ohne Arg und Absicht – den Keim für eine reichsfeindliche Gegenbewegung: sein vom Klerus nachhaltig beeinflußtes Streben, eine Vereinigung der nicht unierten Serben mit der römischen Kirche zu bewirken, führte zur Berufung glagolitischer Mönche aus Dalmatien, Kroatien und Bosnien, die 1347 in der Geborgenheit des für sie gegründeten Klosters Emaus zu Prag ihre hintergründige Tätigkeit aufnahmen.

    Nachdem diesen Landfremden die Anwendung der von Cyrill und Method im 9. Jahrhundert erfundenen und seither verfeinert ausgebauten glagolitischen Kirchensprache einmal bewilligt war, gingen sie mit viel Eifer und Geschick daran, lateinische und deutsche Texte in ihr Idiom zu übersetzen und in Anlehnung an deutsche epische, didaktische und dramatische Vorlagen eine glagolitische Kunstliteratur zu schaffen. Ihre Legenden- und Fabelgeschichten würzten sie bewußt mit Ausfällen gegen die Reichsdeutschen. Solcherart entstand die „erste tschechische” oder „slawische Literatur”, die man heute so gern bemüht, um eine „alte tschechische Sprachnation” nachzuweisen.

    Um die Glagolitenmönche von Prag, die dort nach den Regeln Benedikts lebten, sammelten sich alsbald gelehrige Brüder, – ausgewählte Söhne Besitzloser oder Verarmter. Das Kloster bot ihnen Sicherheit, Ausbildung und Gleichberechtigung, nicht selten auch Ansehen und Respekt in einer ungebildeten Umwelt. Dafür dankbar, waren sie ihren Oberen blindlings ergeben. Aber auch außerhalb der Klostermauern zog der Glagolismus zahlreiche Kleriker in seinen Bann. Zumeist handelte es sich um intelligente Eiferer, die in ihrer Jugend den bitteren Haß der „Armen” gegen die „reichen Vettern” in sich aufgenommen hatten und sich nun berufen fühlten, der ausgleichenden Gerechtigkeit zu dienen.

    Kirchlicher Schutz, Ausnahmestatus und eine Sondersprache, die von Uneingeweihten nicht verstanden wurde, erzeugten eine Verschwöreratmosphäre, die das Phänomen der Geheimgesellschaft ZECTECH (i) NA hervorbrachte. Da die Mitglieder „im Dunkel” (mlt. „caeco”) arbeiteten, wandelten die glagolitischen Sprachkünstler sinnbezogene mittellateinische Begriffe ab und mischten ZECTECH (i) NA, TESKA (aus „caeco”) und CESKA (aus mlt. „cessi”) zu dem Deutungswort „CZECHNA”.

    Wie in ganz Deutschland war mittlerweile auch in Böhmen der Boden für Reformbestrebungen reif geworden. Bereits unter Karl IV. hatte die Zuchtlosigkeit und Verweltlichung der Geistlichkeit derart überhand genommen, daß sowohl der König als auch der Erzbischof von Olmütz ernsthaft mit dem Gedanken spielten, eine Säkularisierung einzuleiten und Teile des Kirchenbesitzes zu konfiszieren. Ausbeutung und Korruption, Pfründenmißbrauch, das päpstliche Schisma und verwirrende theologische Streitigkeiten – augenfällige Merkmale der innerkirchlichen Mißstände – forderten nicht nur die großen Konzile von Pisa und Kon-stanz heraus, sondern auch Sektenbewegungen. Die sittenstrengen Prediger Konrad Waldhauser und Militsch, die sogenannten „Waldenser” und vor allem die Lehren des Oxforder Universitätsprofessors John Wiclef trugen Unruhe in die Masse der geknechteten, geschröpften oder auf andere Weise geschädigten „Böhmen zweiter Ordnung”. Unter dem unfähigen Sohn Karls, dem mit allen verfeindeten Wen-zel IV., verschärften sich die religiösen Konflikte.

    Johannes Hus, Priester, Magister der Prager Universität und überzeugter Prediger der Lehre Wiclefs, und sein adeliger Mitstreiter Hieronymus von Prag sprachen auf ihren ausgedehnten Reisen die Unzufriedenen im Lande an. Ihren Predigten über die Nichtanerkennung einer weltlichen Autorität, über evangelische Armut, Gleichheit und Brüderlichkeit schenkte man hoffnungsvoll Gehör. Eine fanatische Glaubensgenos-senschaft entstand.

    Nach Pariser Vorbild gliederte sich die Prager Universität in vier Besucherkategorien, die den universellen Reichscharakter widerspiegelten: die bayrische (Bayern, Franken, Schwaben, Österreich, Schweiz und Rheinlande), die sächsische (Ober- und Niedersachsen, Brandenburg, Holstein, Mecklenburg, Pommern, Dänemark, Schweden, Finnland und Livland), die polnische (Polen, Schlesien, Lausitz, das preußische Ordensland, Litauen und Rußland) und die böhmische (Böhmen, Mähren und ungarische Länder); jede dieser Gruppen oder „Nationen” hatte ihren Protektor und eine Stimme.

    Hus war ein kluger Beobachter zeitgenössischer Verhältnisse. Er wußte sehr wohl, daß die Macht der moralisch schwer angeschlagenen und religiös unglaubwürdig gewordenen Romkirche nur dann zu brechen war, wenn ihr und ihren konservativen Verbündeten einerseits die Bildungsstätten der geistig schöpferischen Kräfte entzogen und andererseits starke sozialrevolutionäre Elemente Im Verein mit fanatisierten Glaubenskämpfern entgegengestellt wurden.

    Der erste Schlag gelang innerhalb der Universität. Hus, der die böhmischen Magister als Rektor anführte, versicherte sich der Hilfe König Wenzels IV., der allen Reichstreuen zürnte, weil ihn die Kurfürsten im Jahr 1400 auf dem Reichstag zu Rense als „versäumlichen, entbehrlichen Entgliederer des Reiches” um die deutsche Königskrone gebracht hatten.

    Gegen den Widerstand der streng orthodoxen übrigen Gruppen erhielt die böhmische das Übergewicht von allein drei Stimmen zugestanden (1409), was die bayrische, sächsische und polnische sofort mit dem Exodus und einer Universitätsgründung in Leipzig beantworteten.

    Wegen unablässiger Verdammung des päpstlichen Ablaßhandels vom großen Kirchenbann betroffen und aus Prag gewiesen, hielt sich Hus fortan auf dem Lande auf, verfaßte dort in Ruhe seine Streitschriften und putschte mit seinen Helfern die unfreien Bauern auf. Mächtige deutsche Adelsgeschlechter, die mit der Kirche in Konflikt geraten waren, gewährten ihm und seinen Anhängern Schutz und Hilfe.

    Als gelehriger und sprachenkundiger Theologe hatte der böhmische Reformator längst die Bedeutung einer eigenständig-isolierenden Kirchensprache erkannt. Er knüpfte deshalb an die glagolitische Vorarbeit an, bediente sich der Metathesen (= Buchstabenumstellungen) und führte in seinen religiösen Schriften die diakritischen Zeichen ein (c, r, s, z). Das Ergebnis dieses Schaffens wurde jedoch wenig beachtet und blieb in Anfängen stecken. Hus starb 1415 den Flammentod; ein Jahr darauf folgte ihm sein Freund Hieronymus von Prag auf den Scheiterhaufen.

    Die grausame Hinrichtung der „Ketzer” ließ die hussitische Flamme erst recht auflodern; sie erfaßte die unterdrückten Volksteile ebenso wie Bürger und Adel, Freie und Unfreie, die dem „reinen Glauben” zuneigten. Während Dynastiehader und Ständekriege die Reichsordnung zerrütteten, König und Gegenkönige, Papst und Gegenpäpste um die Macht stritten, wurde das Konstanzer Konzil die Veranlassung zur Explosion der auf-gespeicherten Empörung in Böhmen.

    Aufgehetzt von den Predigern Johann Jesenitz und Johann von Seelau versammelten sich am 22. Juli 1419 auf einer Anhöhe bei Austi, dem späteren „Tabor” in Südwestböhmen (Tabor = Berg der evangelischen Verklärung), rund 40.000 Anhänger des neuen Glaubens, um schwärmerisch ihrer Märtyrer Hus und Hieronymus zu gedenken und als „auserwähltes Volk” den „Feinden Gottes”, nämlich allen Katholiken, Tod und Vernichtung zu schwören. Die Prediger versprachen den „Brüdern” und „Schwestern” eine Abschaffung der Standesunterschiede, Aufteilung des Kirchenbesitzes, Enteignung der Grundherren und allgemeine Gütergemeinschaft.

    Der Sturm auf das Neustädter Rathaus in Prag, dem der Bürgermeister, sechs Ratsherren und ein Richter am 30. Juli 1419 zum Opfer fielen, eröffnete die wilden Mord- und Verwüstungskriege, die erst 1434 nach der Vernichtung des Hauptheeres der „Taboriten” zu Ende gingen.

    Das Kriegslied „Die ihr Gottes Streiter seid” mit dem Refrain „hur auf sie!” auf den Lippen – man sang es natürlich in deutscher Sprache! -, entvölkerten die Hussiten ganze Landstriche, verwüsteten die Fluren, legten Städte, Burgen, Klöster und herrliche alte Bauwerke in Schutt und Asche, lebten von Raub und Erpressung und mordeten willkürlich Mann, Weib, Kind und Tier. Adel und Bürgertum hatten sich längst von den organisierten Raubscharen zurückgezogen. Landwirtschaft, Bergbau, Handel und Wandel kamen zum Erliegen; das Volk verwilderte in den langen Jahren eines ununterbrochenen Bürgerkrieges.

    Was immer auch damals geschah, war nicht von „nationalen” Empfindungen geleitet. Wer heute das Gegenteil behauptet, kennt entweder die Geschichte nur aus der falschen Sicht fehlbeeinflußter Darstellungen oder er will die Wahrheit bewußt verschleiern.

    Wenn das reichsdeutsche Element Böhmens und Mährens während der Hussitenkriege beträchtliche Verluste erlitt, so nur deshalb, weil es überwiegend dem katholischen Glauben treu blieb, seinen Besitz verteidigte und an seinen alten Rechten festhielt. Es ist erwiesen, daß die Hussiten alle freien deutschen Bauern und Bürger schonten, sofern diese ihrem Glauben abschworen und sich nicht feindlich zeigten. Andererseits kämpften zahlreiche Reichsdeutsche in den Reihen der Taboriten. Völkische Gegensätze gab es nicht.

    Den entscheidenden Sieg über die Taboriten in der Schlacht bei Lipan (1434) erfocht übrigens der deutsche Ritter Mainhard von Neuhaus an der Spitze eines gemischten Heeres, das aus Adeligen, katholischen deutschen Bürgern, gemäßigten hussitischen „Utraquisten” und freien Bauern – alles in allem Söhne Böhmens – bestand. An der Seite Mainhards ritt der jugendliche Georg von Kunstadt, der seine besonderen Fähigkeiten im reifen Mannesalter als böhmischer Wahlkönig unter Beweis stellte.

    Die oft zitierten „Böhmischen Brüder” – später auch „Mährische Brüder” genannt – hatten ebenfalls keine „nationalen” Vorstellungen. Als streng religiöse Sekte von böhmischen „Utraquisten” (= abgeleitet von „sub utraque”; die U. nahmen das Abendmahl in beiderlei Gestalt entgegen und hießen wegen ihres Kelchsymbols auch „Kalixtiner”!) gegründet, suchten sie das Leben nach Art altapostolischer Gemeinschaften zu verchristlichen. Bald von Hussiten und Katholiken verfolgt, wanderten viele von ihnen nach Brandenburg, Schlesien und Mähren aus. Nach ihrer endgültigen Landesverweisung zerstreuten sie sich bis nach Amerika. Aus einer ihrer Abspaltungen ging 1722 in der Lausitz die „Herrnhuter Brüdergemeinde” hervor, die sich in die vier Zweige: den böhmisch-mährischen, mitteldeutschen, englischen und amerikanischen aufteilte.

    Außerhalb Böhmens und Mährens wurden die Brüdergemeinden überall als deutsch angesprochen und behandelt. Ihr gesamtes geistiges und literarisches Streben verlief in ausnahmslos religiösen Bahnen.

    * Gleich den glagolitisch beeinflußten Angehörigen des mittleren und niederen Klerus bemühten sich auch hussitische Orthodoxe weiterhin, eine spalterische Kirchensprache durchzusetzen. Ihre ersten Versuche, eine Angleichung an die Volkssprache zu erreichen, nahmen im Jahr 1483 ihren Anfang. Nach dem Trienter Konzil (1545-63) gerieten diese Bestrebungen unter russischen Einfluß. Die breite Masse des Volkes allerdings blieb von derartigen Experimenten intellektueller Sektierer weitestgehend unberührt. Adel und Bürgertum zeigten ebenfalls wenig Verständnis und kümmerten sich nicht um „hussitische Hirngespinste”; auch dann nicht, wenn sie selbst Utraquisten waren. Schriften, wie etwa die Kralitzer Bibelübersetzung, wurden als Kuriosum zur Kenntnis genommen; ihr Inhalt interessierte höchstens Gelehrte. Bauern und Knechte waren des Lesens und Schreibens in keiner Sprache kundig; Gutsherren, Handelsleute und Gewerbetreibende beherrschten bestenfalls die deutschsprachige Schrift; gebildete Aristokraten pflegten ihre Deutsch- und Latein-Kenntnisse; und die wenigen, starr hussitisch gesinnten Magister und Studenten befanden sich einschließlich der glagolitischen Kleriker in verschwindender Minderzahl.

    * Das Hussitentum bekämpfte Kirche und Deutschtum, weil beide weltanschaulich dieselben christlichen, kulturellen und zivilisatorischen Ziele verfolgten und sich gemeinsam auf den Boden des von den Hussiten negierten römischen Rechts, der Kultur und der Zivilisation stellten (Vgl. Msgr. Dr. Emanuel Reichenberger!).

    * örtliche Bevölkerungsverschiebungen in Böhmen – übrigens zum Schaden des ganzen Landes – stellten sich als unmittelbare Begleiterscheinungen der taboritischen Schreckenszeit ein. In die ausgemordeten und verödeten Bezirke, die vorher von ordnungsliebenden und fleißigen katholischen Deutschböhmen bewohnt waren, rückten hussitisch gesinnte Besitzlose und verwildertes Volk ein. Nicht wenig trug aber auch der Hochadel zu Umschichtungen bei; er bereicherte sich auf Kosten des Landesherrn, der Städte, des niederen Ritterstandes und der Bauern. Eine Vielzahl ehedem freier deutscher Bauern verstärkte das Heer der Fronenden und Leibeigenen.

    Die große Not der Bauernschaft wurde erst 1781 merklich gelindert. Das Volksbefreiungspatent Kaiser Josefs II., des Deutschen, hob Leibeigenschaft und gutsherrliche Gerichtsbarkeit auf, schränkte die Robot ein und ermöglichte den Bauernsöhnen eine schulische Ausbildung sowie den Besuch der Universitäten. Josefs Maßnahme betraf nicht nur Böhmen, sondern alle deutschen Länder der habsburgischen Hausmacht.

    * Wie wenig auch eingefleischte tschechophile Wortführer der Vergangenheit an den deutschen Kultur- und Wirtschaftsleistungen vorbeigehen konnten, beweisen zwei Beispiele: Prof. Tomas Masaryk schrieb 1894 in seinem Buch „Die tschechische Frage”: „Trotz allem Enthusiasmus für die Russen und Slawen und trotz allem Widerstreit mit den Deutschen sind doch die Deutschen unsere tatsächlichen Lehrmeister.”

    Prof. J. Pekar, ein heißer Verfechter des neotschechischen Standpunktes, machte in seinem Buch „Vom Sinn der tschechischen Geschichte” das Zugeständnis: „Die Aufzählung dessen, was die Deutschen auf unserem Boden geleistet haben, ist sehr umfangreich. Der Städtebau und damit im Zusammenhang die geistige und wirtschaftliche Machtentfaltung sowie der Reichtum des Landes waren wesentlich das Werk der Deutschen. Wenn die Tschechen wirtschaftlich, in der Administrative und in der Arbeitsleistung fähiger als die anderen östlichen Völker sind, so verdanken wir das vor allem der deutschen Erziehung.”

    * Während in weiten Gebieten Böhmens und Mährens die hochdeutsche Sprache den gleichen Formwandlungen unterworfen war, die aus dem gesamten süd- und mitteldeutschen Raum bekannt sind, hielt sich daneben seit der 2. Lautverschiebung noch ein Dialektgemengsel aus gotischen und suebischen Elementen, das sich von den geschlossenen mittelbayrischen (Südböhmen und Südmähren), nordbayrischen (nördl. Böhmerwald und Egerland bis Joachimstal-Duppau), ostfränkischen (anschl. Nordwestböhmen bis Brüx), obersächsischen (anschl. Nordböhmen bis Leipa) und schlesischen (restl. Nordböhmen einschl. Sudetenostteil) Mundartgruppen abhob und regional ein verschiedenartiges Eigenleben führte. Vereinzelte sarmatische Idiome, die von Karpatenbewohnern noch lange bewahrt worden waren, verschwanden gegen Ende des 18. Jahrhunderts aus dem Gebrauch.

    * Adel und Bürgertum fühlten und sprachen um 1800 nach wie vor deutsch. Die Landbevölkerung Innerböhmens, seit den Hussitenwirren in zwei Lager gespalten, betonte teils ein konservativ christlich-deutsches Bewußtsein, teils aber auch utraquistische Neigungen, die nach erfolgter Gegenreformation von der glagolitisch bestimmten Priesterschaft geschickt aufgefangen und in einen wechselweisen Gegensatz verwandelt wurden. Welche Spannungen derartige religiös ausgerichtete Gruppenbildungen innerhalb ganzer Reichsprovinzen auszulösen vermochten, bekunden nicht nur die Schreckensereignisse anläßlich der deutschen Bauernrebellionen und während des 30jährigen Krieges, sondern auch die bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts hineinwirkenden Erscheinungsformen eines unduldsamen Neben- und Gegeneinanders von Katholiken und Protestanten im Westen Deutschlands zur Genüge.

    Im Jahr 1800 standen sich deutschbewußte und übrige Böhmen mit einem Bevölkerungsanteil von 50:50, nach Einsetzen der panslawistischen Bestrebungen 1847 – gefördert durch separatistische, opportunistische und schwärmerische Parteigänger – 42 :58 und 1863 bereits 38 :62 gegenüber.

    * Die zeitgenössischen, äußerst korrekt und genau geführten Handbücher und Nachweise über die „Kaiserlich-Königlichen Kriegsvölker” und der k. k. österreichischen Armee (bis 1804 bzw. 1813) weisen die böhmischen Truppenteile ausnahmslos als d e u t s c h e Regimenter aus.

    * Im offiziellen und inoffiziellen Sprachgebrauch gab es für Land und Menschen im Sudetenraum bis zur Jahrhundertwende nur den einzigen feststehenden Begriff „Böhmen”. Gleiches traf für Mähren zu.

    Die vorstehend herausgehobenen Tatsachenbeispiele – sie ließen sich übrigens beliebig ergänzen und in allen Einzelheiten belegen – reichen aus, um die Unhaltbarkeit der Legende von den Tschechen erkennen zu lassen. Vom Ausland angeregt und begünstigt, verschrieben sich erst die sogenannten „Wiedererwecker” dem Ziel, das Streben intellektueller Kreise nach politischer Sonderstellung der Länder des ehemals unteilbaren Kurfürstentums (Böhmen, Mähren, Österreichisch-Schlesien) innerhalb der habsburgischen Donaumonarchie geschichtsphilosophisch und sprachlich zu untermauern. Das geistige Zentrum der Verschwörergruppe bildeten J. Dobrovsky (1753-1829), Josef Jungmann (1773-1847), Johann Kollar (1793-1852, Dichter), Franz Palacky (1798-1876, Landeshistoriograph) und Paul Josef Safarik (1793-1861, Altertumsforscher). Sie — die eigentlichen Begründer des Panslawismus – weckten in der ersten Hälfte des 19. Jah

    Kommentar von Detlef Nolde — März 7, 2009 @ 6:15

  2. Rolf-Josef Eibicht:

    Das Ur-Atlreich der Sudentendeutschen und Schlesier

    Am Ostrand des deutschen Sprachraumes wurde eine Siedlungskultur unterbrochen, die im Falle Böhmens, Mährens und Schlesiens in ununterbrochener Folge zwei Jahrtausende gedauert hatte.

    Geschichtslüge

    Bereits im 15. Jahrhundert, als mit den Hussiten und Taboriten ein völkisches Erwachen der Tschechen erkennbar geworden war, hatten diese erstmalig in den Sudetengebieten versucht, einen territorialen Anspruch zu erheben. Was damals nicht gelingen konnte, das bewirkten 500 Jahre später zwei verlorene Weltkriege und eine Reihe Irritationen, Desinformationen und Manipulationen in der Geschichtsdarstellung. Der aus dem Boden gestampfte tschecho-slowakische Staat, in den man auch die dreieinhalb Millionen Sudetendeutschen gepreßt hatte, erklärte diese zu Staatsbürgern minderen Rechts, die angeblich zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert von tschechischen Fürsten als Immigranten und Kolonisten ins Land gerufen worden wären. Mit dieser Geschichtslüge hatte Prag die „moralische Grundlage“ zur Hand für den Hinauswurf der angestammten Bevölkerung.

    Der Philosoph Arthur Schopenhauer sagt, jeder Irrtum, der falsch stehenbleibt, müsse früher oder später Schaden stiften. In diesem Falle geht der „Irrtum“ vor allem auf das Konto des Panslawisten und Geschichtsschreibers Frantisek Palacky (1798-1876), der im vorigen Jahrhundert diese Kolonisationslüge und andere Unwahrheiten in die tschechische Nationalgeschichte geschrieben hat. Galileo Galilei stellt zu solchem fest: „Wer die Wahrheit nicht weiß, ist bloß ein Dummkopf – wer sie aber weiß und dennoch Lügen spricht, der ist ein Verbrecher.“ Ein solches Urteil kann freilich nur für Leute gelten, die mit der komplexen Materie vertraut sind. In der Politik, der Publizistik oder auch der Landsmannschaft wäre meines Erachtens ein Menetekel erst dann erkennbar, wenn die erste Reichsgründung in der kelto-germanisch-deutschen Geschichte, die im Jahre 9 vor Christi Geburt durch den Markomannenfürsten Marbod erfolgte, etwa übergangen werden würde.

    Sie wird nämlich im Jahre 1991 zweitausend Jahre alt. Diese erste Reichsgründung steht zugleich für das 2000jährige Jubiläum der Besiedlung der böhmisch-mährisch-schlesischen Gebiete durch Germanen, die sich mit den dort schon 400 Jahren länger anwesend gewesenen keltischen Bojern zu den heutigen Sudetendeutschen gemischt haben.

    Zum ersten Male erwähnt werden die Markomannen, ein Teilstamm der germanischen Sweben, von dem römischen Feldherrn und Staatsmann Gajus Julius Cäsar, und zwar in seinen Berichten über den Gallischen Krieg im 1. Jahrhundert v. Chr. Die zweite Erwähnung stammt aus dem Jahre 9 vor Christus, als der römische Feldherr Drusus den Markomannen in der Gegend von Bad Nauheim eine Niederlage beibrachte. Dieses Ereignis dürfte der äußere Anlaß für Marbod gewesen sein, seinen Stamm in die natürliche Festung Böhmen zu führen. Allerdings ist auch nicht auszuschließen, daß die dort lebenden keltischen Bojer die Markomannen zur Stärkung der Abwehrkraft gegen die expandierenden Römer herbeigerufen haben. Jedenfalls haben die Kelten beim Eintreffen der Germanen das Land nicht verlassen.

    Das Reich der Markomannen

    Mit seinem Reich schuf König Marbod in Böhmen, Mähren und Schlesien ein wehrhaftes Staatswesen, das – wie wir aus zahlreichen römischen Quellen wissen – das Weltreich Rom vier Jahrhunderte militärisch in Atem gehalten hat. Als Kernstämme gehörten ihm an: die Markomannen, der swebische Bruderstamm der Quaden, ein Teil der Wandalen und nicht zuletzt die Bojer. An bekannten Gefolgsstämmen kamen hinzu: zeitweise die in Thüringen lebenden Hermunduren (ein anderer swebischer Teilstamm), die Semnonen (noch ein Teilstamm der Sweben), sowie rund 200 Jahre lang die Langobarden. Dieser Germanenstamm aus dem Gebiet der Wesermündung durchquerte Böhmen auf einer Nord-Süd-Wanderung mit dem Ziel Italien. Gebietsmäßig erstreckte sich das Markomannenreich über Böhmen, Mähren, Schlesien, den nördlichen Teil Niederösterreichs und die Westslowakei.

    Dem „Chronikon Altinate“, einer Quelle des 10. Jahrhunderts, ist zu entnehmen, daß diese Gebiete dann im 5. Jahrhundert unter die Herrschaft des Hunnenkönigs Attila gerieten. Ein Teil der Bevölkerung ist damals vor den Hunnen geflüchtet – der andere geblieben. Viele Völker haben im Lauf der Geschichte ein ähnliches Schicksal zu tragen gehabt. Der Name der Markomannen schließlich begegnet uns letztmalig in der „Gotengeschichte des Jordanes“ aus dem Jahr 551 nach Christus.

    Sein Verschwinden hängt wohl weniger mit dem Auszug der Langobarden zusammen, der um diese Zeit erfolgte, als mit dem abermaligen Einfall eines mongolischen Reitervolkes in die Sudetengebiete: der Awaren. Im Gefolge dieser awarischen Eindringlinge – wie zuvor wahrscheinlich schon im Troß der Hunnen – sind die Vorfahren der heutigen Tschechen ins Land gekommen.

    Erster Holocaust in Europa

    Soweit die offizielle Lesart, wie sie in den Geschichtsbüchern steht. Der Grund, weswegen die tatsächlichen Eindringlinge hinter den Awaren versteckt werden, ist möglicherweise auf die Verwirrung zurückzuführen, die der Namenswechsel der Hunnen lange verursacht hatte.

    Dieses vitale Volk hatte sich nämlich nach dem Tod Attilas und seinem Rückzug aus Europa am Wolgabogen in Südrußland niedergelassen, ein neues Reich gegründet und sich den Namen „Chasaren“ zugelegt. Nachdem es alle Völker ringsherum unterworfen hatte, begann es bald weiter zu expandieren und im 7. Jahrhundert einen Kriegszug ins Donaugebiet zu unternehmen.

    Nach alter hunnischer Sitte nahmen die Chasaren bei ihren Kriegszügen Sklaven für Kriegsdienste mit, in diesem Fall sogar vier komplette kaukasische Stämme mit Frauen und Kindern. Diesen oblag es, den Heerbann auf dem Marsch zu versorgen und ihre chasarischen Herren bei Laune zu halten. In Mähren und der Westslowakei setzten sie sich dann für rund 200 Jahre fest und behielten Land und Leute unter der Knute. Als einzig erhalten gebliebenem Geschichtswerk aus dieser Zeit, das der Quellenstürmerei im Mittelalter entgangen ist, wird in der „Chronik Fredegars und der Frankenkönige“ anschaulich über dieses weithin unbekannte Kapitel berichtet. Im Jahre 830 schüttelten die kaukasischen Sklaven schließlich ihr Joch ab und nahmen blutige Rache an ihren Unterdrückern, die mittlerweile den jüdischen Glauben angenommen hatten. Dabei vernichteten sie auch die dortigen chasarischen Siedlungen mit Kind und Kegel so gründlich, daß rund 600 Jahre lang nichts von jüdischem Leben in Böhmen, Mähren und der Slowakei mehr zeugte. Anschließend gründeten sie einen eigenen Staat, den sie in einem Anflug von Größenwahn „Großmährisches Reich“ nannten, weil sie auch Böhmen und die Restslowakei dazuerobert hatten. Von Karl dem Großen und den Ungarn ist dieses Staatengebilde 907 endgültig liquidiert worden.

    Nach der Zerschlagung des Sklavenstaates dürften die eingeschleppten kaukasischen Stämme, bei denen es sich zweifelsfrei um die Frühtschechen handelt, bei der einheimischen Bevölkerung lange in einem ähnlichen Abhängigkeitsverhältnis gestanden haben, d.h. „Unfreie“ gewesen sein. Eine eigene Oberschicht haben sie jedenfalls nicht gehabt. Nur so ist zu erklären, daß der Chronist Karls des Großen, Einhard, rund 250 Jahre später nur von germanischen Namen in Böhmen zu berichten wußte. Auch die „Xantener Annalen“ berichten zum Jahre 846 nur von „Böhmen, die wir Wenden (also Wandalen) heißen.“ Von Einhard ist dann aber ein Wort überliefert, das 1000 Jahre später falsch interpretiert werden sollte und allergrößte Irritationen hervorgerufen hat.

    “Slawen” – Legende

    Einhard schreibt zum Jahr 805 nach Christus: „Im selben Jahr schickte Karl sein Heer mit seinem Sohn Karl ins Land der Sclavi, welche Behaimi genannt werden.“ Dieses war natürlich mißverständlich. Andererseits können die frühtschechischen Unfreien im Lande kaum ein so großes Gewicht gehabt haben, daß Einhard die Sudetengebiete nach ihnen als „Land der Sclavi“ genannt hat.

    Als Volksgruppenbezeichnung kann „Sclavi“ also nicht gemeint gewesen sein, zumal der Begriff dafür – so wie wir ihn heute kennen – erst im 18. Jahrhundert durch einen Schreibfehler bei der Übersetzung des deutschen Historikers August-Ludwig Schlözer (1735-1809) entstanden ist. Schlözer hat bei „Sclavi“ einfach das „c“ vergessen und ist damit zum Erfinder der „Slawen“ geworden. Ein Partizipant an diesem kardinalen Mißverständnis war der deutsche Philosoph Johann-Gottfried Herder, der darum sein „Slawenkapitel“ entwickelte und die Legende von den Slawen wissenschaftlich absicherte.

    Die Wahrheit aber ist: Zur Zeit Karls des Großen hat man unter „Sclavi“ schlicht das Gegenteil von Christen verstanden, nämlich Ungläubige, Ungetaufte oder Heiden. Auch im frühen Judentum hat man diesesn Ausdruck gekannt und für Leute anderen Glaubens gebraucht. Aufgrund des Einhardschen Berichts haben sich dann auch vierzig Jahre später „vierzehn behaimische Herzöge“ dieses Makels entledigt und sich in Regensburg taufen lassen. Die Tschechen aber haben diesen Schreibfehler trefflich zu nutzen gewußt, fortan „Sclavi“ als „Slawen“ interpretiert und daraus ein Totschlagargument entwickelt, das lange Zeit jeden Zweifel an ihrem Erstgeburtsanspruch auf Böhmen, Mähren und Schlesien im Keime erstickte.

    Irrlehre wird geglaubt

    Kein Wunder, daß die Sudetendeutschen inzwischen zu einem hohen Prozentsatz selbst glauben, ihre Vorfahren wären – von tschechischen Fürsten gerufen – als eine Art Gastarbeiter in die Sudetengebiete gekommen. Dieses völlig auf dem Kopf stehende Bild ist so verbreitet, daß es inhaltlich kaum noch in Frage gestellt wird. Stellvertretend für alle anderen sei hier nur ein Vertreter dieser Schule genannt, der auf deutscher Seite entscheidend zu dieser Meinungsbildung beigetragen hat:

    Der Prager Universitätsprofessor Dr. Wilhelm Wostry. Wostrys Glaubensbekenntnis lautete: „Nichts kann an der Tatsache etwas ändern, daß alle Quellen des 9. Jahrhunderts – sobald sie die Nationalität der Einwohner Böhmens und Mährens erwähnen – Land und Leute als slawisch bezeichnen. Der Wissensstand des hochangesehenen Universitätsprofessors ist offenbar keinesweg so umfassend gewesen, sonst könnte er sich keine solch hochnotpeinliche Blöße gegeben haben.

    Der große Physiker Max Planck hat Phänomene dieser Art folgendermaßen charakterisiert: „Irrlehren der Wissenschaft brauchen 50 Jahre und länger, bis sie durch neue Erkenntnisse abgelöst werden, weil nicht nur die alten Professoren aussterben müssen, sondern auch ihre Schüler!“

    Der bedeutendste Vertreter des sudetendeutschen Standpunktes war der deutsch-jüdische Landesarchivdirektor aus Brünn, Prof. Dr. Bertold Bretholz, eine seltene Mischung aus hoher Fachkompetenz, bemerkenswerter Zivilcourage und feinem Gespür für unredliche Absichten. Er scheint geahnt zu haben, was für die angestammte Bevölkerung auf dem Spiele stand und setzte den „Kolonisationstheoretikern“ daher seine „Kontinuitätsthese“ entgegen: “Das deutsche Volk in Böhmen und Mähren ist nicht zurückzuführen auf eine spätere Kolonisation, sondern auf uralte, durch nichts unterbrochene Ansässigkeit zuerst germanischer, dann deutscher Stämme.”

    Im Jahre 1922 veröffentlichte Bretholz, der zuvor schon einige größere Geschichtswerke über Böhmen und Mähren geschrieben hatte, seine berühmtgewordene Streitschrift „Palacky´s Kolonisationstheorie“.

    Wegweiser aus dem Lügengewirr

    Obgleich Bretholz damals noch nicht wissen konnte, daß sechzig Jahre später sowohl die „Slawenlegende“ geplatzt ist, als auch die „Chronik des Cosmas“ – auf der die gesamte tschechische Frühgeschichte basiert – als Fälschung dasteht, ist es ihm in dieser Streitschrift trotzdem gelungen, seine „Kontinuitätsthese“ schlüssig und fundiert zu entwickeln. Diese 23-seitige Broschüre, deren Inhalt niemals widerlegt werden konnte und der seine Aktualität bis heute erhalten hat, gehört als geistiges Rüstzeug in die Hand jedes bewußten Sudetendeutschen. Bertold Bretholz selbst, der den Sudetendeutschen die von Gott gegebene Heimat vergeblich zu erhalten versuchte, hat weder das Münchner Abkommen noch die Austreibung erlebt. Er ist 1936 im Alter von 74 Jahren in Brünn gestorben. Seine berühmte Streitschrift aber, die heute so aktuell ist wie damals, ist geblieben. Sie harrt ihres Einsatzes als Wegweiser aus dem babylonischen Lügengewirr.“

    Literaturhinweise:
    Die Chronik Fredegars und der Frankenkönige.
    Phaidon-Verlag, Essen und Stuttgart 1986
    Der dreizehnte Stamm.
    Gustav Lübbe-Verlag, Bergisch-Gladbach 1989

    (Quelle: Rolf-Josef Eibicht/Anne Hipp: Der Vertreibungs-Holocaust – Politik zur Wiedergutmachung eines Jahrtausend-Verbrechens, Riesa 2000, Seite 103 – 107)

    Kommentar von Detlef Nolde — März 7, 2009 @ 7:39


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