Startseite > 1 > Aussteiger aus der kommunistischen Bewegung

Aussteiger aus der kommunistischen Bewegung

Gerne und oft wird über Ex-Nazis gesprochen, entsprechende Bücher habe ich vorgestellt. Erfreulicherweise gab es jedoch auch immer Aussteiger aus der marxistischen Bewegung, worüber die linksliberale Meinungsindustrie sich allerdings ausschweigt. Dabei liegen hier, teils seit Jahrzehnten, einige gute schriftliche Darstellungen vor.

Da ich bis vor über einem Jahrzehnt nicht nur überzeugter Nazi war, sondern in den letzten Jahren auch an linken Veranstaltungen und Demonstrationen teilnahm, mit einschlägigen Organisationen und Leitungspersonen von der Linkspartei bis hin zu ultralinken Kleinstparteien mich befasste, im Austausch stand, kann ich eigene Praxiserfahrung beibringen, von meinem DDR-Erleben einmal abgesehen.

Im Resümee ein Anlaß, mich einmal mit der Literatur über oder von ehemaligen Marxisten zu befassen um auch hier wieder festzustellen, wie sich in Ansätzen die Erfahrungen gleichen, sich Berichte von Aussteigern ähneln. Egal, ob sie dem Kommunismus, Nationalsozialismus oder irgendwelchen „religiösen“ Sekten den Rücken kehren.

Immerdar der „Verräter“-Anwurf, das Unverständnis der teils trägen „Gesellschaft“, die Nachstellungen der „Drinbleiber“, von Leuten überhaupt, deren beschränkte Lebenserfahrung und mangelhaftes politisches Allgemeinwissen dazu führt, dieses Phänomen und die Betroffenen falsch zu beurteilen. Gar dem Unverstand, jemandes einstige politische Auffassungen als gegenwärtige vorzuhalten, nicht begreifend, daß er diese hinter sich gelassen hat, wie lange das auch zurückliegen mag.

Wo ein tiefinnerliches Gerechtigkeitsgefühl zur Pervertierung von Teilaspekten entartet, nationalen oder sozialen etwa, verbunden mit der Denke, daß der Zweck die Mittel heilige, wird die Persönlichkeit vom Negativen überschattet, die eigentlichen Grundanliegen traten mehr und mehr in den Hintergrund. Wo sich diese Entfremdung bemerkbar macht, können einschneidende Erlebnisse helfen, diese an die Oberfläche zu bringen, ins Bewusstsein. Wer dann die Courage besitzt, zieht daraus seine Konsequenzen, wagt den Bruch, den „Ausstieg“.

Was sich im Persönlichen an diesen „Rändern“ seit jeher abspielte, findet im größeren Rahmen seine Entsprechung. Das Suchen und Sehnen des Einzelnen, sein Streben nach der besseren, ganzheitlichen Ordnung, heimatlicher Verortung im tiefen, ja spirituellen Sinne, ist das unseres Volkes zu allen Zeiten. Hier liegt die wesenhafte Kontinuität, was alle vermeintliche Widersprüchlichkeiten als oberflächlich verblassen lässt, als Symptome des einen Ganzen charakterisiert.

Wenn Claus-M. Wolfschlag das sog. „Renegatentum“ als „Emanzipationsprozeß“ begreift, der „die Logik des sturen Lagerdenkens unterläuft und den Boden für Neues bereitet“, dann trifft das den Punkt. Einer solchen, seinen Worten nach „positive Außenwirkung, welche in der heute betriebenen Aufarbeitung“ solcher Biographien liegen kann, um „festgefahrene Parteifronten“ aufzubrechen, eine „neue Synthese“ zu entwickeln, soll mit diesem Beitrag zugearbeitet werden.

Denn, wie Hr. Wolfschlag weiter ausführt, dem ich mich nur anschließen kann: „Höchstwahrscheinlich liegt allein in der verbindenden Auseinandersetzung von „linken“ und „rechten“ Erfahrungen die Chance, Herausforderungen der Zukunft gestalten zu können. Vielleicht entstehen hier also zwischen den Stühlen neue Möglichkeiten humaner Grundüberzeugungen, welche im Zusammenspiel „progressiver“ und „konservativer“ Erfahrungen liegen dürften.“

—-

Werner Olles:

Ich hatte genug gesehen und gehört, hatte genug Schweinereien mitgemacht, hatte selbst genug „Dreck am Stecken“. Ich ließ die Linke hinter mir wie eine gescheiterte Ehe. Tatsächlich fielen die meisten Linken, wenn sie sich dann einmal zu einem solchen Schritt durchgerungen hatten, erst einmal in ein sehr tiefes Loch. Es sollte mir nicht anders gehen.

Der Abschied von der Linken war zwar gewissermaßen eine Erlösung, aber das Vakuum, das sich dann plötzlich auftat, war gewaltig und schmerzhaft. Da die Suche nach privaten Alternativen nicht von Erfolg gekrönt war, versuchte ich über religiöse Erfahrungen den Verlust meiner politischen Identität wieder wettzumachen.

Der Renegat ist ein Wanderer zwischen den Welten, … man schalt ihn einen Quertreiber, einen, der zwischen allen Stühlen sitzt. Tatsächlich hat er einen eignen Stuhl. Von dem aus er genau beobachtet, beurteilt, kritischer und richtiger. Sein eigener Herr zu sein, ist eines der schwierigsten politischen Geschäfte. Es bedeutet nämlich auch immer, heimatlos zu sein, keine Nestwärme zu spüren, ohne „Familie“ zu sein. … Daß sich dabei die Widersprüche häufen, ist natürlich nicht zu vermeiden. So tröstet man sich mit der Devise von Charles Maurras: „Ich bin Atheist, aber ich bin Katholik!“ In diesem Sinne hätte das Bekenntnis zum Schluß dann folgendermaßen zu lauten: „Ich bin rechts und links, konservativ und liberal, soziale und national!“

Peter Schütt:

Es waren ja nicht immer die dümmsten und die schlechtesten Menschen, die sich in diesem Jahrhundert der Revolutionen dem Kommunismus verschrieben haben. Die meisten haben früher oder später allerdings erkannt, dass der so kühn begonnen Traum vom Paradies auf Erden zum Scheitern verurteilt war, nicht aufgrund der Intrigen des allmächtigen Klassenfeindes, sondern aufgrund der eigenen Gebrechen und Verbrechen. Geläuterte und gewendete Genossen … sitzen in aller Regel zwischen den Stühlen. Den Linken gelten sie als Verräter, den Rechten bleiben sie suspekt, und die politische Mitte sitzt viel zu gedrängt auf ihren Stühlen und Wartebänken, um politischen Neuankömmlingen platz zu machen. Es müsste anders sein, denn zumindest im Himmel soll bekanntlich ein reuiger Sünder willkommener sein als tausend Gerechte, die schon immer gewusst haben wo es langgeht und wo „Barthel den Most holt“.

Von Stund an grüßten mich meine Genossen im Stadtteil nicht mehr, sie schauten zur Seite oder machten einen Bogen um mich. Ein Schriftstellerkollege und –genosse, mit dem ich fast ein Vierteljahrhundert befreundet war, beschied mir: „Für mich bist du gestorben!“ Die Redensart spricht für sich. Zu anderen Zeiten hätte ich tatsächlich damit rechnen können, von meinen eigenen Genossen an die Wand gestellt zu werden. Soweit ist es nicht gekommen, aber fast zwei Jahre lang bin ich nach dem Erscheinen meines Buches „Mein letztes Gefecht. Abschied und Beichte eines Genossen“ durch nächtliche Telefonanrufe terrorisiert worden. Meine Exgenossen haben vor und während meiner Autorenlesungen diffamierende Flugblätter verteilt, und sie haben sich schließlich an diverse Rundfunk- und Zeitungsredaktionen gewandt, um mich als angeblichen Anhänger der „neuen Rechten“ zu denunzieren.

Reginhald Rudorf:

Wer mit Rassenhaß, Klassenhaß oder sonstigen Ausschließlichkeits-Ideologien daherkommt, stellt sich a priori außerhalb jeder humanen Gesellschaft. Ich glaube, man kann gar nicht nur Antikommunist oder nur Antifaschist sein – entweder man ist Demokrat, und dann lehnt man jede Forum von Totalitarismus ab, oder man ist keiner. Wenn jemand kommt, der nur Antikommunist ist oder nur Antifaschist, gehe ich sofort auf Distanz.

Der Vorteil dieser Erkenntnisse und des daraus resultierenden Gespürs ist, dass ich imstande bin, totalitär verführte oder verführbare Mitmenschen auf Anhieb zu erkennen. Ich glaube, dass ich in der Lage bin, auch aus einem Artikel, der hintergründig verfasst ist, sofort herauszulesen, wessen Geistes Kind der Autor ist. Ich vermag Doktrinen aus Nebensätzen zu lesen.

Natürlich hat diese Fähigkeit, die ich zeit meines Lebens immer und möglichst sofort in Artikel umsetzte und umsetze, dazu geführt, einer gewissen Isolation ausgesetzt zu sein. Leute, die einen bloßstellen, sind weniger gefragt.

Ich bin Antikommunist, wie ich Antinationalsozialist bin, da beide Ideologien und Systeme von der physischen und psychischen Vernichtung des politisch Andersdenkenden ausgegangen sind. Deshalb sind für mich auch alle Nachfolgeorganistionen und –Ideologien indiskutabel, die versuchen, das eine oder andere von Gulag oder Holocaust zu retten.

Der Herausgeber Claus-M. Wolfschlag zieht ein Fazit (Auszug):

Die Renegaten sitzen zwischen mehreren Stühlen. Von ihren ehemaligen Mitstreitern wird ihnen zumeist „Verrat“ vorgeworfen und die Lauterkeit des weltanschaulichen Wandels … angezweifelt. Auch der Vorwurf, nicht wählerisch im neuen politischen Umgang zu sein, tritt des öfteren auf. Abweichler von linken Ideologieinhalten wurden immer von ihren ehemaligen Mitstreitern sehr ernst genommen und hart bekämpft: „Die sich von ihnen lossagen, werden von den Kommunisten stetes zu Verrätern gestempelt, oft auch als gekaufte Subjekte gebrandmarkt. Das liegt in der kommunistischen Logik. Wer einen totalen Anspruch auf den Menschen erhebt und voraussetzt, dass dieser Anspruch vom Betroffenen voll akzeptiert wird, muß jedes abweichende Verhalten von den gesetzten Normen als Verrat empfinden.“ (Peter Boris, Die sich lossagten, Köln 1983) Derartige „Verrats“-Vorwürfe, deren Äußerungen auch weit über das engere kommunistische Milieu hinausgehen, und die schwerwiegenden Auswirkungen auf das Dasein der vermeintlichen „Verräter“ hatten, werden auch in zahlreichen Beiträgen dieses Buches angesprochen (Günter Platzdasch, Dr. Peter Schütt, Reginhald Rudorf, Siegmar Faust, Vera Lengsfeld, Rainer Langhans, Dr. Klaus Zeitler).

Auf der anderen Seite blicken die Vertreter des gegnerischen Lagers oft mit Hochmut auf die neuankommenden „verlorenen Söhne“, denen nun angeblich zu große Aufmerksamkeit vom „Vater“ gezollt würde. Schließlich seien die Renegaten nur über mühselige Umwege dahin gelangt, wo der Standhafte schon immer richtig plaziert gewesen wäre. Auch das Misstrauen, einen „unsicheren Kommunisten“, ein feindliches „U-Boot“ neu in die eignen Reihen aufgenommen zu haben, tritt gelegentlich auf.

Andererseits gibt es aber auch immer wieder Lob für die „Wanderer zwischen den Welten“, vor allem wegen ihrer moralischen Integrität, ihres Gewissens, das den unmenschlichen Auswüchsen einer Ideologie widerstehen konnte. Der Renegat wird somit auch als ein Mensch verstanden, der sich aus selbstverschuldeter Unmündigkeit befreit sowie gegen die Erstarrung einer „Kirche“ in Dogmen auflehnt. Renegatentum ist demnach gerade als Emanzipationsprozeß zu begreifen, der die Logik des sturen Lagerdenkens unterläuft und den Boden für Neues bereitet.

Renegatenliteratur der politischen Linken existiert schon seit vielen Jahrzehnten, fast ausschließlich aus dem orthodox-kommunistischen Bereich: Bereits der glühende Kommunist Eduard Bernstein zeigte nach der unmittelbaren Begegnung mit Karl Marx in England öffentlich seine Enttäuschung. Dies kann man wohl schon als generellen Beginn linken Renegatenwesens betrachten. Seit den zwanziger und dreißiger Jahren unseres Jahrhunderts ist dann aus dem Kreis ehemaliger Anhänger des orthodoxen Kommunismus eine spezifische Literaturgattung entstanden: Die Aufarbeitung der eigenen Abkehr vom Marxismus in der sogenannten Renegatenbiographie.

Zahlreiche Menschen sind durch ihre biographische Aufarbeitung des Kommunismus oder die offen Abkehr von der Linken bekannt geworden. Die Liste der Namen ist lang:

Margarete Buber-Neumann, Milovan Djilas, Ludek Pachmann, Ernst Fischer, Wolfgang Leonhardt, Hermann Weber, Konstantin Pritzel, Erich Loest, Wolfgang Seiffert, Manes Sperber, Arthur Koestler, Georg Orwell, Andre Gide, Wolf Biermann, Doris Lessing.

Auch aus Kreisen der westdeutschen Linken sind Renegaten bekannt geworden, wobei unter dieser Linken (durch die Verworrenheit der westdeutschen Lage) nicht nur ehemalige Kommunisten, sondern auch – im weitesten Sinne – beispielsweise Vertreter sozialistischer oder sozialdemokratischer Anschauungen verstanden sein sollen.

Einer der bekanntesten Renegaten dürfte Klaus-Rainer Röhl geworden sein, der ehemalige Herausgeber der linksradikalen Zeitschrift „konkret“ und Ehemann der späteren RAF-Terroristin Ulrike Meinhof. In seinem Buch „Linke Lebenslügen. Eine überfällige Abrechnung“ beschrieb er Mitte der neunziger Jahre eingehend die dramatischen Ereignisse in seinem privaten Umfeld im Gefolge der 68er-Revolte. Röhl zählt sich heute zum nationalliberalen Flügel der FDP. Viele andere Renegaten der 68er-Zeit vollzogen ebenso ihre Form von Abkehr.

Die Autoren dieses Sammelbandes haben ihren eigenen Abschluß mit 1968 und der deutschen Linken gemacht. Sie wurden zumeist – im weitesten Sinne – „Konservative“ oder spiritualistische „Traditionalisten“. Sie kennen zwei Seiten der Medaille. Die positive Außenwirkung, welche in der heute betriebenen Aufarbeitung liegen kann, könnte dabei auch im Aufbrechen festgefahrener Parteifronten und der Entwicklung von neuen Synthesen liegen. Höchstwahrscheinlich liegt allein in der verbindenden Auseinandersetzung von „linken“ und „rechten“ Erfahrungen die Chance, Herausforderungen der Zukunft gestalten zu können. Vielleicht entstehen hier also zwischen den Stühlen neue Möglichkeiten humaner Grundüberzeugungen, welche im Zusammenspiel „progressiver“ und „konservativer“ Erfahrungen liegen dürften.

Aus: Claus-M. Wolfschlag (Hg.): Bye-bye `68…Renegaten der Linken. APO-Abweichler und allerlei Querdenker berichten, Leopold Stocker Verlag 1998

—-
—-

Margarete Buber-Neumann

Fast 40 Jahre sind vergangen, seit ich aus einer gläubigen Kommunistin zu einer Zweiflerin an der kommunistischen Lehre und schließlich zu einer Antikommunistin wurde. Diese Meinungsänderung hatte nicht nur sieben Jahre Konzentrationslager zur Folge, sondern trug mir von 1945 bis zum heutigen Tage, neben manchem anderen an Verleumdung und Beschimpfung, die freundliche Bezeichnung „Verräterin“ oder „Faschistin“ ein. In dieser Weise qualifiziert mich die äußerste Linke ab. Für gemäßigtere Linke bin ich eine „kalte Kriegerin“ oder eie „primitive Antikommunistin“. … Nichts scheint hierzulande anrüchiger zu sein als die Wandlung einer ehemaligen Kommunistin zu einer Befürworterin der parlamentarischen Demokratie, zu einer entschiedenen Kämpferin gegen jede Forum des Totalitarismus, und somit vor allem gegen die kommunistische Bedrohung unserer Freiheit.

Douglas Hyde:

Ich hatte das meiste vo meinem Kommunismus verloren als ich anfing, an menschliche Einzelwesen und ihre Schicksale zu denken und nicht nur an unpersönliche Massen und politische Entwicklungen …

Nicht der Kommunismus, ich hatte mich geändert: aber jetzt spürte ich, wie die Verwirklichung unserer Lehren und Taktiken allem widersprach, was – wie ich fühlte – richtig war. Aber das war es gerade. Ich fing an zu sagen, einige Dinge seien richtig und andere falsch. Ich beurteilte kommunistisches Handeln nach moralischen Maßstäben und nicht nach seiner Zweckmäßigkeit. Ein ganz und gar unmarxistisches Verhalten.

Es war noch immer kein Vorgang, dessen ich mir stets voll bewußt war; aber zunehmend wurde mir deutlich, was ich zutrug, und ich merkte, wie ich es sozusagen von außerhalb meiner selbst beobachtete. Als ein interessierter und oft erstaunter Zuschauer meiner eigenen geistigen und seelischen Entwicklung.

Es ging nun nicht mehr länger, dass ich mir sagte, das Endziel heilige die Mittel. Wenn ein Marxist erst einmal anfängt, zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden, zwischen richtig und falsch, Gut und Böse und beginnt, in seelischen Werten zu denken, dann ist es um seinen Marxismus geschehen.

Konstantin Pritzel

Nachzutragen bleibt nur noch, dass ich als Resultat meiner im Sowjetsozialismus gesammelten Erfahrungen sowie aufgrund der dort gewonnenen Erkenntnisse auch meine Ansichten über den Marxismus als theoretisch-philosophisches Gedankengebäude revidierte. Ich begann zu begreifen, dass die Freiheit des einzelnen und der marxistische Sozialismus mit seinem kollektivistischen Denkansatz letztlich unüberbrückbare Gegensätze bleiben müssen.

Und mehr und mehr festigte sich meine Auffassung, dass die Verstaatlichung bzw. Sozialisierung der Produktionsmittel und die zentralistisch-bürokratische Leitung des gesamten Wirtschaftsprozesses einerseits sowie die Drosselung der Grundfreiheiten, Pressezensur, Parteikontrolle der Justiz, polizeistaatliche Willkür und Gesinnungsschnüffelei durch den Staatssicherheitsdienst andererseits letztlich nur die beiden verschiedenen Seiten der gleiche Münze sind.

Günter Bartsch:

Meine Gründe für die Trennung vom Marxismus kann ich nunmehr in wenigen Punkten zusammenfassen:

a) Er bedeutete für mich eine infantile Rückentwicklung, die den Erfordernissen der Individualität schroff widersprach. Das brachte einen Ich-Verlust, der auf die Dauer nicht hingenommen werden konnte, wenn ich meine Identität nicht völlig einbüßen wollte.

b) Der Marxismus bewirkte, obwohl in seiner Entfremdungsklage auch ein humaner Impuls steckt die Entfremdung von mir selbst und der persönlichen Berufung. Er brachte schrittweise Entmenschlichung über mich, die an meiner Substanz zu zehren und sie aufzuzehren begann. Ich wurde hart und eisig gegen meine Mitwelt. … Deshalb musste ich mich vom Anker des Marxismus wieder losreißen.

c) Der Marxismus erwies sich im Zusammenhang mit seiner kommunistischen Praxis auch als geschichtliche und politische Regression. Er will die Menschheit auf eine „höhere“ Forum der menschlichen Urgesellschaft zurückschrauben. Sein Gemeineigentum ist eine Restauration der Besitzverhältnisse orientalischer Despotien, wo es sich ebenfalls schon in den Händen einer Bürokratie konzentriert. In politischer Hinsicht brachte er – nicht allein in der UdSSR, sondern in allen kommunistisch regierten Ländern- eine Wiederkehr des Absolutismus, der in moderner Technik eingeschaltet wurde. Selbst in den Kommunistischen Parteien bildeten sich leibeigenschaftliche Verhältnisse heraus.

d) In seinem Menschenbild und Herrschaftsmuster enthüllte der Marxismus-Kommunismus vor meinen Augen erschreckende Parallelen zum Faschismus-Nationalsozialismus. Auf dieser Grundlage war in der DDR eine Fortsetzung der Diktatur möglich, die schon 1933 begonnen hatte. Man brauchte nur die Fahnen und einen Teil der Personen auszuwechseln. Die russische Pseudorevolution in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands wurde ergänzt durch einen Pseudobruch zwischen zwei Diktaturen mit denselben Grundprämissen, die sich nur durch Besonderheiten unterscheiden.

e) Endlich begriff ich auch, dass der Klassenkampf nicht zur Aufhebung der Klasse führen kann, sondern sie täglich reproduziert, wodurch der Marxismus sein Ziel einer klassenlosen Gesellschaft selbst unmöglich macht. Seine Einteilung der Menschen nach Arbeits- und Eigentumsverhältnissen, ihre Betrachtung als Produktionsinstrumente, ihre Gegenüberstellung als „produktiv“ und „parasitär“ – das waren schon bei Marx jene Keime der Entmenschlichung, welche aus der Theorie wie ein Bazillus auf mehr oder weniger alle übergriff, die sich ihr verschrieben.

Es kam noch viele hinzu, vor allem der 17. Juni 1953, eine Zäsur, die sich auch in das Leben anderer Kommunisten einschnitt. Doch tiefenpsychologisch handelte es ich bei mir um den Aufstand der Persönlichkeit in einer Person, um das Dehnen und Strecken einer erwachten Individualität, welche die Fesseln des Marxismus nicht länger ertrug und deshalb zerriß. Das konnte nicht auf einmal gelingen. Es setzt im Gegenteil über ein ganzes Jahrzehnt die immer erneute Anspannung aller Muskeln voraus.

Mein Fall war eine Erhebung des Menschen gegen die ideologisch verbrämte und fortschrittlich drapierte Unmenschlichkeit, der sich in mir selber endgültig zu verfallen drohte. Also ein Akt der Selbstbewahrung und anthropologische Revolte unterhalb der politischen Sphäre.

In den fünfziger Jahren waren solche Fälle noch ziemlich selten. Heute jedoch gehört die Individualitätsrevolte fast zum insgeheimen Tagesgeschehen in den kommunistischen Ländern und vielen KP`s.

Aus: Löw, Eisenmann, Stoll (Hrsg.): Betrogene Hoffnung. Aus Selbstzeugnissen ehemaliger Kommunisten. Sinus-Verlag 1978

Literaturverweise:
Klaus Rainer Röhl: Linke Lebenslügen – Eine überfällige Abrechnung
Löw, Eisenmann, Stoll: Betrogene Hoffnung – Aus Selbstzeugnissen ehemaliger Kommunisten
Claus-M. Wolfschlag: Bye-bye ‘68 – Renegaten der Linken, APO-Abweichler und allerlei Querdenker berichten
Konrad Löw: Die Lehre des Karl Marx. Dokumentation – Kritik
Konrad Löw: Warum fasziniert der Kommunismus
Stéphane Courtois, Konrad Löw: Das Rotbuch der kommunistischen Ideologie. Marx & Engels. Die Väter des Terrors
Konrad Löw: Der Mythos Marx und seine Macher. Wie aus Geschichten Geschichte wird
Stephane Courtois: Das Schwarzbuch des Kommunismus: Unterdrückung, Verbrechen und Terror
Jörg Baberowski: Der rote Terror: Die Geschichte des Stalinismus

Kategorien:1 Schlagworte: , ,
  1. Juni 10, 2009 um 4:43 | #1

    Buchtipp zum Thema:

    Jan Fleischhauer
    Unter Linken. Von einem, der aus Versehen konservativ wurde

    Linke müssen sich in Deutschland für ihre Ansichten nicht rechtfertigen. Sie haben ihre Meinung flächendeckend durchgesetzt, nicht im Volk, aber in den tonangebenden Kreisen, also da, wo sie vorzugsweise zu Hause sind. Wer links ist, lebt im schönen Gefühl, immer Recht zu haben. In der Politik haben sich die Linken oft geirrt, aber irgendwie macht das nichts, immer werden ihnen die besten Motive zugebilligt. Warum eigentlich? Jan Fleischhauer hat einen Großteil seines Lebens unter Linken verbracht – vom Elternhaus über Schule und Universität bis zum Milieu der Journalisten, in dem er seit zwei Jahrzehnten arbeitet. Jetzt unterzieht er sie einer genauen Betrachtung, mit dem Abstand desjenigen, der irgendwann entdeckte, daß er nicht mehr dazugehört. Eine Erkundung der linken Lebenswelten – persönlich, boshaft und sehr unterhaltsam.

    Quelle und Bezug: http://www.jf-buchdienst.de/

  1. Keine Trackbacks bisher.