Stefan Jahnel: Mythos Neonazi – Abrechnung eines Aussteigers

„Vor allem sei eins: dir selbst treu“ (Polonius in Shakespeares Hamlet)

Stefan Jahnel

Mythos Neonazi – Abrechnung eines Aussteigers 1

Kommentar zum Buch

Es gibt kaum etwas, worauf eine Sekte allergischer reagiert, als auf Aussteiger. Diese werden von den zurückgebliebenen Gralshütern der reinen Lehre entweder ignoriert, rückwirkend kriminalisiert, lächerlich gemacht oder terrorisiert. Der Titel „Verräter“ wird sowieso automatisch vergeben. Bisweilen wird auch behauptet, sie wären nie richtig „eingestiegen“, weshalb sie gar keine „richtigen“ Aussteiger sein könnten.

Wut, Verzweiflung und Unverständnis führen zu solch konfusen Reaktionen gegenüber jenen, mit denen vorher noch jahrelang einträchtig zusammengearbeitet wurde, was solche Nachrufe natürlich alles andere als nachvollziehbar macht.

Unsinnig ist derlei Übung bei ehemaligen Gesinnungsgenossen, die über Jahre hinweg hohe Leitungspositionen innehatten. Dazu gehörte Stefan Jahnel. Er war über zehn Jahre in der Neonazi-Szene aktiv, unter anderem als Geschäftsführer des FAP-Landesverbandes Bayern, später als Bundesschatzmeister der Nationalen Offensive (NO).

Über ihn wurde nicht geschrieben – wo sich zwangsläufig auch Fehler und Ungenauigkeiten einschleichen können –, sondern er selbst schrieb ein Buch über seine politische Vergangenheit und benennt eigene Schlußfolgerungen.

„Ein ‚Ausstieg’ ist nichts anderes als die Gewißheit, eine Phase des eigenen Lebens irreversibel hinter sich gelassen zu haben und das Gefühl, einen Bruch der Biografie erlebt zu haben.“ (Burkhard Schröder 1)

Jahnel bleibt auch nach seinem Ausstieg ein eigenständiger Mensch. Das heißt, er biedert sich niemanden an, um als „Nazi-Aussteiger“ anerkannt zu werden, womöglich, weil er mit diesem Titel Geld verdienen will.

Er betont zudem, daß die nationale Frage nicht jenen überlassen werden darf, denen er einst angehörte, ebenso nicht die Zusammenführung patriotischer und sozialer Anliegen:

„Deutschsein und stolz darauf zu sein, sollte nicht länger alleine rechten Gruppierungen überlassen werden. Es gibt zahlreiche historische Vorbilder, daß das Bekenntnis zu Deutschland nicht gleichzusetzen ist mit einem übersteigerten Nationalismus. So muß man auch klar erkennen, daß national und sozial zusammengehören. Eine der Ursachen für den Erfolg des Nationalsozialismus war es, daß es den Nationalsozialisten gelang, die Begriffe national und sozialistisch zusammenzuführen. Dabei war freilich allenfalls sozial und mehr nationalistisch als national gemeint. Die Zusammenführung der Begriffe national und sozial sollte nicht einfach rechten Gruppierungen überlassen werden. Sinn der Nation ist eben zu einem Großteil die Solidargemeinschaft, also sich um einen sozialen Ausgleich zu bemühen. Ebenso gilt:

Wer an einem funktionierenden sozialen Ausgleich interessiert ist, kommt an die Nation nicht vorbei.“ 3

Solch Worte eines Ex-Nazis werden nicht überall auf Gegenliebe stoßen. Vermutlich wird er sogar, wie auch ich, als „angeblicher Nazi-Aussteiger“ betitelt, da man derlei „nationales Denken“ dummerweise dem Neonazismus zuordnet.

Einige Leute wollen „Aussteiger“, die ihnen nach dem Munde reden. Weigern sich diese, wird an ihnen herumgemäkelt, gezweifelt, ob sie denn überhaupt „richtig“ ausgestiegen sind. Stefan Jahnel kümmert sich darum nicht. Er benennt jedoch einige wichtige Gründe, die seiner einstigen Szene unnötigen Zulauf verschaffen:

„Tatsächlich denke ich, da gibt es eine gemeinsame irrige Grundhaltung zwischen Neonazis und Demokraten. Beide scheinen davon auszugehen, daß dieses demokratische System zusammenbrechen würde, wenn die Leute nicht mehr an den Holocaust glauben würden. Ich halte das für hanebüchenen Unsinn. Das Dritte Reich hat sich in seiner Gesamtheit als nicht wünschenswerte Alternative zu unserer Demokratie gezeigt. Selbst, wenn man Krieg und Judenvernichtung abzieht, bleibt doch soviel Schlechtes als abschreckendes Beispiel über. Daher sollte man den Ideen des Nationalsozialismus nicht Verbote entgegensetzen, sondern unsere Vorstellung von Freiheit.

Das ist nämlich der eigentliche Propagandatrick der NS-Bewegung. Es wird einem ja nicht gesagt, dir wird die Freiheit genommen, sondern im Gegenteil: Man sagt den Leuten: Seht her und erlebt es selbst, es sind die anderen, es sind die Demokraten, die euch die Freiheit wegnehmen. Die sprechen von Freiheit, und dann kramen sie irgendwelche Gesetzbücher heraus, um Paragraphen ausfindig zu machen, die euch daran hindern, eure Meinung zu sagen. Man muß ertragen können, daß mißliebige Gruppen eben auch ihre Meinung sagen. Und zwar egal, ob es Nationalsozialisten, Kommunisten oder religiöse Gruppen sind.“ 4

Es darf bezweifelt werden, ob seine Ratschläge Gehör finden.

Jahnels Fazit:

„Meine Trennung von der Weltanschauung des Nationalsozialismus ist eine persönliche Wandlung. Sie bedarf deshalb nicht der Allgemeingültigkeit. Mich hat das Überdenken meines damaligen Weltbildes und die Schlüsse, die ich daraus gezogen habe, ziemlich direkt zum Liberalismus geführt. Bei einem anderen mag das ganz anders sein, und er wird dann vielleicht Sozialdemokrat oder Konservativer oder Grüner. Das heißt dann aber weder, daß meine oder daß seine Denkansätze richtiger sind. Es gibt eben verschiedene politische Weltanschauungen, und diese Vielfalt ist wohl das eigentlich Richtige.“ 5

Stefan Jahnel hat Mut bewiesen. Mut zur Veränderung, Mut, seinen eigenen Weg zu gehen. Und er beweist Rückgrat, weil er unbequeme Wahrheiten ausspricht. Für alle Seiten.

+++

1 Stefan Jahnel, „Mythos Neonazi – Abrechnung eines Aussteigers“, Buchreihe Weisse-Rose-Jugendbündnis 2004, ISBN 3-937034-63-3
2 Burkhard Schröder, „Aussteiger – Wege aus der rechten Szene“, 2002, ISBN 3-473-58175-5, www.burks.de
3 Jahnel, S. 128
4 Ebenda S. 72
5 Ebenda S. 116

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3 Gedanken zu “Stefan Jahnel: Mythos Neonazi – Abrechnung eines Aussteigers

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