Stefan Michael Bar: Fluchtpunkt Neonazi – Eine Jugend zwischen Rebellion, Hakenkreuz und Knast

„Die Treue zur Torheit ist eine zusätzliche Torheit. Für das Denken bedeutet Treue nicht, sich der Veränderung seiner Ideen zu verweigern. Treue bedeutet, die Ideen nicht ohne gute und triftige Gründe zu verändern und – da man sie nicht andauernd überprüfen kann – das für wahr zu halten – bis zu einer erneuten Überprüfung –, was einmal klar und deutlich als wahr befunden wurde. Folglich weder Dogmatismus noch Unkonstanz.“ (Hans Buchheim, Treue – zwischen Vertrauen und Starrsinn)

Stefan Michael Bar

Fluchtpunkt Neonazi – Eine Jugend zwischen Rebellion, Hakenkreuz und Knast 1

Kommentar zum Buch

Stefan Michael Bar erklärte im Jahre 2001 vor Millionen Fernsehzuschauern seinen Ausstieg aus der Neonazi-Bewegung. Viele Monate vorher begann er, sich von der dazugehörigen Ideologie und seinen „Kameraden“ zu entfremden. Dieser Welt in ihrer ganzen Bandbreite, deren Widersprüche und die dortige Heuchelei hinterließen ihre Spuren, die sich immer deutlicher in ihm bemerkbar machten. Und doch, der Glaube war noch präsent:

Der Nationalsozialismus war meine Religion, Adolf Hitler mein Gott. Alles drehte sich nur noch hierum. (…) Es schien, als habe ich mein Seelenheil gefunden. 2

Er brauchte eine Zeit sich klar zu werden, daß da etwas Neues im Entstehen war, etwas, was ein Ausstieg, aber auch ein Neuanfang sein würde. Für Außenstehende ist deshalb diese Phase der inneren Klärung nicht unbedingt erkennbar. Er war noch einer von ihnen, so dachten seine Kameraden.

Eines Tages war ihm klar: Es ist nicht mehr seine Ideologie, es sind nicht mehr seine Kameraden. Er brach endgültig und war frei. Verinnerlichte Dogmen waren verschwunden, eine Last schien von seinen Schultern genommen.

Bar ist glaubwürdig, geht seinen eigenen Weg. Er kennt kein Anbiedern an seine früheren „Gegner“, schüttet sich nicht Asche übers Haupt. Jegliche Zusammenarbeit mit staatlichen Organen und offiziösen Aussteigerinitiativen lehnt er ab:

Keine Lust, mich vermarkten zu lassen. Durch Talkshows tapsen wie ein Tanzbar, ich brauch das nicht. Für mich sind das keine Aussteiger, die hängen ja immer noch an der ‚Szene’ und teilen sich über die mit. Dieses ganze Aussteiger-Getue ist für mich genauso verlogen wie die ‚Szene’ oder Politik allgemein. Davon will ich nichts wissen. 3

Grundlose Reue? Fehlanzeige bei Bar:

Ob ich irgend etwas bereue, bin ich oft gefragt worden. Gar nicht so leicht zu beantworten. Natürlich könnte ich den Kopf senken und Reue heucheln, wem aber würde das was bringen? In erster Linie muß ich das, was ich getan habe, vor mir selbst verantworten, vor sonst niemandem. Ganz allein mit mir muß ich in Einklang kommen. Wer mir moralisch etwas vorhalten will, kann das gerne tun, interessiert mich nicht. Niemand hat mir etwas vorzuwerfen oder muß mich an etwas erinnern. Und ich bereue es nicht, für ein Prinzip gekämpft zu haben, das diesen Staat in Frage stellt, daß ich mich aufgelehnt habe. Auch, wenn ich mich ideologisch so brutal irrte und auf der falschen Seite stand. Aus meinen damaligen Empfinden war das richtig, ich muß das heute so stehen lassen. Ich habe mich selbst entnazifiziert, ich ganz allein. Hoch geflogen und tief gefallen, doch ich stehe wieder. 4

Seine folgenden Sätze zeigen exemplarisch die Empfindungen und Gedanken von Menschen, die sich losgemacht haben von geistiger Starre:

Es war eine Entscheidung von Sekunden, Sekunden, in denen ich endgültig mit den ‚Kameraden’ brach. Wie ich zuvor schon auf Distanz gegangen, hatte mich abgesondert und zurückgezogen, jetzt war die Bindung gekappt. Wie eine Nabelschnur durchtrennt. Alles andere hätte bedeutet, sich selbst zu belügen. Die letzten Monate war ich wie ein Schiff ohne Ruder hin und her getrieben, manövrierunfähig, ohne Ziel, zwischen Ausstieg und drin bleiben. Jetzt war ich gestrandet, auf Grund gelaufen.

Das Feuer war aus, in mir konnte ich das richtig spüren. Mir war, als ob ich aus einem langen Traum aufwachen würde. Mosaikstein für Mosaikstein hatte sich zusammengefunden und mich in meinen Zweifeln immer mehr bestätigt. Steter Tropfen höhlt den Stein, an diesem Morgen mußte ich mir eingestehen, jetzt und hier war die Sache zu Ende. Auf einmal war da die totale Erleichterung, ein völliges Freiheitsgefühl in mir. Dieser komische Druck war plötzlich weg, all die Jahre über hatte ich mich dem selbst ausgesetzt.

Politisch was auf die Beine stellen, organisieren, funktionieren, auf Linie sein. Die ganze Anspannung, innerlich, auf einmal weg, im Kopf völlige Klarheit. Ich geh raus, weil das nicht mehr meine Sache ist, nicht mehr mein Kampf. Nicht nur um mich herum, auch in mir wurde es hell. Kein Roboter mehr, der eine Mission erfüllen muß, keine Maschine mehr, sondern ein Mensch, der über sich selbst nachgedacht hat. Hat lang gedauert, bis ich angefangen habe, mich selbst zu begreifen und zu verstehen, eine Phase, in der ich allein sein wollte, allein sein mußte. Niemals hätte ich daran gedacht, der ‚Bewegung’ den Rücken zu kehren, einfach unvorstellbar. Und jetzt war ich drauf und dran, es zu tun. Der Ausstieg ist Anfang und Ende zugleich. Auf einmal steht man völlig alleine da. Die Gesellschaft war der Feind, und daran mußte ich mich erst einmal gewöhnen, langsam herantasten, Feindbilder abbauen, auf Leute zugehen.

Du lebst Dein Leben in der Szene, und gleichzeitig zieht das Leben an Dir vorbei, ohne daß Du’s merkst. Selbstisolation. Wenn man sich die selbst zugelegten Scheuklappen abnimmt, ist es erst mal komisch, wieder nach links und rechts zu sehen und nicht mehr nur stur geradeaus. Über den Tellerrand hinaus, keine Überlegungen mehr, ist das im Einklang mit dem Nationalsozialismus. Ich ganz allein hab entschieden, subjektiv, dem Gefühl nach. Wenn ich aussteige, dann für immer, ohne Rückkehr. Das hatte ich mir fest vorgenommen und wollte mir ganz bewusst den Weg zurück versperren. 5

Die Wirklichkeit ist stärker als jede Sektenlehre, die man in seinem Kopf installiert hat. Bar hat sich diesem Prozeß nicht länger entgegengestemmt. Er brachte den Mut auf, einen Schlussstrich zu ziehen. Ein Weg, den auch ich gegangen bin.

Wenn Leute wie er zu Orientierungspunkten für Drinbleiber und deren Mitläufer werden, dann war sein Gang an die Öffentlichkeit nicht umsonst gewesen. „Fluchtpunkt Neonazi“ kann dazu einen wertvollen Beitrag liefern.

+++

1 Stefan Michael Bar, Fluchtpunkt Neonazi – Eine Jugend zwischen Rebellion, Hakenkreuz und Knast, Verlag Thomas Tilsner, Berlin 2003, www.aussteiger-buch.de
2 Ebenda, S. 37
3 Ebenda, S. 146
4 Ebenda, S. 144
5 Ebenda, S. 132-141

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3 Gedanken zu “Stefan Michael Bar: Fluchtpunkt Neonazi – Eine Jugend zwischen Rebellion, Hakenkreuz und Knast

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