Ex-Kommunisten rechnen ab …

Das SED-Mitglied Rolf Henrich kam 1990 nicht nur zu der Erkenntnis, daß die kommunistische Formationslehre („Historischer Materialismus“) unter dem Gesichtspunkt der Eigentumsfrage („Gemeinschaftliches Eigentum –> „Privateigentum an den Produktionsmitteln“ –> „Gesellschaftliches Eigentum“), wonach dem Kapitalismus „gesetzmäßig“ der Sozialismus und schließlich Kommunismus (=die „Kommunistische Gesellschaftsformation“) folgt, nicht stimmig ist, sondern auch das Glaubensdogma vom „Gegensatz zwischen Idealismus und Materialismus“, wie ihn die Kommunisten vertreten.

Rolf Henrich in seinem Buch „Der vormundschaftliche Staat – Vom Versagen des real existierenden Sozialismus“:

Innerhalb der abendländischen Philosophie war es die Gnosis, die als mystische Geistesrichtung im 1. und 2. Jahrhundert n. Chr. den Gedanken einer Beseelung aller Materie mit aller wünschenswerten Klarheit durchdachte. Etwa 1970 haben Physiker in Princeton und Pasadena wieder den Gedanken einer unteilbaren Einheit zwischen dem Geist und den Phänomenen aufgegriffen.

Und vor kurzem hat nun Jean E. Charon seine komolexe Relativitätstheorie vorgestellt, die in Weiterführung des gnostischen Denkens und der Einsteinschen Allgemeinen Relativitätstheorie ein neues Strukturmodell der Teilchen gebraucht. Danach besitzt jedes einzelne Teilchen, aus denen die Materie, aber auch das ganze Universum besteht, sein eigenes Erinnerungsvermögen.

„Im Klartext heißt das nichts anderes“, schreibt Charon, „als daß jedes einzelne Materieteilchen zu einem Verhalten befähigt ist, das sehr wohl vergleichbar ist mit dem Verhalten der Lebewesen – uns Menschen inbegriffen – , die ja ebenfalls ein „Gedächtnis“ bestitzen und dieses einsetzen, um in jedem Augenblick ihr Verhalten zu steuern.“.

Mit einer solchen Haltung gegenüber dem, was man „Psychomaterie“ nennt, sind zwangsläufig Konsequenzen verbunden. Sobald wir nämlich Bewußtsein und Materie nicht mehr als voneinander getrennte Größen ansehen, sondern prinzipiell wie eine Zweieinheit (etwa wie Welle und Korpuskel) fällt der für das dogmatische Weltbild konstitutive Bewußtsein-Materie-Gegensatz ganz automatisch in sich zusammen.

Wenn die Materie-Bewußtsein-Beziehung in dieser Weise gesehen wird, ist es natürlich unsinnig, weiterhin die „Grundfrage“ der Philosophie in der bekannten Form zu stellen. Es gibt dann kein „Primat der Materie“ mehr, keinen Materialismus, keinen Idealismus oder wie die Parteiungen, Fronten und Dualitäten noch heißen mögen, die sich um die Beantwortung der „Grundfrage“ ranken.

Die Berichte von Kommunismus-Aussteigern gleichen jenen von Nazi-Aussteigern:

Werner Olles:

Ich hatte genug gesehen und gehört, hatte genug Schweinereien mitgemacht, hatte selbst genug „Dreck am Stecken“. Ich ließ die Linke hinter mir wie eine gescheiterte Ehe. Tatsächlich fielen die meisten Linken, wenn sie sich dann einmal zu einem solchen Schritt durchgerungen hatten, erst einmal in ein sehr tiefes Loch. Es sollte mir nicht anders gehen.

Der Abschied von der Linken war zwar gewissermaßen eine Erlösung, aber das Vakuum, das sich dann plötzlich auftat, war gewaltig und schmerzhaft. Da die Suche nach privaten Alternativen nicht von Erfolg gekrönt war, versuchte ich über religiöse Erfahrungen den Verlust meiner politischen Identität wieder wettzumachen.

Der Renegat ist ein Wanderer zwischen den Welten, … man schalt ihn einen Quertreiber, einen, der zwischen allen Stühlen sitzt. Tatsächlich hat er einen eignen Stuhl. Von dem aus er genau beobachtet, beurteilt, kritischer und richtiger. Sein eigener Herr zu sein, ist eines der schwierigsten politischen Geschäfte. Es bedeutet nämlich auch immer, heimatlos zu sein, keine Nestwärme zu spüren, ohne „Familie“ zu sein.

… Daß sich dabei die Widersprüche häufen, ist natürlich nicht zu vermeiden. So tröstet man sich mit der Devise von Charles Maurras: „Ich bin Atheist, aber ich bin Katholik!“ In diesem Sinne hätte das Bekenntnis zum Schluß dann folgendermaßen zu lauten: „Ich bin rechts und links, konservativ und liberal, sozial und national!“

Peter Schütt:

Es waren ja nicht immer die dümmsten und die schlechtesten Menschen, die sich in diesem Jahrhundert der Revolutionen dem Kommunismus verschrieben haben. Die meisten haben früher oder später allerdings erkannt, dass der so kühn begonnen Traum vom Paradies auf Erden zum Scheitern verurteilt war, nicht aufgrund der Intrigen des allmächtigen Klassenfeindes, sondern aufgrund der eigenen Gebrechen und Verbrechen.

Geläuterte und gewendete Genossen … sitzen in aller Regel zwischen den Stühlen. Den Linken gelten sie als Verräter, den Rechten bleiben sie suspekt, und die politische Mitte sitzt viel zu gedrängt auf ihren Stühlen und Wartebänken, um politischen Neuankömmlingen platz zu machen. Es müsste anders sein, denn zumindest im Himmel soll bekanntlich ein reuiger Sünder willkommener sein als tausend Gerechte, die schon immer gewusst haben wo es langgeht und wo „Barthel den Most holt“.

Von Stund an grüßten mich meine Genossen im Stadtteil nicht mehr, sie schauten zur Seite oder machten einen Bogen um mich. Ein Schriftstellerkollege und –genosse, mit dem ich fast ein Vierteljahrhundert befreundet war, beschied mir: „Für mich bist du gestorben!“ Die Redensart spricht für sich. Zu anderen Zeiten hätte ich tatsächlich damit rechnen können, von meinen eigenen Genossen an die Wand gestellt zu werden.

Soweit ist es nicht gekommen, aber fast zwei Jahre lang bin ich nach dem Erscheinen meines Buches „Mein letztes Gefecht. Abschied und Beichte eines Genossen“ durch nächtliche Telefonanrufe terrorisiert worden. Meine Exgenossen haben vor und während meiner Autorenlesungen diffamierende Flugblätter verteilt, und sie haben sich schließlich an diverse Rundfunk- und Zeitungsredaktionen gewandt, um mich als angeblichen Anhänger der „neuen Rechten“ zu denunzieren.

 

Der Herausgeber Claus-M. Wolfschlag zieht ein Fazit (Auszug):

Die Renegaten sitzen zwischen mehreren Stühlen. Von ihren ehemaligen Mitstreitern wird ihnen zumeist „Verrat“ vorgeworfen und die Lauterkeit des weltanschaulichen Wandels … angezweifelt. Auch der Vorwurf, nicht wählerisch im neuen politischen Umgang zu sein, tritt des öfteren auf.

Abweichler von linken Ideologieinhalten wurden immer von ihren ehemaligen Mitstreitern sehr ernst genommen und hart bekämpft: „Die sich von ihnen lossagen, werden von den Kommunisten stetes zu Verrätern gestempelt, oft auch als gekaufte Subjekte gebrandmarkt. Das liegt in der kommunistischen Logik. Wer einen totalen Anspruch auf den Menschen erhebt und voraussetzt, dass dieser Anspruch vom Betroffenen voll akzeptiert wird, muß jedes abweichende Verhalten von den gesetzten Normen als Verrat empfinden.“ (Peter Boris, Die sich lossagten, Köln 1983)

Derartige „Verrats“-Vorwürfe, deren Äußerungen auch weit über das engere kommunistische Milieu hinausgehen, und die schwerwiegenden Auswirkungen auf das Dasein der vermeintlichen „Verräter“ hatten, werden auch in zahlreichen Beiträgen dieses Buches angesprochen (Günter Platzdasch, Dr. Peter Schütt, Reginhald Rudorf, Siegmar Faust, Vera Lengsfeld, Rainer Langhans, Dr. Klaus Zeitler).

Auf der anderen Seite blicken die Vertreter des gegnerischen Lagers oft mit Hochmut auf die neuankommenden „verlorenen Söhne“, denen nun angeblich zu große Aufmerksamkeit vom „Vater“ gezollt würde. Schließlich seien die Renegaten nur über mühselige Umwege dahin gelangt, wo der Standhafte schon immer richtig plaziert gewesen wäre. Auch das Misstrauen, einen „unsicheren Kommunisten“, ein feindliches „U-Boot“ neu in die eignen Reihen aufgenommen zu haben, tritt gelegentlich auf.

Andererseits gibt es aber auch immer wieder Lob für die „Wanderer zwischen den Welten“, vor allem wegen ihrer moralischen Integrität, ihres Gewissens, das den unmenschlichen Auswüchsen einer Ideologie widerstehen konnte. Der Renegat wird somit auch als ein Mensch verstanden, der sich aus selbstverschuldeter Unmündigkeit befreit sowie gegen die Erstarrung einer „Kirche“ in Dogmen auflehnt. Renegatentum ist demnach gerade als Emanzipationsprozeß zu begreifen, der die Logik des sturen Lagerdenkens unterläuft und den Boden für Neues bereitet.

Renegatenliteratur der politischen Linken existiert schon seit vielen Jahrzehnten, fast ausschließlich aus dem orthodox-kommunistischen Bereich: Bereits der glühende Kommunist Eduard Bernstein zeigte nach der unmittelbaren Begegnung mit Karl Marx in England öffentlich seine Enttäuschung. Dies kann man wohl schon als generellen Beginn linken Renegatenwesens betrachten. Seit den zwanziger und dreißiger Jahren unseres Jahrhunderts ist dann aus dem Kreis ehemaliger Anhänger des orthodoxen Kommunismus eine spezifische Literaturgattung entstanden: Die Aufarbeitung der eigenen Abkehr vom Marxismus in der sogenannten Renegatenbiographie.

Zahlreiche Menschen sind durch ihre biographische Aufarbeitung des Kommunismus oder die offen Abkehr von der Linken bekannt geworden. Die Liste der Namen ist lang:

Margarete Buber-Neumann, Milovan Djilas, Ludek Pachmann, Ernst Fischer, Wolfgang Leonhardt, Hermann Weber, Konstantin Pritzel, Erich Loest, Wolfgang Seiffert, Manes Sperber, Arthur Koestler, Georg Orwell, Andre Gide, Wolf Biermann, Doris Lessing.

Auch aus Kreisen der westdeutschen Linken sind Renegaten bekannt geworden, wobei unter dieser Linken (durch die Verworrenheit der westdeutschen Lage) nicht nur ehemalige Kommunisten, sondern auch – im weitesten Sinne – beispielsweise Vertreter sozialistischer oder sozialdemokratischer Anschauungen verstanden sein sollen.

Einer der bekanntesten Renegaten dürfte Klaus-Rainer Röhl geworden sein, der ehemalige Herausgeber der linksradikalen Zeitschrift „konkret“ und Ehemann der späteren RAF-Terroristin Ulrike Meinhof. In seinem Buch „Linke Lebenslügen. Eine überfällige Abrechnung“ beschrieb er Mitte der neunziger Jahre eingehend die dramatischen Ereignisse in seinem privaten Umfeld im Gefolge der 68er-Revolte. Röhl zählt sich heute zum nationalliberalen Flügel der FDP. Viele andere Renegaten der 68er-Zeit vollzogen ebenso ihre Form von Abkehr.

Die Autoren dieses Sammelbandes haben ihren eigenen Abschluß mit 1968 und der deutschen Linken gemacht. Sie wurden zumeist – im weitesten Sinne – „Konservative“ oder spiritualistische „Traditionalisten“. Sie kennen zwei Seiten der Medaille. Die positive Außenwirkung, welche in der heute betriebenen Aufarbeitung liegen kann, könnte dabei auch im Aufbrechen festgefahrener Parteifronten und der Entwicklung von neuen Synthesen liegen.

Höchstwahrscheinlich liegt allein in der verbindenden Auseinandersetzung von „linken“ und „rechten“ Erfahrungen die Chance, Herausforderungen der Zukunft gestalten zu können. Vielleicht entstehen hier also zwischen den Stühlen neue Möglichkeiten humaner Grundüberzeugungen, welche im Zusammenspiel „progressiver“ und „konservativer“ Erfahrungen liegen dürften.

Aus: Claus-M. Wolfschlag (Hg.): Bye-bye `68…Renegaten der Linken. APO-Abweichler und allerlei Querdenker berichten, Leopold Stocker Verlag 1998

Erfreulich ist insofern die Feststellung von Hugo Chavez (22. 7. 08, Tribuna Popular), daß die Sozialistische Einheitspartei Venezuelas PSUV “nicht die Banner des Marxismus-Leninismus ergreifen wird, weil er ein Dogma ist, weil er schon vorbei ist”. Ergo: Der Kapitalismus ist nicht alternativlos und Sozialismus ist nicht mit Marxismus-Leninismus = Kommunismus gleichzusetzen.

Er fuhr fort, “wer nicht damit einverstanden ist, hat alle Freiheit, wenn er nicht hier bleiben will, zur Kommunistischen Partei zu gehen”, bei der er bereits “konterrevolutionäres Verhalten” ausgemacht hat. Also bei jenen, die sich immer als die „revolutionäre Vorhut“ gerieren.

Chavez weiter: “Und jenes mit der Arbeiterklasse als Motor der Geschichte ist vorbei, schon jetzt ist die Arbeit eine ganz andere Sache, ganz anders”. Er führte fort, daß der Präsident Kubas, Fidel Castro, eine ganz andere Meinung über die Rolle der Arbeiterklasse bei der Umgestaltung der Gesellschaft hat.

Literaturverweise:

Klaus Rainer Röhl: Linke Lebenslügen – Eine überfällige Abrechnung

Löw, Eisenmann, Stoll: Betrogene Hoffnung – Aus Selbstzeugnissen ehemaliger Kommunisten

Claus-M. Wolfschlag: Bye-bye ’68 – Renegaten der Linken, APO-Abweichler und allerlei Querdenker berichten

Konrad Löw: Die Lehre des Karl Marx. Dokumentation – Kritik

Konrad Löw: Warum fasziniert der Kommunismus

Stéphane Courtois, Konrad Löw: Das Rotbuch der kommunistischen Ideologie. Marx & Engels. Die Väter des Terrors

Konrad Löw: Der Mythos Marx und seine Macher. Wie aus Geschichten Geschichte wird

Stephane Courtois: Das Schwarzbuch des Kommunismus: Unterdrückung, Verbrechen und Terror

Jörg Baberowski: Der rote Terror: Die Geschichte des Stalinismus

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