Ex-Nazi Udo Hempel: Die Piraten sollten auch Menschen wie mir eine neue politische Heimat bieten

udo-hempel

Udo Hempel, 2016

Mit Udo Hempel kam ich Mitte der neunziger Jahre kurzzeitig in Kontakt, da auch er als Neonazi aktiv war . Gut sechs Jahre nach meinem Ausstieg (1997) zog er nach. Fünf Jahre später wurde er Mitglied der Piratenpartei. Nachdem seine politische Vergangenheit bekannt wurde, brach das übliche hysterische Theater los.

Im Zuge dessen bin ich auf ihn aufmerksam geworden und wir haben uns kurz ausgetauscht. Der „Freitag“ hat ein Interview mit ihm geführt, daraus zitiert:

 

Freitag.de: Die Spitze Ihres Landesverbandes hat sich hinter Sie gestellt. Wie wird Ihre Vergangenheit an der Basis aufgenommen?

Udo Hempel: Sehr unterschiedlich. Einige Mitglieder haben wegen meiner Anwesenheit unsere Wahlparty verlassen, andere sind auf mich zugekommen. Auch unser Landesvorsitzender Koch hat mir seine Unterstützung erst nach einem ausführlichen Gespräch zugesagt.

Freitag.de: Sie behaupten, seit fünf Jahren aus der rechten Szene raus zu sein. Wie haben Sie den Absprung geschafft?

Udo Hempel: Ganz einfach: Ich bin nicht mehr hingegangen. Ich habe eine neue Ausbildungsstelle gefunden, in einer anderen Stadt, mit anderen Leuten um mich herum. Ich habe sehr viel gearbeitet – so fing die Ablösung von der Szene an. Ich kann nicht sagen: Ab diesem Tag war ich nicht mehr dabei. Das war ein langer Prozess.

Freitag.de: Sie waren nicht nur einfaches Mitglied. Sie waren Führungskader im Jungen Nationalen Spektrum. Das JNS war die Jugendorganisation des Vereins „Die Nationalen“, in den 90ern eine Sammelstelle für Rechtsextreme. Wie sah Ihre konkrete Rolle aus?

Udo Hempel: Wir sind die ganze Oder-Neiße-Grenze hoch und runter gereist und haben versucht, freie Kameradschaften zu uns rüberzuziehen. So hatten wir schnell ein paar hundert Leute zusammen. Außerdem habe ich damals noch die politische Richtung der Organisation mit vorgegeben. Ich war jede Woche in Berlin bei den „Nationalen“ und habe da mit Vertretern von anderen Kameradschaften Plakate entworfen und Veranstaltungen geplant. Das war sehr straff organisiert. Wir konnten jederzeit hundert Leute für Demonstrationen oder zum Plakate kleben auf die Straße bringen.

Freitag.de: Sie behaupten nie Rassist gewesen zu sein. Wie passt das zu Ihrer Rolle als Führungskader?

Udo Hempel: Es ist falsch zu glauben, dass die Leute die sich Kameradschaften anschließen, gleich Rassisten sind. (…) Als Rechter hat man erstmal alle gegen sich. Man ist raus aus der Gesellschaft, das schweißt zusammen. Deshalb fallen einem auf die ganzen Widersprüche in der Ideologie auch nicht auf. Erst wenn man da wieder ein Stück weit raus ist, kommt man zum Nachdenken.

Freitag.de: Das heißt da hilft auch kein Schock? Immerhin ist in Ihrer aktiven Zeit, im Jahr 1999, in Ihrem Heimatort Guben ein Mann von Rechtsextremen zu Tode gehetzt worden. Hat das bei Ihnen überhaupt kein Umdenken veranlasst?

Udo Hempel: Ganz ehrlich: So was blendet man aus. Ich habe mir damals eingeredet, dass das alles nicht so gewesen sein kann. Es war auch nie ein Thema in der Szene. Es wäre falsch zu sagen, das hat man billigend in Kauf genommen, aber man hat sich auch nicht an Kameradschaftsabenden hingesetzt und darüber diskutiert. Das war einfach so.

Freitag.de: Sie saßen auch einige Monate in Untersuchungshaft. Warum?

Udo Hempel: Da ging es um das Verwenden von Symbolen verfassungswidriger Organisationen. Wir hatten im JNS damals Uniformen eingeführt, mit braunen Hemden und rot-weiß-roten Armbinden mit schwarzem Quadrat und weißem Schriftzug JNS. (…) Ich bin dann aber freigesprochen worden. (…)

Freitag.de: Wie kann es sein, dass all das nicht gereicht hat, um Sie von der rechten Szene wegzubringen?

Udo Hempel: Man darf nicht unterschätzen, was mir die Szene für ein persönliches Hochgefühl gegeben hat. Ich hatte in gewisser Weise Macht. Wir konnten das auch zeigen. Wenn wir mit 60 Mann in Uniform durch Guben gelaufen sind, dann hat das schon Eindruck gemacht. Außerdem war die Bevölkerung damals gar nicht gegen uns. Wir hatten einen guten Leumund. (…) Ein paar Jahre später stand ich im Verfassungsschutzbericht. Das ist in der Szene wie ein Ritterschlag. Ich bekam eine Anerkennung, die mir sonst überall in der Gesellschaft fehlte. Das war schon ein tolles Gefühl. Es ist schwierig sich davon zu verabschieden.

Freitag.de: Waren Sie jemals in einer rechten Partei?

Udo Hempel: Nein, wo denn auch? Allerdings waren die Nationalen in den letzten Monaten auch ein Partei, da war ich natürlich Doppelmitglied. Als sie sich dann 1997 aufgelöst haben, gab es zwar den Aufruf, in die NPD einzutreten, das war für mich aber nichts. (…)

Freitag.de: Ihr Fall war nicht der erste, der die Piratenpartei mit rechten Kreisen in Verbindung brachte. Sehen Sie eine Gefahr, dass die Partei unterwandert werden könnte?

Udo Hempel: Ich glaube nicht, dass Unterwanderungen funktionieren. Wenn die Piratenpartei sich auf einmal ein rechtes Programm geben würde, dann gingen doch alle, die nicht rechts sind, wieder raus. Dann wäre die Partei halt eine neue NPD – und keiner würde sie wählen. Ich finde die Stärke der Piratenpartei ist, dass sie sich postideologisch aufstellt. Das sollte sie beibehalten. Sie sollte also auch Menschen wie mir eine neue politische Heimat bieten – sonst gehen die nächsten Aussteiger vielleicht lieber wieder zurück zur NPD. Die Piraten lehnen bereits im ersten Paragraphen ihrer Satzung jede menschenverachtende oder totalitäre Gesinnung ab. Durch die Forderung nach der informationellen Selbstbestimmung, der kompromisslosen Teilhabe an Bildung und dem Versuch, direkte Demokratie zu leben und vorzuleben, entziehen sie jeder extremistischen Gesinnung schon vorweg den Boden.

Quelle und vollständiges Interview: http://www.freitag.de/autoren/julian-heissler/201eso-was-blendet-man-aus201c

Den Antworten von Udo Hempel ist nichts hinzuzufügen. Dennoch kann bei dem Maß an Selbstgerechtigkeit, Opportunismus und Dummheit, welches auch bei den Piraten herrscht gemutmaßt werden, daß irgendwann auch die letzten die solidarisch zu ihm stehen einknicken werden und er entnervt die Segel streicht.

Man wird sehen, wie Udo Hempel, der in der „NS“-Szene eher in der zweiten Reihe und das auch nur relativ kurzeitig und regional begrenzt agierte und deshalb gemeinhin eher unbekannt, sein Leben gestaltet und mit seiner Vita umgeht. Da oder dort kommen nämlich Zweifel auf, ob er mit seiner alten Ideologie gebrochen hat.

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3 Gedanken zu “Ex-Nazi Udo Hempel: Die Piraten sollten auch Menschen wie mir eine neue politische Heimat bieten

  1. Es regnet … und manchmal ist ein Kommentar wie Regen, er spült den Schmutz vom Beton des Fußsteigs und lässt uns nicht im Schlamm versinken.

    An dem Interview ist natürlich, auch wenn „natürlich“ schon wieder etwas selbstgefälliges hat, nicht alles richtig. Aber wie soll auch jemand ein vierstündiges Gespräch auf zwei Spalten pressen?

    Meine Heimatstadt ist nicht Guben … ich stamme aus Weißwasser. Hier haben wir auch mit der FAP und den Mädels und Jungs von Detlef (man verzeihe mir das Mädels … JungsInnen) eben auch jene Demos gemacht.

    Vielmehr läßt sich da nicht richtig stellen, denn die, die mir jetzt unlautere Motive unterstellen, werden es auch dann tun. Ein falsch gesetztes Komma findet sich immer. Und ich, wir, waren darin Meister.

    Wer will den schon irgendwo aussteigen. Die Deutschen schaffen es noch nicht einmal, sich von zehn Jahre alten Telekomverträgen zu trennen, wenn doch alles so wohlgefällig und jede Veränderung ein Ärgernis ist. Man muss dafür einen Grund haben … aber es gibt immer einen. Und wenn man erkennt, dass das eigene Wollen in falsche, vielleicht schlammige Pfade geraten ist, bedarf es nicht immer einem Regen, man muss nur merken, dass man Dreck an den Schuhen hat.

    Es wäre aber doch falsch, den Schuhen die Schuld zu geben, sind es doch vielmehr die, die sie dahin getragen haben. Sicher mit einem Ziel, aber wie man am Dreck unschwer erkennen kann, auf dem falschen Weg. Und mit „Die“ mein ich nicht die „Verführer“, sondern mich, die anderen auch, denn es sind unsere Schuhe, die wir in den Dreck gesteckt haben. Ob wir es so wollten oder nicht, getan haben wir es.

    Es mag den ein oder anderen geben, der sich jetzt fragt, was schreibt dieser Mensch da. Ich bin nicht Jesus, will es nicht sein und zieh mir auch nicht seine Schuhe an (ja, das war ein Wortspiel), aber ich mag trotzdem Gleichnisse. 🙂

    Langer Rede kurzer Sinn, ich steh zu meinen ehemals dreckigen Schuhen! Und wer mir vorwirft, ich wöllte den Dreck nur deswegen wegputzen, um mich vor irgendjemandem als sauber hinzustellen, der soll mal schauen, ober er nicht selbst Hundekacke an der Sohle hat.

  2. Zum Tode des Nazi-Funktionärs Frank Schwerdt hat Hempel auf seiner Facebook-Chronik ganz tiefe Trauer empfunden und Krokodilstränen vergossen. Ob beide damals mehr verbunden hat als das politische Interesse? Schwerdt wurde desöfteren als homophil bezeichnet … Passend dazu wäre, dass Hempel neuerdings den Ex-Kühnling Axel Reitz zu seinen Freunden zählt. Jenem Reitz, den es möglicherweise nicht von ungefähr zur „Rosa-Winkel-Fraktion“ innerhalb der kackbraunen Szene zog, ein Bild des schwulen SA-Führers Ernst Röhm auf seinen Schreibtisch stehen hatte und eng mit dem homosexuellen Nazi Thomas Brehl zusammenarbeitete. Es würde mich nicht wundern, wenn Hempel auch bald den Ex-NPD-Vorsitzenden und Reitz-Freund Holger Apfel auf Mallorca besuchen geht, der aus der NPD gegangen wurde, nachdem er einen Parteigenossen homosexuell belästigte. Dazu noch Oliver Kulik, der zu Reitz auch noch nach dessen Szene-Ausstieg Kontakt pflegte … eine feine Gesellschaft, möchte man meinen und sich angewidert abwenden.

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