Fetisch Arbeit – Vom Aberwitz unseres Arbeitsethos

arbeit

Charles Chaplin im Film „Moderne Zeiten“ (1936)

Egal welche Arbeit, Hauptsache Du hast Arbeit! So lautet die Botschaft der „Leistungsgesellschaft“. Um was es geht, ist egal: Uranmunition, Werbemüll, Pharmadreck. Hauptsache Profit, Hauptsache Arbeit.

Ich habe dazu einige lesenswerte Texte zusammengetragen:

Heinrich Droege in Vom Aberwitz unseres Arbeitsethos:

Bei Karl Marx – auch er ein Kind seiner Zeit –

finden wir dann einen hohen Stellenwert der Arbeit in seiner Auseinandersetzung mit der Arbeitstheorie von Hegel, aber bei

ihm auch schon die Forderung, die Arbeit so minimal wie möglich zu halten, die Forderung nach “Nicht-Arbeitszeit”, nach “free time”, die Voraussetzung ist für “Mußezeit als Zeit für künsterlische, wissenschaftliche Ausbildung, für Spiel und Spaß, für das “Reich der Faulheit”, wo alleine der Mensch er selbst ist.

“Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört”, formuliert der späte Marx. Als erster hat wohl Paul Lafarque auch ein proletarisches Arbeitsethos diagnostiziert und verdammt: “Diese Sucht ist die Liebe zur Arbeit, die rasende, bis zur Erschöpfung der Individuen und ihrer Nachkommenschaft gehende Arbeitssucht.”

Muße, Müßiggang, Faulheit waren immer Wunschträume des in seiner Arbeit entmenschlichten Menschen, immer der Wunsch, sich weniger zu placken. … In Thomas Morus “Utopia” (1516) ist Arbeit zwar Pflicht für alle, um so die soziale Gleichheit aller zu garantieren, aber Morus fordert einen Arbeitstag von höchstens 6 Stunden. Tomaso Campanella in seiner Renaissance-Utopie vom “Sonnenstaat” einen vierstündigen Arbeitstag.

Heute, wo viele der Utopien der Menschheit greifbar sind, und wo Erwerbsarbeit Mangelware ist, müssen wir uns an Lafarque erinnern, der einen Arbeitstag von 3 Stunden forderte, denn dank der Maschinen … fordert er eine strikte Rationalisierung der Arbeit. “… man muß, um Arbeit für alle zu haben, sie rationieren wie Wasser auf einem Schiff in Not.” Arbeit fordert er, darf nur mehr Beiwerk sein zu “Muße und Freiheit”.

Es gab immer denkende Menschen, die fehlgeleitete Aktivitäten in Frage stellten, es gab Warner, es gab Verweigerer, Schopenhauer und Nietzsche, Büchner und Lafarque … Sie wurden unterdrückt oder als Irre abgetan.

Nicht Sachen sind das Wichtigste in unserem Leben, sondern Personen, nicht unsere virtuelle, künstliche Welt ist wichtig, sondern die Natur und wir in ihr.

Volker Wollny in seinem Artikel „Paul Lafargue und das Recht auf Faulheit“:

Ist Arbeitslosigkeit ein Problem?

Die derzeitige Massenarbeitslosigkeit wird gemeinhin immer noch als eines der größten Probleme angesehen, denen wir heute gegenüber stehen. Dieser (scheinbare) Konsens wird aber mittlerweile von immer mehr kompetenten Leuten in Frage gestellt bzw. sogar abgelehnt. […]

Um Probleme zu lösen, muss man erkennen, um was es wirklich geht.  Es geht daher zunächst darum die Verlogenheit eines Systems zu entlarven, welches so tut, als ob jeder Arbeit haben könnte, den Arbeitslosen für selbst schuldig an seiner Misere erklärtt und entsprechend bestraft. Dem kommt die herrschende Auffassung entgegen, dass es der Lebenszweck des Menschen sei zu arbeiten und die Arbeit ein erstrebenswertes Gut.

Das aber ist schlichtweg Humbug, denn  grundsätzlich dienen fortschrittliche Errungenschaften wie Maschinen und verbesserte Arbeitstechniken dazu, die menschliche Arbeit zu erleichtern und teilweise oder sogar ganz überflüssig zu machen. Arbeitslosigkeit ist also tatsächlich an sich kein Problem. Sie wird nur zu einem solchen, weil man diejenigen Menschen vom Konsum ausschließt, deren Mithilfe bei der Produktion nicht mehr benötigt wird und den wenigen, die man noch braucht, immer mehr Leistung für immer weniger Lohn abpresst. […]

Technischer Fortschritt muss uns von Arbeit entlasten

Moderne Maschinen und Produktionsmethoden werden gerne als Jobkiller bezeichnet, weil sie Arbeitsplätze kosten.  Das kann jedoch nicht der Sinn der technischen Entwicklung sein, wie schon Paul Lafargue vor über 125 Jahren in seiner Schrift „Das Recht auf Faulheit“ feststellte, sondern sie soll mehr Wohlstand mit weniger Arbeit schaffen:

Je mehr sich die Maschine vervollkommnet und mit beständig wachsender Schnelligkeit und Präzision die menschliche Arbeit verdrängt, verdoppelt der Arbeiter noch seine Anstrengungen, anstatt seine Ruhe entsprechend zu vermehren, als wollte er mit den Maschinen wetteifern. O törichte und mörderische Konkurrenz!

Genau das passiert heute noch Natürlich gibt es durch diesen Effekt immer mehr Waren, die von immer weniger Leuten gekauft werden können, weil immer weniger Arbeit haben, denn die vielen Waren können von immer weniger Leuten hergestellt werden:

Und da die europäischen Arbeiter, vor Hunger und Kälte zitternd, sich weigern, die Stoffe, die sie weben, zu tragen, den Wein, den sie ernten, zu trinken, so sehen sich die armen Fabrikanten genötigt, wie Wiesel in ferne Länder zu laufen und dort Leute zu suchen, die sie tragen und trinken.

Künstlich erzeugte und unnötige Arbeit

„Ein unnötige Arbeit ist keine Arbeit“, weiß ein schwäbisches Sprichwort, welches im Grunde aussagt, dass eine Arbeit immer einen Sinn in Form eines Ergebnisses haben muss. Das ist natürlich vollkommen richtig, aber nicht im Sinne des Kapitalisten, der ja an der Arbeit anderer verdient. Deswegen ist er auch nicht daran interessiert, haltbare Dinge herzustellen, denn einen Gegenstand, der ein Leben lang hält, kann er ja pro Person nur einmal verkaufen. Deswegen werden Waren heute so hergestellt, dass sie nur ein begrenzte Zeit halten und auch möglichst nicht  zu reparieren sind. Ganze Heerscharen von Ingenieuren sind damit beschäftigt, Produkte so zu gestalten, das sie nur ein begrenzte Zeit halten und dann neu angeschafft werden müssen. Auch das gab es bereits zu Paul Lafargues Zeiten:

Anstatt der Seidenfaser ihre Einfachheit und natürliche Geschmeidigkeit zu lassen, überläd man sie in Lyon mit Mineralsalzen, die ihr Gewicht geben, sie aber brüchig und wenig brauchbar macht. Alle unsere Produkte sind verfälscht, um ihren Absatz zu erleichtern und ihre Haltbarkeit zu verkürzen.

Er wird sogar noch deutlicher, indem er mit beißendem Sarkasmus erläutert, was der Sinn der künstlich verkürzten Produktlebensdauer ist:

Diese Fälschungen, die einzig und allein menschlichen Rücksichten entspringen, jedoch den Fabrikanten, die sie praktizieren, famose Profite eintragen, sind zwar für die Qualität der Waren von verderblichster Wirkung, sind zwar eine unerschöpfliche Quelle von Vergeudung menschlicher Arbeit, aber sie kennzeichnen doch die geniale Menschenliebe der Bourgeois und die schreckliche Perversität der Arbeiter, die, um ihre lasterhafte Arbeitssucht zu befriedigen, die Herren Industriellen veranlassen, die Stimme ihres Gewissens zu ersticken und sogar die Regeln der kaufmännischen Ehrbarkeit zu verletzen.

Wie soll es weitergehen?

Fakt ist, dass unsere moderne Industrie die menschliche Arbeit bereits zu einem großen Teil überflüssig gemacht hat. Es gibt ganz einfach nicht mehr genug Arbeit um es jedem zu ermöglichen, acht oder mehr Stunden am Tag zu arbeiten. Dass das so ist, sieht man daran, dass diejenigen, die noch Arbeit haben, in der Lage sind, die anderen mit zu versorgen.

In der heutigen Situation werden sowohl die Arbeitslosen betrogen, als auch diejenigen, die noch Arbeit haben. Den Arbeitslosen entält man  ihren Anteil an den Früchten des in früheren Zeiten geschaffenen vor indem man sie einfach ausgeschlossen hat.

Die anderen betrügt man darum, indem man ihnen nicht den Lohn bezahlt, der ihnen zusteht und sie länger arbeiten lässt als es nötig wäre. Das dies so ist, sieht man daran, dass trotz des angeblich so schlechten Standortes Deutschland in den ach so schlechten letzten Jahren die Unterrnehmensgewinne kräftig gestiegen sind, während die Einkommen der Arbeiter immer schlechter wurden.

Eine Verbesserung kann es nur durch eine radikale Veränderung der Verhältnisse geben. […]

Wir müssen also umdenken und uns von der Vorstellung verabschieden, dass Arbeit der Sinn des Lebens sei. Vor dem Hintergrund der modernen technischen Möglichkeiten und der heutigen Produktivität klingt auch Paul Lafargues Forderung keineswegs mehr utopisch:

Wenn die Arbeiterklasse sich das Laster, welches sie beherrscht und ihre Natur herabwürdigt, gründlich aus dem Kopf schlagen und sich in ihrer furchtbaren Kraft erheben wird, nicht um die »Menschenrechte« zu verlangen, die nur die Rechte der kapitalistischen Ausbeutung sind, nicht um das »Recht auf Arbeit« zu fordern, das nur das Recht auf Elend ist, sondern um ein ehernes Gesetz zu schmieden, das jedermann verbietet, mehr als drei Stunden pro Tag zu arbeiten, dann wird die alte Erde, zitternd vor Wonne, in ihrem Inneren eine neue Welt sich regen fühlen — aber wie soll man von einem durch die kapitalistische Moral verdorbenen Proletariat einen männlichen Entschluß verlangen!

Vollständigen Beitrag lesen: http://selbstversorger-blog.over-blog.de/article-26754674.html

Aus dem Manifest gegen die Arbeit:

Sozialisten und Konservative, Demokraten und Faschisten haben sich bis aufs Messer bekämpft, aber trotz aller Todfeindschaft immer gemeinsam dem Arbeitsgötzen geopfert. „Die Müßiggänger schiebt beiseite“ hieß es im Text der internationalen Arbeiterhymne – und „Arbeit macht frei“ echote es schauerlich über dem Tor von Auschwitz. Die pluralistischen Nachkriegs-Demokratien schworen erst recht auf die immerwährende Diktatur der Arbeit. […] Am Ende des 20. Jahrhunderts haben sich alle ideologischen Gegensätze nahezu verflüchtigt. Übrig geblieben ist das gnadenlose gemeinsame Dogma, die Arbeit sei die natürliche Bestimmung des Menschen. …

Was und wofür und mit welchen Folgen produziert wird, ist dem Verkäufer der Ware Arbeitskraft letzten Endes genauso herzlich egal wie dem Käufer. Die Arbeiter der Atomkraftwerke und der Chemiefabriken protestieren am lautesten, wenn ihre tickenden Zeitbomben entschärft werden sollen. Und die „Beschäftigten“ von Volkswagen, Ford oder Toyota sind die fanatischsten Anhänger des automobilen Selbstmordprogramms.

Nicht etwa bloß deswegen, weil sie sich gezwungenermaßen verkaufen müssen, um überhaupt leben zu „dürfen“, sondern weil sie sich tatsächlich mit diesem bornierten Dasein identifizieren. Soziologen, Gewerkschaftern, Pfarrern und anderen Berufstheologen der „sozialen Frage“ gilt das als Beweis für den ethisch-moralischen Wert der Arbeit. Arbeit bildet Persönlichkeit, sagen sie.

Zu recht. Nämlich die Persönlichkeit von Zombis der Warenproduktion, die sich ein Leben außerhalb ihrer heißgeliebten Tretmühle gar nicht mehr vorstellen können, für die sie sich tagtäglich selber zurichten.

Ein paar Zitate aus “Die Kunst weniger zu arbeiten” von Braig und Renz:

Seite 39:

„Für die Arbeit ist der Mensch auf der Welt, für die ernste Arbeit, die wo den ganzen Mann ausfüllt. Ob sie einen Sinn hat, ob sie schadet oder nützt, ob sie Vergnügen macht (“Arbeet soll Vajniejen machen, ihnen piekt er wohl?”) – das ist alles ganz gleich. Es muß eine Arbeit sein. Und man muß morgens hingehen können. Sonst hat das Leben keinen Zweck.” Kurt Tucholsky

Passend dazu, Seite 44:

Eine eventuelle Sinnlosigkeit des Arbeitsinhalts steht nicht zur Debatte. Da es keinen Sinn ohne Arbeit gibt, gibt es auch keine Arbeit ohne Sinn. “Es gibt keine Drecksarbeit, und jeder Job ist besser als gar kein Job.” Bei solchen Aussagen können sich Politiker des Beifalls des Publikums sicher sein.

Für dumme Fragen gibt es auf Seite 91 gute Antwortmöglichkeiten:

Wer mich in Zukunft nach meinem Beruf fragt, wird an verschiedenen Tagen verschiedene Antworten hören: Hausmann, Amateur, Politiker, Privatier, Müßiggänger, Spaziergänger, Radfahrer oder Musiker. Ich denke, es wird mir noch mehr einfallen.

Kommunisten und Kapitalisten Hand in Hand – Seite 121 – 122:

Auf die Spitze getrieben wurde der sowjetische Arbeitskult in der Stalin-Ära. Mit militaristischem Propagandagetöse wird das Volk brigadeweise in Produktionsschlachten geschickt, und “Helden der sozialistischen Arbeit” werden geschaffen …

Bei der Verherrlichung der Arbeits sind Sozialismus und Kapitalismus jedoch durchaus Brüder im Geiste. Während die Kommunisten in der Internationalen mit Inbrunst die Zeilen singen: “Den Müßiggänger schiebt beiseite, diese Welt muß unser sein!”, schreibt Henry Ford aus dem kapitalistischen Amerika in seinen Memoiren: “Die Zivilisation hat keinen Platz für den Müßiggänger.”

…”Arbeit macht frei” schreiben die Nazis über die Eingänge ihrer Konzentrationslager – es ist nur konsequent, daß die Vergötterung der Arbeit auch noch zur Kaschierung ihrer furchtbarsten Verbrechen diente.

Die Stunde null nach dem Ende des Krieges ist alles andere als eine Stunde des Innehaltens und des Nachdenkens – im Gegenteil, wieder sind es die alten Tugenden, Fleiß und Tüchtigkeit, die nun beim Wiederaufbau zum Einsatz kommen. Und auch in der DDR wird die Förderung der Arbeit zum offiziellen Staatsziel erkoren.

Eine Grundsatzfrage auf Seite 174:

Liegt es denn wirklich in unserem Interesse, daß durch Arbeit immer mehr Überflüssiges, ja sogar Schädliches produziert wird?

In der DDR hat man trotz allem Kult um Arbeit und Arbeiter doch noch sehr viel mehr Ruhe “auf Arbeit” gehabt. Dazu aus dem Buch Elf Attacken gegen die Arbeit zitiert:

Die Verfaßtheit des Gemeinwesens als »Arbeiter- und Bauernstaat« – in der Praxis zwar obsolet, doch politisch-ideologische Verpflichtung – verbot es, Konkurrenz zum ökonomischen Funktionsprinzip zu machen. Insbesondere die Ware Arbeitskraft war davon ausgenommen. Also: kein freier Arbeitsmarkt, keine Arbeitslosigkeit und damit kaum individueller Leistungsdruck. Im Gegenteil: geringe Spanne zwischen niedrigen und höheren Einkommen, starke soziale Absicherung und daher eine in sozialökonomischer Sicht im wesentlichen egalitäre Gesellschaft.

[…] Arbeit erschien als das Leben an sich – die Stellung des einzelnen dazu als Teilhabe am gesamtgesellschaftlichen Prozeß. Der Befund jedoch ist paradox: je totaler die staatlich gesteuerte Integration des Individuums in die Arbeitsgesellschaft – desto geringer die Verinnerlichung des Zwangs zu Arbeit und Leistung als Lebenszweck und desto leichter und häufiger das temporäre Abtauchen des einzelnen in die Nischen des Arbeitsalltags, in denen eine Vielfalt der Lebensfreiheiten überdauerte, die im »freien Westen« rigoros ausgetrieben wurden.

[…] Dieses System war zwar »von oben« vorgegeben, doch innerhalb des gesetzten Rahmens konnte sich in vielen Kollektiven ein Arbeitsklima entwickeln, wie es unter den Bedingungen »normalen« kapitalistischen Konkurrenzkampfes zumindest sehr selten anzutreffen ist. Persönliche Freundschaften unter Arbeitskollegen waren sehr häufig, »Mobbing« war praktisch unbekannt. Zahlreiche »Kollektivveranstaltungen« (Geburtstagsfeiern, Brigadefahrten u. ä.) fanden innerhalb der regulären Arbeitszeit statt, was von den Beteiligten als willkommene Pause begrüßt wurde.

[…] Voraussetzung für das Funktionieren dieses Systems war, daß alle Beteiligten sich willig hineinfügten. Doch von der übergroßen Mehrheit der Beschäftigten wurde zu Recht die Arbeit nach wie vor als Zwang wahrgenommen, dem man sich so weit als möglich entziehen sollte. Die soziale Sicherheit bewirkte bei der arbeitenden Bevölkerung demzufolge keinen Motivationsschub, sondern zunehmende Leistungsverweigerung. Statt Höchstleistungsschichten zum Wohle des Sozialismus zu erbringen, kamen die edlen Werktätigen volltrunken zur Arbeit; oder sie beschäftigten sich tagelang nur damit, Material für den Datschenbau zu besorgen. Die Betriebsleitungen waren gegenüber diesem Phänomen hilflos. Sogar gerichtliche Verurteilungen wegen Arbeitsbummelei endeten in der Regel damit, daß der oder die Betreffende nach Verbüßung der Strafe »zur Erziehung« wieder in derselben Firma landete.

[…] Unbezahlte Überstunden waren bei Produktionsarbeitern verpönt. Auch bezahlte Überstunden wurden höchst ungern geleistet. Oft mußten die Arbeiter für die Absicherung notwendiger Sonderschichten von ihrem Leiter regelrecht bestochen werden – man bezahlte ihnen wesentlich mehr Stunden, als sie dann tatsächlich arbeiteten. Pausenzeiten wurden gewohnheitsmäßig überzogen. Bei vielen Angestellten war es die Regel, Einkäufe oder dringende Privatgeschäfte während der Arbeitszeit zu erledigen. Arbeitshetze hatte bei den meisten Beschäftigten Seltenheitswert und war lediglich bei technisch Verantwortlichen Dauerzustand. […]

Ich empfehle das Buch Die Faultier-Strategie, ebenso Vom Glück der Faulheit, aus dem ich ein Zitat herausgreife:

Doch die Langlebigen hatten gegenüber anderen Menschen entscheidende Vorteile: Sie waren in allen Situationen gelassen, sie genossen das Leben, trieben Sport – wenn überhaupt – nur in Maßen, aßen wenig und vergeudeten ihre kostbare Lebensenergie nicht unnötig. Übertriebener Ehrgeiz war ihnen fremd. Diese Lebenseinstellung scheint das Geheimnis von Vitalität und Gesundheit zu sein. (…) Haben sie keine Angst vor Ruhe, vor Untätigkeit, vor Faulheit oder Müßiggang – denn in dieser scheinbar ungenutzten Zeit tun Sie etwas wunderbares für Ihren Organismus: Sie sparen Energie.

Aus dem Text von Fritz Köster Über Sinn und Unsinn eines arbeitswütigen Lebens:

Amüsieren wir uns zu Tode? Durch Fleiß und Arbeitseifer – plündern wir dadurch die Vorräte unserer Erde? Wird das Zusammenleben der paar Milliarden Menschen auf unserem Globus immer konflikt-geladener, immer krisengeschüttelter? Schlendern wir unversehens in den “Kampf der Kulturen und Religionen” hinein? Oder hat dieser Kampf schon längst begonnen? Werden die Menschen auf der einen Hälfte des Globus immer ärmer und rechtloser; die auf der anderen, zivilisierten und wohlhabenden Hälfte immer therapiebedürftiger? […]

1. “Arbeit ist des Bürgers Zierde; Segen ist der Mühe Preis”

Welcher Schüler würde nicht irgendwann einmal während der Ausbildung mit diesem Satz konfrontiert? Er stammt von Friedrich Schiller, einem der größten deutschen Dichter (1759-1805). Im “Lied von der Glocke” hat er ihn sozusagen als Idealbild des gutbürgerlichen Lebens beschrieben. “Arbeit ist des Bürgers Zierde”, schreibt er. Der Mensch wird geradezu von seinem Fleiß, von seiner Arbeitsleistung her definiert. Nur wer fleißig ist, wer arbeitet, wer von sich sagen kann: “Arbeit ist mein ganzes Leben”, ist ein vollwertiger Mensch. Auf seinem Leben ruht “Segen”.

Von einer “humanen Welt” geprägt und davon träumend, leben Schiller und andere seiner Zeitgenossen in der Vorstellung: je fleißiger der Mensch seiner Arbeit nachgeht; je mehr er verdient; je wohlhabender er sein Leben zu gestalten vermag, desto “humaner” wird er auch. Materieller Wohlstand zieht sozusagen automatisch den “edlen Menschen” nach sich. Er vermag nur noch gut und kulturell hochstehend zu sein. Ein arbeitsreiches Leben wird als die Voraussetzung für ein gelungenes, sinnvolles und friedliches Zusammenleben unter den Menschen erkannt. Es bringt Segen und Glück für alle …

Schiller ist nicht der einzige, der von einer Welt edler Menschen träumt – als Ergebnis eines arbeitsreichen Lebens. Fachleute sagen, die Heiligsprechung der Arbeit als wichtigstes Lebensanliegen, ihre Aufwertung zum höchsten Wert und Maßstab habe bereits mit Martin Luther begonnen, mit der “protestantischen Arbeitsethik” der Reformationszeit im 16. Jahrhundert (so Max Weber). Durch sie sei auch die Religion übermäßig mit einem Katalog von “heiligen Pflichten” und “erhabenen Pflichtübungen” ausgestattet worden…

Das Ideal der Überbewertung der Arbeit und des Schaffens durchzieht seitdem die ganze Neuzeit bis zum heutigen Tag. Der Kapitalismus fordert vom Menschen “Tatgesinnung”. Der Engländer John Locke spornt zum Arbeitseifer an als “Quelle des Eigentums”. Adam Smith und Karl Marx – wenn auch aus unterschiedlichen Denkrichtungen kommend – nennen die Arbeit die “Quelle der Produktivität und des Wohlstands”; sie wird bei ihnen “Ausdruck der Menschlichkeit des Menschen “. –

Was zu anderen Zeiten als ein “Lebens-Mittel” verstanden wurde, als menschliches Muß und Bedingtheit um des Lebens und Überlebens des Menschen willen, erhält nun einen absoluten Vorrang, wird zum Lebens-Sinn und Lebens-Inhalt überhaupt. Arbeit wird zur “eigentlichen Würde des Menschen” erhöht. Manipulierer und Geschäftstüchtige waren und sind dann immer gleich zur Stelle, die die Menschen zu verplanen wissen. Sie werden nach ihrer “sozialen Brauchbarkeit” beurteilt. Weltweit entwickeln sich Maßstäbe und Kriterien im sozialen Umfeld, die als die einzig richtigen gelten. Sie heißen: Einführung einer rigiden Zeitplanung mit Terminkalender; Erziehung zu Ordnung, Pünktlichkeit, Gehorsam und Schnelligkeit bei der Bewältigung von Aufgaben; kritische Aufmerksamkeit gegenüber möglichen Konkurrenten und deren vornehme, aber sichere Beseitigung … Sichtbare Zeichen des Erfolges und der Qualität eines Menschen werden gelungene Karriere, der Besitz, der Geldbeutel, der wachsende Wohlstand und die dazu gehörenden “Standessymbole”: die Größe des Autos, die luxuriösen Wohnverhältnisse, der Swimmingpool, die hervorstechende Kleidung und die äußere Aufmachung in Gesten und weltmännischem Gehabe.

2. Der menschliche Gegenentwurf

Wer in solchem sozialen Klima aufwächst, kann gar nicht mehr ahnen und wissen, dass es in der Menschheitsgeschichte immer auch eine ganz andere Sichtweise über das Leben gegeben hat und immer noch gibt. Der Dichter Eugen Roth (1895-1976) hat sie in seinem Gedicht über das “Riesenfaultier” humorvoll und einsichtig geschildert. Das Gedicht lautet:

“Das Riesenfaultier, mammutgroß
Und faul natürlich, bodenlos,
Ist ausgestorben, wie man weiß:
Man hat es umgebracht, mit Fleiß!
Ein kleines lebt noch, namens Ai,
In Uru- wie in Paraguay.
Es rührt sich, hängend hoch im Baum,
Mitunter ganze Tage kaum,
Die Früchte wachsen ihm ins Maul,
Doch ist´s zum Fressen noch zu faul.
Um aber nicht vom Ast zu fallen,
Besitzt es große Sichelkrallen.
Noch nie hat es daran gedacht,
Wie weit durch Arbeit wir´s gebracht:
Zum Ende der Gemütlichkeit,
Zu Kriegen – wahrhaft, herrlich weit!
Vielleicht kehrt, als zum einzigen Glück,
Der Mensch zur Faulheit noch zurück!”

Man muß sich diesen Text genau vor Augen führen. Was wird darin gesagt? Die Menschen haben das “Faultier” getötet, jede Art von “Gemütlichkeit”. Gemeint ist die Kultur des Miteinanders. Das Zeitalter der Gemütlichkeit wurde abgelöst durch das Zeitalter der Hektik, des Stresses und des Profits.

Bis heute werden die Folgen des Verlustes der “Gemütlichkeit” von Fachleuten als bedrohlich aufgezeigt: im Grunde seien durch Fleiß, übermäßigen Arbeitseifer und Profitgier die Grundbedürfnisse des Menschen nach persönlicher Akzeptanz und Daseinsberechtigung verdrängt und verweigert worden; ebenso der Hunger nach Liebe, gegenseitigem Verständnis, vertraulichem Gespräch, nach Bestätigung im Miteinander, nach Zugehörigkeit und Eigenständigkeit. Wesentliche Faktoren des Menschseins seien abhanden gekommen, könnten sich im Streß der Zeit gar nicht erst entwickeln, weil die Voraussetzungen dazu fehlten: die nötige Ruhe und Besonnenheit, die Entspannung, die Zuwendung, Kontakte und Gespräche, schützende Gemeinschaft, Führung und Orientierung durch elterliche Fürsorge bzw. “exemplarische Menschen”, die persönliche Teilnahme ermöglichen und damit persönliches Reifen und Wachsen im Glauben an sich selbst.

Weil das Leben nur noch unter Zeitdruck zu gelingen scheint, haben die Menschen auch keine Zeit mehr, ihre eigenen positiven und negativen Erfahrungen, ihre Verwundungen und Verletzungen, ihre Enttäuschungen und Niederlagen aufzuarbeiten und daraus zu lernen. Sie werden zu Meistern des Verdrängens und Vergessens mit der Folge, dass die Sprechzimmer der Psychologen immer voller werden. Die Therapiebedürftigkeit der Gesellschaft wächst. Die Therapeuten können dem kaum noch nachkommen – ganz abgesehen davon, dass sie selbst Teile dieser Gesellschaft sind.

Der französische Philosoph Voltaire (gest.1778) hat zu seiner Zeit bereits die bedrohliche Entwicklung vorausgesagt: “In der einen Hälfte unseres Lebens opfern wir die Gesundheit, um Geld zu erwerben; in der anderen opfern wir Geld, um die Gesundheit wiederzuerlangen”. –

3. Wachsender Zweifel am Nutzen aller menschlichen Bemühungen

[…]

4. Verantwortlich umgehen lernen mit der Zeit, in der man nichts tut.

Von dem chinesischen Gelehrten Laotse (4.-3.Jh. v. Chr.) stammt der Satz: “Verantwortlich ist man nicht nur für das, was man tut, sondern auch für das, was man nicht tut”. –

Weil der Zweifel am Nutzen des hektischen Lebens wächst, spielen nicht umsonst Sehnsüchte nach einer ruhigeren, meditativen, mystischen Lebensweise eine große Rolle. Weisheitslehrer östlicher Religionen und christliche “Spiritisten” haben Hochkonjunktur. Die Zeit der Gurus ist angebrochen. Dabei ist zu hoffen, dass sich die meisten von ihnen nicht als Scharlatane oder falsche Propheten erweisen. Denn in einer Welt der “Machbarkeit” alles Machbaren und der “Heilbarkeit” alles Kranken ist die Versuchung groß, auch hier Profit zu machen und Ansehen zu erwerben mit Hilfe eines Marktes von großartigen, schillernden, vielseitigen und suggestiven “Angeboten” und Zuwendungen ohne wirklich individuelle Beratung und Ermutigung, Hilfe und Begleitung. Dann werden Illusionen verkauft. Der Mensch erhofft sich durch äußere Mechanismen und Tricks, was innerlich verloren gegangen ist. Er stürzt sich auf möglichst variable und suspekte Angebote, um sich etwas vorzumachen und abzulenken. Das ständige Hinhorchen – mitten im materiellen Wohlstand! – darauf, “wo es einem noch wehtun könnte” – ist hinderlich für die wirkliche Erkenntnis über sich selbst und die Veränderung seiner Lebensweise. Fachleute sprechen davon, dass viele Menschen durch “Frühstörungen” bereits belastet sind. Diese können nicht geheilt werden durch das, was allzu häufig “angeboten” wird: durch Ersatz-Freuden, durch Verdrängung und Überspielung von Umwelt-Faktoren, die das Leben nachhaltig prägen und krank machen.

Weisheitslehrer wie Laotse und andere sprechen deshalb von der unverzichtbaren Verantwortung für die Zeit, in der man nichts tut. Dieses “Nichtstun” ist alles andere als Faulenzen, Langeweile, Passivität und untätige Zerstreuung. Auch hat dieses “Nichtstun” wenig mit aufwendigen Feiern, stressigem Urlaub und lärmigen Wochenenden zu tun. Das “Nichtstun” ist eine Hochform innerer Aktivität und Besinnung auf das, was das Leben an Eindrücken und Erfahrungen hinterlässt. Es erfordert ein hohes Maß an Aufmerksamkeit für sich selbst und für andere. Weisheitslehrer halten das “Nichtstun” für die “erhabenste Weise menschlichen Daseins” – ausgerichtet auf das Wissen und die Erkenntnis dessen, “was die Welt im Innersten zusammenhält” (Goethe). Es bedeutet die hohe Kunst der inneren Ruhe, des Geschehenlassens, des Schweigens, des heiteren und gelassenen Hinhörens auf das, was sich im eigenen Innern und im persönlichen Umfeld abspielt und bewegt; es ermöglicht dem Menschen die “hochgemute Bejahung und Zustimmung zum eigenen Wesen, zur Welt, zu Gott” – die “innere Übereinstimmung mit dem Sinn der Welt”.

(…) Der Schriftsteller Peter Paul Althaus (1892-1965) bat einmal einen in Neapel herumlungernden Gepäckträger, ihm seinen Koffer in das nahe gelegene Hotel zu tragen. Dessen abweisende Antwort lautete: ” Ich habe heute schon gegessen”. – In Brasilien oder Afrika kann es einem Touristen heute noch passieren, dass ein Busfahrer sein vollbesetztes Gefährt fahrplanmäßig stoppt, um erst einmal in Ruhe einkaufen zu gehen, oder gar nicht erst abfährt, solange der Bus nicht voll besetzt ist. – In Mexiko werden Partygäste, wenn sie pünktlich zur vereinbarten Zeit eintreffen, mit der Frage empfangen: “Bist du zum Putzen gekommen?”

Solche Verhaltensweisen werden in unseren Breiten vorschnell als Laschhheit, Unzuverlässigkeit, Faulheit, Langsamkeit… gebrandmarkt. Sie können aber auch sehr viel mit einer gesamtgesellschaftlichen Lebenseinstellung zu tun haben, die sich nicht schnell aus der Ruhe und dem gewohnten Lebensrhythmus werfen läßt.

Vielleicht braucht unsere Welt – um der eigenen Genesung und um des Überlebens der Menschheit willen – nichts dringlicher als eine neu erwachte Fähigkeit zu einem ruhigeren und besinnlicheren Leben. Dies bleibt die “Wurzel der Kultur”. Darin gewinnt der Mensch seine “wahre Gestalt”. Es macht ihn an Leib und Seele nicht nur gesunder, sondern führt auch zu neuem Glauben und Hoffen über alles Menschliche hinaus.

Texte u. Bücher zum Thema:

Kurz, Lohoff, Trenkle: Feierabend! Elf Attacken gegen die Arbeit

Paul Lafargue: Das Recht auf Faulheit – Widerlegung des „Rechts auf Arbeit“ von 1848

Zehn Argumente gegen den Arbeitswahn (und weitere Texte)

Fetisch Arbeit

Bertrand Russel: Lob des Müßiggangs, DTV-Verlag

Vom Glück der Faulheit, Langsame leben länger, So teilen sie ihre Lebensenergie richtig ein, Herbig Verlag

H. Droege: Faulheit adelt, Texte gegen den herrschenden Arbeitsethos, Aarachne Verlag

Braig, Renz: Die Kunst, weniger zu arbeiten, Argon Verlag

Ludwig Unruh, Hauptsache Arbeit? Zum Verhältnis von Arbeit und menschlicher Emanzipation

Guillaume Paoli: Mehr Zuckerbrot, weniger Peitsche, Aufrufe, Manifeste und Faulheitspapiere der Glücklichen Arbeitslosen

Robert Kurz: Schwarzbuch des Kapitalismus – Ein Abgesang auf die Marktwirtschaft

http://www.gesundheitlicheaufklaerung.de/burnout-ausgebrannt-wenn-nichts-mehr-geht

Die Arbeit bekommt immer mehr alles gute Gewissen auf ihre Seite: der Hang zur Freude nennt sich bereits „Bedürfnis der Erholung“ und fängt an, sich vor sich selber zu schämen. „Man ist es seiner Gesundheit schuldig“ – so redet man, wenn man auf einer Landpartie ertappt wird. Ja es könnte bald so weit kommen, daß man einem Hange zur vita contemplativa (das heißt zum Spazierengehen mit Gedanken und Freunden) nicht ohne Selbstverachtung und schlechtes Gewissen nachgäbe. Friedrich Nietzsche, Muße und Müßiggang, 1882

Es wird zuviel gearbeitet auf der Welt. Ein immenser Schaden wird durch den Glauben angerichtet, daß Arbeit eine Tugend ist. Bertrand Russel

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7 Gedanken zu “Fetisch Arbeit – Vom Aberwitz unseres Arbeitsethos

  1. Gut Detlef, daß Du Dich immer noch nicht mit dem bornierten Arbeiterbewegungsmarxismus anfreunden konntest! Wertkonservativismus und Wertkritik müssen sich halt nicht widersprechen. Das eine ist erhaltenswert, das andere gehört auf den Müll.

    Wenn man sich ansieht und -hört, wie sich dieser Wahn in die Köpfe der deutschen Arbeitsmonaden gefressen hat, die da zur Freunde ihrer Ausbeuter von „Arbeitsmoral“ daherreden und die „Arbeislosigkeit“ als „gesellschaftliches Problem“ bezeichnen, kann man nur den Kopf schütteln.

    Ohrenbetäubende Blätterpusterei und Rasenmäheridiotie, das scheinen mir Synomyme der deutschen Leidkultur zu sein, umrahmt von schlechter Laune, Obrigkeitsgläubigkeit, Blockwartmentalität und allerlei anderen Borniertheiten.

    Kein Wunder, daß der deutsche Spießer oft auch Hunde(gefangen)halter ist, um am wehrlosen Geschöpf seine verdrängten Aggressionen und Neurosen auszulassen und asozialerweise seine Umwelt mit den daraus resultierenden braunen Hinterlassenschaften zu „beglücken“.

    Patriotismus heißt für mich, daß Beste für das Land zu wollen, in dem ich gerade lebe. Das heißt nicht, allerlei offenbar typisch deutschen Schwachsinn abzufinden. Ganz im Gegenteil! Demographische Entwicklung und Migration dürften hier auf lange Sicht zu einer Erhöhung der Lebensqualität beitragen.

  2. Naja, ich weiß nicht, was ich davon halten soll, ehrlich gesagt. Natürlich bin ich nicht der Meinung, dass Arbeitslosigkeit in jedem Fall selbstverschuldet ist, die meisten, die ich kenne, würden gerne arbeiten, finden aber keine. Sei es, weil sie zu alt sind („alt“ ist man für den Arbeitsmarkt oft schon ab 45!), chronisch krank, oder unter – bzw. überqualifiziert. Letztere sind nämlich zu teuer.
    Aber was wäre die Alternative? Dass die Leute, die noch Arbeit haben, für die anderen mitschuften sollen?

    „Fakt ist jedoch, dass wir unverschämt belogen werden, wenn man uns erzählt, dass wir für immer weniger Gegenleistung immer mehr arbeiten müssen um “international konkurrenzfähig” zu bleiben.“

    Und das ist das eigentliche Problem. Denn würde man die Arbeit auf mehrere verteilen, müsste niemand mehr als 8 Stunden am Tag arbeiten. Die Frage ist aber, wer die alle bezahlen soll? Hat jemand Vorschläge?
    Es ist auf jeden Fall schrecklich, dass viele trotz Vollzeitjobs damit sich und ihre Familien nicht mehr ernähren können!
    Wenn ich dann die Sprüche von Westerwelle von wegen „spätrömischer Dekadenz“ höre, wird mir speiübel.

    • „Wer das alles bezahlen soll ..” Diese Fragestellung ist der herrschenden Logik geschuldet. Wir sollten jedoch völlig von vorne anfangen und feststellen, daß mit immer weniger Aufwand immer größere Mengen an allen möglichen Gütern produziert werden könnten, so daß selbst bei steigender Bevölkerung (was in den Industrienationen gar nicht der Fall) für jeden genug da wäre, um ein materiell gut ausgestattes Leben führen zu können, wobei die vorhandene, notwendig-nützliche Arbeit (vieles ist im Kapitalismus das Gegenteil und gehört abgeschafft) auf alle arbeitsfähigen Schultern gerecht verteilt werden muß, womit wir dann möglicherweise eine “Vollbeschäftigung” bei deutlich geringerer Arbeitszeit und idealerweise nicht das Maß an Entfremdung von der (oftmals nicht nur unsinnigen sondern auch streßigen und unterbezahlten) Arbeit haben, wie das heuer vielfach der Fall.

      Damit wiederum wäre Arbeit nicht mehr nur bloße Lohnarbeit egal für was oder wen, sondern gesellschaftlich nützliches Tätigsein in jeder Hinsicht. Daß man für all das nicht nur neue Produktions- sprich Aneignungs-, Verteilungs- und Eigentumsverhältnisse und ein völlig neues Geldsystem benötigt, sondern auch ein neues Denken, welches nicht mehr borniert die Arbeit als solche verherrlicht und den Müßiggang verurteilt (außer bei den Kapitalisten und ihrem Umfeld wohlgemerkt), sondern die Arbeit nur dann würdigt, wenn sie sinnhaft und gerecht verteilt und die Faulheit, die Muße ebenso.

      Dann kämen evtl. auch wieder die Tugendwörter “Arbeitsmoral” zur positiven Geltung, aber nicht mehr in der pervertierten Form als Züchtigungsinstrument, wie insbesondere in Deutschland die Kapitalisten sie weiten Teilen der Arbeiterschaft als Sklavenmoral aufzwingen konnten. Mein Beitrag dient letztlich also dazu, den zerstörerischen und zutiefst ungerechten Charakter des Kapitalismus (auch Marktwirtschaft genannt) offenzulegen und aufzuzeigen, wie radikal der Schnitt für eine echte Wende sein müßte.

      Und dazu gehört auch eine tiefgehende Wertkritik, auch wenn gerade die in der kapitalistischen Arbeitstretmühle sich befindenden (ob Manager oder Prolet) das nicht verstehen wollen, obwohl es nur einer einfachen, ja kindlichen Herangehensweise bedarf, um die Idiotie dieser Gesellschaftsordnung zu erkennen.

  3. Blöd wie die meisten Leute sind halten sie den per se für „faul“, der auf die Existenz sinnloser und gesellschaftlich wie ökologisch schädlicher Arbeit wie darauf verweist, dass die übrig bleibende gesellschaftlich nützliche Arbeit gerecht auf alle arbeitsfähigen Schultern verteilt werden sollte wie es auch Tatsache ist, dass heute mit immer geringeren Aufwand immer mehr produziert werden kann, womit es ein durchsichtiges „Argument“ der herrschenden Klasse ist (deren „Faulheit“ interessiert die geBILDeten bornierten („Mittelstands“-)Proleten nicht), dass die damit einhergehende mutmassliche Absenkung der Arbeitszeit bei vollen Lohnausgleich bwz. Mindestlohn von 12 Euro netto nicht „finanzier“ bzw. -umsetzbar wäre, was in einer Marktwirtschaft wo Konkurrenzdruck und Profit im Mittelpunkt des Interesses steht, tatsächlich so bzw. sehr schwierig ist, weshalb der Sozialismus auf der Tagesordnung steht. Für wen und wie gearbeitet wird, was produziert, das ist dem Pöbel wie dem Kapitalisten egal, das nennt man dialektische Einheit von Volk und Herrscher … Es ist Perlen vor die Säue, das dem Pöbel begreiflich zu machen, denn abstrahieren also politisch Denken ist nicht deren Stärke, es muß sich an die Gebildeten gewendet werden.

  4. Richtig: Nicht „Arbeitsplätze schaffen“, sondern unnütze und schädliche Arbeit abschaffen! Das geht aber nur in einer weithin dezentralisierten, von Marktwirtschaft (optimalerweise auch dem Geld!) befreiten Wirtschaftsordnung, in der Konkurrenz und das Streben nach Maximalprofit beseitigt sind. Dazu ist es nötig, „unsere“ Werteordnung vom Kopf auf die Füsse zu stellen, den Müssiggang zu rehabilitieren, die Verherrlichung der Arbeit und den Fortschrittswahn sich als idiotisch zu entlarven.

    Man sollte mal eine Liste aller sinnlosen Tätigkeit (Arbeit) aufmachen: Waffenexportindustrie, das Gros der Pharmaindstrie inkl. der daran angeschlossenen Ärzteschaft (nicht nur Psyichater, Onkologen usw.) und des „Wissenschaftsbetriebs“, ebenso viele viele Lehrer, da ein Grosteil dessen, was die armen Kinder in der Schule lernen müssen, schlicht sinnlos ist, grosse Teile der Automobilindustrie, da das Nahverkehrsystem nichts mehr kostet, besser ausgebaut wird und weite Wege zur Arbeit nicht mehr existieren, viele Fernfahrer, da vieles dezentral(er) organisiert wird, die gesamte Werbebranche, viele Mitarbeiter in reaktionären und Schundmedien, viele Beamte und Angestellte des Staates, die sinnlose und schädliche „Arbeit“ verrichten, ob in Jobcentern oder im Repressionsapparat. Diese Liste liesse sich sicherlich noch fortsetzen …

    Und all diese machen nichts sinnvolles bzw. produktives (ganz im Gegenteil) und haben trotzdem Wohnung, Essen usw. usf. Werden diese nun „arbeitslos“, könnten sie all jenen restlichen Werktätigen, die etwas sinnvolles machen (Bauern, Strassenbahnfahrer, Lebensmittelverteiler, Handwerker, Metzger, Bierbrauer, Winzer usw.), ein Stückweit ihre Arbeit abnehmen, so dass jeder Arbeitsfähige etwas zu tun hätte aber sagen wir mal lediglich 3 Stunden pro Tag in einer fünf Tage Arbeitswochen – wenn überhaupt, womöglich noch viel weniger.

    Zu tun wäre erst einmal, würde man all die hässlichen, nicht mehr benötigten Bürobauten und -Fabriken und Autobahnen abreissen, da dann wieder die Natur ansiedeln usw. usf. Mit „unserem“ jetztigen System wird es jedoch immer mehr bergab gehen …

    Zum Text von Eugen Roth über das „Riesenfaultier“ – Ernst Betha in seinem 1913 erschienenen Buch „Die Erde Und Unsere Ahnen“:

    Wollen wir also eine Vorstufe zum menschlichen Riesen suchen, dann haben wir sie unter ganz anderen „Affen“ als bisher zu suchen: unter denen, welche Vorzeitzeichen tragen. Ich glaube, ein solches gefunden zu haben und bitte nur, sich an dem Namen desselben nicht zu stoßen: Es ist das „auffälligste, seltsamste, berühmteste“ der vorweltlichen Ungetüme, es ist das Riesenfaultier! In Südpatagonien ist ein Fell von solchem Tiere gefunden worden; vielleicht leben noch degenerierte Tiere — oder gar Riesenmenschen? — dieser Art. Es gibt noch degenerierte Vorzeitpflanzen und Vorzeittiere; sollte nur der Vorzeit-Riesenmensch ganz und völlig ausgestorben sein und auch ganz verschwunden?! Das Riesenfaultier gehört der Vorzeit an; dafür sprechen alle Zeichen, die bisher von ihm bekannt wurden. Es ist Nachttier und Höhlenbewohner; in dem dicken, harten Felle liegen bohnengroße, steinharte Kügelchen eingebettet; es ist menschenscheu; das Fell hat rotgelbe Haare (wie das des Mammuts), eine außerordentliche Lebenszähigkeit ist nachgewiesen worden (durch geheilte Schädelbrüche bei einem Skelette). Das uns bekannte kleine Faultier schläft, den Kopf nach unten gerichtet, am Tage, es hat die harte Haut verloren und hat einen Mund, zahnarm wie ein Greis — es ist ein armer Degenerierter. Der verstorbene Romanschriftsteller zur Megede läßt seinen Helden, einen Grafen vom alten Adel, seufzend sagen: „Mein Blut ist wohl zu alt.“ Daran mußte ich denken, als ich Bölsches Kapitel „Kampf um die Haut des Riesenfaultiers“ las. Ob Mensch, ob Tier — ein Degenerierter, einer, der sich zu lange auf dieser Erde herumtreiben muß und seine Zeit überlebt hat, ist immer bedauernswert und ein sehr trauriger Anblick. Ich kann nicht verstehen, wie sich das heutige kleine Faultier aus dem Riesenfaultiere „entwickelt“ (!!) haben soll — ich könnte nur Degeneration der alten, großen Körper in den kleinen, schwachen RassenNachkommen sehen.

    • Danke für Deinen engagierten Beitrag! Man müßte tatsächlich einmal eine Liste von Tätigkeiten erstellen, die sinnlos und schädlich sind, und deren Verrichter trotzdem Essen, Trinken und ein Dach über den Kopf haben. Es würde wohl ein Buch draus werden!

      Es ist also genug für alle da und jeder bräuchte nur ein paar Stunden die Woche schaffen (um das Unwort “arbeiten” an dieser Stelle einmal zu vermeiden), den tatsächlich sinnvoll-Tätigen viele Stunden Tätigsein wegnehmen, ihnen damit Frei-Zeit schenkend.

      Dafür müßte jedoch alles umgemodelt werden, vom Bewußtsein der seit dem 18. Jahrhundert erfolgreich auf der Grundlage Luthers-Arbeitsvergötterung umerzogenen einst freien Menschen zu Lohnsklaven bis hin selbstredend zu den Eigentums- und Machtverhältnissen.

      Karl Roche in: Der Syndikalist, Nr. 30 vom 5. Juli 1919 …

      Faulheit als politisches Kampfmittel

      Wir leben nicht, um zu arbeiten, wir arbeiten, um leben zu können. Das Leben ist Selbstzweck. Arbeit ist Mittel dazu. Je leichter und müheloser wir das Mittel der Arbeit handhaben, desto sorgloser gestaltet sich unser Dasein. (…)

      Der Selbstzweck des Lebens wird erfüllt durch Lebensfreude. Wo die fehlt, ist das Leben verfehlt und betrogen. Jeglicher Zwang lässt die Freude am Leben nicht aufkommen; der äussere Zwang zur Arbeit verbittert uns, lässt und die Arbeit hassen.

      (…) Als Arbeiter und Klasse der Ausgebeuteten ist unser natürliches Recht in der Gegenwart die Faulheit. Der Fleiss, die Anstrengung bei der Lohnarbeit ist der Ausdruck unserer Sklavendemut. Unser Fleiss fördert die Besitzenden, lässt ihre Herrschaft über uns wachsen (…)

  5. Ein guter Beitrag zum Thema erschien in SEIN – daraus einige Auszüge:

    Die Abschaffung der Arbeit

    Kaum einer kann sie leiden, fast niemand hinterfragt sie wirklich. Kann man Arbeit abschaffen? Der Anarchist Bob Black fordert die Abschaffung der Arbeit.

    Arbeit=Folter?

    Die Herkunft des Begriffs Arbeit sei unklar heißt es auf Wikipedia, er ist entweder verwandt mit dem indoeuropäischen „orbh“: „ein zu schwerer körperlicher Tätigkeit verdungenes Kind“ oder mit dem slawischen „robota“ („Knechtschaft“, „Sklaverei“). Im Alt- und Mittelhochdeutschen überwiege die Wortbedeutung „Mühsal“, „Strapaze“, „Not“. Das französische Wort „travail“ hingegen leite sich von einem frühmittelalterlichen Folterinstrument ab. (…)

    „Die Liberalen fordern ein Ende der Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt. Ich fordere ein Ende des Arbeitsmarktes.“ (Bob Black)

    Die Entfremdung der Arbeit

    Vorweg: Arbeit abschaffen heißt nicht, keine Dinge mehr zu tun, oder faul zu sein. Denn Arbeit und Dinge tun, das sind zwei ganz verschiedene Dinge. Wir werden natürlich immer Dinge tun, auch anstrengende, nützliche, notwendige. (…)

    Es macht schonmal nachdenklich, wenn viele indigene Völker überhaupt kein Wort für „Arbeit“ haben, weil das Konzept für sie schlicht nicht existiert. Kochen, Jagen, Nähen, das ist schließlich Leben, nicht Arbeit. Warum sollte man das trennen?

    Warum ist das bei uns so anders?

    Es liegt wohl zum Teil an dem, was Marx die „Entfremdung der Arbeit“ nannte: Unsere Arbeit ist längst nicht mehr unsere, sondern die meisten Menschen arbeiten für andere Menschen, noch häufiger für abstrakte Konzerne. Und die Arbeit befriedigt auch nicht ihre eigenen Bedürfnisse, sondern ebenfalls fremde. Inhalt, Zeit und Wesen der Arbeit sind allesamt unfrei, fremdbestimmt und fremdgesteuert. Die Anstrengungen sind nicht mehr eingebettet in das übrige Leben, eine Gemeinschaft von Menschen oder gar die Gemeinschaft aller lebenden Wesen, sondern das Tun ist zu Arbeit geworden und existiert in einer eigenen, völlig entfremdeten und verdinglichten Welt. (…)

    Die Vorstellung, das Leben indigener Kulturen wäre eines von unerbittlicher Härte und des verzweifelten Kampfes gegen die Naturgewalten gewesen, ist heute kaum noch haltbar. Bei unseren Vorfahren der Jäger- und Sammlerkulturen und bei vielen indigenen Völkern nahmen Arbeits-ähnliche Tätigkeiten wohl nicht mehr als vier Stunden des Tages in Anspruch. Und selbst diese Tätigkeiten wurden vermutlich nicht als Arbeit empfunden, sondern als Selbstausdruck, oder als gemeinschaftliche Tätigkeiten. Weiße, die in den frühen USA zu den Indianern überliefen, wollten nie mehr zurück. (…)

    Auf der einen, der quantitativen Seite, müssen wir die Menge geleisteter Arbeit massiv reduzieren. Gegenwärtig ist die meiste Arbeit einfach nutzlos und wir sollten sie loswerden. Auf der anderen Seite – und ich denke, diese qualitative Annäherung ist der Knackpunkt und der wirklich revolutionäre Aufbruch – müssen wir die wenige nutzbringende Arbeit in verschiedenste spielerische und handwerkliche Freuden verwandeln, nicht unterscheidbar von anderen freudvollen Tätigkeiten, außer dadurch, dass sie nebenbei nützliche Endprodukte hervorbringen. (…)

    Wenn wir uns darauf besinnen könnten, wäre nicht nur 70 Prozent aller Arbeit überflüssig, wir würden auch noch ganz andere Probleme lösen, meint Black: (…)

    Quelle u. vollständiger Artikel: http://www.sein.de/gesellschaft/neue-wirtschaft/2014/die-abschaffung-der-arbeit.html

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