Verhaltensbiologie und Sozialismus

Zur Diskussion – ein Gastbeitrag von „Pirx“:

Verhaltensbiologie und Sozialismus

Ich möchte hier einige Texte einstellen, die sich mit der möglichen Verbindung von moderner naturwissenschaftlicher Verhaltensforschung (der evolutionären Psychologie oder Soziobiologie) und sozialistischen Positionen beschäftigen. Dort, wo von nationalem Sozialismus die Rede ist, verstehe ich darunter einen Sozialismus, für den die Nation eine Realität und einen positiven Wert darstellt. Auf keinen Fall ist damit der NS gemeint, den ich strikt ablehne.

Einleitung

Soziobiologie stellt eine Wissenschaft in rasanter Entwicklung dar, die in Gestalt der evolutionären Psychologie täglich neue Forschungsergebnisse zu den Grundlagen des menschlichen Verhaltens liefert.

Besonders in Zusammenhang mit den Fortschritten in der Molekulargenetik und der Hirnforschung, aber auch in Hinblick auf die Bedeutung ökologischer Debatten, ergibt sich die Feststellung, dass wir in einem biologischen Zeitalter leben.

Wer diese Entwicklung ignoriert, gerät zusehends auf die wissenschaftliche Verliererstraße. Besonders bei Linken, die derartige Ansätze wegen ihres angeblichen Biologismus ablehnen, erkenne ich die Gefahr, dass sie sich vom naturwissenschaftlichen Fortschritt verabschieden und intellektuell auf ein totes Geleis geraten.

Soziobiologie wird derzeit vor allem von den Rechten und den Neoliberalen instrumentalisiert. Eine Rezeption durch die Linke wäre auch ein Kampf um weltanschauliche “Lufthoheit”.

Tatsächlich gibt es schon heute verschiedene Autoren, die Brücken zwischen dieser Forschungsrichtung und dem Sozialismus zu schlagen versuchen.

Nachteile und Probleme

Soziobiologie stellt ein biologisches Gebiet dar. Wer als Linker gewohnt ist, in eher philosophischen oder historisch-gesellschaftswissenschaftlichen Kategorien zu denken, wird hier “Hausaufgaben” zu erledigen haben, um sich die naturwissenschaftlichen Grundlagen anzueignen (was aber eine zu bewältigende Schwierigkeit darstellt. Die Grundprinzipien der Soziobiologie sind auch mit einem Minimum an Mathematik verständlich).

Wer Soziobiologie Ernst nimmt, wird eingestehen müssen, dass der Mensch nicht nur Produkt der Gesellschaft ist, sondern auch einer genetisch bedingten Verhaltenssteuerung unterliegt. Dazu gehört auch das Streben nach Eigennutz. Anzunehmen, dass die Menschen bereit sind, sich unterschiedslos und mit derselben Konsequenz für das Kollektiv oder die anonyme Gesellschaft einzusetzen wie für die eigenen Interessen, Freunde und Familie, ist demnach unrealistisch. Allerdings haben dies auch bereits verschiedene marxistische Denker erkannt, indem sie beispielsweise Belohnungssysteme und individuelle Leistungsanreize vorschlagen.

Wie es scheint, lassen sich Marxismus und Soziobiologie zwar weitgehend in Übereinstimmung bringen – besonders als Theorien des Konflikts (Klassenkampf) – aber derzeit eben nicht vollständig. Die Integration beider Ansätze verlangt noch erhebliche theoretische Anstrengung. Doch die ist meiner Meinung nach jeder Mühe wert.

Die Vereinbarkeit von Soziobiologie und Sozialismus

Unter fortschrittlichen Gesellschaftswissenschaftlern bildet die Ansicht nahezu einen Glaubensartikel, dass das menschliche Verhalten vor allem durch Sozialisation oder andere gesellschaftliche Einflüsse geprägt wird. Demnach stellt der menschliche Geist so etwas wie eine Hardware dar, die mit jeder beliebigen Software bespielt werden kann. Jemandem, der umwälzende gesellschaftliche Veränderungen anstrebt, kommt eine derartige Theorie naturgemäß entgegen, denn für utopische Gesellschaftsentwürfe wird der “neue Mensch” vorausgesetzt.

Jedoch hat die moderne Verhaltensbiologie nachweisen können, dass Marxens “Das Sein bestimmt das Bewusstsein” mit solchen Auffassungen weit überdehnt wird.

Mittlerweile kann als gesichert gelten, dass psychische Prozesse wie Gefühle oder unser Streben nach Selbsterhaltung und Unversehrtheit, Eigennutz, unsere sexuelle Orientierung, unsere Bindung an die Familie, die Liebe zu den eigenen Kindern, ästhetische Grundempfindungen, das Streben nach Kreativität, Unterschiede zwischen den Geschlechtern, unsere Geselligkeit, aber auch Formen der Aggressivität oder beispielsweise die Neigung zur Konkurrenz um Sexualpartner eine deutliche genetische Beteiligung aufweisen.

Von der Warte einer evolutionsbiologisch orientierten Psychologie aus betrachtet wäre der Mensch alles andere als beliebig formbar. Ist die Verhaltensbiologie damit reaktionär?

Nun sprechen wir hier nicht von Meinungen, sondern von empirischer Forschung, und meiner Ansicht nach wäre es sinnlos, naturwissenschaftliche Erkenntnisse aus geschmäcklerischen Gründen abzulehnen. In irgendeiner Form hat man sich schlicht und einfach mit diesen Erkenntnissen zu arrangieren.

Aber auch ein zweiter gewichtiger Grund spricht dagegen, als Linker – besonders als nationaler Linker – evolutionsbiologisches Denken abzulehnen. Denn wie fortschrittlich ist die reine Umwelttheorie wirklich?
Wäre der Mensch tatsächlich weitestgehend formbar, dann sollte es auch möglich sein, ihn zum Sklaven oder Roboter zu dressieren. Nach dieser Theorie hätte der Mensch kein eigenes Wesen, und echter Sozialismus wäre um nichts besser als die krasseste Diktatur, wenn die Angehörigen einer solchen Gesellschaft nur hinreichend gut konditioniert würden und sich zufrieden und genügsam in ihre Lage fügten.

Im Gegensatz dazu hat der Mensch nach evolutionsbiologischem Verständnis sehr wohl einen Kern, eine eingeborene Grammatik der Gefühle und Bedürfnisse. Damit ist er im Besitz einer eigenen Würde und hat einen Anspruch auf Lebensbedingungen, die seiner Wesensart, seinen “Instinkten”, gerecht werden. Alles andere wäre Ausbeutung und Unterdrückung.

So gesehen stellt die Annahme, dass eine ganz bestimmte, genetisch bedingte Form des Menschseins existiert, keinen Widerspruch zum Sozialismus dar. Im Gegenteil: Die angeborene Würde des Menschen lehrt den Sozialisten überhaupt erst, wofür er zu kämpfen hat.

Der Mensch: Ein geborener Linksnationaler?

Kann es sein, dass der Mensch doch etwas anders tickt, als es die Verfechter des Turbokapitalismus aber auch die Propagandisten der multikulturellen Gesellschaft gern hätten? Was sagen Psychologie und Verhaltensforschung dazu? Hier ein paar Kostproben:

* Je multikultureller eine Gesellschaft, desto stärker die Konflikte und Spannungen in ihr (3).

* Studien aus Russland belegen, dass Passanten am liebsten für Bettler spenden, die der eigenen ethnischen Gruppe angehören (4).

* Je einheitlicher eine Gemeinschaft unter ethnischen Gesichtspunkten ist, um so höher die Bereitschaft, kommunale Steuern für die Infrastruktur zu zahlen (4).

* Der Mensch ist und bleibt ein Herdentier. Jedenfalls hat er die starke Neigung, sich Gruppen anzuschließen und deren Normen zu übernehmen. Innerhalb dieser Gruppen bevorzugt er, sofern er die Wahl hat, kooperierendes vor konkurrierendem Verhalten (5+6).

* Am zufriedensten sind Menschen in Gesellschaften mit den niedrigsten Einkommensunterschieden (1).

* Neid scheint eine anthropologische Konstante zu sein. Experimente deuten darauf hin, dass Menschen dazu neigen, auf Vorteile zu verzichten, wenn sie damit Konkurrenten, die besser dastehen, noch stärker schaden können (9). Der Neid als Motor der Linken? Mag sein.

* Nun kennt aber auch das Hätschelkind des Kapitalismus, der soziale Aufsteiger, den Neid und seine Folgen. Tatsächlich leiden Personen mit starkem Ehrgeiz und ausgeprägtem Statusdenken weit stärker unter Stresssymptomen als Menschen, die vor allem ihre sozialen Kontakte pflegen (1).

* Besonders, wer es mit dem Vorteilsstreben zu weit treibt, muss sich über entsprechende Reaktionen der Umwelt nicht wundern. Wie es aussieht, verfügen wir Menschen über eine starke innere Bereitschaft, Betrüger, Parasiten und Täuscher zu bestrafen, während wir für die Unterdrückten und Ausgebeuteten Mitleid empfinden.

* Und am Ende muss man sich dann auch noch fragen: Wozu das ganze “rat race”? Abgesehen von Fällen nagender finanzieller Probleme besteht nämlich kein Zusammenhang zwischen Einkommen und Lebenszufriedenheit (1).

* Konsum macht nicht glücklich, an Neuanschaffungen oder höhere Gehälter gewöhnen wir uns schneller, als uns lieb sein kann. Zeitgenossen mit hohem TV-Konsum bewerten sich selber sogar als besonders wenig glücklich (2). Und gilt zwanghaftes Kaufen eigentlich nicht als psychische Störung?

* Hilfsbereite Menschen fühlen sich wohler und sind beliebter (2).

* Das Fehlen von guten Freundschaften und anderen befriedigenden Sozialkontakten stellt ein höheres Gesundheitsrisiko dar als Rauchen (1).

* Leistungsdruck und Konkurrenz verschlechtern das Betriebsklima und lassen dadurch den Krankenstand nach oben schnellen (7). Am Ende gar Effektivität durch softe Teamarbeit anstatt durchs freie Spiel der Kräfte?

* In sozialpsychologischen Experimenten zeigte sich, dass Menschen sehr unterschiedliche Strategien bevorzugen können, die von ausgeprägter Kooperation und deutlichem Altruismus bis hin zum reinen Wettbewerb reichen. Beileibe nicht jeder ist ein “Ellenbogentyp”. In Versuchssituationen, in denen die Probanden die Gelegenheit hatten, über mögliche Konflikte zu kommunizieren, lag die Rate kooperativen Verhaltens bei über 70% (10).

* Menschen sind wahrscheinlich nicht in der Lage, ihre Lebensrisiken angemessen abzuschätzen. Außerdem neigen sie sehr stark zum sofortigen Konsum zu Lasten der Absicherung gegen Lebensrisiken. Deshalb sind gesetzlich vorgeschriebene Sozialversicherungen sehr sinnvoll. Dazu kommt, dass Menschen meistens bereit sind, höhere Steuern zu zahlen, wenn sie davon ausgehen können, dass Lasten und Zuwendungen gerecht verteilt werden (11).

1. Klein, Stefan (2004): Einfach glücklich. Reinbek.
2. Friedman & Schustack (2004): Persönlichkeitspsychologie und Differenzielle Psychologie. München.
3. Vanhanen, Tatu (1999): Ethnic Conflicts Explained By Ethnic Nepotism.
4. Salter, Frank (Hrsg) (2004): Welfare, Ethnicity, and Altruism.
5. Zimbardo, P. G. (1983): Psychologie. Berlin, Heidelberg.
6. Eibl-Eibesfeldt, Irenäus (1986): Die Biologie des menschlichen Verhaltens. München.
7. http://www.sozialnetz.de
8. Macht der Niedertracht. In: Der Spiegel Nr. 5, 2006. S. 124-126.
9. Bailey, Ronald (19.06.2002): Burn the Rich. http://www.reason.com.
10. Stroebe, W., Jonas, K., Hewstone, M. (Hrsg.) (2003):Sozialpsychologie. Berlin, Heidelberg, New York.
11. Pinker, Steven (): Das unbeschriebene Blatt.

Kooperation

Der Mensch ist ein geselliges Wesen, das überall auf der Welt in sozialen Verbänden lebt. Zwangsweise Isolation gilt als Folter. Kleinkinder, die längere Zeit von allen menschlichen Bezugspersonen getrennt werden, zeigen schwerste Entwicklungsstörungen.

Der Mensch ist ein natürliches Kommunikationsgenie. Allein schon mit seinen angeborenen Ausdrucksbewegungen (z.B. Lächeln, Weinen) und seiner Gestik verfügt er über ein größeres Repertoire als die übrigen Säugetiere. Vollends in den Schatten gestellt wird dies durch die enorme Informationsdichte, die durch die Sprache ermöglicht wird. Eine weitere Steigerung wird erreicht durch die Kommunikation mittels Kunst, Musik und Literatur, wie sie nur dem Menschen zu eigen sind. Es mag sein, dass sogar die Neigung zu Ritualen und religiösen Kulten auf genetischer Grundlage beruhen und im Laufe der Evolution dazu dienten, den Gruppenzusammenhalt zu erhöhen.

Der Mensch stellt eine äußerst aktive Lebensform dar. Neuere Untersuchungen zeigen, dass intensive Glücksgefühle sogar häufiger am Arbeitsplatz als in der Freizeit erlebt werden. Sinnvolle Arbeit stellt somit ein Grundrecht dar, für das Drogen, Alkohol, Fernsehen oder esoterische Weltflucht in keiner Weise Ersatz bieten können.

Kooperation und Arbeitsteilung bilden die natürliche Form des menschlichen Zusammenlebens. Die allerlängste Zeitspanne seiner Geschichte und Vorgeschichte hat der Mensch als Jäger und Sammler in kleinen Gruppen verbracht, in denen es kein gesellschaftliches Oben und Unten gab. Das wichtigste Gut – das Land, auf dem man lebte – war Besitz der Gemeinschaft und nicht eines einzelnen.

Sozialpsychologische Experimente zeigen, dass wir auch heute noch viel eher zu Kooperation als zu Konkurrenz neigen.

In diesem Zusammenhang sollte man sich auch in Erinnerung rufen, dass die allermeisten Menschen keine Unternehmer sind und es auch nicht werden möchten. Aus marxistischer Sicht stellen unsere Artgenossen sogar ausgesprochen philanthropische Wesen dar, die sich lieber den Mehrwert vom Lohn abzwacken lassen, um als Gegenleistung dafür in Ruhe und Frieden mit Chefs und Kollegen zu leben, anstatt sich als Selbständige den Konkurrenzschlachten des freien Marktes auszusetzen.

Dass alle Männer einer Gruppe weibliche Dauerpartner haben und intensiv für den eigenen Nachwuchs sorgen, stellt ein Muster des Zusammenlebens dar, das unter Säugetieren als einzigartig zu gelten hat und sicherlich Voraussetzung für die kulturelle Entwicklung war.

Es ist richtig, dass der Mensch genau so gut zu Gewalt fähig ist. Aber hier müssen die Relationen beachtet werden. Tötungen von Artangehörigen (in Form von individueller Aggression, ich spreche nicht von Kriegen), sind in den Slums der modernen Industrienationen mehr als tausendmal (!!!) seltener als in anderen Säugetiergruppen. Legt man die Zahlen aus den sichersten Ländern der Erde zu Grunde, verhundertfacht sich dieser Faktor noch.

Kriege durchzogen die gesamte Menschheitsgeschichte. Aber auch hier gibt es Beispiele wie Schweden und die Schweiz, die zeigen, dass militärische Konflikte über Jahrhunderte hinweg vermeidbar sind (nebenbei bemerkt: Die oft kolportierte Behauptung, nur der Mensch kenne den Krieg, entspricht nicht den Tatsachen. Extrem blutige Kämpfe zwischen Gruppen kennen wir auch von den Ameisen, Wölfen und Schimpansen).

Die hohe Intelligenz des Menschen und seine Kulturfähigkeit bieten die Voraussetzung für atemberaubende Möglichkeiten der gesellschaftlichen, zivilisatorischen und wissenschaftlichen Entwicklung. Wenn der Sozialist für eine höhere Form der sozialen Organisation kämpft, setzt er nur das fort, was in der Evolution des Menschen bereits angelegt ist.

Konflikt

Nun lebt unsere Spezies natürlich nicht nur in kooperativen Beziehungen. Konflikt und Konkurrenz gehören in gleichem Maße zu unserer Existenz. Die grundlegende Erkenntnis der modernen Verhaltensbiologie besteht darin, dass sich ein Lebewesen einem Artgenossen gegenüber umso hilfsbereiter und altruistischer verhält, je enger es genetisch mit ihm verwandt ist. Gegenüber Nichtverwandten entfällt diese Option, hier können die Beziehungen durch Nichtbeachtung, durch Zusammenarbeit in Form eines gleichberechtigten Austausches oder auch durch direkte Konfrontation gekennzeichnet sein.

Sehr gut werden diese biologisch vorgegebenen Rollen durch den klassischen beinharten Kapitalisten illustriert. Mit seinen Mitbewerbern befindet er sich im offenen Wettstreit und müsste konsequenterweise deren Vernichtung anstreben (etwa, indem er sie beim Finanzamt oder der Gewerbeaufsicht anschwärzt). Gleichzeitig sind die Beziehungen zu den Angestellten und Kunden auf der Basis des Gebens und Nehmens geregelt – Lohn gegen Arbeitskraft, Ware gegen Geld. Gegenüber seinen eigenen Kindern vergisst er aber alle Preis-Leistungs-Kalkulationen und kann zum Beispiel, ohne eine direkte Gegenleistung zu erwarten, ein Vermögen in eine exzellente Erziehung investieren.

Die Gesellschaft ist kein Organismus, in dem alle Zellen am selben Strang ziehen. Vielmehr ist sie durchzogen von einem Netz entgegengesetzter Interessen, womit sie eher einem Spielfeld gleicht.
Das mag sich sehr nach Neoliberalismus anhören. Aber es sei daran erinnert, dass auch der Marxismus eine Theorie des Konflikts darstellt. Aus verhaltensbiologischer Sicht bedeutet Klassenkampf allerdings nicht das Ringen der Guten gegen die Bösen, sondern Kampf des Eigennutzes der Kapitalisten gegen den Eigennutz der Werktätigen.

Sozialismus wäre nach meinem Verständnis vor allem eine Gesellschaft, in der die divergierenden Interessen der Einzelnen besonders geschickt und gleichmäßig austariert sind, was den geselligen, kooperativen Neigungen des Menschen sehr entgegen käme. Einflechten möchte ich nebenbei, dass die Kapitalisten selber ganz offensichtlich nicht ausschließlich der Lehre des Neoliberalismus und der Ich-AG folgen, sondern gemäß der sozialen Natur unserer Gattung schon längst die Vorteile von Kooperation, Quasi-Sozialismus und Regulierungswut für sich entdeckt haben. Manager lassen sich Altervorsorgen in die Verträge schreiben, von denen Beamte nur träumen können, Unternehmen bilden Interessensverbände und Kartelle, die mittelalterlichen Gilden haben weniger für den freien Markt als für staatlich verbriefte Monopole gekämpft und Versicherungen gegen Unbill aller Art ins Leben gerufen (wo doch so mancher Neoliberale die Arbeitslosenversicherung als unästhetische Verzerrung des Marktgeschehens betrachtet). Und wenn die See etwas stürmischer wird, rufen die Verbände in einer Medienwirksamkeit nach staatlicher Hilfe, die für einen anonymen Arbeitslosen in unerreichbarer Ferne bleibt.

Da es zu unserer genetischen Ausstattung gehört, wird das Streben nach Eigennutz auch noch in einer gerechten sozialistischen Gesellschaft vorhanden sein. Auch hier können sich ohne weiteres aufs Neue Konzentrationen von Macht und Besitz bilden.

Der Sozialismus wird also keinen Garten der Lüste für alle Ewigkeit darstellen, sondern vielmehr eine Chance, für die in einer Art ewiger Revolution immer wieder gekämpft werden muss. Was dann wohl auch heißt, dass der Typus des Revolutionärs nicht so schnell unmodern werden wird.

Ich selber ziehe darüber hinaus auch den Schluss, dass der Eigennutz der politischen Führer in jedem einzelnen Moment der demokratischen Kontrolle unterliegen muss. Zentralistische, autoritäre Strukturen sind der sicherste Garant, den Sozialismus zu verfehlen.

Ethnisches Interesse

Im globalen Maßstab sind die verschiedenen Nationalismen heute noch genauso bedeutsam wie in der Vergangenheit. Weder deren Unterdrückung noch aufwendige Integrationspolitik scheinen in der Lage zu sein, ethnisches oder nationales Selbstbewusstsein auszumerzen. Gerade der Erste Weltkrieg demonstrierte auch, dass die nationale Solidarität (Bereitschaft zum Wehrdienst) die internationale Klassensolidarität überwog und der Versuch eines staatenübergreifenden Generalstreiks für den Frieden scheiterte.

Hohe Zeit, die Frage aufzuwerfen, woher das Nationale denn überhaupt stammt. In der Lesart vieler Sozialwissenschaftler stellt der Nationalismus ein Produkt des modernen Nationalstaatsgedankens dar und ist daher nur wenige hundert Jahre alt. Diese Ansicht halte ich jedoch für irrig. Die alten Griechen lebten in politisch völlig autonomen Stadtstaaten, von Nationalstaat keine Spur. Besagter Theorie zufolge sollte sich ein griechisches Gemeinwesen einem anderen nicht enger verbunden gefühlt haben als irgendeinem syrischen Bergdorf. Aber so war es offensichtlich ja durchaus nicht. Immerhin hatten die Griechen eine gemeinsame Sprache und Kultur, dazu überregionale Heiligtümer. Zu den olympischen Spielen kamen sie sogar aus ihren süditalienischen Kolonien angesegelt. Übrigens waren bei diesem Ereignis nur Griechen zugelassen. Die anderen, das waren die barbaroi (die Stammelnden).

Es gab Zeiten, zu denen die politische Landkarte des Deutschen Reiches ungefähr so aussah wie eine psychedelische Patchworkarbeit. Dennoch waren die nationalen Zauberwörter jener Epoche nicht Baden-Durlach oder Sachsen der Albertinischen Linie, sondern schlicht teutsch und welsch.

Aber genug der Einzelbeispiele. Viel systematischer ist dieses Thema von den Kulturanthropologen untersucht worden. Und die haben herausgefunden, dass Ethnozentrismus (die Bevorzugung der eigenen ethnischen Gruppe und Kultur) und Xenophobie (Abneigung gegenüber Fremden) in buchstäblich jeder einzelnen untersuchten Kultur anzutreffen sind. Hält man sich dann noch vor Augen, dass die Ablehnung von fremden Individuen auch bei sehr vielen Tierarten zu finden ist, dann spricht die Universalität des Phänomens ziemlich eindeutig für eine genetisch bedingte Neigung.

Worin aber könnte der evolutionsbiologische Sinn eines derartigen ethnischen Prinzips bestehen? Die klassischen Verhaltensforscher (z. B. Eibl-Eibesfeldt) haben versuchsweise die Territorialität als Erklärung angeboten, also die Verteidigung des gemeinsamen Siedlungsgebiets. Aber das könnte nicht erklären, warum sich beispielsweise Bosnier, Kroaten und Serben, die ja nun seit vielen Generationen gemeinsam das selbe Territorium besiedeln, plötzlich gegenseitig an die Gurgel gehen. Des Rätsels Lösung verbirgt sich in der Verwandtenselektion.

Wie uns ja bereits bekannt ist, sollten wir gegenüber anderen um so eher zu Altruismus bereit sein, je näher sie uns genetisch sind. Die genetische Forschung der letzten Jahre (so etwa an der sogenannten mitochondrialen DNA) demonstriert nun, dass Bevölkerungen im Grunde nichts weiter als erweiterte Familienverbände darstellen. Ich möchte nicht zu tief in die Einzelheiten einsteigen, aber intuitiv lässt sich die Idee vielleicht am besten dadurch erfassen, indem man sich vergegenwärtigt, dass sich die heutigen Populationen aus winzigen lokalen Gruppen entwickelt haben, die seit der Frühzeit in ihren jeweiligen Gebieten siedeln.

Ein paar Zahlenbeispiele zur Verdeutlichung: Die Gene eines Kindes stammen je zur Hälfte vom Vater und von der Mutter, der Verwandtschaftsgrad zwischen einem Elternteil und einem Kind beträgt daher 50% (in der Biologie verzichtet man auf die Prozentschreibweise, deshalb wird der Wert dort mit 0,5 ausgedrückt). Das ist derselbe Wert wie zwischen zwei Geschwistern des selben Geschlechts und gleichzeitig der höchste, der bei Menschen überhaupt auftreten kann, wenn man von eineiigen Zwillingen oder Inzuchtprozessen absieht.

Anhand molekulargenetischer Daten aus Affenpopulationen schätzt der amerikanische Genetiker Crow, dass der durchschnittliche Verwandtschaftsgrad zwischen zwei beliebigen Mitgliedern einer urzeitlichen Menschenhorde so ungefähr bei 0,13 lag. Viertelbrüder sozusagen. Und diesen Horden von Dezimalbrüdern entstammen die modernen Nationen.

Damit ist es dann keine große Hürde mehr nachzuvollziehen, dass sich auf dem Wege der Verwandtenselektion beim Menschen angeborene psychische Strukturen gebildet haben (vielleicht besser gesagt: nie zurückgebildet haben), die ihn dahin lenken, die eigene Gruppe vor einer anderen zu bevorzugen und das Vertraute dem Fremden vorzuziehen.

Dieses genetisch angelegte ethnische Interesse macht sich deutlich bemerkbar. Der finnische Politologe Vanhanen untersuchte 148 Nationen auf ihre ethnische Heterogenität und das Ausmaß von ethnischen Konflikten. Als Maße des Konflikts wurde einerseits die Häufigkeit ethnisch motivierter Gewalttaten gewählt, andererseits aber auch der Einfluss von Parteien und Organisationen, die vorwiegend die Interessen der eigenen ethnischen Gruppe vertreten. Der Zusammenhang zwischen Heterogenität einer Gesellschaft und ihrer Konflikthaftigkeit erwies sich dabei als äußerst stark.

Und damit können wir festhalten: Nationalismus (= Patriotismus, Heimatliebe etc.) stellt eine ganz natürliche Regung dar, die sich mit Sicherheit nicht so schnell eliminieren lässt. Umgekehrt kann Multikulturalität für eine Gesellschaft äußerst unangenehme, schmerzhafte Konsequenzen nach sich ziehen. Sozialer Ausgleich scheint in ethnisch homogenen Bevölkerungen leichter erreichbar zu sein. Dies sollte vor allem auch Linken zu denken geben.

Natürlich stellt dieses ethnische Prinzip keine Rechtfertigung für Rassismus, Diskriminierung oder Ausbeutung dar. Im Gegenteil ist es von Grund auf demokratisch und ethisch universell. Wenn zum Beispiel das deutsche Volk ethnische Selbstbestimmung, etwa in der Frage der Migration, verlangt, besteht nicht der geringste Hinderungsgrund, dass andere Völker dasselbe Recht für sich reklamieren.
Das eingangs erwähnte Beispiel des Generalstreiks macht deutlich, dass Nationalismus nicht immer kritiklos bejubelt werden muss. Aber es wäre eine riesige politische Dummheit, diese mächtige Konstante menschlichen Verhaltens aus den Augen zu verlieren.

Ergänzend möchte ich dem Verdacht vorbeugen, dass ich alle Formen von Verhalten gutheiße, die in irgendeiner Weise genetisch vorgegeben sind. Die Philosophie nennt diesen Irrtum den naturalistischen Fehlschluss. Natürlich ist nicht alles gut, nur weil es natürlich = biologisch bedingt ist.

Auch Gewalt und die Bevorzugung von Nahestehenden gegenüber Fremden liegen in unserer Natur. Daraus ein Recht auf Unterdrückung und Imperialismus ableiten zu wollen, fällt exakt unter die Kategorie des naturalistischen Fehlschlusses.

Der Mensch findet seine Regeln also nicht in der Natur vorgegeben, sondern muss sie sich selber setzen. Besonders logisch und praktikabel erscheinen mir Regeln, die auf Gegenseitigkeit beruhen. Wenn z.B. Angriffskriege geächtet werden, hat die Türkei ein Recht auf nationale Souveränität und ist vor militärischen Übergriffen einer anderen Macht, sagen wir Deutschland, geschützt. Gleichzeitig ist die Türkei natürlich verpflichtet, sich gegenüber Deutschland friedlich zu verhalten. Dieses System ist gerecht, weil es niemanden bevorzugt. Gleichzeitig ist es friedenserhaltend.

Wenn die Deutschen ihr ethnisches Interesse verfolgen (ihren nationalen Charakter erhalten und sich vor Überhand nehmender Einwanderung schützen wollen), beanspruchen sie damit lediglich Souveränität über ihr eigenes Territorium. Die Eigenständigkeit anderer Staaten, nehmen wir als Beispiel wieder die Türkei, bleibt davon unberührt. Umgekehrt kann sich die Türkei auf das gleiche Recht berufen.

Wir sehen also, dass diese Form des ethnischen Interesses nicht als biologistisch oder sozialdarwinistisch betrachtet werden kann, sondern sich in Übereinstimmung mit allgemeinen ethischen Regeln befindet.

Mein Hauptziel ist es zu zeigen, dass moderne Biologie und Sozialismus sich nicht ausschließen müssen. Dies böte Linken die Möglichkeit, am wissenschaftlichen Fortschritt teilzuhaben. Und je realistischer das zugrunde liegende Menschenbild, desto erfolgversprechender die gesellschaftlichen Gegenentwürfe.

Soziobiologie/evolutionäre Psychologie erforschen vor allem so etwas wie die allgemein menschliche Verhaltensgrammatik, also ungefähr das, was allen Menschen gemeinsam ist. Meiner Meinung nach ist der Marxismus nicht schlicht falsch, aber oft zu eingeengt. Wie die Forschung nahe liegt, hat der Mensch nicht nur vordergründig ökonomische Interessen (so wichtig diese auch sind), sondern noch weitere Bedürfnisse. Sozialer Kontakt, Status, familiäre Bindungen, Anerkennung, Selbstdarstellung, spirituelle/religiöse Neigungen, kreativer Ausdruck und Spiel gehören mit Sicherheit dazu. Ich persönlich kann nur mit politischen Lehren sympathisieren, die dies berücksichtigen und bereit sind, den Menschen in dieser Hinsicht genügend Spielraum zu lassen. Beispielsweise hat auch eine atheistische Regierung die religiöse Freiheit zu respektieren (genauso wie eine Glaubensgemeinschaft, der diese Freiheit gewährt wird, dann auch die Pflicht zur Loyalität gegenüber dem Staat hat).

Ein weiteres sehr wichtiges Gebiet, auf dem sich Biologie und Humanpsychologie begegnen, ist die Verhaltensgenetik. Hier geht es nicht um die angeborenen Gemeinsamkeiten, sondern um die genetisch bedingten Unterschiede zwischen Menschen. Ich gebe zu, dass dieser Punkt für Linke wesentlich brisanter ist. Ich kann nicht behaupten, dass ich die gedankliche Integration bereits komplett geleistet hätte. Nur ein paar Anmerkungen:

Wie es aussieht, ist die allgemeine Intelligenz eines Menschen einem äußerst starken genetischen Einfluss unterworfen. Nicht jeder bringt die natürlichen Voraussetzungen zum Studium der Mathematik mit. Intelligenz und sozialer Erfolg stehen durchaus in Beziehung zueinander. Man wird sich mit dem unbequemen Faktum abfinden müssen, dass die untersten Bevölkerungsschichten (vor allem das sogenannte Prekariat) nicht die gleichen Intelligenzwerte erreichen wie die allgemeine Bevölkerung oder gar die hochqualifizierten Berufsgruppen. Tatsächlich spielte die moderne Intelligenztestung aber eine eher progressive Rolle, indem sie zeigte, welch große Begabungsreserven in der Arbeiterschicht vorhanden sind. Dieselbe Forschung demonstriert übrigens auch, wie sehr die eher mäßig begabten Nachkommen der Privilegierten auf Grund ihrer Herkunft gegen den sozialen Abstieg abgesichert sind.

Intelligenzunterschiede zwischen den Geschlechtern spielen keine große Rolle, am ehesten noch in Teilbereichen (sprachliche versus mathematisch-räumliche Intelligenzfaktoren). Allerdings gibt es auf dem Gebiet des Verhaltens, des Temperaments und der Neigungen umso deutlichere Unterschiede. Ich selber halte Unisex-Theorien für ziemlichen Unsinn. Wer darüber in Panik gerät, dass es mehr männliche als weibliche Flugzeugbauingenieure gibt und gigantische Budgets fordert, um dies zu ändern, zielt mächtig an der Realität vorbei. Außerdem weisen Studien darauf hin, dass viele voll berufstätige Mütter lieber heute als morgen auf Teilzeit wechseln und sich intensiver ihren Kindern widmen würden, wenn ihnen der entsprechende finanzielle Spielraum zur Verfügung stünde.

Ein gutes Grundlagenwerk ist “Evolutionäre Psychologie” von David Buss (2004), ein gut verständliches einführendes Lehrbuch, allerdings auch ein ziemlicher Wälzer (über 500 Seiten). Wer sich erst einmal kursorisch in die Soziobiologie (dem theoretischen Rahmen der evolutionären Psychologie) einlesen möchte, dem empfehle ich den locker und witzig geschriebenen Klassiker “Das egoistische Gen” von Richard Dawkins (der sich in der überarbeiteten Ausgabe übrigens als pro-Labour und anti-Thatcher outet). Allerdings geht es hier nicht nur um menschliches Verhalten, viele Beispiele stammen aus der Zoologie.

Ähnlich locker, dabei aber die Verhaltensbiologie des Menschen fokussierend, liest sich “Der dritte Schimpanse” von Jared Diamond.

Zum Thema menschliche Kooperation und Evolutionstheorie empfehle ich “Spielpläne” von Karl Sigmund (ist dort aber nur eines von mehreren Themen), “Die Biologie der Tugend” von Matt Ridley (der dort quasi mit Peter Kropotkin einen Diskurs über die natürliche Kooperationsneigung des Menschen führt) oder den Spezialband von Spektrum der Wissenschaft “Kooperation und Konkurrenz”.

Speziell zum Komplex Sozialismus und Soziobiologie findet sich ein Kapitel in Steven Pinkers “Das unbeschriebene Blatt”, ein Buch, das ich ohnehin sehr empfehlen kann. Peter Singers Büchlein “A Darwinian Left”, das es, wie ich fürchte, nur auf englisch gibt, stellt für mich so etwas wie den programmatischen Basistext dar.

An dieser Stelle mache ich zunächst einmal Schluss. Allerdings kann ich versichern, dass die Thematik damit noch längst nicht ausgelotet ist.

Identität und Abstammung – Erkenntnisse der Zwillingsforschung:
http://ernstfall.org/2013/05/05/identitat-und-abstammung-erkenntnisse-der-zwillingsforschung/

Daraus zitiert:

Wenn die Erkenntnisse der Naturwissenschaften zutreffen, widerlegt dies die Grundannahmen des Konzepts der multikulturellen Gesellschaft, das den Menschen als ausschließliches Produkt sozialer Faktoren betrachtet. Bestimmte Aktivisten im akademischen und politischen Bereich lehnen es ab, die Erkenntnisse der Naturwissenschaften zu akzeptieren, die sie als “biologistisch” abtun möchten, weil es ihren utopischen Gestaltungsvorhaben Grenzen setzt. Darauf, daß ihre Vorhaben ständig an der Wirklichkeit scheitern, reagieren diese Aktivisten mit moralischen Vorwürfen gegen die Wirklichkeit.

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