Helmut Bleiber – Wider die Tendenz zu nationalem Nihilismus

Der Historiker Prof. Dr. Helmut Bleiber in „Z. – Zeitschrift Marxistische Erneuerung – Nr. 14, Juni 1993″ über die Grundkrankheit der deutschen Linken – ein Auszug:

Helmut Bleiber – Wider die Tendenz zu nationalem Nihilismus

Hauptproblem der deutschen Linken beim Umgang mit der nationalen Frage und dem Nationalismus heute

… Die Okkupation des Nationalen durch den junkerlich-bourgeoisen Ausbeuterblock, die wachsende Verbindung von national einerseits und konservativ-reaktionär andererseits erschwerten es der revolutionären Sozialdemokratie, sich ihrerseits überzeugend des Nationalen zu bemächtigen und sich selbst als Hauptrepräsentanten nationaler Interessen darzustellen.

Trotz wichtiger politischer und propagandistischer Schritte und Bemühungen gegen das Versailler Diktat gelang es auch der KPD in den Jahren der Weimarer Republik nicht, in einem solchen Maße auch als Wahrerin nationaler Belange Anerkennung zu finden, wie es erforderlich gewesen wäre, um die nationale Demagogie der Nazis unwirksam zu machen.

Negative historische Erfahrungen mit dem Nationalen und die Tatsache, daß Nationalismus der derzeitigen Rekapitalisierung in Ost- und Südosteuropa als willkommenes Schibboleth dient, mögen gleichermaßen zum Entstehen von Unbehagen und Reserviertheit gegenüber dem Nationalen beitragen, wie sie im politisch linken Lager nicht eben selten anzutreffen sind. Solche Stimmungen und Haltungen mögen verständlich sein – einer komplexen realität werden sie indes nicht gerecht.

Ein generelles „Versagen der Linken in der nationalen Fragen“ zu konstatieren, erscheint problematisch. Eine ganze Reihe historischer Tatbestände wären gegen eine solche Aussage ins Feld zu führen. Verweisen sei hier nur auf die unbestreitbaren Kraftreserven, die die Revolution in China aus dem Abwehrkampf gegen die japanische Okkupation oder in Vietnam gegen die französische Kolonialherrschaft und die Aggression seitens der USA gewann.

Was sollte die deutsche Linke im Bemühen um Selbstbehauptung und Neuprofilierung in Bezug auf die nationale Frage heute beschäftigen?

Entgegenzuwirken wäre einer verbreiteten Tendenz zu nationalem Nihilismus. Sie verkennt, daß Nationen keine „Kunstprodukte der Moderne“ sondern Phänomene sind, die mit der Entwicklung der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaftsordnung offenbar notwendig und unvermeidbar auf der historischen Bildfläche erscheinen. Als Folge- und Begleiterscheinung des Aufstiegs des bürgerlichen Zeitalters stehen sie im Kontext jener progressiv-zivilisatorischen Rolle der Bourgeoisie, die Marx und Engels im ersten Teil des Kommunistischen Manifests gewürdigt haben. Probleme und Schwierigkeiten, die die Arbeiterbewegung von ihren frühesten Anfängen an mit dem Natioanlen hatte, rühren daher, daß die Verbreitung von nationalem Bewuptsein und das Wecken nationaler Emotionenn das Bewußtswerden der innneren sozialen Widersprüche erschwerten.

Das Rühren der nationalen Trommel eignete sich stets zum Übertönen sozialer Dissonanzen. Die aus dieser Beobachtung herrührende Tendenz zur Gleichsetzung von national und bürgerlich durch Repräsentanten des utopischen Arbeiterkommunismus überwanden Marx und Engels durch die Bestimmung des dialektischen Verhältnisses von Internationalismus und jeweiliger nationaler Aufgabenstellung. Gleichwohl offenbart sich im marxistischen Bemühen um das Verständnis des Nationalen eine Unterschätzung der Potenz und der Dynamik dieses Phänomens.

Kaum oder doch ungenügend wird erfaßt, daß nationales Bewußtsein im Kapitalismus nicht nur Ideologie im Dienste der herrschenden Klasse ist, sondern daß sich in ihm auch nationale Belange der werktätigen Schichten reflektieren wie etwa deren Interesse an der Abschüttelung von oder der Bewahrung vor Fremdherrschaft, am Recht auf die Muttersprache und auf die spezifisch ethnisch-kulturelle Eigenart. Nur dieser Tatbestand erklärt auch, warum Nationalbewußtsein Massenbewußtsein werden konnte.

Die Ambivalenz, die dem Nationalen eigen ist, offenbarte sich im 20. Jahrhundert in besonders drastischer Weise: Nationalismus im Dienste imperialistischen Weltherrschaftsstrebens einerseits – nationale Motivationen im antifaschistischen Widerstand und im antikolonialen Befreiungskampf der Völker der Dritten Welt andererseits. Ist die Vermutung so abwegig, daß antiimperialistische Potenzen des Nationalen auch im 21. Jahrhundert in den unvermeidlich sich verschärfenden Auseinandersetzungen zwischen den sogenannten Metropolen des Kapitalismus und den Völkern der dritten Welt eine bedeutenden Rolle spielen werden?

Unabdingbar erscheint das Festhalten am Leninschen Prinzip des Selbstbesimmungsrechts der Nationen bis hin zum Recht auf Lostrennung bzw. staatliche Selbständigkeit. Wer meint, diesen Grundsatz als „Kannibalenparole“ diskreditieren zu müssen, bekundet nicht etwa eine besonders ausgeprägte internationalistische Haltung, sondern ein hohes Maß an Unverständnis und Ignoranz gegenüber dem Gewicht und der Eigendynamik von Nationalem. Zu reflektieren wären gleichwohl die gründlich veränderten Umstände. Für Lenin war das Prinzip der Selbstbestimmung der Nationen praktikabler Bestandteil im strategisch-taktischen Konzept zur Herbeiführung und Sicherung der proletarischen Revolution. Sein vehementes Eintreten für dieses Prinzip war von der Überzeugung bestimmt, daß es geeignet sei, dem Willen der Völker in Richtung einer demokratischen und schließlich sozialistischen Entwicklung zum Durchbruch zu verhelfen. Nun hat sich gezeigt, daß es auch für genau gegenteilige gesellschaftliche Prozesse taugt.

Dabei darf nicht übersehen werden, daß in diesem Prozeß zumindest partiell auch eine demokratische Komponente legitimer Abwehr großrussischer oder – in den nichtsowjetischen sozialistischen Ländern – sowjetischer Dominanz im Spiele war. Wesentlicher erscheint freilich, daß es auf die Frage, welches andere Prinzip denn das auf Selbstbestimmung ersetzen sollte, keine vernünfige Antwort gibt. Fremdbestimmung, durch wen auch immer, statt Selbstbestimmung kann für politisch linkes Denken und Handeln keine akzeptable Alternative sein. …

Im Interesse der Selbstvergewisserung der marxistischen Linken liegt die kritische Sichtung und Aufarbeitung der Geschichte der sowjetischen Nationalitätenpolitik. Sie hat die „Aufarbeitung durchaus nachhaltiger Leistungen auf dem Gebiet der natioanlen Frage“ ebenso einzuschließen wie die Benennung und Analyse von Deformationen, Verletzungen und Fehlern, die von der Duldung und Funktionalisierung von großrussischen Nationalismus bis hin zur barbarischen Praxis der Umsiedlung ganzer Völkerschaften und ethnischer Gruppen (die Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus den Gebieten östlich der Oder und Neiße eingeschlossen) reichen. Die Losung von der Herausbildung eines Sowjetvolkes entbehrte sicher nicht einer realen Grundlage, insofern ein Prozeß der Verschmelzung der Nationen und Nationalitäten in der Sowjetunion eingesetzt hatte. Zu fragen bleibt, ob die öffentliche Deklarierung und Propagierung des „Sowjektvolkes“ diese Verschmelzungstendenz wirklich gefördert, oder nicht her kontraproduktiv gewirkt hat.

In Bezug auf die marxistische Theorie des Nationalen bzw. der nationalen Frage harrt die Erfahrung der Aufarbeitung, daß die Überwindung kapitalistischer Ausbeutung und Unterdrückung keineswegs automatisch zum Verschwinden nationaler und nationalistischer Haltungen, Ressentiments und Konflikte führt. Weitgehend unreflektiert ist, soweit ich sehen, bis heute das Aufbrechen von Konflikten bis hin zu militärischen Auseinandersetzungen zwischen der Sowjetunion und China oder China und Vietnam geblieben. Läßt sich dieses Phänomen allein als kleinbürgerlich-nationalistische und machtpolitische Deformation und Entgleisung realsozialistischer Herrschaftspraxis erklären oder muß es auch als Indiz dafür begriffen werden, daß unterschieldiche Existenzbedindungen und daraus herrührende differente Interessen zwischen Nationen bzw. Ländern oder Völkern auch jenseits der Kapitalherrschaft weiterbestehen, aus denen sich Konfliktpotentiale aufbauen können?

 

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Ein Gedanke zu “Helmut Bleiber – Wider die Tendenz zu nationalem Nihilismus

  1. Warum beherzigt bloß die KPD die Ratschläge von Genossen wie Bleiber und anderen (Du hast auf Deiner Seite ja viel zusammengetragen, Danke dafür! Auch für die Beiträge von „Kortschagin“) nicht und vertritt mannhaft, auf arbeiterart die nationale Frage, wie das Ernst Thälmann und August Thalheimer (die Verbrechen Stalins auch an unserem Volk hat die nationalautonome Linie der KPO bestätigt!) getan hat? Das wäre DIE Möglichkeit für die KPD, dann aber auch nicht verhalten, sondern offensiv die Ausländerfrage thematisieren, sich zu einer modernen sozialistischen Partei entwickelnd! Nein, stattdessen duckt man sich ängstlich der politischen Korrektheit der Herrschenden und linksradikalen Sektierern. Ich kann also verstehen, daß Du damals wieder von dannen gezogen bist resp. Deinen Mitgliedsantrag zurückgezogen hast, als Du den weltfremden, feigen Rentnerverein kennengelernt hast, der eine historische Chance verspielt und nicht das Recht hat, sich als Partei Ernst Thälmanns zu gerieren. So weit ist es schon gekommen, daß deutsche Sozialisten und Antifaschisten versuchen, bei REP und DVU sich zu engagieren (ich kenne sogar einen, der ist in der NPD und will dort den Einfluß von Nazis und Wirtschaftsliberalen gleichermaßen zurückdrängen), weil ihnen der Ausverkauf Deutschlands (auch das Thema Überfremdung) nicht gleichgültig ist. Das kann es doch nicht sein, oder?

    —–
    (Anm. Detlef Nolde: Nein, eigentlich nicht, aber offenbar ist daran erst einmal nichts zu ändern. Ich kenne so einige, die dort, wo sie gerade sind, Abstriche da und dort machen, in der sozialen und nationalen Frage, weil es eine sozialistische und nationale Partei nicht gibt. Nicht jeder ist für solche Kompromisse zu haben, die Schmerzgrenzen sind hier unterschiedlich, wobei bei den beiden von Dir genannten rechtsdemokratischen Parteien ja noch hinzukommt, daß politische Arbeit von der eigenen „Führung“ geradezu sabotiert wurde, ich habe das ja direkt in Berlin und darüberhinaus mitbekommen.

    Das mit der KPD (und der gesammten Linken in Deutschland) ist wirklich ein Trauerspiel und selbst die Unwissenheit betreffs historischer Thematik die eigene Partei betreffend (Thälmanns Haltung zur nationalen Frage, der Scheringer-Kurs usw.) ist dramatisch, so daß ich Deine Darstellung aus eigenen Erkundungen nur bestätigen kann. Ob Dein Bekannter den NS-Einfluß in der NPD zurückdrängen kann, ist die Frage. Aber gut, jeder geht seinen Weg und muß seine Erfahrungen machen, diese Partei hat ja schon einige Entwicklungen hinter sich, vielleicht wird sie ja mal wieder eine nationalkonservative Partei mit Unvereinbarkeitsbeschluß gegenüber dem NS, wie das noch unter Mußgnug der Fall gewesen ist. MfG)

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