Kortschagin: Klassenanalyse und Faschismusbegriff

Gastbeitrag von „Kortschagin“:

Was der NS unter „Volksgemeinschaft“ verstand, ist hinlänglich bekannt. Es ging um die Vertuschung der Klassengegensätze im Interesse des Kapitals. Die Bezeichnung „nationalsozialistisch“ war reine Demagogie und von Hitler lediglich wegen ihrer positiven Bedeutung für die damaligen Massen gewählt. Er dachte nie daran, einen „nationalen Sozialismus“ zu verwirklichen. Zwischen Begriff und Praxis des NS kann kein Widerspruch bestehen, da dieser Begriff von vorneherein nur Propagandazwecken diente und keinerlei politischen Inhalt hatte. Nationalsozialismus ist nichts weiter als ein Tarnbegriff für Faschismus. Der NS verfolgte das Ziel, im Auftrag der Bourgeoisie die Errichtung einer sozialistischen Gesellschaftsordnung in Deutschland zu verhindern.

Die Klassenbasis des NS war nicht das Proletariat, welches dem Hitler-Faschismus immer ablehnend gegenüberstand, sondern das rückständige Kleinbürgertum. Das vom Abstieg bedrohte Kleinbürgertum fürchtete sowohl das revolutionäre Proletariat, als auch das Großbürgertum. Hitler erschien als ihr Retter, der sie sowohl vor dem „Bolschewismus“, als auch vor dem Gerichtsvollzieher beschützen würde. Desweiteren speiste sich die NS-Clique aus den Entwurzelten aller Schichten und Klassen, dem Lumpenproletariat. Gerade diese parasitären Elemente hatten ein lebhaftes Interesse an der Machtergreifung Hitlers, damit sie den Staat zu ihrer Beute (Byzantinismus; SA-Gangsterei) machen konnten.

Der Faschismus zeichnet sich durch eine gestzlose und willkürliche Gewaltanwendung aus. Hauptangriffsziel der faschistischen Gewalt sind nicht irgendwelche Kritiker und Gegner, sondern die organisierte Arbeiterklasse, deren Zerschlagung den eigentlichen Sinn der faschistischen Herrschaft bedeutet.

Zur Machtergreifung des Faschismus kommt es immer dann, wenn in einer Krise beide Klassen (Arbeiterklasse und Bourgeoisie) so geschwächt sind, daß keine die politische Macht ausüben kann. Die Bourgeoisie ist schon zu schwach zur Machtergreifung, die Arbeiterklasse noch nicht stark genug. Um die bürgerliche Ordnung und ihre soziale Machtstellung zu retten, läßt die Bourgeoisie es zu, daß ihre politische Macht von einer verselbständigten Exekutive geborchen wird. Diese verselbständigte Exekutive ist nicht die Bourgeoisie selber, sondern handelt lediglich in deren Interesse. Das dabei auch das Feindbild nicht fehlen darf, versteht sich, dies ist aber eine bloße Nebensächlichkeit.

Momentan befindet sich der Kapitalismus zwar in einer Krise, die Bourgeoisie ist aber sozial wie politisch gegenüber der Arbeiterklasse relativ stark, so daß keine proletarische Revolution zu befürchten ist. Die momentan stattfindende Demontage von Grundrechten bereitet zwar für den Fall der ausweglosen Krise die faschistische Machtergreifung vor, darf aber nicht mit dieser selber verwechselt werden. Das gegenwärtige kapitalistische System ist, wenngleich reaktionär und gewalttätig, definitiv nicht faschistisch; noch leben wir in der bürgerlichen Demokratie. Auch wenn es Repressionsmaßnahmen gibt, so kann man diese nicht mit dem zügellosen faschistischen Terror vergleichen. Das wäre eine unzulässige Verharmlosung des Faschismus.

Der Faschismus ist eine Erscheinung, die ins Zeitalter des Monopolkapitalismus gehört. Der Faschismus kann durchaus verschiedene nationale Erscheinungsformen (Hitler, Franco, Mussolini) annehmen, sein Klasseninhalt bleibt aber der gleiche. Der Faschismus ist an eine bestimmte historische Entwicklungsstufe des Kapitalismus (Monopolkapitalismus) und an eine bestimmte Situation im Klassenkampf (vorübergehendes Patt zwischen Proletariat und Bourgeoisie) gebunden.

Ohne eine genaue Klassenanalyse bleibt der Faschismusbegriff schwammig und damit vollkommen untauglich, da letztlich jedes gewalttätige und repressive System als „faschistisch“ erscheint.

Ergänzung:

Hitler wurde noch zur rechten Stunde zum Kardinal der bürgerlichen Gesellschaft erhoben; die Wirtschaftsführer waren flink genug gewesen und hatten nicht gespart. Seitdem übt er die Methode des Rebellen, um die legitime bürgerliche Sache zu retten. Das ist sein sozialer Jesuitismus, der keinem, der noch seine Geruchsnerven hat, verborgen bleibt. Sein „nationaler“ Sozialismus ist die zeitgemäße Schutzfärbung des erschütterten Kapitalismus; der Kapitalismus bedient sich ihrer, damit er in den Reihen seiner natürlichen Feinde Eingang finde, um sie entwaffnen zu können.
(Ernst Niekisch, „Hitler – ein deutsches Verhängnis“, Widerstandsverlag Berlin 1931, Nachdruck 1990 im Bublies Verlag, S. 20)

Wenn sich 1934 viele der alten Kämpfer fragten, wo denn nun eigentlich die national-sozialistische Revolution geblieben sei, wenn SA-Führer wie Röhm oder Hitlers großer Gegenspieler Gregor Strasser der Meinung waren, nach der Phase der Machtergreifung sei es nun endlich an der Zeit, eine wirkliche Revolution durchzuführen, eine wirkliche soziale Neuordnung – wie kleinkariert war das doch gegen die Absichten jener, die Tausendjähriges im Sinne hatten.

Es ging ja nicht um das, was sich die ehemals sozialistischen Massen der Arbeiter, Kleinbürger und Angestellten, die jetzt in die nationalsozialistische Bewegung integriert waren, davon erhofften. Sie hatten nicht begriffen, konnten es nicht und durften es auch nicht, daß dies keine Revolution für sie gewesen war und auch nie sein sollte.

Es war eine Revolution gegen die Masse, der Sozialismus war eines der Lockmittel für diese scheinbar plan- und ziellose Revolution.
(E. R. Carmin, „Das schwarze Reich – Geheimgesellschaften und Politik im 20. Jahrhundert“, S. 117)

Ich halte den Nationalsozialismus für das Verhängnis Deutschlands. Seine Politik ist antinational und antisozialistisch; Sie werden, falls sie zur Macht kommen, Deutschland und die Welt ins Unglück stürzen. Was ich tun kann, um die deutsche Jugend vor dem faschistischen Betrug zu warnen, werde ich tun, weil ich Deutschland liebe. Das Neue zu wollen, heißt zu brechen mit dem Faschismus, mit all seinen Theorien und Methoden, und sich auf die andere Seite zu stellen.
(Karl. O. Paetel, Reise ohne Uhrzeit – Autobiographie, Verlag Georg Heintz 1982, S. 74 u. 234)

Frühere Mitstreiter aus der NS-Bewegung entlarvten in dem Scheringer gewidmeten Kampfblatt die antikapitalistische Demagogie der NSDAP, maßen Handlungen der Parteioberen an deren verkündeten Zielen und Ansprüchen.
(Hand Coppi in: „Aufbruch – Dokumentation einer Zeitschrift zwischen den Fronten“, Seite 24)

Unser besondere Aufgabe wird es sein müssen, alle diese Zusammenhänge den ehrlichen Elementen der SA aufzuzeigen, ihnen bei ihrer Loslösung aus ihrer konterrevolutionären Stellung behilflich zu sein und sie an die Front des revolutionären, nationalen und sozialen Befreiungskampfes heranzuführen. Vor allem aber werden wir immer wieder den SA-Leuten sagen müssen, daß sie den ganzen Schritt tun müssen, keine halben, daß nicht die Rückkehr zur Ausgangsstellung des NS vom Jahre 1921, nicht die Sammlung auf dem unhaltbaren Posten einer neuen Zwischengruppe zwischen den beiden Klassenfronten, sondern nur der entschlossene Sprung ins Lager der kämpfenden revolutionären Arbeiterschaft sie zu wirklichen Kämpfern macht um des deutschen Volkes nationale und soziale Befreiung.
(Hans Hubert von Ranke („Ludwig Bayer“), Freikorps Oberland, KPD-Funktionär in: „Aufbruch“, 2. Jg, 1932, Seite 6)

August Thalheimer hatte 1928 eine marxistische Faschismus-Analyse erarbeitet, die in die Plattform der KPD-O einging:

Der Faschismus ist eine Herrschaftsform des Kapitalismus, die dessen soziale Macht sichert, aber den Staatsapparat übernimmt, um die Interessen und Ziele der Bourgeoisie mit aller Härte durchzusetzen. Seine Massenbasis sind deklassierte Elemente aller Klassen, die er mit pseudosozialistischen Versprechungen zu mobilisieren versucht.

 

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2 Gedanken zu “Kortschagin: Klassenanalyse und Faschismusbegriff

    • Wenn die herrschende kapitalistische Klasse droht, ihrer sozialen Position verlustig zu gehen („Expropriation der Expropriateure“) und das mit den üblichen Mitteln der parlamentarischen Demokratie nicht mehr aufzuhalten ist, wird diese halt abgeschafft und deren Diktatur wird zu einer offenen und zugleich unverhüllt terroristischen – zum Faschismus.

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