Sozialismus – Demokratie oder Diktatur?

Zur Diskussion:

[Es ist eine vom] orthodoxen Marxismus ohne Ende wiederholte These, daß es sich beim Sozialismus um eine Diktatur des Proletariats handelt. Da das aber offenbar mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmt, mußte man immer Zusätze machen, die allerdings die These, daß das Proletariat herrscht, selbst negieren. Wenn ich sage, im Sozialismus herrsche die Arbeiterklasse, aber hinzufüge: im Bündnis mit den Bauern und unter der Führung der Partei, dann habe ich damit nichts anderes gesagt, als daß die Arbeiterklasse eben nicht herrscht. Denn von der Herrschaft einer Klasse kann man nur dann sprechen, wenn dieselbe unabweisbar ist, wenn buchstäblich nichts außer die Umwälzung der gesellschaftlichen Struktur diese Klasse daran hindern kann, der gesamte Gesellschaft ihren Willen aufzuzwingen. Dieser Zustand war im Sozialismus zu keiner Zeit gegeben, weil die Arbeiterklasse stets davon abhängig war, wie die Partei ihre Arbeit gemacht hat. Und vor allem hätte der Zustand einer wirklichen Diktatur des Proletariats auch nicht funktionieren können, weil eine Klasse eine partikulare Größe ist und folglich auch ein partikulares Bewußtsein besitzt. Um ein System wie den Sozialismus aber gezielt zu entwickeln war eine Staatsmacht nötig, die einen unabhängigen Standpunkt einnimmt, die zwischen den verschiedenen Kräften und vor allem über ihnen steht. (Quelle)

Der Begriff Diktatur des Proletariats [ist] dennoch grundfalsch.

Man mag ja sagen: was spielt es denn für eine Rolle, wer da herrscht, solange das Richtige passiert. Ich sage, es spielt eine gewaltige Rolle. Der Witz ist doch, daß eine Diktatur des Proletariats (einmal vorausgesetzt, dergleichen ist überhaupt machbar) niemals eine Diktatur für das Proletariat sein könnte. Der bestmögliche Zweck läßt sich nur dort sehen, wo man einen möglichst großen und durch keine Sonderinteressen beeinträchtigen Blickwinkel hat. Daß der Sozialismus eine Weile funktioniert hat, lag daran, daß er Führer hatte, die diesen hohen Standpunkt eingenommen haben und die sich nicht zum Affen irgendwelcher Sonderinteressen machen haben lassen.

Der Untergang des Sozialismus begann, als seine Führer sich zum Affen des Proletariats gemacht haben, oder noch präziser gesagt: An dem Tag, als in der Führung Leute saßen, die dieselbe Weltanschauung und dieselben Bedürfnisse wie das Proletariat besaßen, war der Untergang des Sozialismus besiegelt. Warum hat Erich Honecker denn die Konsumtion zulasten der Produktivkraftentwicklung erhöht? Doch nicht weil er zu weit von der Bewußtseinslage des Volks entfernt hatte, sondern weil er dachte, wie jedermann dachte.

Das Proletariat hat damals den VIII. Parteitag begeistert aufgenommen. Es war ja auch schön. Es gab ein größeres Angebot, mehr Freiheiten usf. Kaum ein Arbeiter interessierte sich dafür, daß dieser Anstieg des Lebensstandards das Resultat der vorangegangenen Leistungen war und daß das Drosseln dieser Leistung unweigerlich zum Versiegen der Quelle führen mußte.

Was also, umständlich genug, hier vorzubringen ich bemüht bin, ist, daß es eben nicht bloß eine Frage der theoretischen Präzision ist, Machtverhältnisse so zu benennen, wie sie sich wirklich verhalten, sondern daß das Wegwischen eines solchen Unterschied zwischen Diktatur für das Proletariats und Diktatur des Proletariats politisch folgenreich ist, weil es das Bewußtsein für die lebenswichtige Erkenntnis unempfänglich macht, daß zwischen dem Interesse des Proletariats und dem, was das Proletariat für sein Interesse hält, einen Unterschied gibt. (Quelle)

Wir sollten Gründe suchen, aus denen die DDR besser ist als die BRD. Und weil ich noch keine beigesteuert habe, mach ich das jetzt mal: keine freien Wahlen, keine freie Presse. Heißt auf Deutsch: wir waren verschont von einem unsäglich albernen Politzirkus von Parteien, die unter verschiedenen Namen und Schlagworten dieselben Inhalte vertreten, und wir waren verschont von dem Terror einer Meinungsbildungskaste, die der Bevölkerung die Gehirne wäscht und die schwächeren Teile der Bevölkerung systematisch fertig macht. (Quelle)

Die Frage, warum der Sozialismus untergegangen ist, hängt mit sehr viel mehr zusammen als nur mit dem Mangel an Demokratie. Der Hauptgrund war nie das politische System, sondern die Wirtschaftspolitik, und zwar auf den Punkt gebracht: Die Vernachlässigung der Produktivkraftentwicklung gegenüber der Konstitution der Produktionsverhältnisse. Die Bevölkerung war 1989 nicht deswegen auf einmal bereit, auf die Straße zu gehen, weil sie sich nach 40 Jahren endlich erstmals traute, die Rätedemokratie zu fordern, sondern weil in ihren Augen der unabweisbare Eindruck entstanden war, daß der Sozialismus vorn und hinten nicht funktioniert. Weil er, der angeblich das überlegene Produktionsverhältnis sein sollte, dem Kapitalismus in der Produktivkraftentwicklung nachstand, weil, damit verbunden, ein strukureller Mangel an Gütern herrschte, weil die Infrastruktur vernachlässigt worden war, weil von den Häusern der Putz blätterte usf. Dieselbe Bevölkerung, die z.B. in den sechziger und zum Teil auch noch in den siebziger Jahren bereit war, die DDR mitsamt ihrem politischen Eigenheiten, wenn nicht gleich zu lieben, so doch immerhin zu akzeptieren, war dazu nicht mehr bereit, als die Unfähigkeit der Wirtschaftsleitung klar zum Ausdruck kam.

Ich bin ja überhaupt nicht gegen demokratische Elemente im Sozialismus. Diese gab es und soll es auch geben. Aber diese Elemente müssen Elemente bleiben, sie dürfen keinesfalls allein herrschend oder gegenüber der Staatsmacht auch nur gleichberechtigt sein.

Was immer man an demokratischen Entscheidungen zuläßt, zwei Sorten von Entscheidungen dürfen unter keinen Umständen in der Hand des Volkes liegen: 1. Entscheidungen, die Fachwissen erfordern, denn was oder wieviel produziert werden muß, welche Forschungen gefördert, welche Poduktivkräfte entwickelt, welchen Schwerpunkte in der Wirtschaftsplanung gesetzt werden müssen, das können nur diejenigen entscheiden, die etwas davon verstehen. 2. Entscheidungen, die die grundlegende Entwicklung der Gesellschaft betreffen; d.h. die Möglichkeit, den Sozialismus abzuwählen und zu einer anderen Gesellschaftsformation zurückzukehren, die Wirtschaft wieder zu privatisieren, damit den Verkauf von Arbeitskraft zuzulassen usf., diese Möglichkeiten müssen von vornherein unterbunden werden und durch keinen Volksentscheid (wie etwa 1989) zugelassen werden. (Quelle)

Das Volk, das bekanntlich nie sehr viel begreift, begreift im Niedergang keineswegs die Ursachen desselben. Als es damals mit der DDR bergab zu gehen begann, hat mit Ausnahme einer kleinen Zahl von Einzelgängern das Volk nicht begriffen, woran das liegt. Es hat das ja bis heute nicht begriffen.

Das Volk spürt zwar, daß etwas nicht in Ordnung ist, aber es kann die Lage nicht analysieren. Das Volk in dieser Situation an die Macht zu lassen, wäre nicht die Lösung der Probleme, sondern deren Zuspitzung, denn um einen Fehler zu beheben, muß ich natürlich wissen, wo der Fehler liegt.

Die Frage „Was kann das Volk tun?“ kann ich nur dann stellen, wenn das Volk überhaupt die Möglichkeit hat, etwas zu tun. Aber das einzige, was das Volk kann, ist das Bestehende zu verneinen, also Revolution zu machen. Aber Revolution machen, hieß in der DDR, die ja die vorderste Spitze der Weltenwicklung darstellte, stets Konterrevolution machen.

Eine Revolution nach vorne ist ohne Avantgarde nicht möglich. Geht die Avantgarde fehl, so kann das Volk nur die Avantgarde verneinen und wird also direkt in die Konterrevolution abgleiten. Es wird zuerst – weil es die eigentlichen Fehler nicht erkennt – an den Symptomen des Niedergangs herumdoktern wollen und also nach den falschen Lösungen schreien. Schließlich wird es das satt haben und den schlecht gemachten Sozialismus dem Sozialismus an sich gleichsetzen und darum nach der Abschaffung des Sozialismus rufen. Und beides ist – in der Reihenfolge – in der DDR denn auch passiert.

Unstreitig ist es ein Problem, wenn die Partei „Scheisse baut“.

Ein Herrschaftsverständnis, das davon ausgeht, daß alles nur von oben geregelt werden müsse, hat mit Sozialismus nichts zu tun. Das endet in der Administration als Selbstzweck, in einer leeren Herrschaftsausübung, die nach vorn nichts mehr zu entwickeln vermag. Das war ja eines der großen Probleme der Honeckerzeit und hat auch mit in den Niedergang geführt.

Unstreitig ist es aber auch keine Lösung, dagegen das Volk zu mobilisieren.

Natürlich besitzt das Volk schöpferische Kraft. Aber diese Kraft – und dafür spricht ausnahmslos die ganze Weltgeschichte – kann nur produktiv entfaltet werden, wenn sie in gewisse Formen gebracht wird. Ohne den Zusammenhang staatlicher Verwaltung und Regelung des gesellschaftlichen Verkehrs wirkt die Kraft des Volkes nur destruktiv. Ein unkontrolliertes Wirken der Volksmasse ist in jedem Fall anarchisch und Anarchie bedeutet eben nicht – wie es der Name ausdrückt – Nichtherrschaft, sondern grundsätzlich Herrschaft der schlechtesten Elemente des Volkes.

Eine richtige Auffassung von Herrschaft muß die Dialektik von oben und unten beachten. Es ist richtig, daß sowohl von oben als auch von unten etwas kommen muß, damit der Sozialismus funktioniert. Aber daß von unten etwas kommt, das hängt davon ab, ob etwas und vor allem: was von oben kommt. Eine richtige Politik von oben ist die Voraussetzung für die Entfessellung produktiver Kräfte von unten. Fehlt diese Politik von oben, so ist jede Entfesselung von Kräften aus dem Volk destruktiv. Mit anderen Worten: Daß oben die richtige Politik gemacht wird, ist die notwendige Bedingung; daß die Kraft des Volkes von untern her hinzutritt, ist die hinreichende Bedingung.

Das einseitige Abgleiten in die Vorstellungen der reinen Herrschaft von oben oder der reinen Herrschaft von unten ist dagegen der Tod jeder nach vorne gerichteten Politik. Man muß die Kräfte ausnutzen, die da sind. Und wir haben einmal eine Kraft, die von oben wirkt und eine, die von unten wirkt. Also sollen auch beide wirken. Mit der Formel, daß man die großen Fragen oben klären solle, die kleinen dagegen unten, kann ich sehr viel anfangen.

Bekanntlich haben sich unsere Klassiker ihre Köpfe für uns zerbrochen und es fehlt in ihren Werken an passenden Antworten nicht. Man muß sie nur lesen.

Schiller: „Wo rohe Kräfte sinnlos walten, / Da kann sich kein Gebild gestalten“.
Goethe: „Getretner Quark / Wird breit, nicht stark. / Schlägst du ihn aber mit Gewalt / In feste Form, er nimmt Gestalt“.
Wer nach meinen Ausführungen mit diesen beiden Zitaten nichts anfangen kann, dem kann ich auch nicht weiter helfen. Ich habe dazu gesagt, was es dazu zu sagen gibt, Goethe und Schiller so wie so.

Was nun noch aussteht, ist die Antwort auf die Frage „Was tun?“.

Die richtige Frage lautet aber nicht „Was kann das Volk tun?“, sondern: „Was kann man tun?“ Auf die Situation der DDR seit 1971, oder auf die der UdSSR seit 1956 bezogen, sehe ich nur eine Möglichkeit. Ein verantwortlicher Genosse unterläßt es, einen Bürgerkrieg anzuzetteln oder sich mit den gegnerischen Geheimdiensten einzulassen, sondern er ist bemüht, an seinem Ort Schadensbegrenzung zu betreiben, nach Möglichkeit die Entwicklung voranzubringen, denn das ist er dem Sozialismus – der auch im Niedergang die weit bessere Alternative zum Kapitalismus darstellt – schuldig. Und wenn er seine Pflicht an seinem Ort gewissenhaft erfüllt und kluge Impulse zu geben versteht, dann hat er überdies auch die Möglichkeit in der Macht aufzusteigen. Er weiß, daß er nur etwas ändern kann, wenn er in eine Position gerät, in der er Verantwortung hat. Nur von oben kann er die Problem lösen, denn oben werden, bzw. wurden die Fehler gemacht. Er muß natürlich berücksichtigen, daß er – will er in eine Machtposition kommen – nicht offen gegen die falsche Politik auftreten darf. Denn schließlich möchte er ja nicht von der herrschenden Clique als Gefahr erkannt werden. In diesem Fall würde diese verhindern, daß er nach oben kommt.

Das ist, was man in dieser Situation tun kann. Mehr zu sagen, ist meines Erachtens nicht möglich. (Quelle)

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4 Gedanken zu “Sozialismus – Demokratie oder Diktatur?

  1. NumaPumpilius: Wenn ich sage, im Sozialismus herrsche die Arbeiterklasse, aber hinzufüge: im Bündnis mit den Bauern und unter der Führung der Partei, dann habe ich damit nichts anderes gesagt, als daß die Arbeiterklasse eben nicht herrscht.

    Die Partei der Arbeiterklasse ist Teil der Klasse, nämlich ihr bewußtester, am besten organisierter Vortrupp. Damit steht die Tatsache, dass die Partei führt, der Tatsache, dass die Arbeiterklasse herrscht nicht gegenüber. Da die Bauern, Handwerker und Gewerbetreibenden sowie die Intelligenz ebenfalls werktätig sind, werden sie von der Arbeiterklasse an der Machtausübung (Herrschaft) beteiligt. Auch hier ist die Arbeiterklasse die herrschende Klasse, die einen Teil ihrer Machtbefugnis unter strenger Kontrolle an andere werktätige Klassen und Schichten delegiert.

    NumaPumpilius: Um ein System wie den Sozialismus aber gezielt zu entwickeln war eine Staatsmacht nötig, die einen unabhängigen Standpunkt einnimmt, die zwischen den verschiedenen Kräften und vor allem über ihnen steht.

    Der „unabhängige Staat“, taucht er auch schon wieder auf? So was wie der preußische Ständestaat mit Fridericus Rex an der Spitze? Hilfe! Solches bourgeoises Gewäsch wollt Ihr als kommunistische Theorie verkaufen?

    NumaPumpilius: Was immer man an demokratischen Entscheidungen zuläßt, zwei Sorten von Entscheidungen dürfen unter keinen Umständen in der Hand des Volkes liegen: 1. Entscheidungen, die Fachwissen erfordern, denn was oder wieviel produziert werden muß, welche Forschungen gefördert, welche Poduktivkräfte entwickelt, welchen Schwerpunkte in der Wirtschaftsplanung gesetzt werden müssen, das können nur diejenigen entscheiden, die etwas davon verstehen. 2. Entscheidungen, die die grundlegende Entwicklung der Gesellschaft betreffen; d.h. die Möglichkeit, den Sozialismus abzuwählen und zu einer anderen Gesellschaftsformation zurückzukehren, die Wirtschaft wieder zu privatisieren, damit den Verkauf von Arbeitskraft zuzulassen usf., diese Möglichkeiten müssen von vornherein unterbunden werden und durch keinen Volksentscheid (wie etwa 1989) zugelassen werden.

    1989 fand kein Volksentscheid statt. Die Leute gingen auf die Straße und die revisionistische Staatsmacht zog den Schwanz ein, weil schon lange die Kapitulation vor dem Kapitalismus klar war. Leute wie Modrow, Schabowski, Schalck-Golodkowski hatten da schon Vorarbeit geleistet. Die Privatisierung war vorher schon lange schleichend erfolgt und wurde durch die Treuhand aber mit einem anderen Ergebnis abgeschlossen, als sich unsere selbst ernannte Bourgeoisie erhofft und erwünscht hatte.

    Ursache dieser Entwicklung waren eben die Verletzung der sozialistischen Demokratie, die mangelnde Einbeziehung der Werktätigen in die Entscheidngen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

    NumaPumpilius: Das Volk, das bekanntlich nie sehr viel begreift, begreift im Niedergang keineswegs die Ursachen desselben. Als es damals mit der DDR bergab zu gehen begann, hat mit Ausnahme einer kleinen Zahl von Einzelgängern das Volk nicht begriffen, woran das liegt. Es hat das ja bis heute nicht begriffen. Das Volk spürt zwar, daß etwas nicht in Ordnung ist, aber es kann die Lage nicht analysieren. Das Volk in dieser Situation an die Macht zu lassen, wäre nicht die Lösung der Probleme, sondern deren Zuspitzung, denn um einen Fehler zu beheben, muß ich natürlich wissen, wo der Fehler liegt.

    Das Volk begreift sehr viel, wenn man ihm hilft. Hilft man dem Volk nicht, dann begreift es nichts. So ist der Zustand eben in antagonistischen Klassengesellschaften. Die Bourgeoisie ist an einem begreifenden Volk nicht interessiert, es könnte ihr ja die Macht streitig machen. Die Arbeiterklasse hingegen hat ein äußerst starkes Interesse an einem gebildeten und begreifenden Volk. Nur wer gesellschaftliche Erscheinungen und Prozesse versteht, kann sie auch lösen. Das ist eine Fage der Freiheit. Damit das Volk frei sein kann, muss es gebildet werden: nach jeder proletarischen Revolution wurden Bildungsprogramme realisiert. Immer wenn die Konterrevolution siegt, wird Bildung herunter gefahren und bleibt meist nur Eliten zugänglich.

    NumaPumpilius: Natürlich besitzt das Volk schöpferische Kraft. Aber diese Kraft – und dafür spricht ausnahmslos die ganze Weltgeschichte – kann nur produktiv entfaltet werden, wenn sie in gewisse Formen gebracht wird. Ohne den Zusammenhang staatlicher Verwaltung und Regelung des gesellschaftlichen Verkehrs wirkt die Kraft des Volkes nur destruktiv. Ein unkontrolliertes Wirken der Volksmasse ist in jedem Fall anarchisch und Anarchie bedeutet eben nicht – wie es der Name ausdrückt – Nichtherrschaft, sondern grundsätzlich Herrschaft der schlechtesten Elemente des Volkes.

    Nun, jetzt sind wir beim getretnen Quark gelandet. Nur einige Beispiele:

    -Spartakusaufstand
    -Großer Deutscher Bauernkrieg
    -Chartistenbewegung
    -Große Sozialistische Oktoberrevolution

    Unkontrolliertes Wirken der Volksmassen (die Liste ließe sich übrigens noch fortsetzen)? Anarchie ist bourgeoise Herrschaft, denn Anarchie ist keine Weltanschauung der Arbeiterklasse, auch wenn sie immer wieder ins Proletriat getragen wird, wie viele andere bourgeoise Gedanken auch.

    Das Volk ist der Gestalter der Gesellschaft. Und es wird seine Führer hervor bringen, wenn es sie benötigt. Alles andere ist elitäres Gewäsch und führt in das Verderben, sprich: die Konterrevolution. Die konsequent demokratische Gestaltung der sozialistischen Gesellschaft zusammen mit umfassender Bildung des Volkes wird ein zweites Scheitern verhindern.

    Gruß

    • Die genannten Aufstandsbewegungen waren wiederum welche, die von Persönlichkeiten vorbereitet und initiiert wurden, nicht von führungslosen Massen an „mündigen Bürgern“.

      Was die Rolle und Funktion des Staates (auch im Sozialismus) betrifft, da hat sich der Autor an dieser Stelle folgendermaßen ergänzend geäußert:

      Die Frage, „wer dann“ die herrschende Klasse [im Sozialismus, Anm.] war, ist falsch gestellt und führt auf Irrwege. Umgekehrt muß sie gestellt werden. Über welche Klasse hätte das Proletariat eigentlich herrschen sollen? Ökonomisch gebiert das Proletariat nicht in sich eine andere Klasse, mit der sie im antagosnistischen Verhältnis steht. Und auf dem Land herrschte die kollektivwirtschaftliche Produktionsweise vor. Bleibt also nur die politische Herrschaft der Klasse. Aber es bestand im Sozialismus ein Kräftegleichgewicht zwischen Proletariat und Kleinproduzenten – was ja nicht immer bestehen muß, nur eben das haben wir historisch noch nicht erlebt – und aus eben diesem Gleichgewicht heraus bildet sich die Notwendigkeit einer von der Einseitigkeit einer Klasse unabhängigen Instanz, zunächst als oligarchische Herrschaft der Partei und später (Stalin, Ulbricht) als staatliche Organistation sogar wesentlich an der Partei vorbei.

      Die Frage könnte also nur „wer dann“ lauten, wenn die Herrschaft in der Klassengesellschaft von vornherein als Herrschaft einer Klasse gegeben wäre. Diese vereinfachte Sicht ist jedoch längst überholt und zwar schon durch Friedrich Engels:

      Da der Staat entstanden ist aus dem Bedürfnis, Klassengegensätze im Zaum zu halten, da er aber gleichzeitig mitten im Konflikt dieser Klassen entstanden ist, so ist er in der Regel Staat der mächtigsten, ökonomisch herrschenden Klasse, die vermittelst seiner auch politisch herrschende Klasse wird und so neue Mittel erwirbt zur Niederhaltung und Ausbeutung der unterdrückten Klasse. So war der antike Staat vor allem Staat der Sklavenbesitzer zur Niederhaltung der Sklaven, wie der Feudalstaat Organ des Adels zur Niederhaltung der leibeignen und hörigen Bauern und der moderne Repräsentativstaat Werkzeug der Ausbeutung der Lohnarbeit durch das Kapital. Ausnahmsweise indes kommen Perioden vor, wo die kämpfenden Klassen einander so nahe das Gleichgewicht halten, daß die Staatsgewalt als scheinbare Vermittlerin momentan eine gewisse Selbständigkeit gegenüber beiden erhält. So die absolute Monarchie des 17. und 18. Jahrhunderts, die Adel und Bürgertum gegeneinander balanciert; so der Bonapartismus des ersten und namentlich des zweiten französischen Kaiserreichs, der das Proletariat gegen die Bourgeoisie und die Bourgeoisie gegen das Proletariat ausspielte. Die neueste Leistung in dieser Art, bei der Herrscher und Beherrschte gleich komisch erscheinen, ist das neue deutsche Reich Bismarckscher Nation: Hier werden Kapitalisten und Arbeiter gegeneinander balanciert und gleichmäßig geprellt zum Besten der verkommnen preußischen Krautjunker.

      Soweit Engels. Seine Bestimmung des Produktionsweise des Sklavenhaltergesellschaft ist zu grob, wie ich als Fachmann weiß. Auch fehlt in seiner Aufzählung die Periode des Frühmittelalters, die den Übergang der antiken Sklavenhaltergesellschaft zum Feudalismus in etwa 300 Jahren bewältigte. Was Engels hier entdeckt hat, ist der Umstand, daß es zwischen den reinen Gesellschaftsformen Übergangsgesellschaft gibt, die – zumindest die bisherigen – immer mehrere Jahrhundert dauerten und in denen es keine Klassenherrschaft gab. In diese Reihe kann man denn auch den Sozialismus einordnen, der ja nicht nur von Ulbricht, sondern auch von Stalin als eigenständige Gesellschaftsformation bezeichnet wurde. Nur konnte das Engels natürlich nicht wissen, weil er zum einen den Sozialismus nie erlebt hat (und nur Idioten glauben, daß man mittels Wissenschaft hellsehen könne) und zum anderen ja auch gar nicht glaubte, daß der Sozialismus überhaupt eine eigene Gesellschaftsfpormation sein werde.

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