Karl Otto Paetel: „Ich halte den Nationalsozialismus für das Verhängnis Deutschlands“

Karl Otto Paetel wird als „Außenseiter zwischen den politischen Fronten“ bezeichnet. Er war Initiator, Vordenker und Leiter der „Gruppe Sozialrevolutionärer Nationalisten“, die sich 1934 in „Gruppe Sozialistische Nation“ umbenannte.

In dem am 30. Januar 1933 in letzter Stunde von ihm herausgegebenen „Nationalbolschewistischen Manifest“ – nur wenige Exemplare erreichten vor der Beschlagnahme der Gesamtauflage noch Interessenten – hieß es:

In den Umrissen proklamiert der deutsche Nationalkommunismus:

Wir erkennen die Notwendigkeit der deutschen sozialistischen Revolution. Sie ist die geistige Umgestaltung, die wirtschaftlich, politisch und kulturell das Gesicht unserer Zeit bestimmt, sie ist praktisch die Revolution der Arbeiter, Bauern und verproletarisierten Mittelschichten.

Wir bekennen uns zur Nation. Sie ist uns letzter politischer Wert als schicksalsmäßiger Ausdruck volkhafter Gemeinschaft.

Wir bekennen uns zum Volk als der artgemäßen Kulturgemeinschaft im Gegensatz zur volkszersetzenden westlerischen Zivilisation.

Wir bekennen uns zum immanenten Sinn des deutschen Volkstums.

Wir bekennen uns zum planwirtschaftlichen Sozialismus, der nach Brechung der kapitalistischen Ordnung Volk und Nation in organischer Wirtschaftsgliederung bindet und als Gemeinwirtschaft die Grundlage der staatlichen Souveränität bildet.

Die Verwirklichung unserer Ziele ist der freie großdeutsche Volksrätestaat als Ausdruck der Selbstverwaltung des schaffenden Volkes.

Die Produktionsmittel werden in den Gemeinbesitz der Nation überführt, und ds grundsätzliche Eigentum der Nation an Grund und Boden erklärt.

Daraus folgt:

Nationalisierung aller industriellen Groß- und Mittelbetriebe.

Sofortige großzügige Besiedlung des Ostens bei Enteignung des Großgrundbesitzes.

Teilweise Vergebung von Kleinbauernstellen an zweite und dritte Bauernsöhne und Landarbeiter als Reichserblehen.

Teilweise sozialisierte Staatsgüter.

Ersatz des römischen Privatrechts durch das deutsche Gemeinrecht.

Staatliches Außenhandelsmonopol. Verstaatlichung des Geldwesens.

Für die Übergangszeit nach der Revolution Autarkie des Wirtschaftsraumes Rußland-Deutschland, deutsche Autarkie als Endziel.

Der heutige Zustand erfordert:

Rücksichtslosen Kampf gegen alle außenpolitischen Versklavungsverträge von Versailes bis Young, bis zu ihrer Zerreißung.

Kampf gegen das die äußere Unfreiheit snktionierende System von Weimar, reichend von Hilferding zu Hitler, bis zu seiner Vernichtung.

Kampf gegen die römische Politik im deutschen Raume.

Kampf für eine artgemäße dem deutschen Menschen entsprechende Religiosität als Voraussetzung völkischer Einheit.

Bündnispolitik mit der Sowjetunion.

Unterstützung der revolutionären Bewegung zur Schaffung der Einheitsfront aller unterdrückten Klassen und Nationen.

Der heutige Zustand erfordert:

Die schärfste Durchführung des Klassenkampfes der Unterdrückten gegen alle, die das privatkapitalistische Dogma von der Heiligkeit des Eigentums vertreten.

Das ist der einzige Weg zur deutschen Souveränen Sozialistischen Nation.

Zur Sicherung der Revolution gegen den Zugriff des internationalen Kapitals und gegen konterrevolutionäre Bestrebungen tritt an die Stelle des Söldnerheeres im Augenblick der Revolution das revolutionäre Volksheer, bei Konstitiuierung des sozialistischen Staates wird die Unzertrennbarkeit Großdeutschlands proklamiert.

Zur Erreichung dieser Ziele ist heute notwendig: Kampfgemeinschaft mit der Partei des revolutionären Proletariats, der KPD.

Aus: Versuchung oder Chance?: Zur Geschichte des deutschen Nationalbolschewismus. Musterschmidt, Göttingen 1965

Karl O. Paetel:

Ich halte den Nationalsozialismus für das Verhängnis Deutschlands. Seine Politik ist antinational und antisozialistisch; Sie werden, falls sie zur Macht kommen, Deutschland und die Welt ins Unglück stürzen. Was ich tun kann, um die deutsche Jugend vor dem faschistischen Betrug zu warnen, werde ich tun, weil ich Deutschland liebe.

Aus: Reise ohne Uhrzeit – eine Autobiographie. Verlag G. Heintz, Worms 1982, S. 74

Wozu sind wir da? Um die Bedingtheit aller heute möglichen Entscheidungen aufzuzeigen; um zu beweisen, daß man nationaler Sozialist sein kann, ohne Nationalsozialist zu sein, daß man alle konkreten Ziele der revolutionären Linken bejahen kann: Vergesellschaftung der Produktionsmittel, Planwirtschaft, Demokratisierung der Verwaltung und des Staates, ohne der Enge des marxistischen Dogmas zu verfallen, daß man für den Frieden eintreten kann, ohne Pazifist aus Doktrin zu sein, daß man konservativ sein kann, das heißt, die ewigen Werte der deutschen Kultur bejahen, ohne Reaktionär zu sein.

Aus: Karl O. Paetel, Reise ohne Uhrzeit – Autobiographie,  S.  64

Das Neue zu wollen, heißt zu brechen mit dem Faschismus, mit all seinen Theorien und Methoden, und sich auf die andere Seite zu stellen. Ob man in den Organisationen bleibt, ist nur eine Frage der Zweckmäßigkeit. Aber innerlich muß man draußen sein, muß erkannt haben, daß Nationalsozialismus – auch reformierter Nationalsozialismus – Unterdrückung und einen sinnlosen, verbrecherischen Krieg bedeutet.

Aus: Reise ohne Uhrzeit – eine Autobiographie. Verlag G. Heintz, Worms 1982, S. 234

Als Otto Strasser 1930 eine eigene Gruppe, später die „Schwarze Front“ genannt, gebildet hatte, hatte man [die Nationalrevolutionäre] Kontakte dahin gesucht, sie aber bald wieder abgebrochen. Die Gruppe Straßer selbst hat nur bedingt zu den Nationalrevolutionären gehört, – aber aus der Bewegung, die sein Austritt aus der NSDAP indirekt auslöste, kamen indes nicht wenige zu den Nationalbolschewisten.

Aus: Karl O. Paetel, Versuchung oder Chance. Zur Geschichte des deutschen Nationalbolschewismus

Unser Kreis hatte sich ungefähr einen Monat lang mit den Strasser-Leuten solidarisiert, dann sind kurz vor der Reichstagung der „Kampfgemeinschaft revolutionärer Nationalsozialisten“ unsere Leute ebenso wie ein Kernkreis der alten Strasser-Anhänger …. ausgeschlossen worden, weil wir die Absicht hatten, gegen die abstruse Sozialismus-Formulierung Otto Strassers von 49 Prozent Gewinnbeteiligung der Arbeiter anzugehen.

Man muß hier ein paar Bemerkungen über die Strasser-Sezession einfügen. Obwohl ohne jede Massenwirksamkeit hat der Kampfverlag-Kreis damals zweifellos das Beste an revolutionären Elementen gesammelt, was sich in die NSDAP verirrt hatte. Otto Strasserm den wir mit Mühe den Gruß „Heil Strasser“ ausgeredet hatten – er wurde durch die Formulierung „Heil Deutschland“ ersetzt – hat sie auf einen fast unbegreifliche Weise ausgeschaltet. Daß Strasser als sogenannter Renegat von der NSDAP vehement gehaßt wurde, steht außer Zweifel, wenn auch das Selbstbewußtsein des Buchtitels „Hitler und ich“ ein wenig über das Ziel hinausschoß.

Aus: Karl O. Paetel, Reise ohne Uhrzeit – Eine Autobiographie, S. 116-117

Etwas was noch aus meiner Jugendbewegungszeit stammt, nämlich, daß Fragenstellen das wichtigste im Leben ist. Antworten zu kriegen ist … Glückssache: Und ich glaube mit ihnen, daß es im Grunde nur eine Sünde gibt, innerlich einzufrieren in einer Haltung, die „unerschütterlich“ ist. Ich bin in meinem Leben zu oft zutiefst erschüttert worden, um nicht im verrücktesten Gesprächspartner noch eine Möglichkeit des Mich-Korrigierens zu sehen …

Aus: Reise ohne Uhrzeit – eine Autobiographie. Verlag G. Heintz, Worms 1982 ( „Gesprächsfetzen“, 1, Nr. 2/3 (Sommer/Herbst 1963), S. 6)

Karl O. Paetel starb am 4. Mai 1975 in Forest Hills, New York, seinem Exil.

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9 Gedanken zu “Karl Otto Paetel: „Ich halte den Nationalsozialismus für das Verhängnis Deutschlands“

  1. Guten Abend,

    erstmal Lob zu diesem Blog. Eine schöne Mischung. Ich habe eine Frage zu diesem Zitat:

    Unser Kreis hatte sich ungefähr einen Monat lang mit den Strasser-Leuten solidarisiert, dann sind kurz vor der Reichstagung der „Kampfgemeinschaft revolutionärer Nationalsozialisten“ unsere Leute ebenso wie ein Kernkreis der alten Strasser-Anhänger …. ausgeschlossen worden, weil wir die Absicht hatten, gegen die abstruse Sozialismus-Formulierung Otto Strassers von 49 Prozent Gewinnbeteiligung der Arbeiter anzugehen.

    Man muß hier ein paar Bemerkungen über die Strasser-Sezession einfügen. Obwohl ohne jede Massenwirksamkeit hat der Kampfverlag-Kreis damals zweifellos das Beste an revolutionären Elementen gesammelt, was sich in die NSDAP verirrt hatte. Otto Strasserm den wir mit Mühe den Gruß „Heil Strasser“ ausgeredet hatten – er wurde durch die Formulierung „Heil Deutschland“ ersetzt – hat sie auf einen fast unbegreifliche Weise ausgeschaltet. Daß Strasser als sogenannter Renegat von der NSDAP vehement gehaßt wurde, steht außer Zweifel, wenn auch das Selbstbewußtsein des Buchtitels „Hitler und ich“ ein wenig über das Ziel hinausschoß.

    Aus: Karl O. Paetel, Reise ohne Uhrzeit – Eine Autobiographie, S. 116-117

    Was genau hatte es damit auf sich?

    mfg, Alfred

    • Ich habe nochmal nachgeschlagen und das Zitat ein wenig vervollständigt, wenn sich auch an der inhaltlichen Aussage freilich nichts verändert, auf die sich Deine Frage bezieht.

      Karl O. Paetel stellt dar, hier geht er mit Ernst Niekisch konform, daß er Otto Straßer nicht zu den Nationalrevolutionären zählt, was wesentlich mit dessen Sozialismusdefinition zu tun hat.

      Der Punkt „auf einen fast unbegreifliche Weise ausgeschaltet“ bezieht sich wohl auf die persönlichen und damit Führungsqualitäten von Otto Straßer.

      Ein Artikel zu Otto Straßer und weitere Zitate aus sozialisticher Sicht: https://detlefnolde.wordpress.com/2010/09/22/der-sozialist-otto-strasser/

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