Ex-Nazi Gabriel Landgraf: „Ich habe mich von ideologischen Torheiten und Zwängen gelöst“

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Ex-Nazi Gabriel Landgraf

Was Gabriel Landgraf zu sagen hat …

15. September 2006

„Ich war ein Neonazi“

Gabriel Landgraf:

„Vor einem Jahr war plötzlich gar nichts mehr klar. Alle Widersprüche und Zweifel prasselten auf mich ein. Damals begleitete ich einen wegen Körperverletzung angeklagten ‚Kameraden‘ zum Potsdamer Landgericht. 50 Neonazis hatte ich für die Zuschauerränge des Gerichtsaals eingeladen. Wir wollten richtig Stimmung machen.

Doch auf der anderen Seite des Gerichtssaals saß Rieke, die Sozialarbeiterin – sie betreute das Opfer. Sie fragte mich in einer Verhandlungspause ganz offen, wie ich hinter solch einer Ideologie stehen kann. Widersprüche und Zweifel über die rechte Ideologie hatte ich schon längere Zeit, doch vor Rieke hatte mich niemand vorher darauf angesprochen.

Dann traf ich immer mehr Menschen außerhalb der Szene, die mir gezeigt haben, dass es auch eine menschliche Seite des Lebens gibt. Dass auch Gefühle, nicht nur Kameradschaft zählen. Da wurde mir klar, dass ich aussteigen muss.

Die Gewalt hat mich immer wieder zum Überlegen gebracht. Außerdem habe ich Texte publiziert, deren Argumentation mir immer öfter widersprüchlich erschien. Ich habe gegen staatliche Unterdrückung gekämpft, aber den Nationalsozialismus als Lösung gesehen – das ist doch totaler Blödsinn. Das habe ich lange verdrängt, doch irgendwann war der Papierkorb voll. In dem Moment kam Rieke in mein Leben.

Mit den Widersprüchen in mir bin ich dann erst mal auf Rucksackreise durch Südeuropa gegangen, um mich gefühlsmäßig zu sortieren. Als ich wiederkam, war es für mich entschieden: Ich steige aus. Danach habe ich meine Ämter niedergelegt, das Infoportal abgestellt, meine SMS-Verteiler abgeschaltet und mit all meinen bisherigen Freunden gebrochen. Das war wie ein neues Leben.

Erst danach ist mir aufgefallen, wie isoliert ich in meinem militanten Neonazi-Umfeld war. Ich habe mich absichtlich von der Gesellschaft entfremdet. Den Umgang mit anderen Menschen muss ich jetzt wieder neu lernen, ich war ja früher nur unter meinesgleichen. Ich fühle mich von Zwängen und Verklemmtheit befreit und sehe das Leben auf einmal mit ganz anderen Augen. Natürlich habe ich mir auch Feinde gemacht, im Internet und per SMS gab es nach meinem Ausstieg immer wieder versteckte Drohungen. Darum bin ich jetzt auch an einen geheimen Ort gezogen.“

Quelle und vollständiger Text: www.spiegel.de

31. 10. 2006

Der ehemalige Rechtsextremist Gabriel Landgraf über Ausstieg, Verrat und Verfassungsschutz

Ihre Ex-„Kameraden“ nennen Sie heute „Verräter“, weil Sie Interna an die Antifa weitergeleitet haben sollen. Wie lebt es sich als „Verräter“?

Gabriel Landgraf: Was soll ich verraten haben? Ich habe seit meiner Jugend einen Verrat an der Menschheit begangen. Ich bin persönlich mit meinem Leben zufrieden, habe mich von ideologischen Torheiten und Zwängen gelöst.

Konkret?

Gabriel Landgraf: In meinem neuen Leben kann ich mich wirklich frei bewegen. Mit der Welt, so wie sie ist, bin ich immer noch nicht einverstanden. Ich setze mir neue politische Ziele, beschäftige mich auf eine ganz neue Art und Weise mit Kritik, lasse endlich Widersprüche zu. Ich sitze nicht den ganzen Tag vor dem Rechner und beschäftige mich mit Neonazis. Endlich habe ich die Möglichkeit mich über soziale Missstände, Globalisierung und die Aufteilung der Welt in arm und reich auseinanderzusetzen. Ich kann an Diskussionen teilnehmen und verschiedene Perspektiven zuzulassen. Momentan lerne ich eine Menge dazu. Wenn dieses Leben als Verrat angesehen wird: Menschenverachtung, Unverständnis und geistige Leere verrate ich gerne.

In Neonazi-Webforen wird Ihnen unterschwellig Gewalt angedroht. Will man Sie nur verunsichern oder sind derlei Drohungen ernst zu nehmen?

Gabriel Landgraf: Einerseits hat man das klassische Bild der Schreiberlinge, bei denen Argumente fehlen und dann der Gewalt das Wort gesprochen wird. Dann merke ich aber auch, dass persönliche Faktoren eine Rolle spielen, wo Enttäuschung und Unverständnis die Diskussionen bestimmen. Wieder andere können so ihre alten und persönlichen Animositäten gegen mich frönen und einige fühlen sich bedroht und schlagen so um sich. Gewalt ist eine Basis der rechten Ideologie und man bekommt es auch immer wieder mit, über Einschüchterung oder Gewaltanwendung. Ich registriere solche Drohungen, lass mich davon nicht aus der Bahn werfen.

Als zum Jahreswechsel drei NPD-Landtagsabgeordnete ihre Partei verließen, höhnte die NPD über die zuvor von ihr gelobten Kader, diese seien eigentlich nutzlos gewesen. Auch über Sie heißt es nun – die „Freien Kräfte Berlin“ schimpfen über Ihren „übermäßigen Alkoholkonsum und Geltungsdrang“ und nennen Sie einen „nicht resozialisierbaren Kriminellen“ –, Sie seien nie so wichtig gewesen, wie Sie sich heute selbst darstellen. Warum kann die Szene den Abschied hochrangiger Kader nicht verkraften?

Gabriel Landgraf: Zunächst gibt es nicht viele rechte Kader. Es fehlt in Deutschland an Führungspersönlichkeiten, die nachrücken können. Dann habe ich auch Geld und Energie in diese Bewegung gesteckt, was viele anerkannten. Projekte, Verteiler nahm ich mit mir und hinterließ eine Lücke. Doch ich denke ebenfalls, dass sich einige Personen ertappt gefühlt haben. Gerade die intelligenteren Personen. Einige müssen sich eingestehen, dass ich an Punkten Recht habe. Diesen Personen fehlt es leider dann an Willenskraft und Mut, ihr soziales Umfeld zu verlassen.

Und die Statements der „Freien Kräfte Berlin“?

Gabriel Landgraf: Darüber kann ich nur müde lächeln, ich habe eigentlich noch peinliche Fotos erwartet. Wie soll diese Szene auch sonst reagieren? In dieser Ideologie sind Widersprüche nicht offen diskutierbar, Schwächen und Zweifel nicht offen aussprechbar. Und ich bin überzeugt, dass der eine oder die andere sich schon Gedanken über einen Ausstieg gemacht haben, dass ich auch indirekt eine Debatte losgelöst habe. Gerade die am größten tönen, hetzen und beschimpfen, sind die Ersten, die, wenn das Licht der Nachttischlampe erlischt, unter der Decke über einen Ausstieg nachdenken.

Wie kam es eigentlich dazu, dass Sie sich von der braunen Szene verabschiedeten?

Gabriel Landgraf: Es war und ist immer noch ein langer Weg. Widersprüche pflasterten ständig meinen Weg und wurden verdrängt. Zum einen die ständige Suche nach einem Feind, an dem sich die fatale Ideologie abwälzt. Dann das kleingeistige Aufhängen an einer nationalen Identität, um sein eigenes Versagen in der Gesellschaft zu verdrängen. Weiterhin die Verdrehung von Tatsachen und der Geschichte, die in einen verschwörungstheoretischen Wahn führt, um nur einige zu nennen. Irgendwann war der Papierkorb der Verdrängung voll und musste geleert werden. Mit der Leerung ging ich auf die Widersprüche ein und ließ eine Auseinandersetzung mit diesen zu. Ich beschäftigte mich mit den Dingen, durchleuchtete mein Leben und griff einen Strohhalm, den man mir reichte. Dieser Griff war somit auch die Entscheidung meines Ausstiegs.

Telepolis/Michael Klarmann 03.06.2006

Quelle u. vollst. Interview: www.heise.de

Daß mit Gabriel Landgraf ein weiterer Kader aus der Neonazi-Szene ausgestiegen ist, habe ich seinerzeit begrüßt. Seine damit verbundenen Gedanken und Gefühle kann ich aus eigenem Erleben gut nachvollziehen, was mit ein Grund war, warum ich sie hier zitiere.

Wie  Ingo Hasselbach, Matthias Adrian und Felix Benneckenstein hat er sich EXIT-Deutschland zugewandt, was ich sehr kritisch sehe. Dazu der linke Journalist Burkhard Schröder ebenso: http://www.burks.de/burksblog/2013/03/30/last-exit-bundesfamilienministerium

 

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