Prof. Dr. E. Trümpler über die Linke, Ernst Thälmann und die Nation

https://i0.wp.com/www.thaelmann-gedenkstaette.de/GSETHP/Images/thaelmann_plakat.jpgDer Kommunist Prof. Dr. E. Trümpler:

Über die Linke, Ernst Thälmann und die Nation

Für die Linke war und bleibt das Verhältnis zur Nation und zur nationalen Frage bzw. zu nationalen Begriffen und Mythen ein kompliziertes Problem.

Was können und sollten wir heute von Ernst Thälmanns Ideen für unsere Stellung zur nationalen Frage herausgreifen? Es geht um die Frage: Was nutzt uns Thälmann heute?

… Die Führung der KPD und in besonders starkem Maße Ernst Thälmann waren sich mehr oder weniger bewusst, dass solche Begriffe wie Nation, Volk und Vaterland das Bewusstsein und die Haltung der Menschen stark beeinflussen und dass diese Termini für relativ stabile gesellschaftliche Erscheinungen stehen.

Es handelt sich bei ihnen um langfristig wirkende Realitäten und Formen gesellschaftlichen Bewusstseins – über Klassengrenzen hinausreichend und – füge ich hinzu – unabhängig davon, was die verschiedenen Personen und Gruppierungen unter diesen Begriffen und Erscheinungen im einzelnen verstehen.

Davor, vor dieser Lage die Augen zu verschließen, diesen Umstand, diese Tatsache nicht anzuerkennen, wäre fatal und verhängnisvoll gewesen.

Die Führung der KPD unterlag auch nicht der Versuchung, aus Furcht vor bürgerlichem Nationalismus in nationalen Nihilismus zu verfallen. Das heißt, sie widerstand den Gefahren, die sich natürlich aus der Verwendung solcher nationaler Begriffe ergaben, nämlich in den Bann der nationalistischen Propaganda zu geraten. Sie wählte auch nicht den Weg des scheinbar geringsten Widerstandes, der darin bestanden hätte, ganz auf diese Termini zu verzichten, diese dem Gegner sozusagen mehr oder weniger kampflos zu überlassen.

Vielmehr setzten sich Ernst Thälmann und andere offensiv mit dem nationalistischen Missbrauch der Begriffe Nation, Vaterland, Patriotismus, nationale Selbstbestimmung und Gleichberechtigung durch die Ausbeuterklassen auseinander. Ernst Thälmann entwickelte und propagierte die positive, konstruktive Auffassung der KPD zu diesen Problemen. …

Damit wirkte er Tendenzen des nationalen Nihilismus und der Unterschätzung berechtigter nationaler Interessen und Erscheinungen entgegen, die sich aus der schematischen Aufnahme des aus dem Zusammenhang gerissenen Marxschen Satzes “Die Arbeiter haben kein Vaterland” herleiteten.

Auf diese Weise führte Thälmann die Traditionen des Kampfes der revolutionären Arbeiterbewegung für die Umgestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse und damit auch für die Umwandlung der bürgerlich-kapitalistisch dominierten Nation in eine konsequent demokratische, schließlich sozialistische Nation fort.

Angesichts mancher von einigen Linken vertretenen Auffassungen ist es nicht nur eine im Sinne der historischen Wahrheit notwendige Aufgabe, sondern auch von größtem aktuellen Wert, daran zu erinnern: Thälmann verhielt sich gegenüber national geprägten Gefühlen und Einstellungen nicht gleichgültig. Ignoranz und Missachtung solcher Erscheinungen waren ihm fremd. …

Und so wandte er für die deutsche Arbeiterbewegung an, was W.I. Lenin 1914 in seinem Artikel “Über den Nationalstolz der Großrussen” geschrieben hatte:

“Ist uns großrussischen klassenbewußten Proletariern das Gefühl des nationalen Stolzes fremd? Gewiß nicht! Wir lieben unsere Sprache und unsere Heimat, wir wirken am meisten dafür, daß ihre werktätigen Massen (d.h. neun Zehntel ihrer Bevölkerung) zum Leben erhoben werden, daß sie Demokraten und Sozialisten werden. Es schmerzt uns am meisten, zu sehen und zu fühlen, welchen Gewalttaten, welcher Unterdrückung und welchen Schmähungen die Zarenschergen, Gutsbesitzer und Kapitalisten unsere schöne Heimat unterwerfen. …

Wir sind erfüllt vom Gefühl nationalen Stolzes, denn die großrussische Nation hat gleichfalls eine revolutionäre Klasse hervorgebracht, hat gleichfalls bewiesen, daß sie imstande ist, der Menschheit große Vorbilder des Kampfes für die Freiheit und den Sozialismus zu geben und nicht nur große Pogrome, Galgenreihen und Folterkammern, große Hungersnöte und große Kriecherei vor den Popen, den Zaren, den Gutsbesitzern und Kapitalisten.”

Indem Thälmann und andere Mitglieder der Parteiführung solche Fragen aufgriffen und beantworteten, trugen sie dazu bei, Unsicherheiten und Unklarheiten hinsichtlich dieser Problematik bei Mitgliedern und Anhängern der KPD zurückzudrängen. Dass jene ernst genommen werden mussten, zeigt die Bemerkung Thälmanns in seinem zweieinhalbstündigen Referat “Unser Wahlsieg und die nächsten Kampfaufgaben unserer Partei” am 17. September 1930 vor den Funktionären der KPD Groß-Berlin, in dieser Frage gäbe es “einige absolut unzulässige Stimmungen …, die … auf das schärfste zurückgewiesen” werden müssten. Gemeint waren Mitglieder, die sich gegen die Verwendung des Begriffs der nationalen Befreiung durch die KPD wandten.

In seinen Aufzeichnungen während der Haft unterstrich Thälmann, dass deutsch und kommunistisch keine Gegensätze seien. Er betonte, dass die KPD dem deutschen Volk die kommunistische Weltanschauung und ihr Programm unter Berücksichtigung und “gemäß der Eigenart und dem Wesen von Land und Volk offenbaren und begreiflich machen”, dass sie auf “dem Boden nationaler Forderungen und Überlieferungen” ihre Ziele erreichen wollte. Diesem Verständnis entsprachen auch seine Worte in der Antwort von Anfang 1944 auf Briefe eines Mitgefangenen im Zuchthaus Bautzen. Thälmanns schrieb:

“Mein Volk, dem ich angehöre und das ich liebe, ist das deutsche Volk, und meine Nation, die ich mit großem Stolz verehre, ist die deutsche Nation, eine ritterliche, stolze und harte Nation. Ich bin Blut vom Blute und Fleisch vom Fleische der deutschen Arbeiter und bin deshalb als ihr revolutionäres Kind später ihr revolutionärer Führer geworden. Mein Leben und Wirken kannte und kennt nur eines: Für das schaffende deutsche Volk meinen Geist und mein Wissen, meine Erfahrungen und meine Tatkraft, ja mein Ganzes, die Persönlichkeit zum Besten der deutschen Zukunft für den siegreichen sozialistischen Freiheitskampf im neuen Völkerfrühling der deutschen Nation einzusetzen!”

Bei der Wertung dessen, was Thälmann an wichtigem Neuen in die Politik der KPD hineintrug und was er in der Partei durchzusetzen suchte, darf man nicht außer acht lassen, dass damals in jener Frage ein Durchbruch auf breiter Front nicht erreicht werden konnte. Denn wie Anton Ackermann auf dem 15. Parteitag der KPD im April 1946 rückblickend feststellte, waren früher Worte wie “Vaterland, Nation, das Privileg bürgerlicher Parteien, in der Arbeiterbewegung waren solche Begriffe fast verpönt”. Und er bekräftigte: “Diese unsere positive Einstellung zur Nation, zu ihrer Vergangenheit ist eine unserer Weltanschauung, unseren Prinzipien entsprechende Haltung.”

… Ernst Thälmann sah stets die Einheit, die Wechselwirkung zwischen den nationalen und internationalen Aspekten der Politik der KPD. Jederzeit betrachtete er das Eintreten für ein konsequent demokratisches, für ein sozialistisches Deutschland als Bestandteil des internationalen revolutionären Prozesses. …

Die KPD versuchte insbesondere mit dem Befreiungsprogramm, das Thälmann 1930 als “die Konsequenz der gesamten Politik der Kommunistischen Partei seit zwölf Jahren” bezeichnete, die Erkenntnis zu verbreiten, dass proletarischer Internationalismus und wirklicher Patriotismus nicht nur keine Gegensätze sind. Sie sind zwei sich gegenseitig bedingende und befruchtende Seiten revolutionären Handelns.

Man muss dazu aber auch vermerken, dass sie zwei zusammengehörende Seiten sein können und sein sollten. In der Praxis – davon zeugen die nicht wenigen ernsten und auch tragischen Verstöße gegen den proletarischen Internationalismus in der Geschichte der bislang verwirklichten Sozialismusmodelle – tat sich oft eine Kluft auf, zeigten sich Widersprüche zwischen Theorie und Praxis des Internationalismus, grobe Verstöße bis zu Verbrechen gegen nationale Interessen und gegen den Internationalismus.

… Für mich ergeben sich angesichts der mit Globalisierung bezeichneten raschen und umfassenden Prozesse der weiteren Internationalisierung der Entwicklung der Menschheit einige Fragen:

… Nehmen die Inhalte, die wir mit den Begriffen Nation, Volk, Heimat, Vaterland verbinden, an Bedeutung zu, nehmen sie weiterhin einen wichtigen Platz in sozialistischer Politik ein – oder trifft das Gegenteil zu?

… Die Wirklichkeit zeigt, … dass die Vorstellung, mit der Globalisierung der ökonomischen und anderen Prozesse in der Welt würden nationale Momente und Faktoren überwunden, zumindest für absehbare Zeit offensichtlich nicht zutrifft.

Hierzu bemerkte Winfried Wolf, dass “die führenden Konzerne ‘nur’ international (und multinational) bezüglich ihrer Tätigkeit, also der Ausbeutung (sind). Sie sind gleichzeitig fast immer insoweit ‘national’, als ihre maßgeblichen Eigentümer Teil der herrschenden Klasse eines Nationalstaats sind. Interessanterweise scheiterten fast alle Versuche, Konzerne als ausgesprochen bi- oder multinationale Unternehmen zu konzipieren …”

Und schließlich zeigt die Wirklichkeit, dass weltweit die sozialen, ökonomischen, politischen und kulturellen Emanzipationsbestrebungen auch – wie bisher – zuerst und vor allem im national-staatlichen Rahmen sich entwickeln und realisieren.

… Doch zu verzeichnen ist nicht nur der Missbrauch nationaler Termini durch nationalistische Kreise.

Es wirken weiter die Unterschätzung und das Verdrängen nationaler Begriffe. Zugenommen haben Erklärungen, dass es einem schwerfalle, sich als Deutscher zu bekennen. Das gipfelt in solchen Losungen wie “Nie wieder Deutschland” und “Ich schäme mich, ein Deutscher zu sein” sowie in “Gegen Staat, Nation und Vaterland”.

… Die Verfechter solcher Losungen wie “Nie wieder Deutschland” und ähnlicher dünken sich als besonders fortschrittlich. … Sie zeigten sich vor allem in dem heftigen unterschiedlichen, ja gegensätzlichen Echo, das die Worte der damaligen PDS-Bundesvorsitzenden Gabriele Zimmer vor fast sechs Jahren auf dem Cottbuser Parteitag auslösten.

Sie hatte erklärt: “Deutschland könnte schön sein. Ich liebe es und hasse zugleich die Dinge, die es arrogant, laut und hässlich erscheinen lassen. Ich bekämpfe nicht Deutschland, sondern weil ich es liebe, weil ich möchte, dass es ein menschliches, kulturvolles, gebildetes Land auch in den Augen anderer wird, bekämpfe ich das, was Deutschland nicht als gutes Deutschland blühen lässt.”

Die Auseinandersetzungen über die Haltung der Linken zu Deutschland, zur Nation flammten immer wieder auf. So reagierte zum Beispiel der PDS-Politiker Matthias Gärtner ablehnend auf den Vorschlag von Peter Porsch, in den Reihen der Linken eine Debatte zu führen, in der die Auseinandersetzung mit “von Neonazis missbrauchten Begriffen” wieder aufgenommen werden sollte. Wenn er sage, “kein Fußbreit den Faschisten”, so Porsch, dann müsse dies auch für die “nationalistische Spielwiese” gelten, “auf der die Nazis ihren Müll abladen”.

Die Negierung, das Außerachtlassen nationaler Begriffe und mit ihnen verbundener Politik und Denkmuster ist nicht nur einseitig und undialektisch, es entspricht auch nicht den gesellschaftlichen Realitäten und den Anliegen sozialistischer Politik im Kampf gegen imperialistische Verhältnisse und Bestrebungen.

Denn die Auseinandersetzung mit dem Nationalismus kann man konstruktiv nicht führen, indem man die nationalen Begriffe einfach preisgibt und von den Nationalisten jeglicher Art weiter missbrauchen lässt. Und vor allem wäre es uneffektiv und würde uns nicht voranbringen, wenn man auf die Klärung des sozialen und politischen Inhalts dieser Begriffe und die Aufdeckung der Ambitionen verzichtet, die der Gegner mit ihrem Gebrauch verfolgt.

Mit Abstinenz gegenüber nationalen Begriffen und Mythen, mit solchen Defiziten bei den Linken, vor denen Porsch warnt, liefert man zum Beispiel dem brandenburgischen CDU-Politiker Jörg Schönbohm nur Munition. Denn dieser behauptet, die deutsche Linke habe es über Jahre verstanden, Debatten darüber zu unterdrücken. Wörtlich: “Schon die Begriffe, die sich mit der Identität der Deutschen verbinden (Nation, Volk, Vaterland, Stolz, Familie, Leitkultur etc.) werden tabuisiert, unter Generalverdacht gestellt …”

Quelle u. vollst. Text: www.marxistische-bibliothek.de

Dieser Artikel ist in der „Marxistischen Bibliothek“ nicht mehr zu finden, den einstigen Direktlink zum selbigen habe ich jedoch trotzdem angegeben. Möglich, daß der (anti-)deutschen Linken die schonungslose Selbstkritik von Prof. Dr. Trümpler peinlich ist und sein Artikel nach der Neugestaltung der Webseite nicht mehr übernommen wurde.

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