Hitlers Angriff auf die UdSSR war kein Präventivkrieg

A. Paul Weber, 1932: "Hitler - ein deutsches Verhängnis"

A. Paul Weber, 1932: „Hitler – ein deutsches Verhängnis“

Es gehört zum Repertoire von Neonazis und Reaktionären jeder Couleur, den Überfall auf die Sowjetunion als Präventivkrieg auszugeben, wie einst von Propagandaminister Goebbels in die Welt gesetzt.

Dabei braucht man sich nur an Nazi-Dokumente resp. Aussagen Hitlers selbst zu halten, um diese Darstellung als Irreführung zu erkennen.

Hitler höchstselbst:

“Die Forderung nach einer Wiederherstellung der Grenzen von 1914 ist politischer Unsinn. Die Grenzen des Jahres 1914 bedeuten für die Zukunft der deutschen Nation gar nichts. (Sie würden) zu einer weiteren Ausblutung unseres Volkskörpers führen. Damit ziehen wir Nationalsozialisten bewußt einen Strich unter die außenpolitische Richtung unserer Vorkriegszeit. Wir setzen dort an, wo man vor sechs Jahrhunderten endete. Wir stoppen den ewigen Germanenzug nachdem Süden und Westen Europas und weisen den Blick nach dem Land im Osten. Wir schließen endlich ab die Kolonial- und Handelspolitik der Vorkriegszeit und gehenüber zur Bodenpolitik der Zukunft. Wenn wir aber heute in Europa von neuem Grund und Boden reden, können wir in erster Linie nur an Rußland und die ihm untertanen Randstaaten denken. Das Schicksal selbst scheint uns hier einen Fingerzeig geben zu wollen. Indem es Rußland dem Bolschewismus überantwortete, raubte es dem russischen Volke jene Intelligenz, die bisher dessen staatlichen Bestand herbeiführte und garantierte.” Adolf Hitler, „Mein Kampf, Zentralverlag der NSDAP Franz Eher Nachfolger, München 1937, Seite 742

Dezidiert schrieb Hitler, beim Verhältnis Deutschlands zur Sowjetunion „handelt es sich um die vielleicht entscheidendste Angelegenheit der deutschen Außenpolitik überhaupt“. Adolf Hitler, daselbst, Seite 726

Das einschränkende „vielleicht“ wird wenige Sätze darauf zurückgenommen.

Auch in seinem „zweiten“, 1928 diktierten Buch, das allerdings unveröffentlicht blieb, proklamierte Hitler offen sein Vorhaben, „das Ziel der deutschen Außenpolitik dort zu suchen, wo es einzig und allein liegen kann; Raum im Osten“, und betonte: „Es setzt ebenfalls große militärische Machtmittel zur Durchführung voraus, bringt aber Deutschland nicht unbedingt in Konflikt mit sämtlichen europäischen (westlichen) Großmächten.“ Hitlers Zweites Buch – Ein Dokument aus dem Jahre 1928“, Stuttgart  1961, Seite 159, 163

Diese Erkenntnis datiert nur wenige Monate nachdem der außenpolitische Sprecher der NSDAP, Alfred Rosenberg, in dem programmatischen Werk „Der Zukunftsweg einer deutschen Außenpolitik“ einen deutsch-britischen Feldzug gegen die Sowjetunion an die Wand gemalt hatte.

Im November/Dezember 1931 war Rosenberg (er vertrat seine Partei im Aussenpolitischen Ausschuss des Reichstags) auf englische Einladung in London zu Gast, wo er unter anderem eine Unterredung mit dem konservativen britischen Kriegsminister Lord Hailsham wahrnahm. In der internationalen Presse zirkulierten hinsichtlich der politischen Gespräche Berichte über deren Inhalt. Nach der „New York Times“ hatte Rosenberg ausgesagt, daß Deutschland im Falle einer Machtübernahme der Nationalsozialisten militärisch organisiert werde. Danach könne der Schwerpunkt auf Eroberungen im Hinblick auf eine Kolonisation in Ost- und Mitteleuropa gelegt werden, Südrussland werde für deutsche Siedler geöffnet usw. usf. Das stellte eine recht gute Vorhersage der bevorstehenden Entwicklung dar.

Die Tatsache aber, daß der außenpolitische Hauptbeauftragte der NSDAP seinen englischen Gastgebern derart martialische Visionen vortrug läßt nur einen – höchst delikaten – Schluß zu. Und zwar den, daß die ausländischen Gesprächspartner genau eine solche Politik von einer Nazi-Regierung erwarteten bzw. erhofften. Es steckt historische Logik darin, daß mit dem Balten Rosenberg gerade ein Vertreter der Kremlfeindlichen Ostseeclique “Chefexperte“ der NSDAP für außenpolitische Fragen wurde.

Und es war sicher nicht auf einen Zufall zurückzuführen, daß eben dieser Rosenberg nur wenige Tage nach seiner Rückkehr von der England-Mission Kontakt zu kriegslüsternen antikommunistischen Exilanten aus Rußland aufnahm. Zur Erinnerung: Anfang Dezember 1931 reiste er im Auftrag Hitlers nach London, um dort mit hochrangigen Bankiers und Politikern zusammenzutreffen. Dem Kriegsminister versprach das NS-Sprachrohr im Falle einer Machtergreifung die Aufnahme eines kriegerischen Ostprogramms. Das war, wie gesagt, in den ersten Dezembertagen.

Kriegspläne gegen die Sowjetunion gab es gegen Ende der Weimarer Republik bis in konservative Kreise hinein – übrigens exakt jene Kreise, die die Kanzlerschaft Hitlers dann wenig später “absegneten”. Der Herrenklub mit Papen an der Spitze betätigte sich als Königsmacher für einen neuen Reichskanzler, dessen Raison d’etre die Abrechnung mit dem Kreml war: Adolf Hitler. Sein Aufmarsch gegen Rußland fand – wie von Alvensleben (unter Hitler Landrat und “Brigadeführer der SA) vorausgesagt – die Billigung, ja Unterstützung Europas. Während England und Frankreich den Führer durch eine demonstrative „Wegschau-Politik“ gewähren ließen, stieg Polen – wie von Papen (unter Hitler Vizekanzler) prophezeit – per Paktschluß mit seinem historischen Widersacher 1934 ganz offiziell ins selbe Boot.

Hitler zog damals alle Register (u.a. gegen Otto Strasser), um seine Bewegung auf ihrem proenglischen und antisowjetischen Kurs zu halten.  Es war schicksalhaft für die Zukunft Deutschlands, daß ihm darin Erfolg beschieden war.

Die ideologische Basis des Hitlerismus: Gegenüber den kapitalistisch-demokratischen Randstaaten im Norden, Westen und Süden lautete die Devise „Ausgleich und Defensive“, im Osten gegenüber der Sowjetunion war “Angriff” das Schlagwort. „Die endgültige Lösung“, lesen wir in der Denkschrift zum Vierjahresplan (1936), „liegt in einer Erweiterung des Lebensraumes bzw. der Rohstoff- und Ernährungsbasis unseres Volkes“. Und zur Erreichung dieses Ziels unterbreitete Hitler am gleichen Ort Vorschläge, um Deutschland reif zu machen für „einen aussichtsvollen Krieg gegen Sowjetrußland“. (Denkschrift Hitlers über die Aufgaben eines Vierjahresplans, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, München 1955, Heft 2, Seite 205f)

Die NS-Führung gab sich nicht einmal besondere Mühe, ihre Stoßrichtung vor der Außenwelt geheim zu halten. So war der etwa zur gleichen Zeit – vom 9. bis 14. September 1936 – abgehaltene Reichsparteitag von außergewöhnlich scharfen antikommunistischen und antirussischen Ausfällen gekennzeichnet. Propagandaminister Joseph Goebbels ging dabei so weit, zu einem antikommunistischen „Kreuzzug“ aufzurufen, und Hitler behandelte das Thema Rußland in einer Form, als wolle er Gerüchte provozieren, er plane den Abbruch der diplomatischen Beziehungen zur Sowjetunion.

Ebenfalls im September 1936 berichtete der polnische Vizekonsul in Kwidzyn über eine Unterredung mit einem Vertreter des ostpreußischen Gauleiters Koch, der erklärt hatte, Deutschland bereite sich auf die endgültige Abrechnung mit dem Bolschewismus vor. Es werde “sich dabei vorwiegend auf Italien stützen, möchte jedoch zum Verbündeten auch Polen haben, das von der ersten Minute an vom Kommunismus bedroht sein wird. Polens und Deutschlands Weg führen nach dem Osten, damit Polen in den Südosten, das heißt zum Schwarzen Meer vorstößt, Deutschland aber über die Ostseestaaten nach Leningrad. Deshalb wünscht Deutschland nicht nur die bestehenden guten Beziehungen zu Polen auch weiterhin zu erhalten, sondern sie nach Möglichkeit zu vertiefen.“ (Dokumente und Materialien aus der Geschichte der sowjetisch-polnischen Beziehungen (russ.), Bd. VI, Moskau 1969, Seite 317 f)

Mit ähnlichen Wendungen suchte die NS-Außenpolitik damals praktisch jeden erreichbaren Sowjetnachbarn für ihre Einkreisungspolitik zu gewinnen. In vorderster Front betätigte sich in diesem Sinne das „Außenpolitische Amt“ der NSDAP. Der finnische Historiker Seppo Kuusisto schreibt in einer der sehr seltenen Untersuchungen über die Geheimpolitik des Rosenberg-Büros, daß dieses z. B. die Beziehungen zur Türkei eindeutig mit Blick auf „weitergehende Hoffnungen“ förderte, die auf „eine expansive Außenpolitik Istanbuls“ hinausliefen. Diese und die folgenden Ausführungen siehe Seppo Kuusisto, „Alfred Rosenberg in der Nationalsozialistischen Außenpolitik 1933-1939“, Societas Historica Finlandiae/SHS, Helsinki 1984, Seite 251 ff

Bald zeitigte das diplomatische Schachspiel an allen Orten des Globus sichtbare Erfolge. Gekrönt und abgeschlossen wurde die Einkreisungspolitik aber erst, als Berlin und Tokio am 25. November 1936 den ebenso direkt wie ausschließlich gegen Moskau gerichteten Antikominternpakt unterzeichneten.

Böhmen und Mähren – keine Befreiung der dortigen Deutschen von tschechischer Fremdherrschaft wie vom NS-Regime verkündet, sondern Vorbereitung des Krieges gegen die UdSSR …

Die Unterstellung der Deutschen der alten deutschen Reichsländer Böhmen und Mähren unter den neu geschaffenen Staat „Tschechoslowakei“ nach Ende des 1. Weltkriegs war ein Verbrechen. Insofern hatten die dort unter Fremdherrschaft stehenden und drangsalierten Deutschen (im folgenden „Sudetendeutsche“ genannt) jedes Recht zum Widerstand und ein angrenzender deutscher Staat (egal ob das Deutsche Reich oder Österreich) die Pflicht, ihnen beizustehen und zu versuchen, ihre Siedlungsgebiete an ihr Staatsgebiet anzugliedern.

Die Einverleibung des Sudetenlandes (ab 1. 10. 1938) und der Rest-Tschechei (15. 3. 1939) an das Deutsche Reich unter Hitler erfolgte jedoch mitnichten aus nationalen Motiven.

In der Tschechei ging es Hitler anfänglich um nichts anderes, als den im Lande starken bündnispolitischen Einfluß der Sowjetunion zu neutralisieren. Kam es zu einem Krieg mit Rußland, so die Überlegung, dann besaß der Gegner direkt an den deutschen Grenzen eine Art Flugzeugträger, durch den das Reich in eine gefährliche Zange genommen werden konnte. Dem galt es gegenzusteuern. Und so bemühte sich die Partei-Diplomatie auch sehr lange in bis heute kaum bekannten Verhandlungen, die Tschechei aus ihren militärischen Verbindungen zur Sowjetunion herauszulösen.

Hitlers Angebot für die Neutralität gegen Stalin bestand in der Aufgabe der deutschen Ansprüche auf das Sudetenland mitsamt seinen Bewohnern. Wie in bislang jedem anderen Fall (Anm.: z.B. Südtirol) sollten also auch hier auslandsdeutsche Siedlungsgebiete dem großen Plan zur Gewinnung der ukrainischen Kornkammer untergeordnet werden. Als die Tschechei Hitlers Offerte in den Wind schlug und gar gegen das Reich mobilisierte, schrieb sie ihr eigenes Todesurteil. Die erste Station war die umjubelte „Heimholung“ des Sudetenlandes, die zweite die gewaltsame Aufrichtung eines Protektorats über die Resttschechei, die künftig dem Reich als bedeutendes Waffenarsenal diente.

Wie bei der CSR so auch Polen: Nachdem man es nicht für ein Bündnis gegen die UdSSR gewinnen konnte, wurde es unter Vorspiegelung nationaler Motive beseitigt …

Der Angriff Nazideutschlands auf Polen hatte nicht etwa den Grund, die seit dem Versailler Diktat unter polnischer Herrschaft lebenden Deutschen zu befreien. Ein derart motivierter Krieg gegen Polen wäre – wie die Lösung der sudetendeutschen Frage – berechtigt gewesen. Und ein derart motiviertes Bündnis mit der UdSSR sogar schlau. Hitler ging es jedoch lediglich darum, ein geeignetes Aufmarschgebiet für den Angriff auf die Sowjetunion zu gewinnen und Deutschland in einen verbrecherischen, verderblichen Mehrfrontenkrieg zu stürzen.

Wer zuvor noch Südtirol, also ein Stück Deutschlands und damit eigener Landsleute an eine fremde Besatzungsmacht verscherbelt, der kann nicht nur kein nationaler Politiker sein, dem kann es logischerweise auch sonst nirgends darum gegangen sein, deutsches Land und seine Menschen zurückzuholen, an das Deutsche Reich anzugliedern.

Hitler wollte sogar ständig (1933 bis Anfang 1939 sogar durchgehend) den Ausgleich mit Polen und ist ihm in jeder Hinsicht entgegengekommen, weil er es als Bündnispartner gegen Rußland wollte. Auf dieser Basis lagen etliche deutsch-polnische Diplomatiebemühungen. Im Blick, daß daraus nichts wird, hat er am 11. April 1939 der Wehrmacht Weisung zur Ausarbeitung eines Kriegsplanes gegen Polen erteilt.

Bei seiner Rede vor den Oberbefehlshabern am 23. Mai 1939 verkündete er das eigentliche Ziel des bevorstehenden Feldzuges gegen Polen:

„Danzig ist nicht das Objekt, um das es geht. Es handelt sich für uns um Arrondierung des Lebensraumes im Osten und um Sicherstellung der Ernährung. In Europa ist keine andere Möglichkeit zu sehen.“

Rüstungstechnisch kaum auf einen längeren Krieg vorbereitet und zumindest theoretisch von zwei Fronten bedroht, war die NS-Administration dabei gezwungen sich nach einem starken Verbündeten umzusehen. Die Wahl fiel zwangsläufig auf Rußland. Der einzige Unterschied zur Rapallo-Politik der Weimarer Republik lag darin, daß der „Führer“ an der ,,Heimholung“ des Korridors – der seit Versailles das Reich von Ostpreußen trennte – kaum Interesse hatte. Ihm ging es vielmehr darum, durch die Teilung Polens die so lange gesuchte gemeinsame Grenze zur Sowjetunion zu erlangen. Und damit das Aufmarschgebiet für den einzigen Krieg, den er wirklich wollte: Der„Kreuzzug Barbarossa“.

Daß dies der Westen damals wußte, ist nicht anzuzweifeln, was auch der Grund war, daß er Hitler in dem Glauben ließ, freie Hand im „Osten“ zu haben. So nahm er auch in Kauf, mit seinem Angriff auf Polen am 1. September 1939 einen europäischen, ja Weltkrieg vom Zaume zu brechen weil er wußte, daß England und Frankreich sich aufgrund ihrer Bündnisverpflichtungen mit Polen genötigt sahen, dem Deutschen Reich den Krieg zu erklären (3. September 1939).

Henry Makow, Illuminati – Der Kult, der die Welt gekapert hat, S. 351:

Die Bank of England finanzierte den Aufstieg Hitlers mittels der Schröder-Bank. F.C. Tiarks, der Geschäftsführer der Schröder-Bank, war auch einer der Direktoren der Bank of England.

Eustace Mullins schreibt: „Da seine eigenen Geldgeber, die Schröders, die Befürworter der Beschwichtigungspolitik finanziell unterstützten, war Hitler der Meinung, daß es zu keinem Krieg [mit England] kommen würde. Er ahnte nicht, daß die Geldgeber derjenigen, die die Beschwichtigunspolitik befürworteten, Chamberlain beseitigen und Churchill zum Premierminister machen würden, nun da Chamberlain seinen Zweck erfüllt hatte, Hitler zu überlisten.“ („The Secrets of the Federal Reserve“, S. 76-78)

Während die Geschichte Hitler als jemanden darstellt, der den leichtgläubigen Neville Chamberlain und Lord Halifax betrog, scheint es so, als ob Hitler selbst durch eine List dazu gebracht wurde, zu glauben, er könnte ungestraft gen Osten expandieren. Neville Chamberlain war nicht in das Geheimnis eingeweiht. (Er starb nur einige Monate, nachdem er sein Amt niedergelegt hatte, vorzeitig „an Krebs“.) Aber als sowjetischer Informant war Halifax sicherlich maßgeblich beteiligt.

Halifax, der ein früher Gegner der britischen Wiederaufrüstung war, bestärkte Hitlers Expansionspläne und zollte dem Diktator als „überzeugter Hasser des Kommunismus“ Anerkennung. Im Jahre 1937 schlug Halifax in der Tat Hitler Umgestaltungen der „europäischen Ordnung“ hinsichtlich Danzig, Österreich und der Tschechoslowakei vor.

Die Beschwichtigungspolitik sollte Hitler ermutigen, etwas zu unternehmen, was eine Kriegserklärung seitens des Westens rechtfertigen würde. „Was wir sicherstellen wollen, ist die Gewißheit eines Krieges an zwei Fronten“, sagte Halifax im März 1939. (Roberts, S. 146) Halifax war für die törichte britische Garantieerklärung gegenüber Polen, die zu dieser Kriegserklärung am 3. September 1939 führte, verantwortlich.

Die Befürworter und die Gegner der Beschwichtigungspolitik sind beide „House Teams“ der Illuminaten, die gemeinsame Ziele verfolgen.

Am 17. September 1939, nach der Zerschlagung der organisierten polnischen Verteidigung durch die deutsche Wehrmacht dem Zusammenbruch des polnischen Staates und der Flucht der polnischen Regierung nach Rumänien, begann die sowjetische Besetzung der westlichen Teile Weißrusslands und der Westukraine (in Übereinstimmung mit dem geheimen Zusatzprotokoll des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes), die Polen 1919 dem geschwächten Rußland entrissen hatte.

Weil Hitler dem „Frieden“ im Westen nicht traute und sich in England eine Verschiebung der offiziellen Politik abzuzeichnen begann, besetzte Hitler von April bis Juni 1940 Dänemark, Norwegen, die Benelux-Länder und Frankreich. Im Westen nun ein ruhiges Hinterland konnte er daran gehen, seinem Ziel entgegenzusteuern: Dem Überfall auf die UdSSR.

Zuvor (Apil/Mai 1940) besetzte die deutsche Wehrmacht Jugoslawien und Griechenland, nachdem beide Staaten sich weigerten, dem Dreimächtepakt (Dt. Reich/Italien/Japan) beizutreten, um zu verhindern, daß England in diesem Raum interveniert und die deutschen Truppen nach ihrem Angriff auf die UdSSR einem Mehrfrontenkrieg ausgesetzt sind.

Hitlers Überfall auf die UdSSR und die Rechtfertigungslegende vom „Präventivkrieg“ …

Am 22. Juni 1941 überfiel das von den Nazis beherrschte Deutsche Reich die Sowjetunion. Hitler, Göring und Goebbels erklärten ganz offen, daß dieser Krieg nicht um hohe Ideale, sondern um den ukrainischen Weizen und das kaukasische Erdöl geführt werde.

Nazi-Propagandaminister Goebbels bediente sich zur Rechtfertigung dieses Überfalls der Präventivkriegsthese.

Nach der »Öffnung der Archive« in Moskau glaubten die Präventivkriegstheoretiker über neue Dokumente verfügen zu können die beweisen, daß die deutsche Wehrmacht einem Angriff der Sowjetunion zuvorgekommen sei. Doch das war nicht der Fall. Es gibt nicht ein einziges sowjetisches Dokument, das – wie die Weisung des Oberkommandos der Wehrmacht Nr. 21 (Fall Barbarossa) vom 18. Dezember 1940 – als Aggressionsplan gelten kann. Es gibt kein Dokument, das etwa einen Überfall auf das Deutsche Reich zum Inhalt hat.

Als wichtigen »Beweis« für einen angeblichen Präventivkrieg führen antisowjetische Historiker immer wieder die Reden Stalins am 5. Mai 1941 vor Absolventen der Militärakademie und beim anschließenden Empfang an. Doch der Korrespondent der englischen Zeitung »Sunday Times«, Alexander Werth, konnte aufgrund seiner guten Beziehungen zu sowjetischen Dienststellen einige wesentliche Schwerpunkte dieser Rede übermitteln, die eindeutig belegen, daß ein Angriff der Sowjetunion weder vorgesehen war, noch möglich gewesen wäre.

Ein weiteres Dokument, das immer wieder hervorgeholt wird, um eine angeblich beabsichtigte sowjetische Aggression nachzuweisen, ist ein »Strategischer Angriffsplan« vom 15. Mai 1941. Dabei handelt es sich allerdings um einen Plan, mit dem man einen feindlichen Angriff der deutschen Wehrmacht im Grenzgebiet hätte abfangen können, um dann zum Angriff überzugehen. Diese Verteidigungsstrategie der Sowjetunion war keineswegs ungewöhnlich, und sie galt mit einigen Änderungen bis zum Jahre 1987.

Als ein dritter »Beleg« für eine vermeintliche sowjetische Angriffsabsicht im Jahre 1941 galt die im Frühjahr 1941 vorgenommene Verstärkung der Roten Armee in den westlichen Militärbezirken der UdSSR. Dagegen hatte der Generalstab des deutschen Heeres bereits im November 1940 damit begonnen, seine Divisionen bis an die sowjetischen Grenzen zu verlegen, da bereits seit Juli 1940 an einem Feldzugsplan für einen Überfall auf die Sowjetunion gearbeitet wurde. (Heinrich Uhlig, »Das Einwirken Hitlers auf Planung und Führung des Ostfeldzuges«, in: Beilage von Parlament, B 11/60, S. 170)

Als dann der sowjetische Außenminister Molotow im November 1940 Hitler in Berlin die Frage stellte, welche Absichten die deutsche Regierung mit der Truppenverlegung nach Finnland und Rumänien verfolge, wich Hitler einer direkten Antwort aus. Es war der Versuch einer Täuschung. (W. M. Bereshkow, »Jahre im diplomatischen Dienst«, Dietz Verlag, Berlin 1975, S. 35 ff.)

Zur Ernsthaftigkeit der Unterredungen Hitler-Ribbentrop-Molotov existiert eine einschlägige Quelle, die darlegt, wie wenig das Deutsche Reich das Opfer überzogener sowjetischer Forderungen war (so ja die Lesart von Uhle-Wetter und anderer Propagandisten der Präventivkriegstheorie):

Hitlers Weisung Nr. 18 vom 12. 11. 1940:

“Gleichgültig, welches Ergebnis diese Besprechungen haben werden, sind alle schon mündlich befohlenen Vorbereitungen für den Osten fortzuführen. Weisungen darüber werden folgen, sobald die Grundzüge des Operationsplanes des Heeres mit vorgetragen und gebilligt sind.” (W. Hubatsch (Hg.): Hitlers Weisungen für die Kriegsführung 1939-1945. Dokumente des Oberkommandos der Wehrmacht. Koblenz 1983)

Indes verstärkte die deutsche Wehrmacht ihre Truppenkonzentrationen an den sowjetischen Grenzen, was nicht nur von der sowjetischen Militäraufklärung, sondern auch von den USA und Großbritannien als strategischer Aufmarsch für eine Offensive bewertet wurde. Die Führung der KPdSU unter Stalin hatte damals von verschiedenen Seiten die Information erhalten, daß spätestens ab Mitte Mai 1941 mit einem deutschen Angriff zu rechnen sei. Tatsächlich hatte Hitler den als Angriffstermin den 15. Mai 1941 festgelegt. Dieser Termin wurde jedoch aufgrund des Überfalls auf Jugoslawien und Griechenland auf den 22. Juni 1941 verschoben.

Die Sowjetunion nahm im Frühjahr 1941 vorsorglich eine Verkürzung der Militärbezirke vor. Der Historiker Andreas Hillgruber schrieb über die sowjetische Sicherheitspolitik jener Zeit:

„Die Rede Stalins vor den Absolventen der 16 Militärbezirke der Roten Armee in der er andeutungsweise die Folgerung gezogen hatte, daß die Sowjetunion derzeit zu einem Waffengang nicht in der Lage sei, scheint ein Schlüssel zum Verständnis der Politik Stalins in der Zeit Mitte April zu bieten. Er erwartete neue Forderungen Hitlers, denen seiner Auffassung nach durch deutsche Truppenmassierungen an der sowjetischen Grenze Nachdruck verliehen werden Sollte, und er glaubte nun angesichts der Möglichkeit eines deutsch-sowjetischen Krieges in Anbetracht des für die Rote Armee ungünstigen Kräfteverhältnisses, gezwungen zu sein, Hitler einen Preis für ein neues Arrangement zahlen zu müssen.“ (Andreas Hillgruber, »Hitler Strategie, Politik und Kriegsführung 1940-1941«, Bernard u. Graefe Verlag für Wehrwesen, Frankfurt/M. 1965, S.431-433)

Man kann im Übrigen davon ausgehen, daß auch die Nazi-Führung überzeugt war, daß von sowjetischer Seite kein Angriff auf Deutschland zu erwarten war. Die Generalstabsabteilung Fremde Heere Ost schätzte ein, daß die Verstärkung der sowjetischen westlichen Grenzmilitärbezirke am 11. April 1941 ein Aufmarsch von defensiven Charakter gewesen sei. (Andreas Hillgruber, a.a.O., S.435)

In Hitlers „Führerhauptquartier“ und in den Führungsstäben des Heeres und der Luftwaffe rechnete man damit, auf einen nicht kriegsbereiten Gegner zu treffen. Diese Annahme hatte sich ja dann in den frühen Morgenstunden des 22. Juni 1941 auch vollauf bestätigt.

Wirklich entscheidend ist aber folgendes Faktum:

Die Angriffspläne und operativen Ziele der Nazis (Hitlers Weisung Nr.21 s.o.) waren der sowjetischen Führung bekannt! Vor diesem Hintergrund (der von allen Präventivkriegstheoretikern ausgeblendet wird) sind die sowjetischen Militärformierungen grundsätzlich anders zu bewerten:

“Es ist ein fragwürdiges Unterfangen, die Pläne der Roten Armee als Zeichen für einen von den deutschen Vorbereitungen unabhängigen Aggressionswillen zu deuten. Diese Pläne gingen vielmehr von der Erwartung eines deutschen Angriffs aus, dem mit einer starken Defensive und einem anschließenden offensiven Gegenschlag begegnet werden sollte.” (Manfred Messerschmidt: Präventivkrieg? Zur Kontroverse um die deutsche Außen- und Militärpolitik vor dem Angriff auf die SU. In: Pietrow-Ennker (Hg.): Präventivkrieg? FfM 2000. S. 32)

Resümierend lässt sich Folgendes festhalten:

– Für einen Nazi-Offensivangriff liegen nicht nur zahlreiche Quellen und Belege vor, er ist im Rahmen der militärstrategischen Situation 1940/41 und vor dem Hintergrund der ideologischen Zielsetzungen des NS auch plausibel. Militärstrategisch erklärt sich die Hinwendung nach Osten aus der Tatsache, daß im Jahre 1940 zunehmend klar wurde, daß ein eindeutiger Sieg über England nicht mehr errungen werden konnte und die USA vermutlich bald in den Krieg eintreten würden. Ein schneller Sieg über die SU hätte Hitlers Position entscheidend gestärkt.

– Für eine sowjetischen Offensivangriffsplanung liegen dagegen keine Belege vor; die Hauptindizien der Präventivkriegstheoretiker, die Verteilung der Truppenkontingente, sind keine stichhaltigen Belege, sondern können und müssen im Rahmen einer (taktisch offensiven) Defensivstrategie gedeutet werden, die auch, zumindest für das Jahr 1941, der gesamtstrategischen Situation der SU entspricht. Die sowjetische Politik gegenüber Hitlerdeutschland hatte, vor dem Hintergrund der Kenntnis über Hitlers Angriffspläne in Moskau, im Jahre 1941 denn auch eher beschwichtigenden Charakter, getragen von der Hoffnung, die Konfrontation noch bis 1942 verzögern zu können. Diese Situation ist durchaus mit der Annahme langfristiger expansiver Pläne der SU vereinbar.

Immer wieder gerne wird von Vertretern der Präventivkriegsthese Hitlers Gespräch mit Mannerheim angeführt …

Hitler hatte diesem jedoch nicht die ganze Wahrheit gesagt, sondern wollte ihm gegenüber die Legende vom Präventivkrieg glaubhaft vertreten, um als verantwortungsbewußter Staatsmann zu erscheinen. So hat er ihn über die Rolle der angeblichen “Drohungen” Molotows angelogen, denn wir wissen, daß dessen Äußerungen völlig unerheblich waren für Hitlers Plan, die Sowjetunion anzugreifen. Im Übrigen sagte er zu Mannerheim, daß er die Sowjetunion auch und erst recht angegriffen hätte, wenn er über deren Rüstungsstand im klaren gewesen wäre.

Es waren deutsche Patrioten wie z. B. Ernst Niekisch und Karl Otto Paetel die vorhersahen, daß die Politik Hitlers und der mit ihm verbündeten reaktionären Kreise in einen sinnlosen, verbrecherischen Krieg gegen die Sowjetunion münden wird, der letztendlich den Untergang Deutschlands, eine furchtbare Tragödie für das deutsche Volk bedeuten muß.

Ernst Niekisch gegenüber Benito Mussolini, 1935:

„Hitler gibt sich dem Irrtum hin, von den westlichen Mächten die Befugnis zu bekommen, Rußland zu zerstören und als seine Beute einzustreichen. Seine antirussische Linie wird damit enden, daß sich Deutschland in einen Zweifrontenkrieg stürze, indem es zugrunde gehen müsse.

Mussolini entgegnet:

„Dies ist es, was ich Hitler auch immer sage! Wenn Hitler durch seine törichte Politik Rußland in die Arme Frankreichs und Englands treibt, dann wird Deutschland, wird Italien, wird ganz Europa zugrunde gerichtet werden.“ (Ernst Niekisch, »Gewagtes Leben – Begegnungen und Begebnisse«, Kiepenheuer & Witsch 1958, S. 263/264)

Karl Otto Paetel:

„Ich halte den Nationalsozialismus für das Verhängnis Deutschlands. Seine Politik ist antinational und antisozialistisch; Sie werden, falls sie zur Macht kommen, Deutschland und die Welt ins Unglück stürzen. Was ich tun kann, um die deutsche Jugend vor dem faschistischen Betrug zu warnen, werde ich tun, weil ich Deutschland liebe.(Reise ohne Uhrzeit – eine Autobiographie. Verlag G. Heintz, Worms 1982, S. 74)

„Das Neue zu wollen, heißt zu brechen mit dem Faschismus, mit all seinen Theorien und Methoden, und sich auf die andere Seite zu stellen. Ob man in den Organisationen bleibt, ist nur eine Frage der Zweckmäßigkeit. Aber innerlich muß man draußen sein, muß erkannt haben, daß Nationalsozialismus – auch reformierter Nationalsozialismus – Unterdrückung und einen sinnlosen, verbrecherischen Krieg bedeutet.“ (Reise ohne Uhrzeit – eine Autobiographie. Verlag G. Heintz, Worms 1982, S. 234)

Es gibt für deutsche Patrioten keinen Grund, sich in falsch verstandener Solidarität mit der herrschenden Klasse in Deutschland gemein zu machen und diese mithilfe von Lügen aus der Verantwortung für die Schuld am Ausbruch zweier Weltkriege zu befreien. Das wiederum bedeutet freilich nicht, Kriegs- und Nachkriegsverbrechen der Alliierten zu verharmlosen, zu negieren oder schönzureden.

Buchempfehlungen und Quellen:

Bianka Pietrow-Ennker: Präventivkrieg? Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion

Wolfgang Eggert, „Im Namen Gottes – Israels Geheimvatikan als Vollstrecker biblischer Prophetie“, Band 3

Texte im Netz:

http://www.doew.at/service/archiv/materialien/juni41/ueberschaer.pdf

http://www.welt.de/kultur/history/article13395352/Der-Nazi-Mythos-vom-Praeventivkrieg-schlaeft-nicht.html

http://www.historisches-centrum.de/forum/benz04-1.html

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4 Gedanken zu “Hitlers Angriff auf die UdSSR war kein Präventivkrieg

  1. Evelin Piètza am 11. Februar 2017 auf ihrer Facebook-Chronik:

    Das Oberkommando des deutschen Heeres erklärt im Jahr 1938 das die russische Wehrmacht zu keinen Angriffskrieg in der Lage sei!

    Das ist für all diejenigen, die immer noch die Geschichte glauben, Hitler wäre Stalin nur zuvor gekommen und hätte nur einen „geplanten“ Angriff entgegengewirkt.

    Die Einschätzung der russischen Kriegswehrmacht im Jahre 1938 durch das Oberkommando des deutschen Heeres besagt etwas absolut anderes.

    Die Beuteakten – welche Russland nach dem II. WK sicher stellte und seit Jahren digitalisiert und damit der Welt zur Verfügung stellt, sollten von so manchen dringend gelesen werden. Auch wenn sich in ihnen wahre Abgründe auftun!

    Die gesamte Akte kann man hier einsehen: http://wwii.germandocsinrussia.org/de/nodes/1034-akte-217-okh-abteilung-fremde-heere-referat-v-studie-die-russische-kriegswehrmacht-1938#page/21/mode/inspect/zoom/5

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