Kay Diesner: „Ich will mit der Nazi-Scheiße nichts mehr zu tun haben“

1997 - Kay Diesner zu seiner Zeit als Neonazi

1997 – Kay Diesner zu seiner Zeit als Neonazi

Odfried Hepp, Stefan Jahnel, Stefan Michael Bahr, Norbert Weidner, Nick Greger und meine Wenigkeit sind Leute, die aus der Nazi-Szene nicht zuletzt aus politischen Gründen ausgestiegen sind und offen dazu stehen.

Nun ist – erfreulicherweise – auch Kay Diesner zu dieser Gruppe hinzugestoßen. Wikipedia behauptet, daß er „dem Umfeld“ der Januar 1995 von mir mitgegründeten „Kameradschaft Treptow zugehörig“ war, was freilich zu keinem Zeitpunkt der Fall gewesen ist. 1994 wurde er mit mir und vielen anderen bei einer Polizeiaktion verhaftet, persönlich gekannt habe ich ihn nicht. 1997 bin ich aus der Nazi-Szene ausgestiegen.

Die Nazi-Szene betrachtete Kay Diesner nach seinen 1997 erfolgten schweren Straftaten als Märtyrer, er stand in der HNG-Gefangenenliste, für seine Freilassung wurde demonstriert. Nach 16 Jahren Haft erklärte er nun in einem Interview mit der „Berliner Zeitung“ seine Abkehr vom Neonazismus, die bereits vor einem Jahr erfolgt sei:

Berliner Zeitung: Herr Diesner, Sie wurden wegen Mordes und Mordversuchs zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Wie beurteilen Sie Ihre Taten heute?

Kay Diesner: Das sind Verbrechen, die nicht wiedergutzumachen sind. Die ich aus Hass begangen habe, aus wirrem ideologischem Hass. Ich bin schuld am Tod eines Menschen.  Und ich habe noch zwei Menschen verletzt und die Familien.  Ich bin also schuld am Leid vieler Menschen.  Das ist einfach unentschuldbar, was ich gemacht habe.

Berliner Zeitung: Sie kamen aus der Neonazi-Szene, nach Ihrer Festnahme haben Sie sich als „Freiheitskämpfer des Weißen Arischen Widerstands“ bezeichnet. Welche Rolle hat die NS-Ideologie bei ihren Verbrechen gespielt?

Kay Diesner: Mit Politik hatte das eigentlich nichts zu tun. Das war einfach nur Wahnsinn. Ich bin durchgedreht, bin Amok gelaufen, weil mich alles angekotzt hat, mein ganzes Leben.  Ich habe das Leben geführt von einem Nazi und habe da meine Rolle gespielt, mit allem, wie ich dachte, was dazugehört hat, auch vor Gericht.

Berliner Zeitung: Vor einem Jahr, so sagen Sie, haben sich von der rechten Ideologie abgewandt. Wie kam es zu diesem Gesinnungswandel?

Kay Diesner: Ich habe Hilfe gekriegt, psychologische Hilfe. Und meine Freundin hat mir sehr geholfen. So etwas kommt nicht von heute auf morgen, aber irgendwann begreift man einfach, dass das alles Scheiße war, was man gemacht hat. Erst habe ich mich auch dagegen gewehrt, aber dann ist es mir endlich klar geworden, was ich fast mein ganzes Leben für Unsinn, für Blödsinn gemacht habe.  Ich bin zur Besinnung gekommen. Dann habe ich alle Kontakte zu den Nazis abgebrochen und ich habe den ganzen Nazi-Scheiß, den ich noch hatte, weggeschmissen. Ich will nichts mehr damit zu tun haben.

Berliner Zeitung: Die rechtsextreme Szene hat sie über Jahre als Märtyrer gefeiert. Was sagen Sie Ihren einstigen Kameraden?

Kay Diesner: Ich habe schon selber versucht,  denen klarzumachen, dass ich ausgestiegen bin. Jemand hat die in meinem Auftrag angeschrieben, dass sie damit aufhören sollen.  Und jetzt gebe ich Interviews,  damit auch der letzte Dorfdepp kapiert, dass ich mit dieser ganzen Nazi-Scheiße nichts mehr zu tun haben will.

Berliner Zeitung: Herr Diesner, im Internet findet sich noch ein Interview mit Ihnen im sogenannten „JVA-Report“ aus dem Jahr 2009. Da stehen Sätze wie „Ich riskiere lieber mein Leben, um den ZOGs (Zionist Occupied Government, Anm. d. Red.) das Unrecht, die Lügen, die Verbrechen usw. heim zu zahlen.“ Was sagen Sie heute dazu?

Kay Diesner: Das ist nicht von mir, damit habe ich nichts zu tun.  Es gibt viele Sachen, die da draußen gemacht wurden, von denen ich keine Ahnung habe. Die Leute haben sich das ausgedacht. Die haben mich missbraucht.

Berliner Zeitung: Haben Sie sich deshalb an die Medien gewandt?

Kay Diesner: Ja.  Ich bin schließlich schon letztes Jahr ausgestiegen, und trotzdem werde ich in den Medien immer noch als der oberböse Neonazi dargestellt. Es kommt mir so vor, als ob die Medien sauer darüber sind, dass ich kein Neonazi mehr bin, anstatt sich zu freuen, dass es jetzt einen Neonazi weniger auf der Welt gibt.

Berliner Zeitung: Warum haben Sie sich nicht schon vor einem Jahr öffentlich erklärt?

Kay Diesner: Weil ich nicht damit gerechnet habe, dass das immer so weitergeht. Ich habe das einfach unterschätzt. Als ich damals inhaftiert wurde, da war das Internet einfach noch nicht so bekannt. Ich habe hier keinen Internetzugang, ich kenne das nicht und habe die Macht des Internets einfach unterschätzt.

Berliner Zeitung: Haben Sie keine Angst vor den Reaktionen der einstigen Kameraden, mit denen Sie so offen brechen?

Kay Diesner: Über Dritte bekomme ich schon die Reaktionen aus der rechten Szene mit. Dass die Leute mich bedrohen oder beschimpfen. Aber das ist mir egal. Natürlich habe ich Angst, dass ich irgendwann auf die Straße gehe und dass mich dann Leute überfallen. Damit muss ich leben. Lieber in Angst leben als wie ein Idiot, der ständig weitermacht.

Berliner Zeitung: Wie wehren Sie sich gegen den Vorwurf, Sie würden nun nur medienwirksam abschwören um überhaupt eine Chance auf Haftentlassung zu bekommen?

Kay Diesner: Ich finde diesen Vorwurf erst einmal vollkommen ungerecht und falsch. Sie unterstellen mir, dass ich doof bin, dass ich mein Leben lang doof bleibe.  Wissen Sie, wie das ist hier?  Es war schwer gewesen, davon loszukommen. Und wenn jetzt solche Vorwürfe kommen, dann heißt das ja, dass die mir nicht zutrauen, dass ich eines Tages wirklich auch mal die Wahrheit erkenne, dass ich irgendwann auch mal zur Vernunft komme. Ich spiele hier keine Rolle. Ich bin kein Blender oder Schauspieler.

Berliner Zeitung: Man hört, dass Sie das aufregt…

Kay Diesner: Ja. Und es regt mich genauso auf, dass die Medien mich immer noch als den Oberneonazi hinstellen, obwohl ich schon lange nichts mehr damit zu tun habe.  Auch ich habe das Recht auf Resozialisierung. Das soll mir keiner wegnehmen.

Berliner Zeitung: Haben Sie je versucht, mit den überlebenden Opfern Kontakt aufzunehmen?

Kay Diesner: Ich wollte mich schon bei denen schriftlich entschuldigen, aber leider ist das durch einen Gutachter verhindert worden.  Aber über das Interview will ich jetzt auch nochmal die Chance nutzen, öffentlich zu machen, dass es mir leid tut. Ich würde das gerne rückgängig machen, was ich den Leuten angetan habe. Das kann ich nicht.  Aber ich hoffe, dass sie irgendwann mal aufhören werden, mich zu hassen. Nicht mir vergeben, das wäre zu viel verlangt.

Quelle u. vollst. Text: http://www.berliner-zeitung.de/neonazi-terror/kay-diesner-und-der-rechtsextremismus–einmal-nazi–immer-nazi-,11151296,21897752.html

 

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