Johannes Stockmeier: Die guten Söhne der vaterlosen Gesellschaft – Erinnerungen an die Anfänge der westdeutschen Neonazi-Bewegung

Johannes Stockmeier, 2012

Johannes Stockmeier, 2012

Himmel schien, ein blauer,
Friede kehrte ein –
Deutschland, meine Trauer,
Du, mein Fröhlichsein.

Johannes R. Becher

Ein geflügeltes Wort innerhalb der extremen Linken der Bundesrepublik der 1970er Jahre lautete, Entweder Du bist ein Teil des Problems oder Du bist ein Teil der Lösung. Diese Parole, bekannt geworden durch Holger Meins, hat damals einige Menschen in den Terrorismus getrieben. Das war nicht die Lösung, das war ein blutiger Irrtum. Dennoch besteht bis heute ein Bewusstsein dafür, dass dies der Versuch einer Lösung war, so grundfalsch und brutal er auch gewesen sein mag. Es besteht ein Bewusstsein dafür, dass nicht die Linke das Problem ist, sondern die unerträglichen gesellschaftlichen Zustände, die heute global herrschen und die im Begriff sind, die Menschheit in eine Kolonie Lemminge zu verwandeln. Ein solches Bewusstsein ist beim öffentlichen Diskurs über die extreme Rechte ausgeblendet. Ihr wird nicht zugestanden, eine – wie auch immer verkehrte – Lösung im Sinn zu haben. Ihr gegenüber erscheint die übrige Gesellschaft, welche sich als durch sie bedroht inszeniert, als makellos und rein. In der öffentlich-medialen Inszenierung ist die Rechte das Problem und selbst für die Linke ist sie in Ermangelung angreifbarer Ziele im Begriff, von einem bloßen Teil des Problems zum Hauptwiderspruch zu mutieren.

Wenn ich meine Geschichte mit der westdeutschen NS-Bewegung und die Zeit danach hier erzähle, so sehe ich sie als einen Weg von der Unbewusstheit zur Bewusstheit der Lösung ein- und derselben Fragestellung. Es ist im Sinne des äußeren Geschehens nicht sensationell, was ich hier zu offenbaren habe, dazu war ich nicht tief genug involviert und es bezieht sich ausschließlich auf die Anfänge der Neonazi-Bewegung in den 70er und frühen 80er Jahren. Von der gesamten Entwicklung nach der Wende und von der heutigen Szene weiß ich nichts. Vielleicht wird aber mit meiner relativ unspektakulären Geschichte deutlich, welche bewussten und unbewussten Motive uns getrieben haben und welche Weichen damals gestellt wurden. Die extreme Rechte, so behaupte ich, ist von einer Problemstellung getrieben, welche die Linke, unfähig sie mit ihren eigenen Mitteln zu bearbeiten, geflissentlich verdrängt hat. Und sie ist getrieben, sie ist sich ihrer unbewusst, das macht sie so gefährlich.

VORSICHT BEI DER ABFAHRT

Wo begeben wir uns eigentlich hin, wenn wir aussteigen? Und woraus steigt man aus? Man steigt aus einem geschlossenen Gefährt aus, ferner im übertragenen Sinn, aus einem Spiel oder einem Geschäft. Der übertragene Sinn erschließt sich aus der Dynamik des Gefährts. Wenn die Dynamik ruinös für einen Beteiligten wird, wenn sie sich ungünstig für ihn entwickelt, steigt er aus. Er ist nicht mehr im Spiel oder im Geschäft. Wo er dann ist, darauf kommt es in diesem Zusammenhang nicht an. So weit so gut. Dann wurde der übertragene Sinn weiter übertragen. Man kann nun aussteigen aus dem Drogenmilieu, aus einer Sekte und schließlich aus der Neonazi-Szene. Auch dies ergibt Sinn in Hinblick auf die zerstörerische Dynamik, der sich der Aussteiger entzieht. Allerdings wurde der Begriff nun auf gesellschaftliche Zusammenhänge übertragen und da ist es nicht mehr unerheblich, wohin der Aussteiger sich anschließend begibt. Indessen ist davon nie die Rede; ist einer ausgestiegen, dann ist schon alles in Ordnung. Dadurch kommt dem Ausstieg etwas an sich Positives zu. Er ist der Wiedereintritt in die Gesellschaft, der man sich zuvor in schuldhafter Weise entzogen hatte. Die Szene ist nicht Teil der Gesellschaft, beeinflusst sie nicht und wird von ihr nicht beeinflusst, steht mit ihr nicht in einem dynamischen Zusammenhang. Es ist überhaupt ihre Dynamik, welche sie von der Gesellschaft entfernt. Die Gesellschaft hat keine Dynamik. Auch wenn sie ständig in Bewegung ist, bewegt sie sich doch nicht von der Stelle.

Sie ist immer in ihrer Mitte, sie ist am Ziel, sie ist fertig und perfekt, es gibt keine Entwicklung. Wer sich entwickelt, der entfernt sich von der Gesellschaft, entfernt sich von der Wahrheit. Daher kann jede Entwicklung nur ruinös sein. Aussteigen bedeutet, auf weitere Entwicklung zu verzichten. Das ist der Preis für die Rückkehr in die Gesellschaft. Ein Aussteiger ist also nicht jemand, der einen Fehler korrigiert hat, um seinen Weg unter veränderten Bedingungen fortzusetzen. Ein Aussteiger hat keinen Weg mehr. Sein Weg, seine Erfahrung waren bloß Irrtum. Auch seine Umkehr ist kein Beitrag für die Gesellschaft, denn diese hat keine Beiträge nötig, außer diesen einen, sich nicht auf den Weg zu machen, sich nicht von ihr zu entfernen.

Ich rechne mir Chancen aus, mit meiner Geschichte nicht dasjenige Medium zu füttern, welches einmal die Aussteigerindustrie genannt worden ist. Vermutlich haben viele sogenannte Aussteiger das auch nicht vorgehabt, sind aber in diesem Sinne instrumentalisiert worden. Für das Medium gibt meine Geschichte nicht genug her. Ich war nur eine Randfigur, habe abgesehen von der HNG niemals irgendeiner einschlägigen Organisation angehört, erschien zu selten bei irgendwelchen medial verwerteten Aktionen. Mein Sünden- und Strafregister ist nicht groß genug, um eine dramatische Wende glaubhaft zu machen. Brauchbar sind nur Geschichten, die man als das darstellen kann, was die Biografie-Forschung eine Konversionsbiografie nennt. Es muss einer zunächst grenzenlos und vollständig geirrt, sich tief in Schuld und Sünde verstrickt haben, um dann durch irgendein Erweckungserlebnis um 180 Grad umgedreht und reuig in die gute Gesellschaft zurückgekehrt sein.

Nun habe ich hier viel von Gut und Böse, von Schuld und Sünde geredet; wir leben doch aber längst in einer säkularen Gesellschaft, in der solche religiösen Begriffe keine Geltung mehr haben. Sollte man meinen. Man nennt es auch nicht mehr so, die Bewertung verläuft aber genau nach dem gleichen Muster: Schuld – Zerknirschung – Beichte – Buße. Während es aber früher eindeutig geschrieben stand, was Sünde ist, während es mit der Kirche und ihrem Dogma eine sichtbare Institution der Pönitenz, mit jederzeit nachlesbaren Definitionen gab, existiert das heute nicht mehr. Es stellt sich also die Frage, wer definiert was Sünde ist und wem gegenüber wird man schuldig. Ist es der Staat, der in seiner Rolle als erscheinender Gott schon ziemlich abgehalftert ist? Nicht wirklich. Sondern es bildet sich äußerst vage der Code einer guten Gesellschaft heraus, manchmal auch Zivilgesellschaft genannt, zu der man gehört, wenn man seinem ungeschriebenen Gesetz folgt, einer niemals sich ausweisenden Gesinnung, die wir als politische Korrektheit bezeichnen können. Frage niemals, was politisch korrekt ist, denn es gibt kein Gesetz, das Gesetz ist überwunden, der Geist der Korrektheit weht wo er will und du hörst sein Rauschen wohl, aber du weist nicht woher er kommt und wohin er geht. Gott ist politische Korrektheit und wer in der Korrektheit bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. Sie ist allgegenwärtig, aber niemals zu sehen. Sie hat keinen Ursprung. Wer nach ihrem Ursprung, ihrem Hintergrund fragt, ist ein Verschwörungstheoretiker. Die Hohenpriester, die sie inszenieren, die Medien, sind nur Empfänger und Verkünder ihrer unfehlbaren Weisungen, eben Medien. Sie ist immer im Recht, jenseits von Argument und Diskussion. Wer es unternimmt ihre Urteile in Frage zu stellen, beweist damit nur dass er nicht dazugehört. Denn sie ist es, die erwählt und verwirft. Die moderne säkulare Gesellschaft hat den Staat und die Kirche überwunden, sie braucht keine Institutionen mehr, sie ist reines Medium. Sie hat auch den Humanismus überwunden, ist weit hinaus über den alten Begriff von Toleranz, über das Austragen und Aushalten von Gegensätzen, Diskussionen, Interpretationen – alles der alte Bund, der neue ist unmittelbar eins mit dem einen Geist. Was der Nationalsozialismus in einem ganz partikularen Sinn einmal behauptet hat, die Volksgemeinschaft als widerspruchslose Einheit des Denkens, Fühlens und Handelns – die politisch korrekte Gesellschaft verwirklicht es global. Sie kommt, zumindest bislang in unseren Breitengraden, mit erheblich weniger physischem Terror aus: Widerstand gegen Sie ist noch nicht einmal denkbar.

Gegen diese Parodie Gottes durch die säkulare Gesellschaft bestimmt sich die Kontinuität meines Denkens. Die ist nicht ohne Irrtum und auch nicht ohne Schuld, wie könnte sie das sein, sie ist ja Entwicklung. Genauer gesagt sind es zwei Gedanken, von denen ich nicht lassen kann, der Gedanke an Gott und der Gedanke an Deutschland. Es hat mich einige Zeit gekostet, die beiden heute nicht mehr miteinander zu verwechseln. Nun ist ja sowohl von Gott als auch von Deutschland behauptet worden, dass sie gar nicht existieren, dass sie beide nur der verklärte Überbau eines jeweils sehr realen Macht- und Unterdrückungsapparates sind, der Kirche und des Staates. Aber wenn das so wäre, erklärt es noch nicht, warum immer wieder Menschen mit ihrer ganzen Integrität ihr Leben Gott widmen und warum Menschen bereit sind, dem Vaterland die höchsten Opfer zu bringen. Die einzige Erklärung dafür ist dann die Kontinuität der menschlichen Dummheit. Das kann man natürlich behaupten. Ich nenne es eine armselige Anthropologie.

VERLOREN

Meine früheste Erinnerung an das, was ich mit nationaler Identität verbinde, ist, dass ich an einem Sommerabend meine Mutter, sie jätete das Unkraut im Blumenbeet vor dem Haus, fragte, ob wir den Krieg gewonnen hätten. Der Krieg – das war ein Wort, das zuhause in der Luft lag. – „Nein verloren“, sagte die Mutter bestimmt, aber mit einem leisen Zittern in der Stimme.

Diese Szene aus den 60er Jahren steht vor meinem inneren Sinn, wie ein traumatisches Bild, obwohl vollkommen friedlich: die hockende Mutter, das Elternhaus, die riesige, tief stehende rote Sonne. Seitdem war die Welt nicht mehr die gleiche wie zuvor. Was mich ergriff, war unmöglich etwas durch eigenes Denken Vollzogenes, ich war vielleicht erst 4 Jahre alt. Ich empfand den Albdruck der auf meinen Eltern lastete und der nun einen Ausdruck fand, dessen Gewicht ich selbst in die Waagschale geworfen hatte: – verloren. Es war nicht irgendeine Niederlage, darin lag nicht das Gewicht. Es war Schuld, eine Schuld, so eindeutig und unhinterfragbar wie ein Gottesurteil: Nicht der Schuldige ist es, der verliert, es ist der Verlierer, der schuldig ist. Kein Argumentieren, kein Verhandeln, Abwägen, kann eine Niederlage umdeuten oder auch nur mildern. Jener Deutungsraum des Erwachsenen, die Ambivalenz ob der Zweite Weltkrieg nun das Jüngste Gericht war oder bloß ein ungeheures Schmierentheater, stand mir nicht zur Verfügung. Den Erwachsenen verunsichert die Ambivalenz, mich erdrückte eine fatale Eindeutigkeit.

Alle Deutungen der Schuld konnten mich seitdem nicht erreichten. Deutungen kamen vor diesem überwältigend eindeutigen Hintergrund nicht in Betracht. Dass wir den Krieg selbst angezettelt hatten, was änderte das? Dass Millionen Juden ermordet wurden, war grausig, tat aber nichts zu unserer Niederlage hinzu. Um 1970 herum erzählte meine Mutter nachmittags am Kaffeetisch, der neue Pastor habe gesagt, es sei wohl besser gewesen, dass wir den Krieg verloren hätten, bei dem Führer. Das klang 25 Jahre nach Kriegsende aus ihrem Munde wie eine radikal neue Erkenntnis. Mein Vater und die Gäste am Kaffeetisch stimmten finster zu, nur mein um 8 Jahre älterer Bruder opponierte ungehalten. Das blieb für die nächsten Jahre die Standardkonstellation für politische Gespräche in der Familie, das Bemühen der Eltern, die Vergangenheit distanzierend aufzuarbeiten und das störrische Insistieren meines Bruders.

Erzählte der Vater von der Nazizeit, die er zuletzt als Unteroffizier der Wehrmacht erlebt hatte, dann ging es meistens um Dummheit, Rohheit und Schikanen, um sinnlose Befehle und um den Hauptverbandsplatz. Wenn er aber guter Dinge war, dann kam es öfter vor, dass er auf ein Stichwort – mit deutlicher Ironie – ein Hitlerjugendlied anstimmte, in dessen Refrain, wie selbstverständlich, meine Mutter einfiel. Aus ihren Erzählungen war schon eher direkt abzuleiten, dass sie glücklich gewesen sein muss, in Ihrer Zeit als Jungscharführerin, wenn sie von ihren sportlichen Leistungen sprach, dem gemeinsamen Einsatz für das Winterhilfswerk oder anderen der Volksgemeinschaft verpflichteten Organisationen. Sie hätte nicht zu versuchen brauchen, mir begreiflich zu machen, wie fraglos klar damals alles für sie gewesen sei, was der Adolf sagte und tat. Ich war weit davon entfernt, sie zu verurteilen.

Manchmal holte ich die Zigarettenbildalben des Großvaters aus dem Keller, was mein Vater nicht gern sah, aber auch nicht verbot. Diese Propagandabände aus dem Dritten Reich ergänzten die elterlichen Erzählungen zu dem Eindruck, dass damals das Goldene Zeitalter gewesen sein musste. Obwohl ich die Texte und Bilder über das erwachende Deutschland durchaus nicht unkritisch aufnahm und ihnen allein schon aufgrund ihrer Lagerung etwas Anrüchiges anzuhaften schien, erweckten sie in mir die tiefe Sehnsucht nach einer Gemeinschaft, in welcher eigennützige Interessen aufgehoben waren und alle sich einer gemeinsamen großen Sache verschrieben haben. Eine Sache war es, die den Einsatz, auch des eigenen Lebens lohnte, weil sie sich eben in dieser Gemeinschaftlichkeit erwies, während alle Ideale, die in meiner Gegenwart gepriesen wurden, unwirklich und leer blieben. Unsere Wirklichkeit schien von Gleichgültigkeit und der Durchsetzung von Privatinteressen bestimmt zu sein. Das Heute, das war nach der Niederlage. Leben konnte es nur davor gegeben haben. So stellte ich mir meine Eltern vor – idealisierend und abwertend zugleich – heute nur noch ein Schatten ihrer selbst zu sein.

Es war, glaube ich, im Jahr 1974, als mir mein Bruder die kleine Schrift Die Auschwitz-Lüge von Thies Christophersen zusteckte, daneben noch eine Schrift Udo Walendys über Bilddokumente für die Geschichtsschreibung, eine Broschüre, die KZ-Fotos als Fälschungen sich nachzuweisen bemühte. Der Effekt bei mir war wie erwünscht. Wenn es nie einen ‚Holocaust‘ gegeben hatte (diese fürchterliche Assoziation Elie Wiesels existierte damals noch nicht), warum sollte dann irgendetwas anderes zutreffen, was allgemein über den NS gesagt wurde. Meine früheren Eindrücke schienen nicht getrogen zu haben, in meinen Augen war der NS rehabilitiert. Die Aufgabe, die sich daraus ergab, war klar, es ging um das Eintreten für die vermeintliche geschichtliche Wahrheit, um die Rechtfertigung Deutschlands und Adolf Hitlers. Tagespolitische Ziele gab es in dieser frühen Zeit noch nicht. Für mich war das nicht weiter von Belang, war die Tatsache der Niederlage unumkehrbar, galt es doch zuerst unsere Ehre zu retten. Dennoch konnte niemand sagen, was sich daraus ergeben würde. Es gab damals nicht nur noch viele, im aktiven Leben stehende Altgediente in HJ, BDM, anderen NS Organisationen und natürlich der Wehrmacht, die sich in ihrer Lebensleistung beleidigt fühlten. Es gab auch Hunderttausende männliche Jugendliche, die sich für die Taten der Wehrmacht begeisterten und die nur durch Kriegsschuld und Holocaust davon abgehalten wurden, sich mit dem System welches das trug zu identifizieren.

Niemals später war es so einfach, Publizität zu erreichen. Es genügte, wenn 2 Mann im Gleichschritt über irgendeinem markanten öffentlichen Platz trabten und dabei das Horst- Wessel-Lied sangen, damit am nächsten Tag in der Zeitung stand, „Neonazi-Aufmarsch in Soundso“. Viele der spektakulärsten „Aktionen“ wurden spontan aus einer Sufflaune heraus begangen, andere waren kaum mehr als besonders üble Pennäler-Streiche. Ich erinnere mich, wie einmal besprochen wurde, dass sich einer am Reformationstag als Martin Luther verkleiden und dann das 25-Punkte Programm der NSDAP an die Tür der örtlichen Synagoge nageln sollte. Die Aktion wurde nicht ausgeführt, hätte aber mit Sicherheit (und zu Recht) zu maximaler öffentlicher Empörung geführt – und zu einer saftigen Vorstrafe für den Ausführenden. Dass die Staatsgewalt auf dem rechten Auge blind sei, ist ein Klischee, das für die Weimarer Zeit und vielleicht für die frühe Bundesrepublik noch zutrifft.  Später standen die Prozesse derart im Fokus der vorverurteilenden Medien, dass die Richter es nur selten wagten, Milde walten zu lassen. Und so nahmen die Dinge ihren Lauf und der Knast bewährte sich als große Kaderschmiede der Bewegung: Als Lausbuben gingen die Jungs hinein, als Fanatiker kamen sie wieder heraus. Meine eigene Geschichte hätte auch anders verlaufen können, hätte man mich erwischt. Glück gehabt.

Dieweil mein Bruder von einem Treffen zum nächsten eilte, segelte ich in seinem Windschatten. Neonazi der ersten Stunde, frühes Mitglied der Kampfgruppe Priem in Freiburg, zog er später nach Bremen, wo er sich, aus der NPD wegen rechtsradikaler Umtriebe ausgeschlossen (ja, die Partei hat sich verändert), einer Gruppe anschloss, die sich „Nationalrevolutionäre Arbeiterfront“, NRAF nannte und in deren Führung er bald stand. Er war in Verbindung mit allen prominenten Neonazis und durch ihn war ich über die aktuellen Ereignisse immer gut und aus erster Hand informiert. Bei jeder Heimreise gab er die neue Linie vor, die mich nicht selten überraschte. Aber ich folgte. War ich gerade noch auf Antikommunismus eingeschworen, so war auf einmal Amerika der Hauptfeind und die Sowjetunion war in Ruhe zu lassen. Sollten die Terroristen der RAF erst gehängt werden, hieß es nun, die sollten ruhig weitermachen. In meinem Heimatort, im westfälischen Sauerland, gab es keine Gruppe und ich selbst war als Agitator eine Null. Mein wütendes Argumentieren überzeugte niemanden, so beschränkte sich meine Aktivität auf heimliches Parolensprühen und darauf, als Querulant im Geschichtsunterricht meine Lehrerin herauszufordern. Ich äußerte zunächst freimütig meine Ansichten darüber, was ich für die historische Wahrheit hielt, und dafür schlug mir nun die ungeteilte Ablehnung der Lehrerschaft und der gesamten Schulklasse entgegen. Dieses Widerstandes hatte es bedurft. Das allgemeine Aufheulen bei meinem Eintreten für Deutschlands Ehre deutete ich als Resultat der alliierten Umerziehung, die durch Schule, Presse und Medien weitergetragen wurde. Der Krieg gegen Deutschland war also noch nicht zu Ende, er sollte fortgeführt werden bis zur völligen Auflösung unserer nationalen Integrität. Solange es aber noch ein Deutschland gab, musste ich Partei ergreifen. So oft es ging zog es mich nach Bremen.

Die Phase des provokativen Revisionismus fand seinen Höhepunkt 1978 in einer durch Michael Kühnen organisierten Veranstaltung unter dem Titel „Gerechtigkeit für Adolf Hitler“, die der Szene auch als „Schlacht von Lentföhrden“ in Erinnerung geblieben ist. Zufällig war ich zugegen und konnte so miterleben, was dann eine Richtungswende in unserem Auftreten einleitete. Kühnen und Worch hatten zu Beginn Widerstand „gegen jegliche Provokation“ angekündigt, doch wer dann erschien, waren nicht linke Störer, sondern die Polizei, die ein Veranstaltungsverbot erwirken wollte. Wir wehrten uns mit Flaschen, Knüppeln und Stühlen – hatten anfangs viele noch Hemmungen, auf die Polizei einzuschlagen, so war hinterher klar, dass die Staatsgewalt keine Autorität mehr für uns darstellte. Man hatte es vielleicht schon stillschweigend erwogen, nun begannen einige offen die gewaltsame Beseitigung des „Besatzerstaates“ zu diskutieren. Bereits wenige Wochen nach Lentföhrden wurden die ersten Versuche aufgedeckt, sich Waffen zu besorgen und den Untergrundkampf zu organisieren. Doch sehr schnell war klar, dass wir weder über die logistischen Voraussetzungen verfügten, noch über eine größere Sympathisantenszene, aus der Nachwuchs rekrutiert werden konnte. Welchen Weg wir auch immer beschreiten wollten, wir brauchten eine breitere Basis in der Bevölkerung und mussten einsehen, dass unsere ausschließlich revisionistisch ausgerichtete Strategie gescheitert war. Redeten wir von der Auschwitzlüge, lachte man uns aus oder man empörte sich. Dagegen hörte man uns zu, wenn wir anfingen, gegen Ausländer zu hetzen. Eine folgenschwere Entscheidung bahnte sich Ende der 1970er Jahre an, welche das Gesicht und die Struktur der Szene nachhaltig veränderte. Die NS-Szene entdeckte die Einwanderung als ihr zentrales Thema der Agitation. Heute ist es den Meisten nicht klar, dass die nationale Szene nicht von Anfang an durch und durch rassistisch gesonnen war. Tatsächlich spielten Ausländer in der Agitation der Anfangszeit keine Rolle. Das Denken der Szene war betont antisemitisch ausgerichtet, möglicherweise stärker als heute. Gegenüber Einwanderern dagegen waren verschiedene Positionen möglich. Der notorische Holocaustleugner Erwin Schönborn etwa, der damals eine große Rolle spielte, begrüßte speziell die Zuwanderung türkischer Gastarbeiter ausdrücklich. Er rechnete damit, die Muslime könnten mit ihrer Sittenstrenge, den moralisch auf den Hund gekommenen Deutschen ein Vorbild aufrichten. Er soll sogar einmal einen Integrationspreis der Stadt Frankfurt erhalten haben, weil er ein Fußballspiel für Gastarbeiter organisiert hatte. Die Wehrsportgruppe Hoffmann, damals ein Anziehungspunkt für viele Neonazis, hielt sich viel darauf zugute, Mitglieder „nichtarischer“ Abstammung zu führen. Schließlich lebte mein Bruder eine Zeit lang in einem Haus, in welchem sonst nur Türken wohnten und diese gingen bei ihm aus- und ein. Sie störten sich nicht daran, dass bei ihm ein Hitlerbild an der Wand hing. Wahrscheinlich dachten sie, die Deutschen hätten ihren Hitler so selbstverständlich zuhause an der Wand hängen, wie sie ihren Atatürk. Ich selbst hatte keinerlei persönliche Ressentiments gegen Ausländer. Aber pflichtschuldig wie immer machte ich die neue Wende mit. Das ist in der Tat das Einzige, dessen ich mich heute schäme, diese Hetze mitgetragen zu haben. Insbesondere wenn ich die mörderischen Konsequenzen dieser Agitation bedenke, reut es mich, mir in diesem Punkt nicht selbst treu geblieben zu sein. Sonst hatte ich in gutem Glauben gehandelt, hier aber trug ich aus reinem Kalkül eine Politik mit, die auf Mord und Totschlag hinauslief. Um nur einmal die Schizophrenie meiner Situation zu illustrieren: Eines Tages ging ich mit einem Kameraden durch Bremen, um rassistische Flugblätter in Briefkästen einzuwerfen, als eine Gruppe lebhaft in ihrer Muttersprache sich unterhaltender Afrikaner an uns vorbeizog. Mein Kamerad meinte, die Kultur eines Volkes zeige sich doch auch an der Sprache und was wir da hörten, sei doch nur ein Geplapper. Sofort stimmte ich ihm zu, tatsächlich aber war ich von dem melodischen auf und ab dieser Sprache, die sich vokalreich mühelos zum Presto steigern konnte, sehr angetan, sie wirkte belebend auf mich. Ich hätte nichts riskiert, wenn ich meinem Kameraden widersprochen hätte, vermutlich hätte er nur mit den Achseln gezuckt. Aber wie hätte es ausgesehen, meine Empathie auszudrücken und dann weiter diese Flugblätter zu verteilen? Ich hatte konsequent zu sein und dem musste ich meine Wahrnehmung und auch meine Gefühle opfern.

Die Bremer VBÜ, „Volksbewegung gegen Überfremdung“, Ende 1979 gegründet durch Mitglieder der NRAF und bald erweitert durch andere, bis dahin unpolitische Aktionisten, war eine der ersten wenn nicht die erste Organisation, die als Aktionsbündnis ausschließlich die Agitation gegen Zuwanderer zu ihrem Thema machte. Sie erreichte niemals eine organisatorisch feste Struktur, zeigte aber sofort das Potential, das hier erreichbar war. Ihr erstes Flugblatt sorgte für erhebliche Aufregung in den lokalen Medien, wohl deswegen, weil es Schlagzeilen aus der Bremer Tagespresse verwendete. Seit diesem Flugblatt erschien keine Schlagzeile mehr, in welcher bei kriminellen Vorkommnissen auf die ausländische Herkunft der Verdächtigen geschlossen werden konnte.

Im August 1980 flogen Brandsätze gegen ein Asylbewerberheim bei Hamburg, wobei 2 Menschen ums Leben kamen. Der Vorfall schockierte mich zutiefst. Die Tat ging mir ganz besonders nahe, weil es sich bei den Opfern um Vietnamesen handelte. Ich bewunderte die Vietnamesen für ihren Heldenkampf gegen Amerika, nun stiegen die Bilder napalmverbrannter Menschen in mir auf. Das wurde ihnen jetzt von Deutschen zugefügt, von Deutschen, selbst Opfer amerikanischen Bombenterrors, die vorgaben, ihr Land befreien zu wollen. An diesem Tag, beziehungsweise an dem Tag, an dem der Hintergrund der „Deutschen Aktionsgruppen“ aufgedeckt wurde, hatte die nationale Szene für mich ihre Unschuld verloren. Wenn deutsche Nationalisten heute so handeln konnten, kam mir der Gedanke, sollten sie in der Vergangenheit nicht auch dazu fähig gewesen sein? Aber noch glaubte ich, dass es sich hier um einen schrecklichen und korrigierbaren Einzelfall handelte. Was ich erfolgreich verdrängte war, dass es einen Zusammenhang gab zwischen solchen Taten und der Hetze, die ich selbst mit verbreitete.

Die rassistische Propaganda brachte andere Leute und ein anderes Denken in die Szene. Das revisionistische Geschichtsbewusstsein trat in den Hintergrund und machte allmählich einem unhistorischen Rassenkampf-Bewusstsein Platz. Eine Ku-Klux-Klan Mentalität breitete sich aus, die Szene bekam etwas Amerikanisches. Dies war, soweit ich es noch mitbekam, von vielen damals führenden Kadern so gewollt. Es ging ihnen darum, möglichst viele zu erreichen. Rechte Rocker, die neu aufkommenden Skinheads, Menschen die mit unseren ursprünglichen Motiven kaum etwas anfangen konnten, denen es nicht darauf ankam, die Unschuld des NS zu beweisen, sondern die sich eher durch dessen Brutalität angezogen fühlten, sollten integriert werden. Erst seitdem gehören ausschließlich rassistisch motivierte Gewaltverbrechen zu den Erkennungszeichen der NS-Szene (und damit keine Missverständnisse aufkommen: Ich unterscheide nicht zwischen guten und schlechten Neonazis, ich erzähle meinen Weg in die Szene hinein- und wieder hinaus). Einer der ersten Vorfälle dieser Art war 1982 der Amoklauf des Helmut Oxner, der wie es hieß, mit den Worten „ich schieße nur auf Türken“ vor einer Diskothek das Feuer auf Besucher eröffnete, bevor er, von der Polizei verwundet, sich selbst das Leben nahm. Von seinen Opfern war übrigens niemand türkischer Herkunft, dafür aber ein Ägypter. Ein Satz aus einem an meinen Bruder gerichteten Brief Michaels Kühnens, der damals im Gefängnis saß, hat sich mir eingeprägt: „Schade um ihn.“ Der Ägypter war damit nicht gemeint.

Es waren die Ereignisse des Jahres 1981, welches für die NS-Szene ein Katastrophenjahr war, die in mir den Entschluss reifen ließen, der Bewegung den Rücken zu kehren. Die für mich entscheidenden Führungspersönlichkeiten, Manfred Roeder, Michael Kühnen und Christian Worch befanden sich in Haft. Roeder, auf den ich die größten Hoffnungen gesetzt hatte, war durch seine Verquickung mit den Deutschen Aktionsgruppen in meinen Augen völlig diskreditiert. Wenn er die Täter vielleicht auch nicht direkt zu den Anschlägen angestiftet hatte, akzeptierte ich seine Versuche nicht, sich aus der Verantwortung herauszureden. Kühnen und Worch versagten durch ihre Reaktionen im Mordfall Johannes Bügner. Dieser wurde in diesem Jahr als angeblicher Verräter durch eigene Kameraden brutal ermordet.

Dem Täter Friedhelm Enk genügte ein, durch den Anstifter Michael Frühauf mündlich durchgegebener, vermeintlicher Befehl Kühnens, um zur Tat zu schreiten. Ich hatte Bügner persönlich nicht gekannt, er schien zuvor von niemandem ernst genommen worden zu sein. Der wahre Grund, warum er sterben musste, ist wohl seine Homosexualität gewesen, aber darauf kam es schon nicht mehr an. Mir wurde klar, dass in der Szene Strukturen herrschten, in der praktisch jeden irgendein Verdacht, eine Denunziation treffen konnte und sich dann Leute fanden, die bereit waren, einen umzubringen. Kühnen, den der Fall persönlich schwer getroffen hatte, fand dennoch Worte entschuldigenden Bedauerns für Enk, dem er dessen „Treue“ hoch anrechnete. Es kursierten damals Mordparolen gegen verschiedenste Aktivisten. [1] Das Fehlen jeglicher Disziplin und das hemmungslose Denunziantentum deckte die völlige Unverbindlichkeit der vielbeschworenen Kameradschaft auf. Besonders ausgeprägt fand ich diese Tendenz im Umfeld der NSDAP/AO und ihrer verschiedenen Tarnorganisationen. Wegen dieser chaotischen Zustände und weil schon viele Kameraden mit aus Amerika zugeschickten Hakenkreuzaufklebern erwischt worden waren und dafür sinnlos ins Gefängnis gingen, verabschiedete im Sommer 1981 die NRAF einen Unvereinbarkeitsbeschluss mit der NSDAP/AO. Das war ein erster Versuch der Distanzierung vom „NS-Fetischismus“ wie das dann genannt wurde und das Beschreiten eines eigenständigen, nationalrevolutionären Weges, der sich nicht mehr unbedingt auf den historischen NS berief. Es kam zu einer scharfen Kontroverse mit Klaus Uhl, der aus dem Pariser Exil heraus versuchte, die Führung innerhalb der NSDAP/AO an sich zu reißen. Wenige Wochen später waren Uhl und sein Pariser Komplize Kurt Wolfgram tot. Sie befanden sich, als sie von der Polizei gestellt wurden, auf dem Weg zu einem Banküberfall bei München, der so dilettantisch geplant war, dass er schon vor der Ausführung entdeckt wurde. Mit dabei war ein Bremer Kamerad, der nach dem Unvereinbarkeitsbeschluss aus der NRAF ausgetreten war. Er überlebte die Schießerei mit der Polizei, welche nach seiner Schilderung äußerst einseitig verlief, schwer verletzt. [2] Später erzählte er von der hasardös aufgeheizten Stimmung, die der Aktion vorangegangen war. Ein Scheitern sei vorauszusehen gewesen, er habe sich aber nicht mehr entziehen können, um nicht das Gesicht zu verlieren. Zwei weitere Momente bereiteten meinen Rückzug vor: Mein erwachendes philosophisches Interesse verlangte nach einer theoretischen Untermauerung der politischen Position. Die von mir nach außen hin vertretene NS-Rassenlehre bot nicht die Antworten auf meine Fragen. Mein Kampf war mir zu unphilosophisch, der Mythus des 20. Jahrhunderts blieb mir mit seiner konfusen Polemik unverständlich. Ich begann Nietzsche zu lesen, auf den der NS sich ja manchmal als Kronzeugen berufen hatte, realisierte diese Identifikation aber bald als Irrtum. Stattdessen irritierte mich sein Spott über den deutschen Nationalismus und seiner Verachtung für jeglichen Antisemitismus hatte ich nichts entgegenzusetzen. Wenn ich Nietzsches Maßstäbe anlegte, dann konnte es sich beim NS nur um eine nihilistische Bewegung handeln.

Die frühen 80er Jahre waren auch eine Zeit der erneuten Zuspitzung des kalten Krieges. In Deutschland wuchs nach dem sogenannten NATO-Doppelbeschluss die Angst vor einem Atomkrieg zwischen den Supermächten und die Friedensbewegung setzte einen starken Impuls dagegen. Auch ich wurde von dieser Kriegsangst erfasst. War es nicht wichtiger, Deutschland zunächst vor der unmittelbar drohenden Zerstörung zu bewahren, als seine Vergangenheit zu rechtfertigen oder sich wegen seiner langfristigen demografischen Entwicklung zu sorgen? Als Teil der Friedensbewegung wurde die nationale Szene nicht akzeptiert. Mir erschien es als legitim, langfristige Ziele vorübergehend zurückzustellen, um sich der Friedensbewegung anschließen zu können.

Johannes Stockmeier, 1982

Johannes Stockmeier, 1982

Im Sommer 1982 besprach ich mit einem Bremer Kameraden die desolate Lage der Szene. Es waren die Tage, in denen Odfried Hepps und Walter Kexels Manifest „Abschied vom Hitlerismus“ erschien. Den darin enthaltene Gedanken vom „undogmatischen Kampf der aktivistischen deutschen Jugend“ verstand ich nicht, wie in der Presse dargestellt, als Aufforderung zu terroristischer Betätigung, sondern er erschien mir konsequent auf der Linie zu liegen, die sich vor mir jetzt abzeichnete. „Wenn ich an deiner Stelle wäre“, sagte mir der Kamerad, „würde ich mich in der autonomen Szene engagieren. Ich selbst kann das nicht mehr, weil ich zu bekannt bin“. Das war das Signal zum Absprung. Mein Bruder verfolgte seinen nationalrevolutionären Kurs weiter, unter fortschreitend schärferer Distanzierung vom NS und dessen Anliegen. Als er sich damit nicht mehr durchsetzen konnte, verließ auch er die Szene. [3]

EMULSION

Indessen landete ich nicht bei den Autonomen. Sondern ich ging zuerst einmal durch ein intellektuelles, emotionales und moralisches Chaos. Es war nicht möglich einfach die Krücken der Ideologie wegzuwerfen und sofort selbst zu laufen. Die Schwierigkeit unter Abbruch aller wichtigen Kontakte den Schritt heraus aus der Szene zu vollziehen, ist oft beschrieben worden. War ich in der Szene nicht sehr fest integriert gewesen, so verlief allein schon der Schritt heraus aus der Weltanschauung nicht ohne Schwierigkeiten. Er war und ist es insbesondere dann, wenn es keine Alternativen gibt, die etwas von dem erfüllen, was die Ideologie geleistet hat. Wie ich oft beobachtet habe, bezeichnen sich viele, welche die rechte Szene verlassen haben, zunächst als Anarchisten. Häufig, jedenfalls war es bei mir so, ist diese Anarchie jedoch nur diejenige, die im eigenen Inneren herrscht, und hat mit einer gewachsenen anarchistischen Weltanschauung nichts gemein. Ich suchte auch nicht die Nähe anarchistischer Vereinigungen. Stattdessen mischte ich mich unter die Punkszene, die mit ihrer existenziellen Auflehnung gegen alle und alles eher meiner damaligen Befindlichkeit entsprach. Das innere Durcheinander möchte ich am Beispiel meiner Wehrdienstverweigerung veranschaulichen: Den Dienst bei der Bundeswehr lehnte ich ab, da ich diese Armee als Teil eines imperialistischen Bündnisses sah, dessen Strategie im Konfliktfall Deutschland in ein atomares Schlachtfeld verwandeln würde. So sah ich das auch weiterhin. Die Verweigerung hatte ich aber noch in meiner „Nazizeit“ eingereicht und die Begründung entsprechend formuliert. Inzwischen sah ich die Bundesrepublik nicht mehr unbedingt als Besatzungszone und zweifelte zumindest, ob es wirklich ein internationales Judentum gibt, welches hinter den vermeintlichen Besatzern agiert. Eine neue Begründung meiner Verweigerung konnte ich aber auch nicht formulieren und trat so bei den Verhandlungen (damals musste man sich noch einer sogenannten Gewissensprüfung unterziehen) auch für die inzwischen selbst nicht mehr geglaubten Thesen ein. Bei einer solchen Begründung musste man aber ohnehin mit einer Ablehnung rechnen. Da mir der Gang ins Gefängnis, wie ich ihn ursprünglich vorgehabt hatte, nicht mehr sinnvoll erschien, setzte ich mich nach einer weiteren Instanz nach Westberlin ab.

Den Zustand, als ich nach 2 Jahren wieder zu mir kam, kann ich am ehesten als Emulsion bezeichnen. Reste der alten Ideologie standen unverarbeitet neuen Einsichten gegenüber. Mir war nicht ganz bewusst, dass das nicht so bleiben konnte; ein Philosophiestudium, das ich dann begann, hatte wohl unter anderem den Zweck, zu einer Klärung zu finden. Ich orientierte mich zunächst an Denkern der konservativen Revolution, die sich an Nietzsches Fragestellung anschlossen und sich dabei klar vom NS distanzierten. Damit konnte ich an die letzte Entwicklung meines Denkens wieder anknüpfen. Ich las Ernst Jünger und Oswald Spengler, besonders wichtig im Zusammenhang mit der Aufarbeitung war die doppelte Autobiografie Gottfried Benns, Lebensweg eines Intellektualisten und Doppelleben. Hier wurde mir der Weg des Dichters von der Identifikation mit dem NS zur inneren Emigration verständlich. Seine eindrucksvollen Schilderungen machten mir nachvollziehbar, wie er dem Talmizauber der Nazis zunächst selbst erlegen war, um dann in einer schnöden Wirklichkeit voll profaner Gier, Brutalität und Anmaßung aufzuwachen. Passagen aus der Episode Block II Zimmer 66, der Kaserne, wo Benn als Oberstabsarzt in der Kriegszeit wirkte, sind mir im Gedächtnis geblieben: Wenn man über diesen Krieg und den vorhergehenden Frieden nachdenkt, darf man eines nicht außer Acht lassen: die ungeheure existentielle Leere des heutigen deutschen Mannes, dem nichts gelassen war, was den inneren Raum bei anderen Völkern ausfüllt: anständige nationale Inhalte, öffentliches Interesse, Kritik, gesellschaftliches Leben, koloniale Eindrücke, echte traditionelle Tatsachen – hier war nur Vakuum mit geschichtlichem Geschwätz, niedergehaltener Bildung, dummdreist politischen Regierungsfälschungen und billigem Sport. Aber Uniform tragen, die die Blicke auf sich lenkt, Meldungen entgegennehmen, sich über Karten beugen, mit Gefolge durch Mannschaftsstuben und über weite Plätze traben – verfügen, besichtigen, bombastisch reden („ich befehle nur einmal“, es handelte sich um Latrinenreinigen), das schafft die Vorstellung von Raumausfüllung, individueller Expansion, überpersönlicher Auswirkung, kurz jenen Komplex, dessen der durchschnittliche Mann bedarf. Die Kunst verboten, die Zeitungen ausgerottet, eigene Meinung durch Genickschuss beantwortet – menschliche und moralische Maßstäbe an die Raumausfüllung anzulegen, wie es die Kulturvölker taten, dazu waren die Voraussetzungen im Dritten Reich nicht mehr gegeben. Hier herrschte die Raumvortäuschung; bei Übergängen über Pontonbrücken, kurz vor Sprengungen, vor Zielfernrohren fühlte sich der Individualist als unmittelbare kosmische Katastrophe. Solche Sätze trafen. Sie trafen, weil sie durch die Erinnerungen meines Vaters bestätigt wurden, jener Seite seiner Erzählungen, die ich zuvor willentlich überhört hatte. Angesichts der so veranschaulichten Art und Weise der Kriegsführung wurde für mich die Tatsache der Niederlage bedeutungslos. Die Integrität der Nation war nicht bedroht gewesen, und selbst wenn sie es gewesen wäre, war sie durch diesen nihilistischen Exzess verspielt worden. Darin lag die Schuld, nicht in der Niederlage. Diese Sätze trafen aber auch, weil ich das Vakuum als gegenwärtigen deutschen Zustand (auf die Situation anderer Völker kann ich hier nicht eingehen) noch empfinden konnte. Es waren die Uniformen verschwunden, das pathetische Gehabe, eine Blase war geplatzt, der NS entzaubert. Die Leere aber war geblieben, es war exakt meine Situation, die ich sozusagen simulatorisch nachgelebt hatte. In der Bundesrepublik hatte die verkrampfte Restauration der Adenauerzeit, konjunkturell gesichert durch den Wiederaufbau, 1968 seine verdiente Antwort erhalten, ohne dass damit etwas substanzielles an seine Stelle getreten wäre. Die inszenierte Volksgemeinschaft des NS war durch individuellen Konsum ersetzt (und im Realsozialismus durch verordnete Solidarität), der Schein der Totalität durch den Schein der All-Möglichkeit im Privatleben. Das war zweifellos weniger zerstörerisch. Sollte das aber einmal nicht mehr ausreichen, müsste sich dann nicht die gefühlte Leere in einer neuerlichen Raserei entladen?

Gleichzeitig mit meinem Studium begann eine religiöse Suche, die mich 1988 zu einem Bekenntnis zum Christentum führte. Das Christentum war nicht eigentlich etwas Neues, das in mein Leben trat, sondern eher das Wiederfinden eines abgerissenen Bandes, ein Bewusstwerden dessen, sich in einem großen geistigen Kontinuum zu bewegen. Es war auch nicht das schlagartige Ende jenes defizitären Gefühls der Leere. Ich kann nur sagen, dass ich einen Weg gefunden habe. Die Antwort auf das innere Vakuum ist, sich auf die Suche zu machen, anstatt eine Antwort vorzutäuschen. Mit den Suchenden fühle ich mich eins, gleichgültig ob sie sich als Christen bezeichnen oder nicht.

Mein Bekenntnis zum Christentum führte auch zu einer Auseinandersetzung mit dem jüdischen Erbe. In einer intensiven Beschäftigung mit dem kirchlichen Antijudaismus und seinem säkularen Nachfolgern begann ich zu begreifen, dass der NS keinen Bruch mit der abendländischen Tradition darstellte, sondern einen pathologischen Lösungsversuch ihres tiefsten inneren Konflikts. Die Juden stehen für den Zweifel, die Verleugnung der Gottessohnschaft Jesu Christi, von dessen vermittelnder Funktion im Christentum alles abhängt. Kein noch so scharfsinniges dogmatisches Argument konnte diesen Zweifel widerlegen und das führte zu einer Hypostasierung des Glaubensbegriffs im Christentum. Der NS löste dieses Glaubensverständnis von der Figur Jesu Christi ab, machte es so immun gegen jedes Argument, um den Glauben dann für jeden beliebigen Zweck instrumentalisieren zu können. [4] Gleichzeitig wandelten sich damit die Juden von den Leugnern Christi zu den Feinden jeglichen Glaubens überhaupt. Somit seiner rationalen Grundlage beraubt, konnte dem Unglauben nur noch eine biologische Ursache zugrunde liegen. Erst mit dieser Einsicht war die Auschwitzlüge für mich erledigt: Wie auch immer die historischen Einzelheiten sich abgespielt haben mochten, die physische Ausrottung der Juden, nicht die geistige Bekämpfung des Judentums, war die notwendige Konsequenz der nationalsozialistischen Ideologie. Sie war das eigentliche Ziel des NS, nicht das Wiedererstarken Deutschlands, auch nicht die Weltherrschaft. Mit den Juden sollte der Zweifel aus der Welt verschwinden; der Antisemitismus ist das Gottesreich der dummen Kerle.

VATERLOSES LAND

Mit der Erkenntnis der Realität des Dritten Reiches und der Erkenntnis des Wesens des Antisemitismus hatte ich mehr als 15 Jahre nach meinem Abschied von der rechten Szene die Einwirkungen der Ideologie aufgearbeitet. In der Bundesrepublik aber fand ich mich nach wie vor nicht wieder. Die im wiedervereinigten Deutschland einsetzende Identitätssuche war ergebnislos versandet. Übrig blieb nur Rhetorik, die potemkinschen Geschichtsdörfer der Kohl-Republik. Da heraus tönte es von historischer Verantwortung, vom Herzen Europas, von deutschen Werten und da herum tat die gute Gesellschaft alles, um diese zu beseitigen. Für die Übrigen schnurrte das Nationale auf ein Fußballereignis zusammen. Meine Gefühle gegenüber Deutschland schlugen um in Wut. Ich wurde reif für die Linke.

Von dieser Episode will ich nur erzählen, dass sie interessanterweise genauso lange dauerte wie meine Geschichte mit der Rechten – etwa 8 Jahre – und dass ich mich dort genauso verhielt. Keiner Organisation angehörig, nur sporadisch aktiv, breitete ich mich vor allem im Theorieraum aus. Ich tat es unter völliger Verleugnung meiner rechten Vergangenheit, was mich davor schützte, dass jedes meiner Worte misstrauisch auf eventuelle Restbestände der alten Ideologie abgeklopft wurde. In der Linken habe ich ein erheblich höheres Reflexionsniveau kennengelernt, als ich es gewohnt war. Es ist mir nicht entgangen, dass die Rechte inzwischen aufgeholt hat, dennoch wird man diese Überlegenheit der theorieorientierten Linken auch heute noch bescheinigen müssen. Ich habe aber auch nirgendwo mehr Dogmatismus erfahren und die völlige Unfähigkeit sich auf irgendetwas einzulassen, das sich nicht der tatsächlich oder imaginär vorgegebenen Linie zuordnen lässt. Und zwar gilt das auch und erst recht für jene Linke, die sich selbst als undogmatisch beschreibt. Mein Engagement musste spätestens in dem Moment enden, als die nationale Frage erneut in mir erwachte. Diese in irgendeinem positiven Sinn zu beantworten, ist die Linke nicht ausgerüstet. Nicht, dass sie es überhaupt nicht könnte, die deutsche Linke kann es nicht. Im Realsozialismus wurde die Notwendigkeit einer Antwort erkannt, aber die Realität der deutschen Teilung ließ die Bemühungen nicht weit gedeihen. In Westdeutschland haben 1968 und die Folgen jedes Bemühen um das nationale Erbe – trotz Rudi Dutschke – im Keim erstickt.

In ihrem Buch Die Unfähigkeit zu trauern analysierten Alexander und Margarete Mitscherlich die gesellschaftliche Situation Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg. Die erlittene Niederlage und das Offenbarwerden der NS-Verbrechen hätten normalerweise Reaktionen wie Wut, Enttäuschung und Trauer, sowohl über die Opfer des NS als auch über den Verlust des geliebten Führers zur Folge gehabt. Dass diese ausblieben, erklären die Mitscherlichs einerseits dadurch, dass die Deutschen in ihrem Selbstwertgefühl derart stark getroffen waren, dass sie das Gedächtnis der Vergangenheit nur noch abwehren konnten. Zum anderen wurden all diese Reaktionen (außer der erwünschten Trauer um die Opfer) auch von den Siegern unterdrückt. Diesen Punkt haben die Mitscherlichs meines Erachtens nicht stark genug herausgearbeitet. Man stelle sich einmal vor, den Deutschen wäre erlaubt gewesen, um Adolf Hitler zu trauern! Noch heute erscheint das als grotesk, ja ungeheuerlich. Genau das aber hätte es gebraucht, nur dadurch wäre auch Empathie mit den Opfern möglich gewesen. Stattdessen blieben die Deutschen den Opfern gegenüber kalt, teils aus Trotz, teils aus Scham. Den Verlust des Führers kompensierten sie durch Identifikation mit den Besatzern. Und dann versuchten sie durch ein manisches Wiederaufbaugebaren die Vergangenheit ungeschehen zu machen. Das Buch führt weiter aus, dass die NS-Vergangenheit es der nachfolgenden Generation unmöglich machte, sich mit den Vätern zu identifizieren. Das notwendige Vorbild fehlte ihr und so nahm auch sie Schaden. Niemand war jemals ein Nazi und niemand hat etwas von Verbrechen bemerkt, geschweige denn, dass er daran beteiligt gewesen sei. Diese Lebenslüge gab der Auflehnung von 1968 in Deutschland ihren spezifischen Akzent. Die nachfolgende Generation machte es zu ihrem Anliegen, sich von der Schuld der Alten loszusagen. Das geschah zu Recht. Zugleich warf sie den Alten ihre Verlogenheit vor. Das geschah schon nicht mehr ohne Selbstgerechtigkeit: Die Herausforderung an die Alten, sich mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen,  nahm sie nämlich für ihren Teil nicht an. Sie hätte sie nur stellen dürfen, wenn sie als Söhne und Töchter dies von den Vätern und Müttern forderte. Stattdessen kappte sie die Verbindung und machte sich zum Ankläger. An die eigene Unschuld konnten die 68er offenbar nur glauben, wenn sie sich von jeglichem Kontinuum lossagten. Damit war die Diskussion um nationale Inhalte innerhalb der deutschen Linken ein- für allemal Tabu. Die unerhörte Erbitterung des Generationenkampfes in Deutschland, bis hin zum Terrorismus, ist damit erklärt. Gleichzeitig aber machte diese Lossagung die Linke anschlussfähig an einen großen Feind des Nationalen, dem Kapital, welches zwar der Staaten bedarf, nicht aber der Nationen, die seiner Bewegung nur hinderlich sind. Wie sich an der grenzenlosen Kompromissfähigkeit der Grünen Partei unter der Ägide Schröder erwies, bedeutet die Verabschiedung nationaler Inhalte für die deutsche Politik letztendlich die Verabschiedung sämtlicher Inhalte überhaupt.

Auf die Lebenslüge der Tätergeneration war aber auch noch eine andere Reaktion möglich: die Lüge zu glauben. Nur eine winzige Minderheit reagierte so – und diese Minderheit waren wir. Wir glaubten unseren Eltern und Großeltern, weil wir ihnen glauben wollten. Und wir zogen daraus die Konsequenz: Verbrechen, die niemand gesehen hatte und woran niemand beteiligt gewesen war, konnten folglich gar nicht geschehen sein. Im Gehorsam gegen die Eltern sprachen wir sie frei von aller Schuld und damit auch uns selbst, wir verblieben im Kontinuum. Dieses Kontinuum konnte dann aber kein anderes sein, als das 1945 abgebrochene, es gab keinen Grund es abzubrechen. So zogen wir mit stolz geschwellter Brust vor unseren Eltern die Zeichen ihrer Schande hervor und wurden damit zu schlimmeren Anklägern als die 68er. Nicht, dass wir sie anklagten, wir waren die Anklage. Auch wir waren vaterlos, die Väter konnten auch uns kein Vorbild sein, sie waren ja niemals Nazis gewesen. Wir aber rechtfertigten sie im Nachhinein, indem wir selbst an ihre Stelle traten. Die Neonazis waren die guten Söhne der vaterlosen Gesellschaft.

Es ist mir heute klar, dass es ein Impuls der Treue war, der mich zur „Bewegung“ getrieben hat. Treue zu den Eltern, Treue zur Familie, Treue zu Deutschland. Ich habe aber gelernt, dass ich zuerst mir selbst treu sein muss. Nur in dieser Treue kann ich, können wir es auch zu unseren Familien und zu unserem Land sein. Die Treue zu sich selbst ist die Treue zu Gott, der uns als unverwechselbare Individuen gewollt hat. Wir dürfen nicht uns mit den Anderen verwechseln, im Anderen nicht untergehen, wir müssen selbst als Teil des Ganzen erkennbar bleiben, sonst wird das Ganze zu einer Lüge.

Wenn wir uns der heutigen Neonazi-Szene zuwenden, so hat sich die Lage verändert. Der Generationenkonflikt ist kein unmittelbarer mehr. Als äußeres Bild der Szene haben sich jene sozialen Segregationsphänomene niedergeschlagen, die heute weltweit das Aufbrechen der Nationen und deren Dissoziation zu Bürgerkriegsgesellschaften anzeigen. Der direkte Bezug auf ein geschichtliches Kontinuum ist anscheinend nur noch bedingt vorhanden. Trotzdem glaube ich, dass die hier beschriebene Situation weiterhin ein Schlüssel zum Verständnis dieser Erscheinung ist. Um es noch einmal zu sagen, es geht nicht darum, das Neonazi-Problem zu lösen, es geht darum die deutsche Frage zu lösen, die sich uns stellt als eine Frage nach der Überwindung eines kollektiven Traumas und damit auch als Frage nach der uns angemessenen Rolle innerhalb Europas und innerhalb der Welt. Sie ist ein Balanceakt, der in dieser Zeit großer Umbrüche äußerste Wachsamkeit zwischen atomistischer Auflösung und traditionalistischer Erstarrung fordert. Wenn Nationen die Prinzipien der Weltgeschichte sind, leben sie nicht ewig. Sie lösen sich auf, wenn innerhalb ihrer neue Prinzipien entstehen. Geht eine Nation unter, ist das darum kein an sich schon tragisches Ereignis; nichts aber wäre verwerflicher, als sich mutwillig der Auflösung anheimzugeben, bevor überhaupt nur etwas Neues zu sehen ist. Was dagegen sichtbar ist, aus dem Anlauf, den wir über das gesamte vergangene Millennium genommen haben, ist, dass wir uns noch nicht ausgesprochen haben. Unser Prinzip hat sich noch nicht erfüllt, das Bild ist noch nicht vollständig. Ein Moment das daran mahnt sind Neonazis. Ihre bloße Existenz verweist auf die Ungelöstheit der deutschen Frage. Ist es ein großer Erfolg, wenn Neonazis als Aussteiger im Mainstream der guten Gesellschaft untertauchen? Damit wird nur ein Stachel gezogen, der zur dringlichen Lösung der deutschen Frage aufreizt. Der Linken aber möchte ich sagen, es gibt keinen Sozialismus ohne Lösung der nationalen Frage. Die Internationale existiert nur in der Gemeinschaft der Nationen, jenseits dessen ist nicht die Assoziation freier, sondern der bellum omnium contra omnes kapitalistisch vereinzelter Individuen.

BERLINER EPILOG

Entweder Du bist ein Teil des Problems oder Du bist ein Teil der Lösung. Diese Parole hat an Kredit verloren. Die Linke ist bescheidener geworden, nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus. Heute hört man häufiger ein Wort Adornos, es gibt kein richtiges Leben im falschen. Es war das Jahr 1995 und der inzwischen wiedervereinigte deutsche Staat war mir zu einem zwar immer noch fremden, aber nicht unbedingt mehr feindlichen Gebilde geworden. Auf dem Rasen vor dem verhüllten Reichstagsgebäude bewegte sich eine gelöst wirkende Menschenmenge. Offenheit und Ausgleich schien sie im Sinn zu haben, man sprach von einer Berliner Republik. Alle paar Stunden stieg Herr Christo, der Verhüller, wortlos auf eine Tribüne und ließ sich von der Menschenmenge beklatschen. Man war ihm dankbar – wofür? War der Grund für diese gute Stimmung, dass Christo den Reichstag, diese Schwäre unserer Geschichte überdeckt hatte? Endlich nicht mehr von der Vergangenheit belastet werden, sie nicht mehr sehen müssen, um einzutauchen zu können in den Strom unbeschwert unbewusster Gegenwart. Die schwerfällig das Gebäude umfließende Spree schien sich in die Lethe verwandelt zu haben, in diesen Tagen. Ich empfand den Gegensatz zwischen Christo und Christus, dessen Heilszeugnis gerade darin gelegen hatte, seine Wundmale zu zeigen. Mit einem ehemaligen Kommilitonen wandelte ich über den Rasen und wir unterhielten uns wie zufällig, aber wohl doch nicht zufällig, über Ernst Bloch und die heutige Abwesenheit jeglicher Utopie. Keine Vergangenheit und keine Zukunft mehr haben, stattdessen die (gelegentlicher Retusche bedürftige) reine Gegenwart; der stream bahnte sich an, Berlin zu verwässern. Indessen musste Christo seine Hüllen längst wieder abnehmen. Und auch eine aufgesetzte Glaskuppel konnte danach dem Reichstag seine Schwere nicht nehmen. Und auch ein aus dem Nichts heraufgezogener Potsdamer Platz lässt Berlin heute noch nicht so aussehen, wie jede andere Großstadt auf der Welt. Berlin zeigt sich resistent gegen das Vertuschen seiner Wundmale. Harrt aus, in dieser Stadt! Solange die Male noch bestehen, ist Hoffnung auf Auferstehung. Es sind Male von Wunden, die nicht einem unschuldigen Land zugefügt wurden, sie taugen nicht zu einem Zeugnis, an dem die Welt genesen soll. Sie werden in einem verwandelten Land aber sehr wohl Zeugnis unserer eigenen Genesung sein.

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[1] So wurde zum Beispiel Edgar Geiss, einer der integersten Menschen, den ich je in der Szene kennengelernt habe, wegen völlig aus der Luft gegriffenen Beschuldigungen damals bedroht. Nachts tauchten Späher vor seinem Haus auf. Geiss war durch seinen Hitlergruß am Grab des SS-Ostubaf und verurteilten Kriegsverbrechers Herbert Kappler bekannt geworden.
[2] Ich sehe keinen Grund, seine Schilderung anzuzweifeln: Es wäre ohne Weiteres möglich gewesen, die 4 Insassen des Fahrzeugs, die bis dahin lediglich verdächtig waren, anstandslos festzunehmen. Niemand leistete bei der Verhaftung Widerstand oder deute ihn auch nur an. Da aber die rechte Szene keine Lobby in der bürgerlichen Gesellschaft hat, blieb dieses Polizeiverbrechen nicht nur ungesühnt, sondern auch unerwähnt.
[3] Austrittserklärung-von-Dieter-Stockmeier-aus-der-NR-Basisgruppe-München.pdf
[4] Josef Goebbels schrieb in sein Tagebuch: „Es ist nicht so entscheidend was wir glauben, sondern dass wir glauben.“

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4 Gedanken zu “Johannes Stockmeier: Die guten Söhne der vaterlosen Gesellschaft – Erinnerungen an die Anfänge der westdeutschen Neonazi-Bewegung

  1. Vielen Dank Johannes, daß Du Deine Gedanken auf meinem Blog der Öffentlichkeit vorstellst.

    Wie Du bin ich der Meinung, daß „es keinen Sozialismus ohne Lösung der nationalen Frage“ gibt, die Internationale „nur in der Gemeinschaft der Nationen“ existieren kann.

    Die „völlige Unfähigkeit der Linken sich auf irgendetwas einzulassen, das sich nicht der tatsächlich oder imaginär vorgegebenen Linie zuordnen lässt“ wird jedoch weiterhin dazu führen, daß die deutsche Linke nicht fähig ist, die nationale Frage „in irgendeinem positiven Sinn zu beantworten“.

    Hervorheben und zustimmen möchte ich auch Deiner Feststellung, daß es zuvorderst nicht darum geht, „das Neonazi-Problem zu lösen“, sondern die „deutsche Frage“, weshalb uns die „bloße Existenz“ der Neonazis lediglich „auf die Ungelöstheit“ derselben verweist.

    Beste Grüße

    Detlef

  2. Johannes hatte geschrieben:

    „So zogen wir mit stolz geschwellter Brust vor unseren Eltern die Zeichen ihrer Schande hervor und wurden damit zu schlimmeren Anklägern als die 68er. Nicht, das wir sie anklagten, wir waren die Anklage.“

    Vielleicht haben wir unbewusst und ungewollt genau das getan, was Sid Vicious ganz bewusst getan hat, als er in einem Hakenkreuz-T-Shirt auftrat: Nämlich den Leuten einen Spiegel vorzuhalten, um ihnen zu sagen: „Ihr seid die Nazis!“

    Es ist ja irgendwie merkwürdig, dass ich als Neonazi von den Sex-Pistols so total fasziniert war. „The Great Rock’n Roll Swindle“ war der einzige Film, den ich mir im Kino an zwei Tagen hintereinander angesehen habe. Es war ein englischsprachiger Film mit deutschen Untertiteln. Und auch die Songtexte wurden dabei ins Deutsche übersetzt. Dabei habe ich zum ersten mal richtig verstanden, was sie eigentlich gesungen hatten. Ich war überrascht, wie zynisch-intelligent diese Texte waren. Ganz anders als etwa die Holzhammer-Hassparolen von den meisten deutschsprachigen Punkgruppen.

    Ich habe auf meiner Facebookseite die Namen von 4 Bands und 5 Filmen angegeben, die mir besonders gefallen (und eben auch schon zu meiner politisch aktiven Zeit besonders gefielen). Alles, was ich angegeben habe, wäre im 3.Reich mit Sicherheit als „entartet“ verboten worden. Dieser Widerspruch ist mir eigentlich erst jetzt so richtig klargeworden.

  3. Wenn Kurt Wolfgram in SS-Uniform durch Paris defilierte, war das eine gefährliche Dummheit. Die Punks durften das und wir genossen ihre Rolle als Bürgerschreck, ganz unabhängig davon, was diese selbst damit sagen wollten. Viele Neonazis teilten mit den Punks ihre Verachtung für das Bürgertum, wenn auch aus anderen Gründen. Punk ist soziologisch dem Lumpenproletariat zuzuordnen und dieses Milieu ist zumindest nach marxistischer Auffassung besonders anfällig für Bündnisse mit autokratischen Usurpatoren (Bonapartismus). In dem Zusammenhang spielt die Klassifikation als „entartet“ keine Rolle, denn der Bonapartismus stützt sich nicht ideologisch auf das Lumpenproletariat, sondern nutzt eine Pattsituation zwischen den Klassen aus. Nicht, dass wir das bewusst geplant hätten, aber wir spürten wohl, dass hier ein Betätigungsfeld entstehen könnte. Neonazis ließen sich vom Punk inspirieren, um eigene Inhalte zu verbreiten. Der Siegeszug rechtsradikaler Rockmusik nahm von hieraus seinen Anfang. Allerdings spaltete sich bekanntlich die jugendliche Subkultur in relativ eindeutige Lager, während zu Beginn der Punkbewegung noch alles durchmischt war.

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