Daniel Becker: Die Abgrenzung vom Neonazismus ist richtig und nötig

Gastbeitrag von Daniel Becker:

Brauner Narrensaum

Abgrenzung ist richtig, Abgrenzung ist nötig

Es gibt immer wieder Patrioten, die selber nicht zum sog. Nationalen Widerstand (also: NPD, Kameradschaften o.ä.) gehören, ihm nichtmal nahe stehen, aber dennoch der Meinung sind, man solle sich vom rechtsextremen Rand nicht abgrenzen, sondern mit ihm – offen oder verdeckt – zusammen arbeiten oder zumindest deren Anwesenheit bei Demonstrationen akzeptieren. Widerspricht man diesem Standpunkt, kommt ein beißreflexartiger Ausruf „Keine Distanzieritis, nur gemeinsam sind wir stark“ oder andere aufgeschnappte Phrasen.

Das, was uns seriöse Patrioten vom „Nationalen Widerstand“ trennt, ist nicht nur die Weltanschauung.

Fast jeder, der schon einmal eine AfD- oder Pegida-Demonstration besucht hat, musste auch die Anwesenheit von Rechtsextremisten feststellen.

Diese trugen ostentativ ihre Insignien wie bekannte Szene-Codes (z.B. 88=Heil Hitler o. ä), skandierten ihre Parolen („Hier marschiert der Nationale Widerstand“, „Nationaler Sozialismus-Jetzt“ usw.) grölten Asozialitäten wie „Antifa Hurensöhne“ und gaben weitere unartikulierte Laute von sich.

Nazis auf einer Merkel-muß-weg-Demo in Berlin

Es ist genau dieses Klientel, die den großen Durchbruch der patriotischen Widerstandsbewegung verhindert, nach Ansicht des Autors könnten wir schon heute regelmäßig Demos mit mehreren 10 000 Teilnehmer vorm Reichstag durchführen oder bei größeren Veranstaltungen vllt. sogar 100 000 Bürger oder mehr auf die Straße bringen – wie Pegida mit ihren 30 000 Demo-Teilnehmern gezeigt hat, ist dieses Potenzial vorhanden.

Der große Bremsklotz, der all dies verunmöglicht, ist die NPD samt Appendix in Form von Kameradschaften und diversen Kleinstparteien.

Wie oft habe ich schon in Gesprächen mit AfD/PEGIDA-Symphatisanten gehört, man würde gerne an den Demos teilnehmen, kann es sich aber (z.B. aus beruflichen Gründen) nicht leisten mit Anhängern des rechtsextremen Spektrums gesehen zu werden bzw. es ist schlichtweg zu peinlich in einer Reihe mit den Ewiggestrigen und pseudo-rechten Chaoten zu marschieren.

Thügida-Demo

Nun, dieser Kurz-Artikel ist eine Argumentationshilfe für all die, die sich der direkten wie auch indirekten Zusammenarbeit mit Aktivisten von NPD, Kameradschaften o. ähnlichen Parteien/Gruppierungen verwehren.

Der Schreiber dieser Zeilen möchte das Augenmerk des Leser auf den Anteil an Schwerstkriminellen lenken, die sich ohne Weiteres ganz selbstverständlich in Reihen der Rechtsextremisten tummeln. Dies ist nur ein sehr kleine Auswahl der unzähligen Anzahl der schweren Verbrechen, welche von Vertretern des „Nationalen Widerstandes“ begangen wurden:

Alexander K.:

Der bekannte Rechtsextremist (NPD, Die Rechte, Thügida) aus Leipzig wurde 2003 zu über 4 Jahren Haft wegen Gefährlicher Körperverletzung und Schweren Raubes verurteilt, die hohe Strafzumessung erklärt sich durch die Tatsache, dass K. zum Zeitpunkt der Verurteilung bereits 8 Mal wegen verschiedener Delikte verurteilt wurde.

Auch heute noch kriminell: K. wurde im Sommer 2016 wegen Unerlaubtem Waffenbesitz verurteilt, da bei einer Hausdurchsuchung zwei in Deutschland verbotene Schlagringe sichergestellt wurden.

Alexander B.:

Stellv. Vorsitzender des NPD-Kreisverbandes Lausitz, vorbestraft wegen Gefährlicher Körperverletzung mit Todesfolge, da er zusammen mit anderen Neonazis einen Asylbewerber durch die Straßen von Guben hetzte, infolge des Versuches eine Haustür aufzutreten verletzte sich das Opfer an der Beinarterie und verblutete noch am Tatort. Auch heute noch betont B., dass er die Tat nicht bereue.

Alexander N.:

Der NPD-Mann N. wurde rechtskräftig wegen Unerlaubtem Waffenbesitz und eines Raubüberfalls verurteilt.

Patrick S.:

Der NPD-Aktivist aus Bayern lud vor zwei Jahren den Metal-Musiker Hendrik M. aus Thüringen zum Gespräch in seine Internet-Talkshow „fsn-tv“ ein.

Hendrik M. wurde wegen Mordes, Nötigung und Freiheitsberaubung  verurteilt, da er einen 15-Jährigen mit einem Elektrokabel erwürgt hat.

Bezeichnend, dass man in der NPD keine Berührungsängste mit solch Schwerverbrechern hat.

Wolfgang K.:

Ehemaliger Kreisvorsitzender der NPD Recklinghausen, verurteilt wegen eines Sexualmordes, der als, so wörtlich, „bestialisch“ beschrieben wurde.

Marco S.:

Der Kameradschafts-Aktivist aus Niedersachsen ist wegen eines Tötungsdeliktes an einem Obdachlosen vorbestraft.

Dominique O.:

Ehemaliger Kreistagsabgeordneter der NPD aus NRW, vorbestraft wegen Vergewaltigung einer 4-Jährigen und Verbreitung von Kinderpornographie.

Überdies: Im Dezember 2007 sorgte Dominique Oster für Entsetzen, da er ohne Wissen der Eltern eine Gedenkseite für ein ermordetes Mädchen einrichtete und ankündigte, dessen Grab Heiligabend besuchen zu wollen.

Desweiteren möchte der Schreiber dieser Zeilen ihre Aufmerksamkeit hierauf lenken:

Die beiden extremistischen Kleinstparteien „Die Rechte“ und „Der dritte Weg“ solidarisieren sich mit Rechter Sektor und insbesondere dem Asow Regiment. Diese Solidarisierung geht so weit, dass Mitglieder der Asow-Unterstützer-Gruppe „Misanthrophic Divison“, welche verharmlosend als Freundeskreis beschrieben wird, von den genannten Parteien nach Deutschland eingeladen werden und dabei Söldner anwerben, die in der Ukraine gegen die prorussischen Rebellen kämpfen sollen. Dies alles geschieht unter den Augen des Verfassungsschutzes und damit der Bundesregierung. Internationale Rechtsextremisten können hier in Deutschland bezahlte Killer anwerben, die in der Ukraine wehrlose Zivilisten erschießen, Frauen und Kinder schänden, foltern und plündern.

Wer kann jetzt noch, nach Kenntnis dieser Informationen, ernsthaft eine Zusammenarbeit mit den Extremisten von NPD und ähnlichen Organisationen und Parteien verteidigen?

Ich hoffe niemand.

Mein Kommentar zu den Ausführungen von Daniel Becker:

Ich bin mit dem Gastautor einer Meinung, daß sich deutsche Patrioten vom Neonazismus abgrenzen müssen, der sich anschickt, AfD, Pegida und die Identitäre Bewegung zu diskreditieren. Leider begreifen das viele nicht oder sind schlichtweg naiv.

So werden auf der „Merkel muß weg“-Demo in Berlin schwarz-weiß-rote Fahnen geduldet, ebenso das brüllen von  „Frei, sozial und national“ wie „Hier marschiert der Nationale Widerstand“. Genauso auf der Berliner Bärgida-Demo.

Zumindest an ersterer ist regelmäßig Manfred Rouhs, Vorsitzender von pro Deutschland beteiligt, der sich ansonsten klar von Neonazis distanziert. Er täte gut daran, sich von solchen Aufzügen fernzuhalten, um glaubwürdig zu sein.

Neonazis sind keine „Patrioten wie andere auch“, sondern politische Gegner, die nicht aus taktisch-kosmetischen, sondern schlichtweg inhaltlichen Gründen außen vor gehalten werden müssen, so daß sie keine Chance haben, Unheil anzurichten.

Es besteht auch kein Zweifel, daß schwarz-weiß-rote Fahnen nicht etwa ein harmloser Spleen sind, sondern quasi als Ersatz für die verbotene Hakenkreuzfahne fungieren, wie auch der Terminus „Nationaler Widerstand“ für „NS-Bewegung“ steht.

Neonazis tarnen sich in Thüringen als Bürgerbewegung „Thügida“, wo dann freilich ganz offiziell schwarz-weiß-rote Fahnen und dergleichen zu sehen sind. Gut, daß sich die Patriotische Plattform der AfD und die AfD-Thüringen davon distanziert.

Ebenso die Pegida-Bewegung: Ab 1:30 redet Siegfried Däbritz in ihrem Namen Klartext. , worin er sich einig weiß mit der überwältigenden Mehrheit der AfD, ebenso der Identitären Bewegung und vielen Einzelaktivisten und kleinere Gruppierungen.

Dieter Stein, Chefredakteur der konservativen Wochenzeitung „Junge Freiheit“ hat es – bei aller Kritik an seinen sonstigen Positionen – im Jahre 2007 auf den Punkt gebracht:

Die NPD – rechtsextrem? Falls es sich noch nicht herumgesprochen hat: Die NPD vor 40 Jahren unter ihrem damaligen Vorsitzenden, dem Großbürger Adolf von Thadden, dessen Schwester Elisabeth von Thadden als Widerstandskämpferin im Juli 1944 vom Volksgerichtshof unter Roland Freisler zum Tode verurteilt und am 8. September in Berlin-Plötzensee hingerichtet wurde, diese NPD von damals ist im Vergleich zur heute in Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern reüssierenden Partei gleichen Namens eine fast schon bürgerlich-rechtskonservative Partei.

In der geschichtspolitischen Dogmatik der NPD, die derzeit beabsichtigt, das politische Feld von rechtsaußen bis zur Union aufzurollen, gab es keinen legitimen Widerstand gegen das verbrecherische NS-Regime. Den Namen der Schwester des einstigen NPD-Chefs Thadden würde man in der Parteipresse der NPD niemals gewürdigt sehen, wie man dort auch die anderen Namen des Widerstandes des 20. Juli 1944 verhöhnt, weil es sich um angebliche „Verräter“ handelt. Dagegen stilisiert man Otto Ernst Remer, der den Aufstand um Stauffenberg niederschlug, zum Helden und organisiert jährlich martialische Gedenkmärsche für den „Führerstellvertreter“ Rudolf Heß.

Das Beispiel des Straßburger Gipfels zeigt, daß Konservative in Deutschland und Österreich deutlicher klarstellen müssen, wo ihre politische Bestimmung und wo Unvereinbares ist. Ohne eine Klärung der Vergangenheit, ohne eine ernsthafte Klärung der ethischen Begründung einer wie auch immer bezeichneten „nationalen“, „rechten“, „konservativen“ Politik geht es nicht. Es ist deshalb verantwortungslos und ein fundamentaler Fehler, wenn man glaubt, diese Frage ausblenden zu können. Es zeugt von fehlendem Instinkt für diese Frage, wenn man, wie Andreas Mölzer es bei seiner Einladung der NPD getan hat, die NPD und ihr Milieu zu einer diskutablen „patriotisch-nationalbewußten Rechten“ zählt. Wer sich der deutschen Vergangenheit nicht stellt, kann kein Patriot sein.

Martin Sellner, der bekannteste Aktivist der Identitären Bewegung, sieht es genauso:

Unsere Faustregel lautet: keine Zusammenarbeit mit und klare Abgrenzung zu allen Personen und Gruppen, die offen oder „konkludent“ in der Tradition des NS stehen. Identitäre sind keine Neonazis und das sollten sie auch klar kommunizieren. Die klare Abgrenzung siebt politische Spinner aus, sie ist kein taktisches Manöver, sondern entspricht einer echten, inneren Überzeugung. Deshalb haben wir bei unseren Distanzierungen bisher noch nichts „verloren“. Außer womöglich die oben beschriebenen „Sympathisanten“ die auf ihre Witze und ihr Kokettieren mit dem „Extremen“ nicht verzichten können. Aber denen weinen wir keine Träne nach.

Neonazis versuchen, den Landesvorsitzenden der AfD Thüringen, Björn Höcke, für ihre Ziele zu instrumentalisieren, wenngleich sich die Begeisterung trübte, als er in einem Interview mit dem Spiegel im Nachgang seiner Dresdner Ballhaus-Rede erklärte:

Mir ist es wichtig klarzustellen, daß die Judenvernichtung im Dritten Reich unentschuldbar ist, ein Schandfleck in der deutschen Geschichte. Der Holocaust ist die Schande, nicht das Mahnmal oder gar das Holocaustgedenken an sich. Daß die Nazidiktatur überwunden werden mußte, das ist doch selbstverständlich.

Allerdings zeigte Höcke in einem Interview mit dem Wall Street Journal, daß er offenbar dazu neigt, Hitler in einem nicht gar so verbrecherischen Licht dastehen zu lassen, als ob derlei Klitterung für ein gesundes Nationalbewußtsein nötig wäre.

Wissen Sie, das große Problem ist, dass man Hitler als das absolut Böse darstellt. Wir wissen aber natürlich, dass es in der Geschichte kein Schwarz und kein Weiß gibt. Und dass es viele Grautöne gibt. Es gibt viele Quellen, die darauf schließen lassen, wenn man es interpretiert, dass dieser 2. Weltkrieg nicht unbedingt zum 2. Weltkrieg – Betonung auf Weltkrieg – hätte werden müssen, wenn nicht auch interessierte Mächte am Werke gewesen wären, die diesen Krieg eskaliert haben.

Er versucht, diesem Verbrecher irgendetwas positives zuzuschreiben, unterlegt mit dem Versuch, die seine Alleinschuld am Zweiten Weltkrieg zu relativieren und so zu tun, als wäre es ihm lediglich um eine gerechte Grenzziehung gegangen.

Hier hat er eine völlig falsche Sichtweise verbreitet, sich Beifall von der braunen Sekte eingehandelt und den Patrioten in der AfD einen Bärendienst erwiesen. Er sollte dazulernen oder zu derlei Themen einfach die Klappe halten.

So muß bei aller Solidarität konstatiert werden, daß Höcke durch seine falschen Akzentsetzungen und Thesen dem Ansehen der AfD in breiten Teilen der Bevölkerung die geneigt war, diese Partei zu wählen, nicht wenig Schaden zugefügt hat.

AfD-Mitglied Ralf Fennig hat in einem „Offenen Brief an den Parteikollegen Höcke“ gut herausgearbeitet, um was es den Patrioten in- und außerhalb der AfD geht:

Herr Höcke!

Um die Dinge vorweg zu nehmen die mir aufgrund dieser Nachricht von Einigen bestimmt unterstellt werden:

a) ich bin Patriot. Ich liebe mein Land. Das Oldenburger Münsterland ebenso wie Deutschland. Und auch unseren schönen, altehrwürdigen Kontinent. Mindestens so sehr wie Sie.

b) ich bin sehr gut orientiert über die deutsche Geschichte. Etwa 1100 Jahre sind es übrigens mitlerweile fast. Über die guten und die schlechten Zeiten und Seiten gleichermaßen.

Und auch über die „peinlichen“ zwölf Jahre. Ja, ich kenne die Guido Knopp-Dokus. Aber auch Schultze-Rhonhof und Andere. Und ich habe mit vielen Zeitzeugen geredet. Sie sind in etwa mein Jahrgang und wissen: Als wir jung waren war das noch sehr einfach.

c) prüfe ich tatsächlich Zitate bevor ich mich ärgere. Bislang habe ich Sie oft verteidigt – jetzt platzt mir hier der Kragen.

Als kleines Partei-, Kreisvorstands- und Gemeinderatsmitglied fühle ich mich von Ihnen verraten.

Wir Alle versuchen das Beste für unser Land zu erreichen und ja, auch den Menschen zu vermitteln das die deutsche Geschichte sehr reich ist. Im BdV organisiere ich dazu Vorträge (mit) und in anderen Bereichen weise ich auf historische Orte hin.

Sie diskreditieren diese Arbeit indem Sie versuchen Hitler öffentlich zu rehabilitieren.

Statt als Geschichtslehrer zu reden und klar zu sagen das von historischer Relevanz bei Hitler seine Verbrechen klar im Mittelpunkt stehen fangen Sie an wie ein Sozialarbeiter, wie der übelste Gutmensch, im Serien- (in diesem Falle Massen-)mörder noch gute Seiten betonen zu wollen.

Was soll das?

Meine Identität als Deutscher hängt nicht an Hitler.

Ich möchte diesen Wahn durchbrechen und Sie tun so als müsste ich mich als Deutscher mit diesem Mann gemein machen. Nein, ich muss es nicht. Es war eine üble Nazi-Lüge das Hitler das personifizierte Deutschland sei. Ich kann ihn und seine braunsozialistischen Ideen entschieden ablehnen und dennoch Deutschland lieben. Ja, wenn ich Deutschland liebe muss ich ihn sogar ablehnen.

Von Ihnen erwarte ich:

a) eine offene und ehrliche Entschuldigung für dieses dämliche, nicht zu entschuldigende Zitat. Sie haben mir und vielen Anderen damit einen Dolch in den Rücken gestoßen.

b) eine öffentliche Klarstellung – unmissverständlich und direkt – wie Sie zu Hitler, zum Nazi-Terror und zu den Verbrechen dieser Ära stehen.

c) das Sie zukünftig im Zweifel einfach mal die Klappe halten wenn Sie nicht wissen was Sie sagen.

Von der Bundespartei erwarte ich das dort eine scharfe Rüge gegen Sie ausgesprochen wird. Mit der klaren Androhung der Amtsenthebung und des Parteiausschlusses sofern Sie nochmals so einen gequirrlten Mist ablassen wie damals die These mit den „Ausbreitungstypen“ oder jetzt den „Hitlerischen Grautönen“.

Und mir ist es egal ob Hitler Eva Braun einen Blumenstrauß geschenkt hat oder mal einem Bettler ein Brötchen gegeben hat – DAS hat keine historische Relevanz.

Herzliche Grüße,
Ralf Fennig

Auch Matthias Wohlfarth, Mitbegründer der AfD und Initiator sowie ehemaliger Sprecher der AfD-Thüringen hat einen „Offenen Brief an Björn Höcke“ verfaßt:

Sei gegrüßt, Björn!

Dies ist der dritte Brief, den ich Dir schreibe. Der erste 2015 war privat, der zweite halb-öffentlich/innerparteilich und der dritte nun „Not – wendiger – weise“ öffentlich. Wegen der Presse, die gegen Dich wütet, jedoch die Rechtsbrüche der Regierung unaufgeregt hinnimmt, fällt es mir schwer, Dir diesen Brief heute zu schreiben. Dennoch muß ich es tun, weil es in diesem Fall nicht um Redefreiheit, sondern um die Verantwortung für die AfD geht.

Weil unser Land politische Alternativen heute so dringend braucht, stehen AfD-Politiker in besonderer Verantwortung. Sie stehen in der Verantwortung, klar, ehrlich und angemessen aufzutreten und zu reden. Personenkult verbietet sich. Grenzen zur NPD müssen in Inhalt und Stil erkennbar gezogen werden. Vertrauen muß gewonnen und darf nicht ohne Not zerstört werden. Warum versagst Du hier so sehr?

Mitglieder der Thüringer AfD und darüber hinaus bedauern, daß Du Dich zunehmend nicht in der Lage zeigst, dieser Verantwortung gerecht zu werden und daß Du, statt in breiten Wählerschichten Vertrauen zu gewinnen, Vertrauen zerstörst. Satzanalysen hin oder her. Es war wieder ein Thema zur falschen Zeit, im falschen Ton, vom falschen Mann. Der Unterton und das Strickmuster, das wichtige Nichtgesagte und das Verkürzte gibt die Richtung zu den vielleicht auch gewollten „Mißverständnissen“ an. Deine Erklärung zu der Rede in Dresden und der Hinweis auf Walser und Augstein ändern daran kaum etwas. Siehe dazu Michael Paulwitz in der JF vom 15. Januar und die Kommentare von der Mehrzahl der Bundesvorstandsmitglieder, die Dir in Wiederholung parteischädigendes Verhalten bescheinigen. Und das zurecht, wozu übrigens auch Deine bedenkliche Haltung zur innerparteilichen Demokratie gehört. Wer nicht auf deinem Kurs ist, gehört zu den Halben, den Luckisten, „Freifressern“ und „Freisäufern“. Eine Diffamierung.

Inzwischen stellst Du allzu oft ein zusätzliches und unnötiges Hindernis für die Bereitschaft zum Gespräch über AfD-Positionen dar. Besonders der skandalöse Personenkult und die Selbstinszenierung bei Deinen Auftritten sind peinlich und schädlich für die Partei. Das dient nicht Deutschland, sondern Deinem Ego. Leider! Denn Deine Bildung und Sprachfähigkeit könnten die AfD ja eigentlich sehr bereichern. Wir alle haben anfangs viel Hoffnung in Dich gesetzt.

Die Mitglieder in Thüringen stehen jetzt in besonderer Verantwortung, Schaden von der AfD abzuwenden. Tausende Mitstreiter werden sich im Wahlkampf auf den Straßen für Björn Höcke rechtfertigen müssen. Nicht nur im Westen, bei den wichtigen Landtagswahlen in NRW und SH wird das so sein, sondern auch hier zu Hause schütteln an und für sich wohlmeinende Nachbarn und Kollegen wegen Dir mit dem Kopf. Viel Porzellan ist zerschlagen worden! Zuviel!

Dies alles wurde von mir und anderen Personen am 8.2.2016 dem Landesvorstand und Fraktionsmitgliedern schon einmal ausführlich unterbreitet. Besserung wurde dort versprochen. Deine schädlichen und in der Tonlage schiefen Selbstinszenierungen ohne Rücksicht auf das Wohl der Gesamtpartei gehen aber weiter. Seit 2015 habe ich Dir – auch wegen der nicht glaubhaft entkräfteten Landolf-Ladig/NPD-Sache nahegelegt, Spitzenämter abzugeben, um Schaden vorzubeugen. Es wurde schon zu viel Vertrauen bei den sich uns vorsichtig annähernden Wähler zerstört. Die politischen Gegner wollen eine NPD light aus der AfD machen und Deine zu oft als NPD light wahrgenommenen Auftritte sind ein Glücksfall für sie. Cui bono? fragen schon manche. Bei den Altparteien und in der ARD fliegen die Korken!

„Das ist der direkte Weg ins selbstgewählte Ghetto. Wer den Rändern zuzwinkert, marginalisiert sich über kurz oder lang selbst. Eine Alternative, die eine politische Wende herbeiführen will, muß für breite Schichten der Bevölkerung wählbar sein.“ Das schreibt Michael Paulwitz in der JF. Und Frauke Petrys Worte, „Höcke ist eine Belastung für die Partei“ sprechen das aus, was zunehmend auch in Thüringen viele Parteimitglieder empfinden. Ich gebe auch ihnen hier eine Stimme.

Björn, wenn Du es ernst meinst, Deinem Vaterland zu dienen, kannst Du es jetzt beweisen. Nur durch einen Verzicht auf Deine angehäuften Führungsposten in Thüringen als deutliches Signal kannst Du jetzt noch glaubhaft machen, daß Dir guter Rat und das Wohl der Partei und des Vaterlandes wichtiger sind, als Deine persönlichen Ambitionen. Nur durch Deinen Rückzug kann das durch Dich verspielte Vertrauen vieler Wähler zurückgewonnen werden. Gönne Dir eine Besinnungs– und Familienzeit.

Wir brauchen einen Neuanfang in Thüringen. Du hast die Thüringer AfD in erster Linie zu einer Bühne für Dich gezimmert, aber nicht als Partner auf Augenhöhe. Insbesondere der Landesvorstand muß satzungsgemäß demokratisiert und mündig werden. Dem steht Deine satzungswidrige Ämterfülle und Machtfülle, sowie die finanzielle Abhängigkeit mehrerer Vorstandsmitglieder von Dir und der Fraktion absolut im Wege.

Die Fraktion braucht ein Gegenüber und ein Ende Deiner Dominanz. Du kannst Größe zeigen und für einen Neuanfang Platz machen. Es wird Dich ehren. Deine Verdienste sollen dann nicht vergessen werden. Der nächste Parteitag muß sich dieser Sache annehmen. Und der Bundesvorstand kann nicht länger zusehen.

Ps.: Noch eins aus ganz persönlicher Sicht, Björn: Kaum jemand in der AfD in Thüringen hat seit der Gründung so sehr wie ich betont, daß wir mehr als bloß eine andere Geldpolitik, sondern eine geistig/ kulturelle Wende brauchen. Ohne eine Besinnung auf die Fundamente, aus denen Europa und Deutschland erst hervorgegangen ist, läßt Deine pathetische Beschwörung von Heimat und Nationalstolz jedoch Wesentliches vermissen.

Eine geistige Wende im wirklich tiefen Sinn, braucht mehr als Nationalromantik. Wer Deutschland kulturell und wirtschaftlich retten will, muß sein Fundament retten: Und das ist mehr als alles Andere das biblische Christentum, welches Aufklärung, Glaubensfreiheit und Demokratie erst ermöglicht hat (oft gegen den Widerstand der Mächtigen in den staatstragenden Kirchen). Patrioten, die mit dem Heiligsten und Teuersten, an was ihre Vorväter glaubten, nichts anzufangen wissen, die müssen sich selbst einige Fragen stellen. Nichts hat Europa und seine Nationen so begründet, wie das Christentum, welches uns verbindende Wurzeln beschert hat, die unsere Völker tiefer gründen, als irgendetwas. Zurzeit wird Entwurzelung betrieben. Das Beschwören von Nationalstolz ersetzt noch keine Wuzeln, die aus dem sinnstiftenden metaphysischen Boden kommen. Den Schatz, der in Europas Acker liegt, gilt es neu zu entdecken.

Vielleicht sollte Höcke, wie Imad Karim ihm vorschlug, „aus Liebe zu Deutschland und in tiefer Verbundenheit und in unerschütterlichem Vertrauen zu und in der AfD seinen Austritt aus der AfD erklären und seine Anhänger aufrufen, der AfD treu zu bleiben.“

Zum Thema „Landolf Ladig“: Es wäre vielleicht noch darüber hinwegzusehen, wenn er unter diesem Pseudonym vor seiner Zeit in der AfD in Neonazi-Postillen veröffentlicht hätte. Für entscheidender hielte ich, was er dort geschrieben resp. vertreten hat.

Und wichtig ist vor allem, was er heute als AfD-Funktionär für Positionen vertritt, statt ihm seine (angebliche) Vergangenheit nachzutragen, was bei einem Ex-CDUler auch keiner tut. Nötig ist, daß er sich klar vom Neonazismus und explizit der NPD distanziert.

Und das hat er mit folgenden Worten getan:

Die Annahme, ich würde unter Pseudonym Artikel in NPD-Postillen verfassen, ist völlig absurd. Die AfD-Fraktion, der Thüringer Landesverband und ich selbst haben uns seit Gründung der AfD immer klar und deutlich von der NPD und anderen extremistischen Organisationen abgegrenzt. Weder der Thüringer Landesverband noch die Alternative für Deutschland im Ganzen kooperieren mit der NPD. Die NPD spielt bei der politischen Positionierung der AfD schlicht keine Rolle, da unsere Partei bürgerlich ausgerichtet ist. Aus diesem Grunde sind rechtsextreme Positionen, wie sie die NPD vertritt, weder beim AfD-Landesverband, der Fraktion oder mir zu finden.

Andererseits kritisiert er indirekt die falsche Praxis seiner Partei, Ex-Nazis für immer von der politischen Arbeit auszugrenzen, wo man andererseits keine Probleme damit hat, ehemalige CDU-/FDP-/SPD- und GRÜNE-Mitglieder aufzunehmen:

Andererseits weigere ich mich aber auch, Menschen von vornherein aufzugeben, auszugrenzen und sozial zu ächten, weil sie in der falschen Partei sind oder waren. Auch Anhänger extremistischer Strömungen haben einen Anspruch auf politische Resozialisierung. Dies gilt im Übrigen für Mitglieder linksextremistischer Organisationen, wie der Roten Hilfe, gleichermaßen wie für Anhänger rechtsextremistischer Organisationen, wie der NPD.

Die NPD vertritt unzweifelhaft politische Überzeugungen, die der AfD völlig fremd sind. Auch wenn mir die internen Verhältnisse der NPD unbekannt sind, ist es nach meiner Überzeugung wahrscheinlich, dass es dort auch Menschen gibt, die man wieder für unsere Demokratie gewinnen kann, weil sie eben nicht überzeugte Rassisten oder Fremdenhasser sind, sondern aufgrund politischer Naivität bzw. zum Beispiel jugendlicher Unerfahrenheit in diese Partei gelangt sind.

Ich halte es zudem schlicht für falsch, sämtliche Mitglieder dieser Partei über einen Kamm scheren und ihnen nicht zuzugestehen, dass auch sie in der Lage sind, einmal gewonnene falsche Überzeugungen zu überdenken und einen politischen Lernprozess erfolgreich zu absolvieren.

Themenverwandte Blogbeiträge zum Thema „Patrioten vs. Neonazismus“:

Dieter Stein: Die NPD ist ein politischer Gegner

Martin Sellner: Wer sich distanziert verliert?

Deutsche Volksunion (DVU): Nein zu Ausländerhaß und Neonazismus

Die Republikaner (REP): Wir lehnen Rassismus kategorisch ab

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3 Gedanken zu “Daniel Becker: Die Abgrenzung vom Neonazismus ist richtig und nötig

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