Vor allem sei eins: dir selbst treu.” Polonius in Shakespeares Hamlet
Geboren bin ich am 28. 12. 1969, aufgewachsen in Berlin-Johannisthal, einem Ortsteil des Bezirkes Treptow der damaligen Hauptstadt der DDR, Berlin. Bis 1986 besuchte ich die zehnklassige allgemeinbildende Polytechnische Oberschule (POS). Von 1986 bis 88 absolvierte ich eine Zimmerer-Lehre. Dort war ich FDJ-Sekretär des Lehrkollektivs, ohne allerdings aktiv oder überzeugt vom realexistierenden Sozialismus zu sein. Schon frühzeitig wurde ich mit Äußerungen meines Großvaters, die im Widerspruch zu dem standen, was ich in der Schule erzählt bekommen habe, konfrontiert. Das war für mich der äußere Anlaß, seine wenigen Bücher aus der Nazi-Zeit zu lesen (ebenso die zur Thematik passenden aus der örtlichen Leihbibliothek), mich infolge immer mehr mit dem sog. “Nationalsozialismus” zu identifizieren.
Diese Ideologie gab mir Halt, einen Lebensinhalt - so dachte ich zumindest, so daß sich ab 1987 mein Wunsch verfestigte, mich der “Bewegung” in Westberlin oder der BRD anzuschließen. Medienberichte über “Nazis in der BRD” verstärkten in mir den Wunsch, nach Abschluß der Lehre mich daran zu machen, die DDR schleunigst zu verlassen …
Der zu dieser Zeit in der DDR zahlenmäßig starken rechten Skinheadbewegung stand ich skeptisch bis ablehnend gegenüber, da diese nicht meinem mittlerweile Gestalt angenommenen Bild entsprach, welches sich am “Dritten Reich” orientierte. So war ich auch zwiegespalten bis ablehnend, was den Überfall auf die Zionskirche betraf, wo Besucher eines Konzertes von Naziskins überfallen wurden. Zumal sich unter den Besuchern ein Arbeitskollege und Freund von mir befand, der mir nächsten Tag darüber berichtete.
Zu dieser Zeit wurde ich desöfteren von staatlichen Organen, offiziell der Volkspolizei, zur “Klärung eines Sachverhalts” vorgeladen. Etwa Herbst 1988 erhielt ich das Verbot, große Veranstaltungen in Berlin zu besuchen, es folgten allein durchgeführte Flugblatt- bzw. Zettelverteilaktionen, u. a. zum “Führergeburtstag” 1989.
Zur zweiten Musterung Anfang 89 erklärte ich, sowohl Wehr- als auch Wehrersatzdienst zu verweigern. Das mit der Legende, ich wäre Pazifist. Hatte ich doch in diesem Jahr vor, aus der DDR zu flüchten, wo mir 18 Monate bei der NVA in die Quere gekommen wären. Für den Fall meiner Verhaftung nahm ich Kontakt zur Umweltbibliothek in der Berliner Zionskirchstraße auf, hinterließ dort eine Kopie meiner Erklärung zur Verweigerung. Im Ernstfall hätte man mir dort einen entsprechenden Rechtsanwalt vermittelt. In den dortigen Kellerräumen besuchte ich auch eine Aufführung von Freya Klier und Stefan Krawczyk, bevor sie beide nach “Drüben” gingen …
Es kam wegen meiner Totalverweigerung nicht zur Verhaftung. Später hörte ich, daß es bereits zu viele gab. Ich bereitete meine Flucht vor, besorgte mir Flugtickets nach Ungarn (nachdem ich die Möglichkeit, die Berliner Mauer zu überwinden begraben, in diesem Kontext ein Strafgeld wg. “Verletzung des Grenzgebietes” zu bezahlen hatte), wollte dort über Sopron (Ödenburg) flüchten. So sollten es auch später viele tun, nur, ich kam nicht mehr dazu, da ich am 17. Juni 1989, wir “feierten” den “Tag der deutschen Einheit”, verhaftet wurde.
Der Grund: Ein Bekannter von mir wurde von einem Polizisten festgehalten, ich wollte ihn befreien und schlug deshalb, Alkohol war mit im Spiel, auf den Uniformierten ein. Verletzungen trug dieser nicht davon. Einige Zeit später wurde ich wiedererkannt. Ich kam in die U-Haftanstalt in die Keibelstraße und wurde im Herbst zu 6 Monaten Freiheitstrafe wegen “Widerstand gegen die Staatsgewalt” und “Rowdytum” verurteilt.
Am 14. Dezember 1989 wurde ich entlassen. Da noch nicht völlig klar war, wie sich die Sache deutschlandpolitisch entwickeln würde, entschloss ich mich, im Februar des Folgejahres offiziell nach Westberlin überzusiedeln. Ich wohnte dann ein paar Monate im Wedding, wo ich bereits mit der NPD und DVU, via Telefonbuch, Kontakt aufnahm. Meine Polit-Karriere konnte beginnen, wie ich mir das in der DDR immer vorgestellt hatte. Ich ging zurück nach Ostberlin, 1992 bezog ich meine erste eigene feste Wohnung in Baumschulenweg, nachdem unsere Besetzung eines Hauses in Johannisthal beendet wurde.
Meine erste Demonstration fand am 1. Mai 1990 in Leipzig statt, wo es Flaschen und Steine von linken Gegendemonstranten hagelte, die Polizei war uns ebensowenig wohlgesonnen, jagte uns durch die Straßen. Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits Mitglied der “Mitteldeutschen Nationaldemokraten” (MND), da die NPD offiziell noch nicht in agieren durfte. Mit der JN/NPD hielten wir in diesem Jahr eine Veranstaltung in Spandau ab, um Rudolf Heß zu gedenken, anstatt nach Wunsiedel zu fahren.
Nach der “Wiedervereinigung” wurde ich dann NPD-Kreisvorsitzender für Ost-Berlin und nahm auch regelmäßig an den Landesvorstandssitzungen teil, JN-Mitglied war ich ebenfalls. Meine ”nationalsozialistische” Ausrichtung stieß allerdings - wie mir parteiintern zugetragen wurde - in der NPD-Bundeszentrale auf immer weniger Gegenliebe, was heute freilich ganz anders wäre.
1990 fanden einige Fahrten, Veranstaltungs- und Demonstrationsbesuche statt. So im Juni nach Eisenach zum Burschenschaftstreffen, im August nach Görlitz (mit provokativen Grenzübertritt), JN-Schulung in Sulingen, Demonstration vor der russischen Botschaft in Berlin (”Freiheit für Litauen - Nationalismus ist Fortschritt”) und als Ordner bei der DVU-Großkundgebung in Passau, wo ich auch im Folgejahr - letztmalig - vertreten war.
1991 dann erstmalige Teilnahme am Rudolf-Heß-Marsch in Bayreuth, dem 1992 Rudolstadt folgen sollte, hier bereits mit der FAP, an deren 1. Mai Demo in Berlin 1993 ich teilnehme. Ende 1991 fahre ich mit der Berliner “Nationalistischen Front/NF” zu einer Vortragswoche nach Österreich, veranstaltet von der “Deutschen Kulturgemeinschaft”. Zum “Heldengedenkmarsch” 1990 in Halbe bin ich im NPD/JN-”Block” dabei, ein Jahr darauf am selben Ort in der Kolonne der “NF”.
Ende 1991 bin ich aus der JN, dann auch der NPD ausgetreten (genauere Daten sind mir nicht mehr erinnerlich), weil ich als “Nationalsozialist” in dieser Partei nicht mehr wirken wollte und konnte. Ich hatte bereits enge Kontakte zur “Wiking Jugend”, der “Nationalistischen Front” und weiteren Organisationen und Einzelpersonen, gründete die “Kameradschaft Johannisthal”. In der “Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei” (FAP) fand ich 92/93 eine Partei, die mit meinen Vorstellungen vollends konform ging. So wurde ich dort Mitglied, kurz darauf Vorstitzender des Kreisverbandes Treptow.
In der FAP gab es ein “reges Vereinsleben”, wie es in einem VS-Bericht (siehe unten) heißt, aber auch aktive politische Tätigkeit weit über Berlin hinaus. Ob “Propagandafahrten” nach Cottbus, an die Ostsee, Besuch der Hamburger Kameraden, mehr als einmal Besuche bei “Müllers” in Mainz (der dortigen Zentrale der HNG) usw. usf. Relativ eng waren auch die Kontakte zu den “Vandalen”, aus derem Kreis später die Band “Landser” sich entwickeln sollte. Die Berliner FAP - wie teilweise auch “reichsweit” - trat meist SA-mäßig uniformiert auf - mit Armbinde, Schulterriemen, Gaudreieck, Braunhemd, schwarze Krawatte, teilweise kamen noch die entsprechenden Mützen dazu.
Ideologisch war sie, wie ich, “führertreu” auf original-”nationalsozialistischem” Kurs, weshalb der “Röhm-Kühnen-Flügel” ebenso abgelehnt wurde wie die “Nationalistische Front”, die für uns “Kommunisten im nationalrevolutionären Gewandt” waren. Gegner waren ebenso die “Nationaldemokröten” von der NPD und die FAP-Abspaltung “Nationale Offensive” (NO), deren Veranstaltungen wir gezielt besuchten, um sie zu “sprengen”, unter den anwesenden Anhängern und Interessenten für unsere Partei zu werben.
Kurz vor dem Verbot dieser Partei im Februar 1995 wurde auf meine Idee hin mit ein paar Dutzend Leuten in Treptow, die teilweise nicht Mitglied der FAP werden wollten, die “Kameradschaft Treptow” (KT) gegründet. Im Zuge dessen arbeitete ich eng mit dem Verein “Die Nationalen” zusammen, wurde freier Mitarbeiter der “Berlin-Brandenburger Zeitung” (BBZ). Mitte 1996 gab ich die Führung der “KT” ab, worauf diese im Verlauf des Folgejahres zerfallen sollte. Meine Gründung der “Kameradschaft Köpenick” währte nicht lange. Nachdem ich meinem “Stellvertreter” beschied, weiterzumachen, sollte auch dieses Projekt einschlafen.
Ich widmete mich der Anti-Antifa-Tätigkeit, sammelte Daten politischer Gegner, hatte Kontakte zu anderen Anti-Antifa-Gruppen in Deutschland und darüber hinaus. Im Jahr 1996 war es, daß sich in mir etwas bemerkbar machte, was für mich völlig neu war. Es waren unbestimmte Zweifel, das Gefühl, daß das Feuer für die Sache, was nun beinahe zehn Jahre loderte, erloschen war. Ich sah keinen Sinn mehr darin, weiterzumachen.
So gab ich die Leitung der Anti-Antifa-Berlin wieder ab (an O. Schweigert, der sie vorher innehatte), um erst einmal ohne jede Funktion zu sein. Ich machte mir auch keine tiefergehenden Gedanken deswegen, war nicht in der Lage, mich bewußt damit auseinanderzusetzen. So desillusioniert war ich bereits, daß ich Ende 1996 den Gedanken faßte, aus der Bewegung auszusteigen. Nach außen jedoch, da gehörte ich noch dazu …
In der “Bewegung” hatte ich Funktionen ausgefüllt, wo ich das angestrebt habe, kandidierte zweimal zu Wahlen, erst für die NPD, dann im Herbst 95 für die Nationalen, konnte meine Ideologie verbreiten, hatte ebenso einflußreiche Kameraden - gehörte zu den wenigen Kadern der Nazi-Szene in Berlin. Sicherlich würde ich heute irgendwo da sitzen, wo meine ehemaligen Kameraden sich befinden, in der BVV von Treptow-Köpenick und einer entsprechenden Funktion in der NPD.
Am Abend des 16. April 1997 war ich zu einem Polterabend von jemanden eingeladen, der einst nach dem Vorbild meiner “Kameradschaft Treptow” seine “Kameradschaft Beußelkiez” aufzog, nachdem ich ihn 1995 in die “Bewegung” eingeführt hatte. Ich trank leider sehr schnell und viel an diesem Abend, an politischen Diskussionen mit Kameraden hatte ich längst kein Interesse mehr, so daß ich am Ende in dem fremden Auto, daß L. Schillok, der den gleichen Heimweg hatte, einstieg und einschlief, wie dieser mir später berichtete. Dort drinnen stritt er sich mit irgendjemanden, wie später ermittelt wurde. Als er am S-Bhf. Adlershof ausstieg, folgten ihm zwei “Kameraden”, schubsten und schlugen ihn.
Ich wurde wach, stieg aus und sah das. Um ihm zu helfen nahm ich, Müde und vom Alkohohl noch angegangen, wie im Affekt mein CS-Gas und sprühte damit in die Richtung der beiden, die meinen Kameraden, das war L. Schillok damals für mich, angriffen. Wer diese beiden Angreifer waren, nahm nich nicht war, ebenso nicht, was danach geschah. Laut zweier Zeugen soll ich Abseits gestanden haben, ich erinnere mich nur, das meine Augen schmerzten, vermutlich hatte ich selbst Gas abbekommen. Während dieser kurzen Zeitspanne müssen die Attacken auf Schillok wohl weitergegangen sein, was dazu führte, daß er beide abgestochen, getötet hat. Er rannte daraufhin weg und versteckte sich. Ich lief normalen Schrittes nach Hause, weil ich dafür ja keinen Grund sah. An unterschiedlichen Orten wurden wir beide kurz darauf verhaftet.
Kurz, ich war wieder, wie 1989, in U-Haft. Nur, diesmal nicht zurecht, sondern unschuldig. Ja, ich hielt es anfangs noch für einen Bluff der Vernehmer, die mir sagten, daß zwei Menschen erstochen worden sein, weil ich das ja nicht gesehen hatte. Nach und nach realisierte ich jedoch meine Situation, die schlimmer nicht sein konnte. Hätte ich die Tat des Schillok beobachtet und wäre noch halbwegs in der Lage gewesen, nüchterne Schlüsse zu ziehen, wäre ich nie und nimmer vom Tatort weg, sondern dort verblieben. So jedoch wurde mein Nachhauseweg ein “Fluchtweg”, ich war kein Zeuge, sondern Beschuldigter und später Angeklagter.
Unmittelbar nach meiner “Zuführung” erfolgte ein etliche Stunden dauerndes Verhör, welches ich, übermüdet und mit Restalkohol im Blut, über mich ergehen lassen mußte. Am Ende war ich nicht mehr vernehmungsfähig, unterschrieb teilweise ungelesen Blätter mit Aussagen, die ich nicht getätigt oder aus dem Kontext gerissen wurden, was ich vor dem Haftrichter klarstellte. Meine erste bzw. Grundaussage jedoch, daß Schillok angegriffen wurde und ich ihm mit meinem Abwehrspray-Einsatz helfen wollte, blieb jedoch immer dieselbe, worauf ich ich später vor Gericht auch explizit hinwies.
Leider wurde erst ca. 24 Stunden nach meiner Verhaftung eine Blutalkoholprobe bei mir entnommen. Ob das absichtlich geschah - immerhin eine völlig unübliche Praxis - wie mein damaliger Rechtsanwalt vermutete, um mich dann aufgrund der Aussagen von Polizisten als “kaum betrunken” und somit voll schuldfähig einstufen zu können, sei dahingestellt. Immerhin bestätigten übereinstimmend alle Teilnehmer der Verlobungsfeier meine Volltrunkenheit, wozu die Erklärung von L. Schillok paßt, daß ich im Auto geschlafen, mich nicht an einem Streitgespräch oder ähnlichem beteiligt habe. Letztendlich wurde ein “Mittelwert” veranschlagt, was der Anklagevertretung sicherlich entgegenkam.
Mir jedoch ging es jedoch um meine Schuldlosigkeit an sich, nicht der Schuldfähigkeit.
Meine Anklageschrift lautete wie die des Schillok auf “gemeinschaftlichen Doppelmord”, behauptend, daß zwischen meiner Nothilfehandlung für den angegriffenen Schillok und seiner Exzesstat (er plädierte auf Notwehr) ein Zusammenhang bestand dergestalt, daß ich die beiden späteren Opfer erst “kampfunfähig” gemacht habe, damit sie besser abgestochen werden können. Das war zwar unsinnig, unbewiesen und lebensfremd, mußte später fallengelassen werden, doch zu diesem Zeitpunkt sehr real in seiner Bedrohlichkeit für mich, für etliche Jahre unschuldig eingesperrt zu sein.
In Haft jedenfalls, mit diesem Vorwurf, voller Ungewißheit, konnte ich endgültig den Entschluß fassen, aus der “Bewegung” auszusteigen. Ich hatte nun Zeit genug, konnte nicht mehr verdrängen, vor dem, was beachtet und bearbeitet werden wollte, davonlaufen. U. Müller, Vorsitzende der “Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige e. V.” (HNG) - wo ich einige Jahre Mitglied war - die mich anschrieb und unterstützen wollte, antwortete ich am 13. Mai 1997, daß ich aus der Szene aussteige und auch keinen Kontakt mehr wünsche.
Zehn Jahre Eigendefinition, Identifikation und Aktivität als “Nationalsozialist” waren damit von mir beendet, die “Bewegung” davon in Kenntnis gesetzt worden!
“Treue entschuldigt nicht alles: Dem Ärgsten treu zu sein, wäre schlimmer, als sich von ihm loszusagen.” Aristoteles
Ich hätte, wie angedeutet, wäre ich in U-Haft nicht endgültig ausgestiegen, selbstverständlich in der Szene verbleiben und weiterarbeiten können. Schnell klang die Trauer um die beiden in der “Bewegung” gänzlich unbekannten, zudem mit zweifelhaften Ruf ausgestatteten Opfer ab. Zudem verbreitete sich die Erkenntnis, insbesondere durch meinen Rechtsanwalt Dr. Eisenecker und die Veröffentlichungen Ch. Wendts (siehe unten einsehbare Dokumente), daß ich mit der Tat des Schillok nichts zu tun hatte. Dieser selbst wird bis zum heutigen Tag von der HNG (-> HNG-Gefangenenliste ) und dem NPD-Funktionär W. Nahrath betreut und betreibt in Haft weiter politische Arbeit. Seine Straftat führte also nicht dazu, daß er “gezwungenermaßen” aus der braunen Bewegung ausscheiden hätte müssen, daran als Nazi “gescheitert” wäre. Noch viel weniger war bzw. wäre das bei mir der Fall gewesen.
“Es handelt sich um ein simples und ungeheures Lebensproblem, das der Treue. An dem Verlorenem festhalten, ewig beharren, bis an den Tod - oder aber leben, weitergehen, hinwegkommen, sich verwandeln, und dennoch nicht zum gedächtnislosen Tier herabsinken.” Hugo von Hofmannsthal
Ich wurde im November 1997 schließlich verurteilt zu zweieinhalb Jahren Freiheitsentzug wegen gefährlicher Körperverletzung und Beteiligung an einer Schlägerei. Mein Gassprühen wurde nicht als Nothilfe angesehen, da auch geleugnet wurde, daß Schillok angegriffen wurde. Aus einem Angriff wurde kurzerhand eine Schlägerei. Auch wurde mir unterstellt, daß ich eines der Opfer festgehalten hätte, was tatsächlich deren Freundin gemacht hatte, um ihn vor weiteren tätlichen Angriffen auf L. Schillok abzuhalten. Das kam während der Verhandlungen alles zur Sprache, wurde jedoch nicht gewürdigt (siehe unten lesbare Schreiben meines damaligen Rechtsanwalts).
In der Begründung des gegen mich ergangenen Urteils heißt es:
“Eine Beteiligung an den vom Angeklagten Schillok begangenen Tötungshandlungen in Form von Mittäterschaft oder Beihilfe kommt bei Nolde nicht in Betracht. Nach den getroffenen Feststellungen konnte Nolde weder mit dem Einsatz des Messers durch Schillok rechnen noch sind Anhaltspunkte dafür vorhanden, dass er dies gebilligt hätte. Der Angeklagte Nolde hat verschuldet an einer körperlichen Auseinandersetzung teilgenommen, ohne das die Tötungshandlungen des Schillok von Vorsatz oder Fahrlässigkeit des Angeklagten Nolde umfasst war.”
Ich war jedoch froh, daß ich nicht eine noch höhere Strafe zu Unrecht bekommen hatte und auch vom Vorwurf der Beihilfe oder Mittäterschaft, sei es nur fahrlässig, in Bezug auf die Totschlagshandlungen des Schillok freigesprochen wurde, auch von Seiten der Staatsanwaltschaft. Am wichtigsten jedoch: In der U-Haft bin ich mir erst so richtig über viele Dinge klar geworden, was mein bisheriges Leben betraf. Deshalb denke ich, war dieses Zeit für mich außerordentlich sinnvoll. Sie war sehr schlimm, aber dadurch auch heilsam.
L. Schillok gab vor Gericht zu, die beiden Angreifer erstochen zu haben, wofür es Zeugen, ein paar Bekannte der Opfer, gegeben hatte, indem er auf strafrechlich nicht relevante Notwehrüberschreitung, also Freispruch plädierte. Das Gericht kam jedoch, wie erwähnt, zu einer anderen Würdigung, weil sie den Angriff auf ihn ignorierte und daraus eine Handgreiflichkeit (”Schlägerei”) untereinander machte.
Worte des Bedauerns mir gegenüber, weil er mich durch seine Tat in diese Situation gebracht hat, oder gar eine Anfrage, wie es sich mit den Kosten verhalte, die “gesamtschuldnerisch” allesamt mir aufgehalst wurden, kamen bis zum heutigen Tage nicht.
Ich lernte ihn, der von Westberlin nach Köpenick zog, Anfang 1995 kennen und versuchte ihn politisch zu reaktivieren (er war ebenfalls FAP-Mitglied), was jedoch nur für ein paar politische Veranstaltungen und gesellige Abende reichte. Zu meiner Hochzeit 1996 war er als Gast eingeladen. Daß er einmal zwei Menschen abstechen könnte, damit hätte ich nie gerechnet, es nicht für möglich gehalten.
Habe ich in U-Haft begonnen, mich endlich einmal mit mir selbst zu beschäftigen, dann hat mich diese Zeit bis heute nicht losgelassen. Zu stark waren die Erlebnisse die ich hatte, auch die Hoffnung, die ich in Zeiten größter Hoffnungslosigkeit schöpfte, durch den Glauben an ein gütiges Schicksal. “Not lernt beten” wurde bei mir Realität. Die RTL-Sendung “Mysteris” mit dem britischen Medium Paul Meek als Gast, war dabei ein einschneidendes, beeindruckendes Erlebnis.
Ich fragte: Sollte ich jetzt, wo ich innerlich frei geworden bin, jahrelang unschuldig im Gefängnis verbringen, draußen meine Familie, meine Kinder allein? Und, an einem Tag im Sommer 97, als ich in meiner Zell saß, alles düster aussah, kam mir der Tag in den Sinn, wann ich entlassen werde, ohne natürlich anzunehmen, daß das wahr werden würde. Ich trug ihn unwillkürlich in meinen Kalender ein. Dann traf das Unerwartete ein: An genau diesem Tag, am 19. November 1997 war mein offizieller Entlassungstag aus der U-Haft. Eine Woche später war die Urteilsverkündung, nach der mich ein Reporter auf dem Gerichtsflur fragte, was ich davon halte, worauf ich antwortete, daß es sich um ein Unrechtsurteil handelt, ich Revision einlegen werde.
Im August nächsten Jahres trat ich den Rest meiner Freiheitsstrafe an, und zwar bis Dezember 1999. Das restliche Jahr wurde für vier Jahre auf Bewährung ausgesetzt. Insgesamt verbrachte ich also knapp zwei Jahre unschuldig in Haft und hatte weit über 25000 Euro Kosten (Gerichts- u. Anwaltskosten, Forderungen der Gegenseite) zu tragen, die ich natürlich noch nicht abtragen konnte, die also als Schulden auf meiner Familie lasten.
Rechtsanwalt Dr. Hans G. Eisenecker, bis zu seinem Tod bekanntlich hochrangiges NPD-Mitglied, hat von meinem Ausstieg aus der Nazi-Szene sicherlich Kenntnis erhalten. Ich wiederum habe keine Veranlassung gesehen, in laufenden straf- und zivilrechtlichen Verfahren meinen Anwalt zu wechseln, zumal es sich nicht um ein politisches handelte. Hätte er irgendwann meine Vertretung aus politischen Gründen abgegeben, hätte ich das nachvollziehen können. Gerechnet habe ich damit, passiert ist es nicht. Politische Gespräche haben wir nie geführt.
Nach meinem Ausstieg aus dem neonazistischen Milieu waren Jahre nötig, um diese Zeit, die braune Ideologie allgemein, aufzuarbeiten, mir ein neues Welt- und Menschenbild anzueignen. Ein Prozeß, der bis in die jüngste Zeit anhielt und sicherlich nicht frei war von neuerlichen Irrwegen, Fehlern und Ansichten. Was jedoch blieb, beständig war, das war meine ablehnende Haltung gegenüber dem Rassismus, dem Nazismus allgemein.
Der Kontakt zu Burkhard Schröder (burks.de), der mich in seinem 2002 erschienenen Buch “Aussteiger - Wege aus der rechten Szene” mit drei anderen Nazi-Aussteigern zusammen vorstellte, ebenso in seinem Beitrag zum Buch “In einem reichen Land” (”Eine deutsche Karriere - Auf- und Ausstieg des Detlef Nolde”) soll an dieser Stelle erwähnt werden. Eine letztendlich ebenso positive Rolle spielte auch Markus Sebastian Rabanus, mit dessen “Initative Dialog” (inidia.de) ich vor sieben Jahren zusammenarbeitete. Zwischenzeitliche, durch Mißverständnisse und eigene Fehler hervorgerufene Differenzen, konnten mittlerweile ausgeräumt werden.
“Er hält aus Trotz an einer Sache fest, die ihm durchsichtig geworden ist, - er nennt es aber “Treue”.” Friedrich Nietzsche
Wenn ich auch falsche, d. h. destruktive Reden und Handlungen, im privaten wie politischen, bereue und meine Lehren daraus gezogen habe, wie das jeder Mensch tun sollte, so waren meine zehn Jahre als Nazi, davon knapp sieben Jahre (seit der “Wende”) tatsächlich aktiv, keine verlorenen, eine Herangehensweise, die ich seit Jahren bereits hinter mir gelassen habe. Denn alles, was wir erleben, dient unserer geistigen Entwicklung, hat seinen tieferen Sinn.
Einmal ganz abgesehen davon, daß diese Zeit nicht nur mit Politik gefüllt war. Meine Frau lernte ich bereits 1992 kennen, unsere Söhne sind 14, 12, und 4 Jahre alt, also vom Gymnasium bis zum Kindergarten. Geheiratet haben wir im September 1996, weshalb ich im Februar desselben Jahres den Familiennamen meines Vater annahm (aus Detlef Cholewa wurde Detlef Nolde, damit der väterliche Name weitergetragen wird. Letztlich können meine Kinder aus den Erlebnissen, Einblicken und Aktivitäten lernen, die meine Biographie beinhaltet bis zum heutigen Tag …
Jüngst habe ich beim Aufruf für das Verbot der NPD unterschrieben. Es ist falsch, Nazis zu verharmlosen, sie als normale politische Kraft anzusehen. Trotz einer gewissen, vor über drei Jahren begonnenen “Re-Politisierung” innerhalb des linken politischen Spektrums, bin ich in keiner Organisation Mitglied geworden.
November 2007 - Nazis im “Weltnetz”:
“Dass Nolde als Abtrünniger am Tag X an die Wand gestellt wird, ist klar.” http://de.altermedia.info
“Nolde, du kannst uns mit Deinem Antirassismus und Antifaschismus nicht erreichen, bemühe dich nicht. Mit Scheringer-Nachfolgern wie Dir werden wir schon noch fertig.” http://de.altermedia.info
“Detlef ist seit 10 Jahren ein Verräter an unserer rassisch-völkischen Weltanschauung, der NS-Bewegung. Dieser bekennende internationale Sozialist, Antifaschist, Antirassist und Weltbürger gehört geächtet und bekämpft. Jeglicher Dialog mit ihm ist Wasser auf die Mühlen seiner antifaschistischen Hetztätigkeit.” http://de.altermedia.info
“Der Nolde wollte nie zu uns zurückkehren. Hätte er es versucht, wäre ihm das nicht gut bekommen. Wir stehen übrigens nach wie vor zu unserem Kameraden Lutz Schillok, der in Haft nicht wie Volksschädling Nolde die Fahne verlassen hat.” http://de.altermedia.info
Folgende Bilddokumente, insbesondere meiner damaligen Kameradschaften, der BBZ usw., dienen logischerweise nicht der Verherrlichung, sondern der Aufklärung über die nationale und soziale Demagogie der Nazis sowie der Dokumentation meiner persönlichen Verstrickung in diese Thematik. Ebenso der detaillierten Aufklärung der Geschehnisse im April 1997, weil ich gerade darauf immer wieder angesprochen werde.
Die auf den Info-Blattern und Aufklebern der Kameradschaften Treptow und Köpenick (die von Anfang 1995 bis Ende 1996 verbreitet wurden) lesbare alte Postfachadresse ist schon lange nicht mehr die meine. Also “Kameraden”, keine Fanpost oder Briefbomben schicken, selbst die Postfiliale ist längst geschlossen.
Beiträge zu ehemaligen Rechtsextremisten: Richard Scheringer, Stefan Jahnel, Nick W. Greger, Jan Zobel, Stefan Michael Bar, Christine Hewicker, Odfried Hepp, Tanja Privenau u. Gabriel Landgraf. Diskussionen zum Thema “Nazi-Ausstieg” an dieser Stelle.
Um die Abbildungen auf lesbare Größe zu bringen, ein- bzw. zweimal draufklicken.
Fragen, Hinweise, Kontakt: * detlefnolde@web.de *
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1985 + Anfang 1987:
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